Inhaltsverzeichnis __
INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG 1
2. MITTELEUROPA ZWISCHEN GEOPOLITIK UND GEOPOETIK 3
2.1 DER BEGRIFF MITTELEUROPA 3
2.2 GEOPOETIK 6
3. “MEIN EUROPA (JURI ANDRUCHOWYTSCH - ANDRZEJ STASIUK) 8
3.1 JURI ANDRUCHOWYTSCH: MITTELÖSTLICHES MEMENTO 9
3.2 ANDRZEJ STASIUK: LOGBUCH 14
4. SCHLUSSBETRACHTUNG 21
5. LITERATURVERZEICHNIS 23
Einleitung 1
1. EINLEITUNG
Im Vorfeld der Recherche für die vorliegende Arbeit hat es keineswegs an Material über die geopolitische Bedeutung des Begriffs Mitteleuropa gemangelt. So stark das Auftreten des geopolitischen Mitteleuropadiskurses in Fachkreisen jedoch ist, so defizitär sind die Untersuchungen von Mitteleuropa in ihrer geopoetischen Dimension. Bis zum jetzigen Zeitpunkt kann die geopoetische Dimension von Mitteleuropa fast nur ausschließlich anhand von literarischen Texten rekonstruiert werden. Beispielhaft scheinen an dieser Stelle die Arbeiten von Andrzej Stasiuk und Juri Andruchowytsch zu sein, die sich etwa in Form von Reiseberichten oder topographischen Meditationstexten mit dem Mitteleuropabegriff auseinandergesetzt haben. Andrzej Stasiuk und Juri Andruchowytsch, der Erstere ein polnischer, der Letztere ein ukrainischer Schriftsteller, haben in Zusammenarbeit ein Buch mit dem Titel “Mein Europa. Zwei Essays über das sogenannte Mitteleuropa” veröffentlicht, in dem jeder der beiden in einem Essay über den Begriff Mitteleuropa meditiert. Die vorliegende Arbeit will sich insbesondere in Anlehnung an diese beiden Essays mit dem Untersuchungsgegenstand beschäftigen, wobei der Frage nach der geopoetischen Dimension von Mitteleuropa nachzugehen ist. Bevor jedoch die geopoetische Landschaft Mitteleuropas betrachtet werden kann, soll zunächst im ersten Abschnitt der Arbeit der Mitteleuropabegriff grundlegend erörtert werden, da sich somit das Gebilde Mitteleuropa besser herauskristallisieren und verdeutlichen lässt, wodurch sich die weitere Analyse der geopoetischen Erschließung des mitteleuropäischen Raumes vereinfachen lässt.
_______________
1 Andruchowytsch, Juri / Stasiuk, Andrzej. Mein Europa. Zwei Essays über das sogenannte Mitteleuropa. Frankfurt/M. 2004. S. 105.
Einleitung 2
Im Anschluss an die Definition des Mitteleuropabegriffes wird die Thematik der Geopoetik in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt. So soll im zweiten Abschnitt der Arbeit das geopoetische Bild von Mitteleuropa auf der Grundlage der Essays von Stasiuk und Andruchowytsch rekonstruiert werden, wobei diese beiden Essays zunächst einzeln betrachtet werden. Im Anschluss daran wird in der Schlussbetrachtung versucht, ein Gesamtbild von Mitteleuropa aus dem Blickwinkel der literarischen Topographie zu erstellen. Doch zunächst wird im Folgenden der Mitteleuropabegriff einer näheren Untersuchung unterzogen.
Der Begriff Mitteleuropa 3
2. MITTELEUROPA ZWISCHEN GEOPOLITIK UND GEOPOETIK
2.1 DER BEGRIFF MITTELEUROPA
Zwischeneuropa, Zentraleuropa, die Mitte, Intermarium, Sarmatien und schließlich Mitteleuropa. Die Bezeichnungen für den europäischen Raum, der zwischen West-, Ost-, Süd- und Nordeuropa anzusiedeln ist, variieren sehr stark und weisen dieselbe Vielfalt auf wie die Definitionsversuche des Begriffs Mitteleuropa, wobei die Definitionsschwerpunkte unmittelbar mit der jeweiligen politischen und historischen Situation zusammenhängen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde der Begriff Mitteleuropa in erster Linie in einem geographischen Kontext verwendet. Doch bereits hierbei zeigen sich unterschiedliche Konzepte und Vorschläge, wo genau denn Mitteleuropa lokalisiert werden kann und wo die Grenzen von Mitteleuropa gezogen werden können. Der Geograph August Zeune etwa ordnet Mitteleuropa in ein Nord-Mitte-Süd-Schema ein und macht sich daran, Mitteleuropa “in west-östlicher Richtung vom ‘Sevennenland’ (Frankreich) über das ‘Harzland’ (Deutschland) bis zum Balkan, von den Pyrenäen bis zu den Flüssen Vistula und Tisza” 2 einzugrenzen. Ein weiteres Modell sieht Mitteleuropa in einem West-Mitte-Ost-Schema. Zuletzt sei das Mitte-Peripherie-Schema genannt, das sich an den Grenzen des Heiligen Römischen Reiches orientiert. 3 Diese geographischen Bestimmungsversuche von Mitteleuropa waren jedoch nicht aufschlussreich genug. Aus diesem Grund versuchte man Mitteleuropa als geographischen Raum durch die Zuweisung von naturräumlichen Grenzen zu bestimmen. Doch auch diese Bemühungen schlugen fehl.
Bis heute ist die geographische Bestimmung von Mitteleuropa problematisch und von einer Vielzahl von Diskussionen begleitet, die meistens einen politischen Hintergrund haben. Im 19. Jahrhundert wurde der Begriff Mitteleuropa in einem politischen Kontext diskutiert, der sich vor allem auf die _______________
2 Schmidt, Rainer. Die Wiedergeburt der Mitte Europas. Politisches Denken jenseits von Ost
und West. Berlin 2001. S. 28.
3 Ebenda. S. 28.
Der Begriff Mitteleuropa _ 4
beiden Großmächte Preußen und Österreich-Ungarn (k.u.k.
Doppelmonarchie) bezogen hat. In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wurde dem Mitteleuropabegriff eine neue Idee zugeordnet, die Mitteleuropa eine ökonomische Dimension verlieh. So forderte 1915 Friedrich Naumann in seinem Buch “Mitteleuropa” die Gründung eines Bündnisses, das die Zusammenarbeit der mitteleuropäischen Staaten im Hinblick auf politische und wirtschaftliche Ziele unterstützen sollte. Naumanns Definitionsversuche von Mitteleuropa stützten sich unter anderem auf die Neutralität des Mitteleuropabegriffes, was dem folgenden Zitat entnommen werden kann:
“Mitteleuropa ist gegenwärtig ein geographischer Ausdruck, der bis jetzt noch keinen politischen und verfassungsmäßigen Charakter gewonnen hat […]. Das noch nicht historisch verbrauchte Wort „Mitteleuropa“ hat den Vorzug, dass es keine konfessionelle oder nationale Färbung mit sich bringt und darum nicht von vornherein Gefühlswiderstände weckt.” 4
Während der Mitteleuropabegriff im Ersten Weltkrieg in erster Linie mit dem Reichsmythos in Verbindung gebracht wurde, was nicht zuletzt Friedrich Naumann zu verdanken ist, geriet der Terminus Mitteleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg zusehends in Vergessenheit. Das temporäre Vergessensein des Mitteleuropabegriffes ist auf die politischen Verhältnisse in Europa zur Zeit des Kalten Krieges zurückzuführen, als der mitteleuropäische Raum durch den Eisernen Vorhang in West und Ost geteilt war. Mitte der 80er Jahre des vorangegangenen Jahrhunderts wurde die Frage nach Mitteleuropa etwa von Milan Kundera und von György Konrád erneut aufgeworfen, wobei partiell nach neuen Definitionen und Konzepten des Mitteleuropaterminus gesucht wurde, die dem Mitteleuropabegriff zu einer Renaissance verhelfen sollten, was gleichzeitig einer Suche nach einer gemeinsamen mitteleuropäischen Identität glich. Für Milan Kundera stellt Mitteleuropa einerseits einen Raum zwischen Deutschland und Russland dar, andererseits erscheint Mitteleuropa bei ihm als ein Raum der kleinen _______________
4 Naumann, Friedrich. Mitteleuropa. Berlin 1915. S. 67.
Der Begriff Mitteleuropa _ 5
Nationen, wobei eine kleine Nation seiner Meinung nach eine Nation ist, “deren Existenz zu jedem beliebigen Zeitpunkt in Frage gestellt werden kann”. 5 Da Mitteleuropa Kunderas Meinung nach für eine Vielzahl von kleinen Nationen eine Heimatstätte darstellt, beherbergt diese Region die “größte Vielfalt auf dem kleinsten Raum” 6 . In seinen Ausführungen spricht György Konrád ebenfalls von einer Vielfalt und ruft zu einer Kooperation zwischen den kleinen Nationen auf. 7 Konráds Definition von Mitteleuropa liegt dabei die Thematik der Antipolitik zugrunde, die, wie es scheint, konstitutiv für seinen Mitteleuropabegriff ist. Der ungarische Essayist und Schriftsteller beschreibt sein sozusagen politisches antipolitisches Konzept wie folgt:
“Antipolitik betreibt das Zustandekommen von unabhängigen Instanzen gegenüber der politischen Macht, Antipolitik ist eine Gegenmacht, die nicht an die Macht kommen kann und das auch nicht will. Die Antipolitik besitzt auch so schon und bereits jetzt Macht, nämlich aufgrund ihres moralisch-kulturellen Gewichts.” 8
Es könnte angenommen werden, dass Konrád sich mit dem Terminus Mitteleuropa in einer äußerst politischen Dimension auseinandersetzt, doch diese Vermutung ist falsch, denn in mancher Hinsicht nimmt die Mitteleuropadebatte bei ihm geopoetische Züge an, etwa wenn er versucht, den Raum Mitteleuropa als solchen zu bestimmen bzw. einzugrenzen, und er feststellen muss, dass das Wesentliche für Mitteleuropa die Tatsache sei,
“dass es in der Mitte liegt und die Randgebiete nicht abgegrenzt sind, wir wissen nicht, wo es endet, es ist nirgendwo dort, wo einige kluge Leute versuchen, sich im regionalen Kontext zu sehen. Mitteleuropa liegt am Ostrand des Westens und am Westrand des Ostens, genauer gesagt, es spukt dort als Nostalgie und Utopie umher.” 9
_______________
5 Kundera, Milan. Die Tragödie Mitteleuropas. In: E. Busek / G. Wilfinger. Aufbruch nach Mitteleuropa. Wien 1986. S. 141.
6 Ebenda. S. 135.
7 Vgl. dazu Konrád, György. Der Traum von Mitteleuropa. In: E. Busek / G. Wilfinger. Aufbruch nach Mitteleuropa. Wien 1986. S. 87 f.
8 Konrád, György. Antipolitik. Frankfurt/M. 1984. S. 212 f.
9 Konrád, György. Der Traum von Mitteleuropa. In: E. Busek / G. Wilfinger. Aufbruch nach Mitteleuropa. Wien 1986. S. 94.
Arbeit zitieren:
Irina Frey, 2009, Literarische Topographie Mitteleuropas , München, GRIN Verlag GmbH
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