Inhaltsverzeichnis __-
INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG 1
2. DEGENIERTE VERBRECHERRÄUME 3
2.1 LOCUS DELICTI: VERBRECHERISCHE HETEROTIPIE 3
2.2 VON VERBRECHERN UND OPFERN 9
3. SCHLUSSBETRACHTUNG 22
3.1 ZUSAMMENFASSUNG 22
3.2 RESÜMEE 24
4. LITERATURVERZEICHNIS 26
Einleitung 1
1. EINLEITUNG
Die Entwicklung der kriminologischen Theorien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Russland wurde von einem Diskurs zwischen Literatur und Wissenschaft begleitet. Nicht nur die französische, sondern auch die italienische Schule spielte bei diesem Diskurs eine große Rolle, wobei Erstere sich verstärkt mit dem Thema Degeneration/Entartung im psychiatrischen Sinne auseinandergesetzte, während Letztere Cesare Lombrosos kriminalanthropologische Theorien zur Grundlage hatte. Die französische ging wie die italienische Schule davon aus, dass es neben dem Kulturmenschen, dem durchschnittlichen Mitglied der Gesellschaft, eine andere Form des Menschen, den sogenannten verhinderten Menschen, gab, der eine Art biologische Andersartigkeit aufweist. Diese biologische Andersartigkeit kann zum einen in einer ausgeprägten Triebhaftigkeit bzw. im moralischen Irrsinn nachgewiesen werden. Zum anderen tragen solche verhinderte Menschen ihre biologische Andersartigkeit in Form von bestimmten Stigmata mit sich und können somit aufgrund ihrer körperlichen Merkmale als solche identifiziert werden. Die Theorien von Lombroso über Atavismus fanden in Russland großen Anklang und wurden zusätzlich durch sozialwissenschaftliche Theorien ergänzt. Demnach gab es nicht nur “geborene Verbrecher”, sondern ebenfalls solche, die durch gewisse Milieueinflüsse zu einem solchen werden konnten. 1
In der russischen Literatur griff eine Vielzahl von Wissenschaftlern und Schriftstellern die Thematik des “geborenen Verbrechers” auf und versuchte entweder die Theorien von Lombroso zu stärken oder diese zu negieren. So etwa Lev Tolstoj, der in seinem Roman “Voskresenie” (1899) Lombrosos Theorien über den “geborenen Verbrecher” zu widerlegen suchte. Weitere Autoren, wie etwa A. Svirskij oder V. Giljarovskij, setzten sich in ihren literarischen Werken ebenfalls mit der Thematik des “geborenen Verbrechers” auseinander, indem sie die Thematik der Verbrecherräume bzw. Elendsviertel und deren Bewohner aufgriffen und ausführlich behandelt haben.
_______________
1 Vgl. dazu Beer, Daniel. Renovating Russia. The Human Sciences and the Fate of Liberal Modernity, 1880-1930. Ithaca, N.Y. 2008. S. 97-130.
Einleitung 2
Während Svirskij sich verstärkt mit den Petersburger Elendsvierteln auseinandergesetzt hat, widmet Giljarovskij seine Skizzen hauptsächlich den Moskauer Elendsvierteln. In seinem Werk “Trušþobnye ljudi” (1887) etwa werden die Moskauer Elendsviertel vom Autor detailliert beschrieben, was einem die Möglichkeit liefert, die Verbrecherräume, sogenannte Heterotopien, Räume der Andersartigkeit, zu rekonstruieren. Dabei soll die Struktur der Verbrecherräume und deren Funktionsweise aufgedeckt und präzise dargestellt werden. Der Versuch die Funktionsweise der Verbrecherräume aufzuzeigen, basiert hierbei auf der Betrachtung des Verbrecher-Opfer-Verhältnisses.
Im folgenden Kapitel soll als erstes der Begriff der Heterotopie kurz dargelegt werden, um anschließend auf die Thematik der Verbrecherräume und deren “Bewohner” eingehen zu können. Zum Schluss sollen die Ergebnisse zusammengefasst und durch ein Resümee ergänzt werden.
Locus Delicti: Verbrecherische Heterotopie 3
2. DEGENERIERTE VERBRECHERRÄUME
2.1 LOCUS DELICTI: VERBRECHERISCHE HETEROTOPIE
Die Verbrecherräume als Räume der Andersartigkeit lassen sich, wie bereits erwähnt, dem Begriff der Heterotopie zuordnen. Heterotopie ist ein von Michel Foucault verwendeter Begriff, den er dem Begriff der Utopie entgegengestellt, wobei die Utopie einen unwirklichen, virtuellen Raum, entweder einen Gegenentwurf oder eine Perfektionierung der realen gesellschaftlichen Verhältnisse, darstellt. Dagegen sind Heterotopien
“wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplatzierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können” 2 .
Demnach ist eine Heterotopie (etwa ein Friedhof oder eine Psychiatrie) ein Ort, der sowohl im geographischen Raum verankert ist als auch eine ideelle Dimension besitzt, in der sich die Gesellschaft widerspiegelt. Wichtig sei es zu erwähnen, dass Heterotopien nach eigenen Regeln funktionieren. Da die Abläufe in der jeweiligen Heterotopie durch jeweils eigene Gesetze reguliert werden, können die Verbrecherräume, da sie nach gewissen ungeschriebenen Regeln der Verbrecherwelt funktionieren, als verbrecherische Heterotopie bezeichnet werden. Als Mittelpunkt der Verbrecherräume bzw. Elendsvierteln kann bei Vladimir Giljarovskij Chitrov Rynok, auch Chitrovka genannt, lokalisiert werden, das von etwa 1820 bis 1930 ein Sammelpunkt für jegliche Art von Verbrechern und für die ärmere Unterschicht im Zentrum von Moskau darstellte. Der Verbrecherraum Chitrovka wird von Giljarovskij stets als ein dreckiges und dunkles Elendsviertel beschrieben, das vor allem durch verworrene und undurchsichtige Strukturen gekennzeichnet ist und somit einem _______________
2 Foucault, Michel. Andere Räume (1967). In: Barck, Karlheinz (Hg.): Aisthesis: Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik; Essais. 5. Auflage. Leipzig 1993. S. 39.
Locus Delicti: Verbrecherische Heterotopie 4
Labyrinth oder auch einer Kloake gleicht, die vor allem durch eine Winterlandschaft geprägt ist:
“ . , , , .” 3 ; “ , , , , , , . . . - : ! .” 4
In den Seitenstraßen des labyrinthähnlichen Elendsviertels lässt sich eine Vielzahl von Übernachtungshäusern und Kneipen bzw. Wirtschaften lokalisieren, die die Namen ihrer Besitzer tragen und zu deren Besuchern Verbrecher sowie Bettler und Obdachlose gehören:
“- ,
. , "" . , , ; .
....” 5
Mithilfe der Übernachtungshäuser und Kneipen kann bei den Verbrechern eine gewisse Hierarchie festgestellt werden, die sich auf das jeweilige Strafverzeichnis des Verbrechers bezieht und somit eine Zuordnung zu einem der Übernachtungshäuser und Kneipen ermöglicht:
“ "" , , "" - - , , "" - , .” 6 _______________
3 Giljarovskij, Vladimir. Moskva i Moskviþi. In: Izbrannoe. Moskva 1960. Band 3. S. 25. 4 Giljarovskij, Vladimir. Moskva i Moskviþi. In: Izbrannoe. Moskva 1960. Band 3. S. 23. 5 Giljarovskij, Vladimir. Moskva i Moskviþi. In: Izbrannoe. Moskva 1960. Band 3. S. 24. 6 Ebd. S. 24.
Locus Delicti: Verbrecherische Heterotopie 5
In der Hierarchie der Verbrecher stehen vor allem Diebe und geflohene Verbrecher auf der höchsten Stufe der Verbrecherhierarchie und halten sich hauptsächlich in “Katorga” (dt. Straflager) auf, einer Kneipe, welche sinnbildlich für das gesamte Elendsviertel steht, da die Entflohenen das Straflager in Sibirien gegen ein “Straflager” in Chitrovka eintauschen. Die entflohenen Verbrecher werden in Chitrovka beinahe wie zu Hause erwartet und verehrt: “"",
".” 7 In Chitrovka angekommen, wurde von den Entflohenen erwartet, dass sie
sich als Erstes bei den zuständigen Polizeibeamten meldeten und diesen versprachen, sich anständig und zurückhaltend zu benehmen:
“ — . "", " "
.” 8
Daraus lässt sich schließen, dass sogar die städtischen Beamten sich in ihrem Handeln an den im Vorfeld erwähnten Gesetzen des Elendsviertels Chitrovka, die auch als Verbrecherkodex bezeichnet werden können, orientieren. Interessant scheint dabei die Tatsache zu sein, dass in den Gesetzen von Chitrovka der gegenseitige Respekt, der unter den Verbrechern herrscht, zu finden ist. So dürfen die Verbrecher sich etwa nicht gegenseitig vorführen oder sich in die Angelegenheiten des anderen einmischen. In seinem Werk “Ljudi teatra” beschreibt der Erzähler einen Vorfall in einem der Übernachtungshäuser, bei dem die dem Erzähler bereits bekannten Verbrecher vorhaben, die Anwesenden, den Erzähler mit eingeschlossen, im Dunkeln zu überfallen. Als die Verbrecher vom Erzähler zur Rede gestellt werden, zeigen sie Reue und entschuldigen sich sogar:
_______________
7 Giljarovskij, Vladimir. Moskva i Moskviþi. In: Izbrannoe. Moskva 1960. Band 3. S. 24f. 8 Giljarovskij, Vladimir. Moskva i Moskviþi. In: Izbrannoe. Moskva 1960. Band 3. S. 25.
Arbeit zitieren:
Irina Frey, 2009, Degenerierte Verbrecherräume - die Elendsviertelliteratur, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Russistik / Slavistik: Degenerierte Verbrecherräume - die Elendsviertelliteratur ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Russistik / Slavistik: neuer Titel erschienen: Degenerierte Verbrecherräume - die Elendsviertelliteratur
Irina Frey hat einen neuen Text hochgeladen
FRE-CORRESPONDANCE CORBIN IVAN
S Schmidtke
The Complete Kagan: Vladimir Kagan: A Lifetime of Avant-Garde Design
Tom Ford, Vladimir Kagan
Verses and Versions: Three Centuries of Russian Poetry Selected and Tr...
Brian Boyd, Stanislav Shvabrin, Vladimir Nabokov
War and Christianity: Three Conversations by Vladimir Solovyov
Vladimir Sergeyevich Solovyov, Stephen Graham
Divine Sophia: The Wisdom Writings of Vladimir Solovyov
Judith Deutsch Kornblatt, Vladimir Sergeyevich Solovyov, Boris Jakim
0 Kommentare