Einleitung
Von der Forschung wurde er lange Zeit beinahe übergangen, heute sieht ein beträchtlicher Teil der Forschung in ihm nur das Opfer oder den Schwächling. König Marke ist wohl eine der kompliziertesten Figuren in Gottfried von Straßburgs „Tristan und Isolde“ und überzeugt vor allen Dingen durch die Vielschichtigkeit seiner Rolle. Man kann sich bei der ersten Lektüre nicht dem Eindruck entziehen, dass König Marke recht blass und charakterlos zu sein scheint. Bei einer näheren Auseinandersetzung mit seinen Funktionen im Handlungsgefüge jedoch, zeichnet sich ein immer positiveres Bild des Königs ab. Im Folgenden soll nun zuerst auf Königs Markes Funktion als idealer Herrscher eingegangen werden, dann wird sein Verhalten Tristan gegenüber als Freund, Vaterfigur und „Erbevater“ (V. 4301) 1 dargestellt um sich daraufhin seinen verschiedenen Positionen Isolde gegenüber zu widmen: Marke als Ehemann und Minnender und zu guter Letzt Marke als eifersüchtiger Liebhaber.
1. König Marke als Herrscher
Bereits in der Vorgeschichte, der Liebesgeschichte von Riwalin und Blanscheflur wird König Marke als idealer Repräsentant des Hofes und tugendreicher Herrscher dargestellt. 2 Viele Adelige und Fürsten kommen von weit her an seinen Hof, um sich dort in jeder Hinsicht zu perfektionieren. Auch Riwalin bricht von seinem Heimatland Parmenien nach Cornwall auf, weil auch er von Markes Tugendhaftigkeit erfahren hat. er haete vil gehoeret sagen, wie höfsch und wie êrbaere der junge künic waere von Curnewâle Marke, des êre wuohs dô starke. (Vers 420 - 424) kein künec sô werder was als er. dâ hin was Riwalînes ger. (Vers 453f)
Riwalin zieht also zu Markes Hof um sich sowohl kämpferisch als auch in Bezug auf seine Sitten zu verfeinern (Vgl. Vers 455-463) 3 . Dort angekommen findet er Markes guten Ruf vollauf bestätigt. Er wird mit allen Ehren am Hofe empfangen und sofort mit vollendeter Gastfreundschaft aufgenommen (Vgl. Vers 484 - 492) 4 . Riwalin ist überglücklich an Markes Hof lernen zu dürfen, denn er sieht in ihm seinen Lehrmeister 5 : swaz ich von Markes tugenden ie gehôrte sagen, deist allez hie. (Vers 499f)
1 Zit. nach folgender Ausgabe: Straßburg, Gottfried von: Tristan, Band 1 - 3, nach dem Text von Friedrich Ranke neu herausgegeben, ins Neuhochdeutsche übersetzt, mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Rüdiger Krohn, Reclam Verlag, Stuttgart, 2006 (11.Auflage)
2 Vgl. hierzu auch: Konecny, Silvia: „Tristan und Marke bei Gottfried von Straßburg“. Sie spricht auf Seite 48 von der „Harmonie der höfischen Welt“. Auch Albrecht Classen erwähnt diese Rolle in „König Marke bei Gottfried von Straßburgs Tristan. Versuch einer Apologie“ auf der Seite 40.Gisela Hollandt geht ebenfalls auf Seite 53 in „Die Hauptgestalten in Gottfrieds Tristan. Wesenzüge, Handlungsfunktion, Motiv der List“ auf dieses Thema ein. Bei Hanne Hauenstein findet sich diese Rolle Markes ebenfalls wieder in seinem Buch „Zu den Rollen der Marke-Figur in Gottfrieds „Tristan“ auf Seite 16f.
3 Vgl. dazu Hollandt Seite 54.
4 Vgl. auch Hollandt Seite 54 und Hauenstein Seite 34.
5 Vgl. auch Hauenstein Seite 16f.
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Markes Tugendhaftigkeit und Vorbildlichkeit wird in seinem Frühlingsfest noch einmal explizit dargestellt. 6 Das Fest findet jährlich statt und dient dazu seine Macht und seinen Herrschaftsanspruch zu festigen. Da er England nicht im Sinne einer Königsherrschaft besitzt, sondern es nur stellvertretend für die einzelnen Barone des Landes regiert, ist es wichtig seine Macht immer wieder zu repräsentieren und zu erneuern. Alle Fürsten des Landes werden durch „gebôte“ und durch „bete“ (Vers 527) zum Frühlingsfest herbei gerufen und erkennen alleine schon durch ihr Kommen Markes Herrschaftsanspruch an. 7 Marke sorgt bei seinem Fest reichlich und schon beinahe verschwenderisch für seine Gäste. Hier lassen sich auch erste Parallelen zu König Artus ziehen, der als ebenso idealer Herrscher auftritt und berühmt für seine Frühlingsfeste ist . Auch Markes Wohnsitz Tintajol steht in enger Beziehung zu König Artus, da Tintajol als Burg König Artus´ gilt. 8
Nach dem Fest schließlich kommt es zu Markes einzigem militärischen Auftreten im ganzen Handlungsverlauf. Bei einer Verteidigungsschlacht gegen einen einfallenden Widersacher zieht Marke nun als vorbildlicher Herrscher und Kriegsführer selbst mit in den Krieg: 9 zehant und an der stunde besande Marke ein michel her und kam in an mit starker wer. er vaht mit ime und sigete im an und sluog und vienc sô manegen man, daz ez von grôzen saelden was, der dannen kam oder dâ genas. (Vers 1128 - 1134)
Nachdem sich die Liebesziehung zwischen Riwalin und Blanscheflur entwickelt hat und sie ein Kind erwarten, drückt Brangänes Angst vor allen Dingen auch die moralische Vollkommenheit ihres Bruders Marke aus: 10 mîn bruoder und mîn hêrre sô der an mir dise ungeschiht und ouch sîn selbes laster siht, der heizet mich verderben und lesterlîche ersterben. (Vers 1470 - 1474) ich weiz wol, ob daz wol ergât daz mich mîn bruoder leben lât und er mich niht ersterbet daz er mich aber enterbet und nimet mir guot und êre. (Vers 14778 - 1481)
6 Diese Funktionsdeutung des Frühlingsfestes findet sich auch bei: Hollandt, Seite 54 und bei Ina Karg auf Seite 68 in ihrem Artikel: „Die Markefigur im Tristan. Versuch über die literaturgeschichtliche Position Gottfrieds von Straßburg“.
7 Auch Hauenstein folgt auf Seite 18 diesem Gedanken.
8 Zu den Artusparallelen finden sich dieselben Aussagen auch bei Karg auf den Seiten 70 ff und bei Hauenstein auf den Seiten 15 und 18f.
9 Hollandt auf Seite 54 und Hauenstein auf Seite 22 messen diesem einzigen militärischen Auftreten Markes große Bedeutung zu.
10 Auch Hollandt (Seite 54) und Hauenstein (S. 15, 18f) sehen in Blanscheflurs Angst Markes Tugendhaftigkeit und Moralbewusstsein dargestellt.
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Und enwolte ich daz niemêr geclagen, solt ich daz laster eine tragen, daz mîn vil hôch geslehte und der künic mîn bruoder mehte des itewîzes unde mîn mit êren ledec und âne sîn. Vers 1487 - 1492)
Blanscheflur ist also der festen Überzeugung, dass ihr Bruder nicht aus Liebe zu ihr Gnade walten lassen würde, sondern, dass er sich so seinem moralischen Kodex verpflichtet sieht, dass er sie bestrafen würde, sei es durch Verbannung, Tod oder Enterbung und damit Verlust der Ehre. Später jedoch erfahren wir nur von Markes Trauer über den Verlust seiner Schwester, an keiner Stelle erfährt man von Rachegedanken und Vergeltungsansprüchen. 11 der guote künic Marke dem gieng ez alsô starke mit jâmer in sîn herze, daz ime der herzesmerze mit trehenen ûz den ougen vlôz und ime wange unde wât begôz. (Vers. 4221 - 4226)
Marke wird also selbst von seiner Familie falsch eingeschätzt. Auch seine Schwester glaubt, dass seine moralische Verpflichtung ihn stärker beeinflusst, als seine Liebe zur Familie. Auch später wird dieses Motiv wieder auftauchen, nämlich als Marke sich gegen eine harte Bestrafung von Tristan und Isolde entschließt, weil er in dieser Szene vor allem als Liebender und nicht als Repräsentant des Hofes auftritt.
Auch Tristan hegt bei seiner Ankunft große Bewunderung für das Auftreten und das Verhalten des Königs: nu Tristan den künic sehen began, er begunde im wol gevallen vor den andern allen. (Vers 3240 - 3242)
Tristan kann sich also dem Charisma und Markes Tugendhaftigkeit ebenfalls nicht entziehen. Überzeugt von Tristans Jagdkünsten bittet Marke schließlich Tristan sein Jägermeister zu werden, was er auch freudig annimmt: hêrre gebietet über mich. swaz ir gebietet, daz bin ich. iuwer jeger und iuwer dienestman daz bin ich, alse ich beste kan. (Vers 3373 - 3376)
Also ist auch Tristan von Marke als idealem Herrscher so überzeugt, dass er ihm sofort jegliche Bitte erfüllt und sich darüber freut an einem so edlen und vollkommenen Hof dienen zu dürfen.
11 An dieser Stelle stimmen ich mit den Ansichten von Hauenstein (Seite 24f) und Konecny, die auf Seite 45 von einer Akzeptanz der Liebe und Tristans spricht, überein.
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Das Bild Markes als idealer Herrscher bröckelt jedoch im Laufe der Handlung immer mehr. Als einschneidende Szene nenne ich hier die Gandin-Szene 12 : hier wird zum ersten Mal die Schwäche Markes und die Abhängigkeit des Hofes von Tristan aufgezeigt. 13 War zuvor immer Marke der aktive, der die Freundschaft zu Tristan förderte oder ihm enthusiastisch begegnete, so wird Marke nun immer passiver, während Tristan einen immer aktiveren Part übernimmt: 14 nune was dâ nieman, der sîn leben an eine wâge wolte geben, noch Marke selbe enwolde niht vehten umbe Îsolde, wan Gandîn was von solher craft, sô menlîch und sô herzehaft: ir keiner kêrte sich dar an. nu was ouch mîn hêr Tristan birsen geriten ze walde. (Vers 13247 - 13255)
Hier zeigt sich vor allen Dingen Tristans kämpferische Überlegenheit gegenüber Marke. Der Hof ist so abhängig von Tristans Kampfkunst geworden, dass sie es nicht einmal mehr mit einem einzigen Feind aufnehmen können. An dieser Stelle nun wird noch deutlicher als in der Morold-Szene 15 , die Schwachheit des Hofes aufgedeckt und seine Perfektion ein Stück weit unglaubwürdig gemacht. Tristans Überlegenheit drückt sich auch in der Strafrede aus, die er seinem Onkel, dem ja standesgemäß höher stehenden König, hält. 16 hêrre […] wizze crist, sô lieb als iu diu künegîn ist, sô ist ez ein michel unsin, daz ir si gebet sô lîhte hin durch harpfen oder durch rotten. ez mac diu werlt wol spotten. wer gesach je mêre künigîn durch rottenspil gemeine sîn? her nâch sô bewâret daz
und hüetet mîner vrouwen baz! (Vers 13441 - 13450)
Tristan nimmt sich also nicht nur das Recht heraus den König zu tadeln, sondern an dieser Stelle wird sein Anspruch auf Isolde verdeutlicht. Bereits bei der Brautwerbung ist eigentlich er derjenige, der die Bedingung erfüllt unter welcher ein Ritter Isolde als Braut erwerben kann, indem er den Drachen tötet. Durch den Beweis seiner Tat mit Hilfe der Zunge untermauert er nicht nur seinen Anspruch gegenüber dem verliebten Truchsessen sondern auch gegenüber Marke. Indem Tristan nun zum zweiten Male die Königin an Markes Hof bringt, wird dieser Anspruch noch unterstrichen und ein Stück weit Legitimation für die Liebe zwischen Tristan und Isolde. 17
12 Auch Karg sieht an dieser Stelle eine Kritik an Marke und spricht auf Seite 68 davon, dass Marke sich seiner Ehefrau als nicht würdig erweist.
13 Von dieser Schwäche sprechen auch Classen (Seite 42f) und Hollandt, die Tristan auf Seite 63 als Kontrastfigur zu Marke beschreibt.
14 Sowohl Konecny (Seite 48) als auch Hollandt (Seite 57) haben diese Entwicklung dokumentiert.
15 Vergleiche hierzu auch Hauensteins Freispruch für Marke auf Seite 42 f.
16 Auch Hauenstein erklärt auf Seite 72 ff Markes Schwachheit für einen Fehler. Konecny dagegen interpretiert die Szene auf Seite 52 als „Entlastung der Liebenden“ und „Dominanz Tristans“.
17 Auch Karg bezeichnet auf Seite 80 Isolde als Tristans „handlungslogischen Besitz“.
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In der Baumgartenszene wird Markes Tugendhaftigkeit und sein Edelmut verstärkt in den Hintergrund gedrängt. Nun spielen Markes Gefühle eine wesentlich größere Rolle als seine Pflichten als Repräsentant des Hofes, was dazu führt, dass er als König nun unstandesgemäß handelt: 18 nu stuont dâ, dâ der brunne vlôz, ein öleboum, der was mâze grôz, nider unde doch billîche breit. dâ zuo tâten s´ir arbeit, daz si ûf den beide gestigen ûf dem sâzen s´unde swigen. (Vers 14607 - 14612)
Marke lässt sich von seinen eifersüchtigen Gefühlen so beeinflussen, dass er in diesem Moment seine Rolle als Repräsentant und moralisches Vorbild des Hofes vernachlässigt und sich in eine Situation begibt, die seiner Rolle als Herrscher entgegenwirkt. Erst später beginnt er die Liebschaft zwischen den beiden durch die Augen eines Königs zu sehen und bezieht die Öffentlichkeit mit ein, auch weil er sich nicht mehr anders zu helfen weiß. Als seine Mehllist beim Aderlass ihm nicht die gewünschte Erkenntnis bringt, sondern ihn nur noch mehr verwirrt, ruft er seine Fürsten zu einer Beratung zusammen. Eigentlich erhofft er sich dadurch die Gerüchte um eine Beziehung zwischen Tristan und Isolde im Keim zu ersticken um auch sich von seinem eigenen Argwohn freizumachen um mit Isolde glücklich leben zu können. Indem er das Konzil einberuft und das Gottesurteil veranlasst, zerrt er das Geheimnis der beiden an die Öffentlichkeit und handelt zum ersten Mal in seiner Eifersucht als König und Herrscher 19 .
Als er die Liebe zwischen den beiden nun nicht mehr ignorieren kann, tritt er abermals als Repräsentant des Hofes auf und verbannt sie in aller Öffentlichkeit. Die Verbannung begründet er nicht nur emotional sondern auch durch seine Funktion als Herrscher: 20 der künec der wizzentlîche hât an minnen cumpanîe deist michel dorperîe. (Vers 16614 - 16616)
Nachdem die beiden Liebenden aus ihrer Verbannung zurück am Hofe sind, können sie ihre Liebe nicht unterdrücken. Marke überrascht sie schließlich eng umschlungen im Bett und handelt auch hier als Herrscher, indem er den Hofrat als Zeugen herbeiholt. In dieser äußerst leidvollen Situation, in der er hin- und hergerissen ist zwischen Hass und Liebe, klammert er sich wiederum an die Öffentlichkeit und sucht dort den Halt, den er in seinen sozialen Bindungen nicht finden kann. des er ie was gevlizzen ze komene von der zwîvelnôt dar an was dô sîn lebender tôt. sus gieng er swîgende dan. sînen rât un sîne man
die nam er sunder dort hin. (Vers 18228 - 18233)
18 Auch Hauenstein hält die Belauschungsszene auf Seite 95 für „ eine Situation, die unvereinbar ist mit […] [Markes] Würde als Repräsentant des Hofes.“ Ebenso beurteilt auch Hollandt auf den Seiten 64 ff die Situation.
19 Auch Hollandt sieht in seinem Handeln einen Rückzug auf die Herrscherposition (Vgl. Seite 67).
20 Hollandt sieht in Markes Kränkung ebenfalls seine Kränkung als Herrscher (Vgl. Seite 68).Classen hingegen spricht von einem Verlust von Herrscheridealen und Moral (Seite 55) dem ich mich nicht anschließen möchte.
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Arbeit zitieren:
Ann-Kathrin Müller, 2008, Gottfried von Straßburg - Tristan und Isolde, München, GRIN Verlag GmbH
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