Inhaltsverzeichnis
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1 Einleitung
„Integration macht gesund.“ Mit dieser Aussage eröffnete Marieluise Beck 1 die Fachtagung „Gesunde Integration“, welche am 20. und 21. Februar 2003 in Berlin statt-fand. Sie erläutert diese auf den ersten Blick erstaunliche Behauptung damit, dass Integration „gleiche Teilhabe in allen wichtigen gesellschaftlichen Bereichen“ voraussetze, und damit auch oder bzw. gerade im Gesundheitswesen. Soweit die Theorie. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass ein gleicher Zugang zur gesundheitlichen Ver-sorgung bzw. zu den Leistungen des Gesundheitssystems für Migranten in Deutsch-land bis heute noch lange keine Selbstverständlichkeit darstellt. Auch im 21. Jahr-hundert werden die Art und die Qualität von medizinisch notwendigen Behandlungen in signifikantem Maß von der nationalen Herkunft des Patienten bestimmt. Sprachliche Barrieren sowie kulturelle Besonderheiten von Menschen mit Migrationshinter-grund machen es für medizinisches Fachpersonal oft schwer, eine adäquate medizinische Diagnose bzw. Therapie zu stellen/verordnen. Noch immer werden spezifische Präventionsangebote für Migranten nicht flächendeckend angeboten und diese „Zielgruppe“ somit oftmals in den Regelangeboten der Gesundheitsdienste vernachlässigt bzw. zu „Patienten zweiter Klasse“ degradiert. (Vgl. BBMFI 2003: 8) Im Hinblick auf die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland lässt sich jedoch erkennen, dass nicht nur der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund an der Gesamtheit zunimmt, sondern zudem die Aufenthaltsdauer steigt. Durch den hohen Anteil von Kindern und der steigenden Zahl von Personen in den höheren Altersgruppen erlangen Menschen mit Migrationshintergrund somit zunehmende Bedeutung als Nutzer des deutschen Gesundheitssystems; zudem können möglicherweise erhöhte Gesundheitsrisiken diese Entwicklung verstärken. (Vgl. RKI 2008: 7)
Zum Aufbau dieser Arbeit:
In Kapitel zwei wird zunächst eine Begriffsbestimmung von „Migranten“ vorgenommen und aktuelle Zahlen und Daten zu der Bevölkerungsgruppe mit Migrationshin-tergrund in Deutschland präsentiert. Darauf folgt eine Darstellung über mögliche Zusammenhänge zwischen Migration, sozialer Lage und Gesundheit sowie migrationsspezifische Gesundheitsbelastungen und –ressourcen.
In Kapitel drei wird die aktuelle Gesundheitsversorgung für Menschen mit Migrati-onshintergrund kritisch beleuchtet; es soll erörtert werden, inwiefern sich der
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Gesundheitszustand von Menschen mit Migrationshintergrund tatsächlich von dem der deutschen Mehrheitsbevölkerung abhebt bzw. worin die besonderen Gesundheitsbelastungen erstgenannter bestehen.
Im Anschluss an diese Überlegungen soll in Kapitel vier über zielgruppenspezifische Präventions- und Gesundheitsförderungsmaßnahmen für die angesprochene Zielgruppe diskutiert werden. In diesem Rahmen sollen auch drei exemplarische gesundheitsförderliche Maßnahmen vorgestellt werden.
Abschließen soll ein Fazit dahingehend gezogen werden, wie effektiv die gegenwärtigen Präventionsangebote für Migranten gegenwärtig tatsächlich sind bzw. wie diese in Zukunft optimiert werden könnten, um die gesundheitliche Lage der Migranten im Allgemeinen nachhaltig zu verbessern.
2 Die Bevölkerung mit Migrationshinter-
grund in Deutschland
Im Migrationsbericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (2005) wird folgende Definition von „Migration“ anempfohlen: „Von Migration spricht man, wenn eine Person ihren Lebensmittelpunkt räumlich verlegt. Von internationaler Migration spricht man dann, wenn dies über Staatsgrenzen hinweg geschieht.“ 2 (Vgl. RKI 2008: 9)
Das Statistische Bundesamt konkretisiert diesen Definitionsvorschlag: „Bei den Personen mit Migrationshintergrund handelt es sich [laut dem Mikrozensus ab 2005] um solche, die nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugezogen sind, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer/-innen und alle in Deutschland als Deutsche Geborene mit zumindest einem zugezogenen oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil.“ (StaBA 2010: 31)
Eines machen diese Definitionen beide auf den ersten Blick sehr deutlich:
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Menschen mit Migrationshintergrund sind keinesfalls eine homogene Gruppe, wodurch eine eindeutige Definition erheblich erschwert wird. Hinzu kommt, dass das alltägliche Verständnis von „Migranten“ nicht unbedingt dem der oben angeführten Begriffsbezeichnungen entspricht. Denn der Begriff „Migranten“ schließt streng genommen lediglich Menschen mit eigener Migrationserfahrung ein. Dieses eng gefasste Verständnis vernachlässigt allerdings die Tatsache, dass auch Kinder und sogar Enkelkinder von zugewanderten Personen noch von dem Migrationshintergrund geprägt werden – beispielsweise durch das Nichtvorhandensein einer deutschen Staatsangehörigkeit und den damit einhergehenden eingeschränkten Rechtsstatus. (Vgl. RKI 2008: 7, 9)
Der Mediziner Hermann Schulte-Sasse bringt die Schwierigkeiten bei der Verwendung der ‚korrekten‘ Begriffe auf den Punkt, indem er schreibt: „Nun ist offensichtlich, dass nicht alle Migranten Ausländer sind, dass aber auch nicht alle Ausländer Migranten sind, dass gleiche Nationalität nicht bedeutet, einer gemeinsamen Ethnie anzugehören oder eine gleiche religiöse oder soziale Zugehörigkeit zu haben.
Wir wissen, dass bei gleicher Nationalität nicht immer ein gleicher Beweg-grund zu Migration führt. Menschen gleicher nationaler Herkunft und gemeinsamer ethnischer, religiöser und sozialer Identität haben in Deutschland gegebenenfalls einen unterschiedlichen aufenthaltsrechtlichen Status. Gleiche Aufenthaltsdauer führt nicht zu gleichen Integrationsleistungen.“ (Schulte-Sasse 2003: 15)
Diese Hinweise von Dr. Schulte-Sasse, welcher als Staatssekretär in Berlin tätig ist, zeigen nur allzu deutlich die Schwierigkeiten auf, welche zwangsläufig entstehen, wenn man sich näher mit dem Thema Migration bzw. Migranten befassen möchte. Die vorliegende Arbeit orientiert sich im Folgenden, sofern nicht explizit anders angegeben, an dem begrifflichen Rahmen des Statistischen Bundesamtes, welches erstmals im Mikrozensus 2005 die zuvor sehr eng gefasste Definition erweitert hat, indem es zu den „Menschen mit Migrationshintergrund“ auch die Nachkommen der eigentlichen Migranten hinzuzählt.
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Obwohl die Gruppe der Migranten eine große Heterogenität aufweist, wird auch in der Wissenschaft oft von „den“ Migranten gesprochen; es wird versucht, „eine Tendenz für die Mehrzahl der Migranten darzustellen, wohl wissend, dass sich die real existierenden Migranten von einer solchen aggregierten Darstellung deutlich unterscheiden“. Für Deutschland und somit auch grundlegend für diese Arbeit bedeutet dies, dass der Fokus der wissenschaftlichen Betrachtungen überwiegend auf den zahlenmäßig größten Migrantengruppen („Gastar-
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beiter“ aus Süd- bzw. Südosteuropa und die Spätaussiedler) liegt. (Vgl. Razum, Spallek 2008: 272)
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Im Jahr 2008 verfügte die Bundesrepublik Deutschland über ca. 82,6 Millionen Einwohner, von denen etwa 15,6 Millionen einen Migrationshintergrund 4 aufwiesen. Somit hat bereits jede fünfte Person in Deutschland einen Migrationshintergrund. Dabei sind ca. 8,3 Millionen der Menschen mit Migrationshintergrund im engeren Sinne Deutsche, während etwa 7,3 Millionen von dieser Gruppe Ausländer sind. (Vgl. StaBA 2010:3, 48). Betrachtet man die ausländischen Staatsangehörigkeitsgruppen, welche in Deutschland zahlenmäßig am stärksten vertreten sind, wird ersichtlich, dass Menschen aus der Türkei (ca. 1,8 Mio.) die größte Gruppe darstellen – ihr Anteil beträgt an der Gesamtzahl der ausländischen Bevölkerung mehr als ein Viertel (26%). Weitere zahlenmäßig große Gruppen sind Ausländer aus Italien (8%) sowie aus den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien (7,3%). Erwähnenswert ist, dass der aktuelle Bevölkerungsstand nicht der Bevölkerungsentwicklung entspricht: So hat der Anteil türkischer Staatsangehöriger in der BRD an den Wanderungsgewinnen von Ausländern abgenommen, während der der polnischen Staatsangehörigen beispielsweise gestiegen ist. (Vgl. RKI 2008: 13f.)
Der Begriff „Migration“ stellt bei weitem nicht nur einen zeitlich begrenzten Prozess dar, sondern kann als „Lebensereignis“ verstanden werden, welches „die individuelle Biographie und die Familienentwicklung über mehrere Generationen prägt“. (Vgl. RKI 2008: 16)
In ihrem Beitrag „Migration und Gesundheit am Beispiel der Pflege“ macht die Diplom- Sportwissenschaftlerin und Demographie- Beraterin Doris Laugwitz darauf aufmerksam, dass der positive Blick (innerhalb der Gesellschaft) auf Migration zunehmend verloren gegangen sei. Der Aspekt, dass Migration auch aus freiwilliger Motivation bzw. Entschlüssen geschehen kann; dass Migration auch als Chance zu begreifen ist und durchaus gelingen kann, scheint nach Meinung der Autorin immer wei-
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ter aus dem Blickfeld zu verschwinden. Damit einhergehend finde der Mut zur Veränderung der persönlichen Lebenssituation, zu einem Neustart, welcher oftmals der ‚Motor‘ der Migrationsentscheidung ist, wenig bzw. keine Wertschätzung und Anerkennung von außen. Diese Entwicklung stellt die Autorin in einen Zusammenhang mit dem Bereich ‚Gesundheit‘: Während individuelles (Fehl-)Verhalten sowie gesellschaftliche Verhältnisse, welche sich negativ auf die Gesundheit auswirken (können), häufig thematisiert und beklagt werden, werden im Gegensatz dazu „persönliche Kompetenzen und Umweltbedingungen, die die Gesundheit fördern und positiv beeinflussen, also salutogenetisch wirken 5 ,“ viel seltener hervorgehoben. (Vgl. Laugwitz 2010: 2)
Im Hinblick auf Migrationshintergrund und Gesundheit einer Person geht die Wissenschaft davon aus, dass zwischen diesen beiden ‚Faktoren‘ eine Korrelation besteht. Es wird sowohl angenommen, dass ein Migrationshintergrund Einfluss auf die Ge-sundheit sowie das Erkrankungsrisiko der Betroffenen hat als auch eine migrationsspezifische „Vulnerabilität“ (Anfälligkeit gegenüber Krankheiten) vermutet. Hinsichtlich der angenommenen charakteristischen Gesundheitsbelastungen für Menschen mit Migrationshintergrund scheint deren besondere soziale und sozialrechtliche Lage einen erheblichen Einfluss auf die persönliche Gesundheit bzw. das Gesundheitsverhalten auszuüben. (Vgl. RKI 2008: 7)
Razum und Spallek machen darauf aufmerksam, dass Menschen mit Migrationshin-tergrund in Deutschland eine „zahlenmäßig relevante und unter sozialen wie ge-sundheitlichen Gesichtspunkten [eine] besondere Gruppe“ darstellen. Jedoch kann auch heute noch nicht von einem unumstößlichen, erschöpfenden und plausiblen Modell des Zusammenhangs zwischen Migrationsstatus und Gesundheit gesprochen werden. (Vgl. Razum, Spallek 2008: 271)
In diesem Zusammenhang weist der Mediziner Schulte- Sasse auf die Notwendigkeit hin, „die besonderen Lebenslagen und besonderen Lebensverhältnisse der Migranten gesondert ins Blickfeld [zu] nehmen, wenn wir Ihnen gerecht werden wollen“. (Vgl. Schulte- Sasse 2003: 15)
Eine gesonderte Stellung innerhalb der Migranten nehmen hierbei auch Flüchtlinge und „Illegale“ ein, deren besondere Situation oft zu „rechtlichen und perspektivischen Unsicherheiten“ führt. Aufgrund dessen zögern die Betroffenen oft, medizini-
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sche Leistungen in Anspruch zu nehmen und rechtzeitig einen Arzt aufzusuchen. (Vgl. RKI 2008: 7)
Im Folgenden sollen verschiedene wissenschaftliche Ansätze hinsichtlich der migrationsspezifischen Gesundheitsbelastungen sowie Ressourcen vorgestellt werden.
Risiken
Schulte- Sasse betont in diesem Zusammenhang drei wichtige Aspekte: Den Aspekt der unterschiedlichen Krankheitsrisiken, den Aspekt der unterschiedlichen Krankheiten sowie den Aspekt des Zugangs zur Gesundheitsversorgung. Der Mediziner stellt fest, „dass Migranten im Gegensatz zu anderen sozial benachteiligten Schichten zusätzlich migrationsbedingten Risiken ausgesetzt sind“, was sich aus dem „Minoritätenstatus“ von Migranten in unserer Gesellschaft ergebe. Zugleich verweist er auf einen schlechteren Zugang zu den Einrichtungen der Gesundheitsversorgung, was u.a. durch sprachliche und kulturelle Barrieren zu erklären sei. Ein weiteres Krankheitsrisiko stellen für Schulte- Sasse die „aus der Migration selbst abzuleitende[n] psychische[n] Sonderbelastungen“ dar. (Vgl. Schulte- Sasse 2003: 15ff.) Ähnlich äußern sich Lüneburg und Seibt dazu; sie stellen in ihren Ausführungen zu gesundheitlichen Problemen von Migranten die so genannte „Migrations- Stress-Hypothese“ vor, welche davon ausgeht „dass es bei Migranten aufgrund des Verlustes des soziokulturellen Umfelds im Herkunftsland zu gesundheitlichen Problemen kommen kann“. Pathogene Faktoren können etwa Anpassungsprobleme, andere Klimaverhältnisse, Umstellung der Ernährung, Heimweh sowie „soziale Entwurzelung“ sein. Die „Migrations-Stress-Hypothese“ sieht die ethnische Zugehörigkeit von Migranten als wichtigen Einflussfaktor auf deren Gesundheit 6 . (Vgl. Lüneburg; Seibt 2007: 2)
Gerade die weiblichen Migranten sind zudem häufig Mehrfachbelastungen ausgesetzt (prekäre Arbeitsbedingungen, familiäre Belastung, Anpassungsdruck an eine fremde Kultur), welche zu einer erhöhten Belastung der Gesundheit beitragen können. Zum anderen kann ein Migrationsstatus für die jeweilige Person bedeuten, dass sich ihre Chancen auf eine adäquate Therapie signifikant verringern, etwa durch
6 Keller 2003
Arbeit zitieren:
Bachelor of Arts Valerie Grimm, 2011, Gesundheit für Migranten – Macht die kulturelle Vielfalt Deutschlands Differenzierungen in der Gesundheitsförderung und Prävention erforderlich?, München, GRIN Verlag GmbH
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