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Inhaltsverzeichnis 1
I. Einführung in die Raumsemantik 2
II. Analyse der semantischen Räume 3
1. Das Modell von Welt und seine Ordnung 3
1.1 Konstituierung einer Welt namens „Illyrien“ 3
1.2 Binäre Struktur der dargestellten Welt 5
2. Grenzen der semantischen Räume 7
2.1 Grenzziehung 7
2.2 Grenzüberschreitung und Ereignis 8
2.3 Ereignistilgung 11
2.4 Extrempunkt und Extrempunktregel 12
3. Raumsemantik im fünften Akt - Vermischung der Räume 14
3.1 Prämisse 14
3.2 Der Konflikt 15
III. Schlussbemerkung 17
IV. Literaturverzeichnis 18
Ausgehend von dem Zitat des Narren im fünften Akt beschäftigt sich die vorliegende Arbeit auch mit einer „Welt“, nämlich der dargestellten Welt bzw. dem Modell von Welt. Untersucht wird im Folgenden die Raumsemantik in William Shakespeares (1564 -1616) Komödie „Zwölfte Nacht oder was ihr wollt“ („Twelfth Night or what you will“) in einer Bearbeitung für neun Schauspieler von Beat Fäh.
Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass jeder Text eine eigene Welt modelliert, er generiert ein eigenes Modell von Welt 1 . Dieses konstituiert sich über eine Verdichtung von spezifischen Merkmalen wie Personenmerkmalen, Normen oder Werte, die paradigmatisch dem jeweiligen Raum zugeordnet werden können. 2 Nach Krah gilt es, das dem Text zugrunde liegende Weltmodell zu rekonstruieren, auf dem sich die Handlung vollzieht, um diese überhaupt erschließen zu können. 3 Innerhalb des Modells von Welt etabliert sich eine eigene Weltordnung, die zu erkennen und zu bestimmen ist. Die Welt per se repräsentiert jedoch nicht die Realität, sie ist in ihren Merkmalen nicht als wahr oder falsch zu bewerten, sondern beruht auf einem interpretatorischen Akt der Merkmalszuweisung.
Die dargestellte Welt modelliert sich mithilfe semantischer Räume, indem Textelemente wie Figuren oder Objekte über semantische Merkmale, sogenannte Merkmalsbündel, den Räumen zugeordnet werden. 4 Jeder semantische Raum definiert sich über seine spezifische Menge an Merkmalen und steht zugleich oppositionell zu anderen Räumen, sie grenzen sich voneinander ab. Die semantischen Räume eines Textes in ihrer Gesamtheit ergeben in der Korrelation zueinander die Ordnung der dargestellten Welt. Alle Figuren, alle Elemente haben hier ihren Platz, sie können deshalb dem Weltmodell entsprechend verortet werden und weisen Raumbindung auf. 5 Im Text vollzieht sich dann Handlung, wenn Figuren ihre Raumbindung aufgeben und Grenzen überschreiten. 6 Die Ordnung der dargestellten Welt wird dadurch durcheinander gebracht bzw. verändert.
1 Vgl. Lotman Jurij M.: Die Struktur literarischer Texte. München 1993, S. 312
2 Vgl. Krah, Hans: Einführung in die Literaturwissenschaft/Textanalyse. Kiel 2006, S. 297
3 Vgl. Krah, Hans: Einführung in die Literaturwissenschaft/Textanalyse. Kiel 2006, S. 296
4 Vgl. Krah, Hans: Einführung in die Literaturwissenschaft/Textanalyse. Kiel 2006, S. 297f
5 Vgl. Krah, Hans: Einführung in die Literaturwissenschaft/Textanalyse. Kiel 2006, S. 299
6 Vgl. Lotman Jurij M.: Die Struktur literarischer Texte. München 1993, S. 337ff
II. ANALYSE DER SEMANTISCHEN RÄUME
1. Das Modell von Welt und seine Ordnung
1.1 Konstituierung einer Welt namens „Illyrien“
Schon zu Beginn des Stücks wird in der Diegese ein Modell von Welt aufgezeigt, das sich durch seine rekonstruierbare Gesamtheit so in der Komödie abbildet. Die Figuren und Akteure, die in dieser Welt leben, semantisieren mithilfe diverser Merkmale die dargestellte Welt.
In „Was ihr wollt oder die zwölfte Nacht“ etabliert sich eine Welt namens „Illyrien“. Illyrien präsentiert sich als ein Raum, der sich aufgrund unterschiedlicher Merkmale über das kulturelle Wissen des Rezipienten konstituieren lässt. Mithilfe von Referenzen und Kohärenzannahmen lässt sich „Illyrien“ als ein real existierender Ort lokalisieren -Illyrien gilt heute als antike Bezeichnung einer Provinz an der Adriaküste Südosteuropas. 7 Die Bezeichnungen von Olivia als „Schiffbrüchige“ 8 , Sebastian als „Schiffbrüchiger“ 9 und Antonio als „Seemann“ 10 verdeutlichen zugleich die mediterrane Lage der Provinz. Die Bemerkungen Antonios und Sebastians in III/3 zeigen auf, dass Illyrien zum einen als „Land“, aber auch als „Stadt“ betitelt wird. 11 Zugleich kommt zum Ausdruck, dass in der Diegese die Provinz bekannt zu sein scheint u.a. für seine Denkmäler. 12 Die Äußerung Antonios zur Größe Illyriens impliziert das historische Bild der Provinz im Sinne eines Stadtstaates. 13 Aufgrund dessen lässt sich der semantische
7 URL: http://www.retrobibliothek.de/retrobib/seite.html?id=108436#Illyrien
8 I/1, S.1 Vorstellung der Personen
9 ebd.
10 I/1, S.1 Vorstellung der Personen
11 III/3, S. 21 Antonio: „Nein, auch die Sorge, was Euch wohl gar zustiess im unbekannten Land […].“; Sebastian: „Sehn wir die Altertümer dieser Stadt?“
12 III/3, S. 21 Sebastian: „ Ich bitt Euch, wolln wir erst uns sattsehen an den Denkmälern und weithin berühmten Dingen, Die diese Stadt zu bieten hat.“
13 III/3, S. 21 Antonio: „Die beste Herberg‘ ist im „Elefanten“, “Im Süden der Vorstadt.“
Raum „Illyrien“, die dargestellte Welt des Stücks, nach der Terminologie Lotmans als semantisierter Raum bezeichnen, da er in dem Fall an einen topographischen Träger, einen Raum, gebunden ist. 14
Der dargestellten Welt liegt eine Ordnung zugrunde, die an Normen und Werten festgemacht wird. Sie wird als solche im Stück weniger explizit formuliert, 15 es gilt sie zu erschließen. Den Kern dieser Ordnung repräsentiert die Rolle des Herzogs Orsino: Aufgrund des Herzogen-Titels, sowie der Existenz einer „Gräfin“ Olivia oder auch eines „Ritters“ namens Sir Andrew von Bleichenwang werden aristokratische Strukturen angedeutet. Orsino repräsentiert den Regenten 16 und nimmt somit gegenüber allen anderen Figuren eine hegemoniale Stellung ein, was Antonios Aussage im dritten Akt/dritter Auftritt deutlich macht. 17 Nach den Ausführungen Orsinos hat einst Antonio als Kapitän einer kleinen „Nussschale“ die besten Schiffe seiner Flotte angegriffen. 18 Daneben führt die schwarze Farbe in Antonios Gesicht zur berechtigten Annahme eines früheren Piratenlebens. 19 Desweiteren lassen sich, wie für eine Aristokratie durchaus charakteristisch, hierarchische Strukturen und Obrigkeitsverhältnisse erkennen: So nennt beispielsweise Lady Olivia zwei Bedienstete ihr Eigen, die sich ihr gegenüber deutlich unterwürfig verhalten. 20 Als befehlsausübende Instanz des Herzogs, die für Recht und Ordnung in dem Modell von Welt sorgt, tritt der „Arm des Gesetzes“ auf, der beispielsweise im dritten Akt/vierter Auftritt den Seemann Antonio verhaften will. 21 Daraus und durch die Androhung von Haftstrafen wird ein westliches Rechtsverständnis der Welt „Illyrien“ präsupponiert. Darüber hinaus wird von einigen Figuren auf „Gott“ 22 und den damit verbundenen Glauben verwiesen. Die abgehaltene Trauer Olivias um ihren verstorbenen Bruder wird etwa als gesetzmäßig, „normal“ und „gewöhnlich“ behandelt (außer vom Narren in I/4). Kulturelles Wissen und genannte Referenzen führen zu der Annahme, dass der konstituierten Ordnung ein christlicher Glaube zugrunde liegt. Zur Semantik „Illyrien“ zählt demnach nicht nur, dass sie auf aristokratischen Strukturen aufbaut und einen christlichen Glauben als konstitutiv ansieht, auch Merkmale wie Streben nach Liebe und einer intakten Verbindung,
14 Vgl. Krah, Hans: Einführung in die Literaturwissenschaft/Textanalyse. Kiel 2006, S. 300;
16 I/1, S.2 Viola: “Wer regiert hier?“ „Wie ist sein Name?“, Narr: „Herzog Orsino.“
17 III/3, S. 21 Antonio: „Ich geh hier nicht gefahrlos auf der Strasse: Einst kämpfte ich zur See gegen Herzog Orsinos
18 V/1, S. 31 Orsino: „Er war der Kapitän von einem Schifflein, an Bau und Tiefgang völlig unbeträchtlich, doch griff er mit der Nussschale so furchtbar die besten Schiffe unserer Flotte an…“
19 V/1, S. 31 Orsino: „An das Gesicht erinnere ich mich gut; Doch als ich es zuletzt sah, wars verschmiert, schwarz wie eine Fratze vom Rauch des Krieges…“
20 I/4, S. 8 Malvolio: „Zu Befehl Madam“, „… euer Gnaden“; III, 4, S. 22: Maria: „ …. Madam.“
21 III/4, S. 25 Arm des Gesetzes: „Antonio ich verhafte dich im Auftrag des Herzogs Orsino“
22 I/2, S. 3 Sir Andrew: „Gott segne euch, schönes Schätzchen!“; I, 4, S. 5: Narr: „Gott geb euch, Herr, eine …“; I/4, S.7 Cesario/Viola: „Vortrefflich, wenn das alles Gott gemacht hat.“; I, 1, S.1 Personenbeschreibung; I/1, S. 2 Herzog: „Verschleiert will sie gehen wie eine Nonne…“
Sesshaftigkeit, Hierarchie, Haften an Traditionen und Bewahren von Haltung gehören zu ihr. Des Weiteren wird im Text als Raum das Land Elysien 23 dem Raum „Illyrien“ gegenüber gestellt. Aufgrund von Authentizitätsmerkmalen, wie der realen Existenz Illyriens, täuscht die Diegese hier eine reale Handlung vor.
1.2 Binäre Struktur der dargestellten Welt
Die Struktur, dass sich eine dargestellte Welt „binär dualistisch in genau eine Opposition zweier semantischer Räume“ 24 teilen lässt, lässt sich auch in Shakespeares Komödie erkennen. Nach Krah muss eine solche binäre Opposition als Minimalstruktur gegeben sein, wenn ein Text Narrativik aufweist. 25 Allerdings kann in komplexeren Texten auch das System der semantischen Räume komplexer beschaffen sein, anstatt sich in Raum und Opposition kategorisieren zu lassen. 26 Die jeweilige Ordnung gilt es textspezifisch zu bilden. 27
Die Raumorganisation des Weltmodells „Illyrien“ weist eine Zweiteilung auf, es etablieren sich innerhalb des Modells zwei Räume: der „Hof Orsino“ und der „Hof Olivia“. Beide Räume können als oppositionell aufgefasst werden - sie grenzen sich mittels topographischer Gegebenheiten (Hof und Hofmauern) voneinander ab. Es besteht keine direkte Verbindung zwischen den ebenfalls semantisierten Räumen. Demgegenüber lassen sich aber auch Parallelen erkennen: Die zwei Räume werden paradigmatisch von einem Charakter repräsentiert - von Herzog Orsino bzw. Lady Olivia. Beide Figuren besitzen eine Vormachtstellung innerhalb ihres Raumes, wobei dem Herzog -wie bereits erwähnt- zusätzlich eine hegemoniale Stellung bezüglich der gesamten dargestellten Welt zukommt. Ferner unterliegen beide Höfe der konstitutiven Ordnung der Welt, in der sie bestehen (aristokratisches System, christlicher Glaube, etc.). Diese spiegelt sich auch in den jeweiligen Merkmalsbündeln wider. Bezogen auf ein aristokratisches Systems stünde der Hof des Herzogs hierarchisch über dem der Lady. Verteilt man die einzelnen Figuren jedoch auf die jeweiligen Höfe, 28 wird deutlich, dass sich an Olivias Hof entschieden mehr Figuren aufhalten, worunter die Charaktere Maria und Malvolio explizit als Diener der Lady vorgestellt werden. Zu Orsinos Hof hingegen lässt sich lediglich Viola alias Cesario zählen, die/der auch als Diener/in des Herzogs auftritt, von diesem jedoch weniger konsequent als solche/r behandelt wird.
23 I/1, S. 1 Viola: „Mein Bruder ist in Elysien“
24 Krah, Hans: Einführung in die Literaturwissenschaft/Textanalyse. Kiel 2006, S. 298
26 Krah, Hans: Einführung in die Literaturwissenschaft/Textanalyse. Kiel 2006, S. 298
28 s. Grafik S. 3
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Bachelor of Arts Claudia Maier, 2008, Raumsemantik in William Shakespeares "Was ihr wollt" - in einer Bearbeitung von Beat Fäh, München, GRIN Verlag GmbH
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