II
Inhalt:
KAPITEL 1 Einleitung: Rahmen der Analyse
1.1. Einführender Überblick 1
1.2. Theoretischer Rahmen
1.2.1. Politische Eliten 7
1.2.2. Demokratie und Stabilität 9
1.2.3. Legitimität als politische Unterstützung 11
1.2.4. Objekte der Legitimität 12
1.2.5. Legitimitätsdimensionen 13
1.2.6. „Mischungsverhältnis“ der Legitimitätsdimensionen 18
1.2.7. Konsolidierung 19
1.3. Struktur der Arbeit 20
KAPITEL 2 Moralische Legitimität der politischen Eliten
2.1. Ausgangssituation Unzufriedenheit mit dem sozial-istischen
System in den 80er Jahren 22
2.2. Das polnische Verständnis von Demokratie 24
2.3. Solidarnosc als Motor der Transition und „Bannerträger“ der
Forderung nach Demokratie 26
2.4. Dominanz moralischer Legitimität der politischen Eliten
Parlamentswahlen 1989 28
2.5. Fragmentierung der politischen Landschaft und Rückgang der
moralischen Legitimität im Vorfeld der Parla-mentswahlen
1991 31
2.6. Zunehmende Erosion der moralisch dominierten Legi-timität
Entwicklung bis 1993 37
2.7. Ende der moralischen Legitimitätsdominanz Parla
mentswahlen 1993 40
III
KAPITEL 3 Personal-expressive Legitimität der politischen Eliten
3.1. Polnische Affinität zu starken Führungspersönlichkeiten 44
3.2. Präsidentschaftswahlen 1990 46
3.3. Personal-expressive Legitimität der Ministerpräsidenten 50
3.4. Walesas Amtszeit als Staatspräsident 51
3.5. Bedeutungsverlust personal-expressiver Legitimität Parla
mentswahlen 1993 54
3.6. Präsidentschaftswahlen 1995 55
KAPITEL 4 Instrumentelle Legitimität der politischen Eliten
4.1. Kernelemente instrumenteller Legitimität in Polen 58
4.2. Geringe instrumentelle Legitimität der politischen Eliten
Einführung marktwirtschaftlicher Reformen 61
4.3. Die Entwicklung bis zu den Parlamentswahlen 1991 63
4.4. Instrumentelle Legitimitätsdominanz Parlamentswahlen
1993 65
4.5. Entwicklung bis zu den Parlamentswahlen 1997 68
4.6. Parlamentswahlen 1997 Bedeutungsverlust instrumen-teller
Legitimität? 72
KAPITEL 5 Conclusio Ergebnisse der Arbeit 76
ANHANG
Datentabellen / Ergebnisse der Sejmwahlen 1989 1997 82
LITERATUR 86
Verzeichnis der Abbildungen
ABBILDUNG
Seite NR.
Persistenz und Legitimität des politischen Systems........... 17 1
Kernpunkte des polnischen Demokratieverständnisses...... 26 2
Polnisches Demokratieverständnis und Realisierung im Ver- 3
gleich......................................................................... 39
Legitimität der politischen Eliten (1989-1993).................. 40 4
Kernelemente personal-expressiver Legitimität................. 46 5
Dynamik der Zustimmungsrate zur Amtsführung Lech Wale- 6
sas und die wichtigsten soziopolitischen Ereignisse... 53
Kernelemente der Bewertung instrumenteller Legitimität der 7
politischen Eliten........................................................ 60
Ausgewählte gesamtwirtschaftliche Kennzahlen................ 61 8
Effizienzkriterien der instrumentellen Legitimität und Eliten 9
Entwicklung der Legitimität der politischen Eliten im Prozeß 10
der demokratischen Konsolidierung in Polen......... 78
1. Einleitung: Rahmen der Analyse
Die Euphorie des Epochenumbruchs von 1989, mit dem die „Dritte Welle der Demokratisierung“ 2
auch Polen erreicht hatte, wich schnell der Ernüchterung über die Unmöglichkeit, aus den Trümmern
des real existierenden Sozialismus nach Art der Genesis eine neue, demokratische Welt in wenigen
Tagen zu erschaffen. Statt in einem goldenen Zeitalter ewigen „Bürgerfrühlings“ 3 fanden sich die
Menschen wieder auf einer Wanderung durch ein postkommunistisches „Tal der Tränen“. 4 Ökono-
mische Probleme statt Wohlstand und politischer Streit über die richtigen Reformstrategien statt sozi-
aler Harmonie beherrschten die Reformländer und zeigten die Schwierigkeit der simultanen Entwick-
lung von Demokratie und Marktwirtschaft. 5 Nicht lange nach der Überwindung der Diktatur schienen
die gewandelten Gesellschaften des ehemaligen Ostblocks einen „Tunnel am Ende des Lichts“ er-
reicht zu haben. 6
1 Busch, Wilhelm: Niemals. In: Nöldeke, Otto (Hrsg.): Wilhelm Busch. Sämtliche Werke in sieben Bänden. Mün-
chen 1943. Sechster Band, S. 365.
2 Vgl. Huntington, Samuel P.: The Third Wave. Democratization in the Late Twentieth Century. Norman, London
1991. Künftig zitiert: Huntington (1991).
3 Vgl. Ash, Timothy Garton: Das Jahr der Wahrheit - Bürgerfrühling. In: Idem.: Ein Jahrhundert wird abgewählt.
Aus den Zentren Mitteleuropas 1980-1990. München, Wien 1990. S. 451-475.
4 Vgl. Dahrendorf, Ralf: Müssen Revolutionen scheitern? In: Transit, H. 3, Winter 1991/92, S. 15.
5 Vgl. Offe, Claus: Das Dilemma der Gleichzeitigkeit. Demokratisierung und Marktwirtschaft in Osteuropa. In: Mer-
kur 1991 (45. Jg.), S. 279-291.
6 Vgl. Offe, Claus: Der Tunnel am Ende des Lichts. Erkundungen der politischen Transformation im Neuen Osten.
Frankfurt/Main, New York 1994. S. 9. Künftig zitiert: Offe (1994).
2
Wie bei der Mahnung an das lyrische „du“ in Wilhem Buschs Gedicht wurden mit der Erfüllung
des Wunschs nach einer Abschaffung der alten Ordnung in Polen und den übrigen
postkommunistischen Ländern neue, andere Erwartungen und Bedürfnisse sichtbar, die nur schwer
zu befriedigen waren. Die Erkenntnis früherer Demokratisierungswellen, daß mit der Errichtung einer
formal demokratischen Herrschaftsordnung nicht automatisch politische und ökonomische Stabilität
institutionalisiert wird 7 , zeigte sich auch im mittelosteuropäischen Polen. 8 Unter welchen Bedingungen
eine neuentstandene Demokratie Stabilität und Dauerhaftigkeit erreichen, als konsolidiert gelten
kann, ist eine Kernfrage der demokratischen Transitionsforschung 9 , die sich mit Übergängen von
autoritären zu demokratischen politischen Systemen 10 befaßt. Die demokratische Konsolidierung
Polens ist Thema der vorliegenden Arbeit.
Von zentraler Bedeutung sind dabei Entscheidungen und Verhalten der politischen
Eliten 11 . Denn alte, autoritäre Strukturen lösen sich auf und die neuen, demokratischen
7 Vgl. Huntington, Samuel P.: Democracy for the Long Haul. In: Journal of Democracy, Vol. 7, No. 2. April 1996. S.
3-13.
8 Zu Mittelosteuropa sollen hier im Sinne der Definition von Szücs nur Polen, die Tschechische und die Slowaki-
sche Republik sowie Ungarn gezählt werden. Vgl. Szücs, Jenö: Die drei historischen Regionen Europas. Frankfurt/Main 1991.
9 Vgl. O’Donnell, Guillermo; Schmitter, Philippe C.: Transitions from Authoritarian Rule, Bd. 5. Tentative Conclusi-
ons about uncertain Democracies. Boulder/Col. 1986. S. 3. Künftig zitiert: O’Donnell; Schmitter (1986). In der Folge ihrer einflußreichen Studie entstand eine Vielzahl von Arbeiten, die sich mit spezifischen Transitionsproblemen beschäftigen, die in der Forschungsdiskussion mittlerweile unter dem Rubrum „Transitionsforschung“ zusammengefaßt werden. Konkurrierend zu diesem Begriff wird als gemeinsamer Nenner solcher Studien oft auch der Begriff „Systemwechselforschung“ verwendet.
Zu einem allgemeinen Überblick vgl. Merkel, Wolfgang (Hrsg.): Systemwechsel 1. Theorien, Ansätze und Konzepte der Transitionsforschung. Opladen 1996 (2. Aufl.). Künftig zitiert: Merkel (1996a). Zum Umbruch in Mittelosteuropa vgl. Glaeßner, Gert-Joachim: Demokratie nach dem Ende des Kommunismus. Regimewechsel, Transition und Demokratisierung im Postkommunismus. Opladen 1994. Künftig zitiert: Glaeßner (1994).
Der Begriff „Transition“ geht zurück auf Rustow, auch wenn er mittlerweile allgemein mit der fünfbändigen Transitions-Studien des Woodrow-Wilson-Center, und dabei insbesondere mit dem Band von O’Donnell und Schmitter in Verbindung gebracht wird (O’Donnell; Schmitter (1986) a. a. O.). Vgl. Rustow, Dankwart: Transitions to Demo cracy. Towards a Dynamic Model. In: Comparative Politics 2, 1970. S. 337 - 363. Künftig zitiert: Rustow (1970). Der Forschungszweig solcher „transitions to democracy“ wird allgmein als Unterkategorie der „Transformations-forschung“ (vgl. Beyme, Klaus von: Transformationstheorie - ein neuer interdisziplinärer Forschungszweig? In: Geschichte und Gesellschaft, H. 1; Jg. 20 (1994). S. 99-118) betrachtet, die sich allgemein mit dem Wandel politischer Systeme beschäftigt, ohne sich auf eine Veränderung eines autoritären hin zu einem demokratischen System zu beschränken. Eine eingehendere Diskussion und Gegenüberstellung der unterschiedlichen Begrifflichkeiten findet sich bei: Sandschneider, Eberhard: Stabilität und Transformation politischer Systeme. Opladen 1995.
10 Unter „politisches System“ soll hier mit Easton bzw. Almond und Powell zunächst verstanden werden: ein En-
semble, bestehend aus einer bestimmten Insitutionenordnung (Struktur) und einer bestimmten Einstellungs- und Werteordnung (Kultur), die über einen Input-Conversion-Output Zyklus in interdependenten Beziehungen zuein-ander stehen. Eine eingehendere Definition findet sich in den folgenden Abschnitten bei der Bestimmung des dieser Arbeit zugrunde liegenden Demokratiekonzepts.
Vgl. Easton, David: A Systems Analysis of Political Life. New York, London, Sidney 1965. S. 29ff. Künftig zitiert: Easton (1965). Almond, Gabriel; G. Bingham Powell, Jr: Comp arative Politics. System, Process, and Policy. Boston/Toronto 1978 (2. Aufl.). Künftig zitiert: Almond; Powell (1978).
11 Vgl. Bos, Ellen: Die Rolle von Eliten und kollektiven Akteuren in Transitionsprozessen. In: Merkel (1996a) a. a.
O. S. 102. Künftig zitiert: Bos (1996); Diamond, Larry: Three Paradoxes of Democracy. In : Journal of Democracy Vol. 1, 1990, No. 3. S. 59. Künftig zitiert: Diamond (1990).
3
Institutionen sind kaum erprobt, im Entstehen begriffen oder teilweise schlicht nicht vorhanden, so daß sie – noch – keinen verläßlichen Rahmen für die politischen Prozesse bilden können. 12 In einer vorläufigen Definition nach Higley und Burton sollen politische Eliten als „top position-holders“ 13 eines politischen Systems mit den – herausgehobenen – offiziellen Positionen identifiziert werden, die sie bekleiden – als Regierungsmitglieder, Präsident, Parlamentarier. 14 Ihre Rolle im Prozeß der demokratischen Konsolidierung in Polen wird in der Untersuchung besonders berücksichtigt. Der Begriff Konsolidierung bezeichnet nach O’Donnell und Schmitter 15 die letzte von drei Phasen einer Transition. Die erste Phase ist nach diesem Ansatz die der Liberalisie rung, einer begrenzten Öffnung der Diktatur durch die Gewährung bestimmter individueller und gesellschaftlicher Freiheiten. Daran schließt sich die Phase der Demokratisierung, der Vorbereitung und Installation einer demokratischen Ordnung, die mit den ersten freien demokratischen Wahlen abgeschlossen ist. 16 Dem folgt die letzte Phase der Konsolidie rung der neuenstandenen Demokratie. Sie kann laut O’Donnell und Schmitter als vollendet gelten, wenn ein Zustand der „Normalität“ erreicht ist 17 , in dem Sinne, daß sich alle relevanten politischen Akteure an einen „set of more or less explicit rules“ halten, der die Art und Weise des Zugangs zur Regierung bestimmt, die legitimen Mittel des Konfliktaustrags und die Prozeduren zur Entscheidungsfindung. 18 Es existieren zahlreiche auf diesem Drei-Phasen-Schema basierende Bestimmungen des Konsolidierungsbegriffs. Differenzierte Konzepte gibt es bisher jedoch nur wenige. Viele Ansätze beschränken sich darauf, Konsolidierung mit einem hohen Institutionalisierungsgrad – bei entsprechend weitem Institutionenbegriff – gleichzusetzen. 19 So betrachten Linz und Przeworski eine Demokratie dann als konsolidiert, wenn ihr Institutionensystem zum „only game in town“ geworden ist, wenn sich alle Akteure an die Spielregeln halten 20 – eine Begriffsbestimmung, die Beyme zurecht
12 Bos (1996) a. a. O. S. 86.
13 Burton, Micheal; Higley, John: The Elite Variable in Democratic Transitions and Breakdowns. In: American Sociological Review, Vol. 54 (February 1989), No. 1. S. S. 18. Künftig zitiert: Burton; Higley (1989).
14 Vgl. auch Easton (1965) a. a. O. S. 212ff.
15 Vgl. O’Donnell; Schmitter (1986) a. a. O. S. 3ff.
16 Vgl. ebd., 7ff.
17 Vgl. ebd., S. 65.
18 Vgl. ebd.
19 Vgl. u.a. Sandschneider, Eberhard: Institutionalisierungsprobleme im Reformparadox der Volksrepublik China. In: Merkel, Wolfgang; idem; Segert, Dieter (Hrsg.): Systemwechsel 2. Die Institutionalisierung der Demokratie. Opladen 1996; O’Donnell, Guillermo: Delegative Democracy. In: Journal of Democracy Vol. 5, 1994, No. 1. S. 56. Künftig zitiert: O’Donnell (1994); Przeworski, Adam: Some problems in the Study fo the Transition to Democracy. In: O’Donnell, Guillermo; Schmitter, Philippe C.; Whitehead, Laurence (Hrsg.): Transitions from Authoritarian Rule, Bd. 4, Comparative Perspectives. Baltimore; London 1986. S. 58.
20 Linz, Juan: Transitions to Democracy. In: Washington Quarterly 13, 1990. S. 156; Przeworski, Adam: Democracy and the Market. Political and Economic Reforms in Eastern Europe and Latin America. Cambridge 1991. S. 26. Künftig zitiert: Przeworski (1991).
4
als „vage“ charakterisiert. 21 Huntington sieht die Konsolidierungsphase nach zweimaligem
demokratischen Regierungswechsel abgeschlossen 22 , andere Ansätze verzichten vollständig auf
inhaltliche Kriterien, der Konsolidierung wird dann schlicht eine bestimmte zeitliche Dauer
zugeordnet. 23 Vor diesem Hintergrund kritisiert O’Donnell, einer der Schöpfer dieses Terminus,
„( ) democracy’ and consolidation’ are terms too polysemic to make a good pair“ und fordert eine
differenziertere Theorie, die Aufschluß über das „Wie und Warum“ dieses Prozesses geben kann. 24
Przeworski geht in der Kritik noch weiter und bezeichnet demokratische Konsolidierung schlicht als
„empty term“ 25
Eine Möglichkeit, höhere Komplexität bei gleichzeitiger Operationalisierbarkeit zu erreichen, stellt
die Betrachtung dieser letzten Transitionsphase aus der Perspektive des Legitimitätsbegriffs dar, der
als Fundament des theoretischen Konzepts dieser Untersuchung gewählt wurde. Da nur wenige For
schungsarbeiten zu diesem Thema vorliegen, besonders in Bezug auf Polen bzw. Mittelosteuropa 26 ,
wird diese Arbeit theoretische Ansätze zur demokratischen Konsolidierung und zur Legitimität
zu einem eigenen, für den polnischen Fall operationalisierbaren Konzept verbinden
Nach Max Weber bezeichnet Legitimität den Glauben an die Rechtmäßigkeit einer politischen
Ordnung. 27 Easton unterscheidet in einer Weiterentwicklung der Arbeit Webers verschiedene
Objekte, auf die sich dieser Glaube richten kann. Eines davon sind die Autoritäten bzw. politischen
Eliten, auf die sich die Analyse konzentriert. 28 Je größer der Rechtmäßigkeitsglaube an eine politische
Ordnung ist, um so größer ist laut Weber auch die Wahrscheinlichkeit, daß sie Bestand hat. 29
21 Beyme, Klaus von: Systemwechsel in Osteuropa. Frankfurt/Main 1994. S. 99. Künftig zitiert: Beyme (1994)
22 Huntington (1991) a. a. O. S. 266f. Zurecht weist Merkel darauf hin, daß nach dieser Definition die Demokratie in
der Bundesrepublik erst von 1982 an als konsolidiert betrachtet werden könnte. Merkel, Wolfgang: Theorien der
Transformation: Die demokratische Konsolidierung postautoritärer Gesellschaften. In: Beyme, Klaus von Offe,
Claus: Politische Theorien in der Ära der Transformation. Politische Vierteljahrsschrift, Sonderheft 26/1995. Opla
den 1996. S. 37. Künftig zitiert: Merkel (1996b)
23 Nach Dahl beispielsweise ist die Konsolidierungsphase nach 20 Jahren beendet. Cf. Dahl, Robert: Transitions
to democracy. Yale 1990 (unveröffentlichtes Manuskript), zitiert nach: Przeworski (1991) a. a. O. S. 86
24 Vgl. O’Donnell, Guillermo: Illusions about Consolidation. In: Journal of Democracy Vol. 7, 1996, No. 2. S. 38, 39
Künftig zitiert: O’Donnell (1996)
25 Przeworski, Adam Alvarez, Michael Cheibub, José A Limongi, Fernando: What makes Democracies endure?
In: Journal of Democracy, Vol. 7, 1996, No. 1. S. 50
26 Vgl. u a : Bozóki, András (Hrsg ): Democratic Legitimacy in Post-Communist Societies. Budapest 1994. Künftig
zitiert: Bozóki (1994) Kaminski, Ireneusz C : Between the Old and the New. Legitimatory Dilemmas of the Transi
tory Period in Poland. In: Polish Sociological Review, (117. Jg ) 1997, Nr. 1. S. 47 58. Künftig zitiert: Kaminski
(1997)
Und allgemeiner: Plasser, Fritz Ulram, Peter A Waldrauch, Harald: Politischer Kulturwandel in Ost-Mitteleuropa
Theorie und Empirie demokratischer Konsolidierung. Opladen 1997. Künftig zitiert: Plasser Ulram Waldrauch
(1997)
27 Vgl. Weber (1964) a. a. O. S. 659
28 Vgl. Easton, David: A Re-Assessment of the Concept of Political Support. In: British Journal of Political Science
(5) 1975. S. 435f. Künftig zitiert: Easton (1975)
29 Vgl. Weber (1964) a. a. O. S. 22f
5
Basierend auf dieser Auffassung betrachteten spätere Arbeiten anderer Forscher Legitimität in Form des weitgehend synonym verwendeten Begriffs „politische Unterstützung“ als entscheidende Variable für die Stabilität politischer Systeme. 30 Wenn ein System ausreichend unterstützt wird, d.h. ausreichende Legitimität besitzt, ist demnach sein Bestand gewährleistet. Ein solcher Zustand der Stabilität ist das Ziel der Konsolidierungsphase, die Diamond als „process of achieving broad and deep legitimation“ bezeichnet. 31 Konsolidierung kann auf dieser Basis als Prozeß der „Legitimierung“ eines neuentstandenen demokratischen Systems, Demokratie als der angestrebte Zustand der Legitimität bezeichnet werden. Das Maß an politischer Unterstützung, das der neuen Ordnung bzw. ihren Repräsentanten beigemessen wird, ist entscheidend für die Bewertung des Konsolidierungsfortschritts, der Stabilität, einer jungen Demokratie. Diese Unterstützung, so hatte bereits Weber erkannt, kann dem System aus verschiedenen Motiven zufließen 32 . In Rückgriff auf Parsons und Easton, die sich wiederum auf Weber beziehen, lassen sich drei motivationale Dimensionen der Legitimität politischer Eliten unterscheiden 33 :
1. eine instrumentelle: Legitimität aufgrund einer als erfolgreich perzipierten ökonomischen Performanz der politischen Eliten (Befriedigung der wichtigsten – materiellen – Bedürfnisse der Bevölkerung)
2. eine personal- expressive: emotionale Affinität zu Elitenmitgliedern
3. eine moralische: Untersützung aufgrund einer durch die Bürger perzipierten Übereinstimmung der Vorstellungen der Bevölkerung von einer erstrebenswerten politischen Ordnung mit dem Handeln der politischen Eliten.
Diese drei Legitimitätsdimensionen bilden das Kerngerüst der Arbeit, mit dessen Hilfe die Konsolidierungsphase in Polen unter besonderer Berücksichtigung der politischen Eliten untersucht werden soll.
Da eine stabile Demokratie in Polen bzw. in Ostmitteleuropa von vitalem Interesse nicht nur für Polen und die anderen Länder dieser Region selbst, sondern auch für die europäischen Nachbarn
30 Vgl. Easton (1965) a. a. O.; Almond, Gabriel; Verba, Sidney: The Civic Culture. Princeton 1963. Künftig zitiert: Almond; Verba (1963); Almond; Powell (1978) a. a. O.; Westle, Bettina: Politische Legitimität. Theorien, Konzepte, empirische Befunde. Baden-Baden 1989. Künftig zitiert: Westle (1989). Eine detaillierte Definition des Begriffs „Stabilität“ findet sich in Abschnitt 1.2.1. Bis dahin soll Stabilität vorläufig bestimmt werden als dauerhafter Erhalt des Systems in seiner grundlegenden, hier: demokratischen Form.
31 Diamond, Larry: Is the Third Wave over? In: Journal of Democracy Vol. 7, 1996, No. 3. S. 33. Künftig zitiert: Diamond (1996).
32 Vgl. Weber (1964) a. a. O. S. 24.
33 Vgl. Parsons, Talcott: The Social System. London 1951. S. 13. Künftig zitiert: Parsons (1951); Easton (1965) a. a. O.. Detailliert dazu in Abschnitt 1.2.5.
6
und die internationale Gemeinschaft ist 34 , besitzt die Untersuchung der Konsolidierungsproblematik
hohe politikwissenschaftliche Relevanz. Ein tiefergehendes Verständnis davon, wie sich der
Konsolidierungsprozeß in den einzelnen Reformstaaten vollzieht, welche Faktoren ihn fördern oder
behindern, ermöglicht nicht nur eine genauere Bewertung des gegenwärtigen Entwicklungsstandes
junger Demokratien und Rückschlüsse auf die erwartbare weitere politische Entwicklung. Es ist auch
imstande, Ansatzpunkte für entsprechende konsolidierungsfördernde Politikstrategien zur
Stabilisierung bislang unkonsolidierter politischer Systeme zu liefern. 35 Ein differenziertes Konzept
von Legitimität als „Schlüsselkategorie der demokratischen Konsolidierung“ 36 kann zu einem solchen
genaueren Verständnis dieses vielschichtigen Prozesses beitragen. 37
Die vorliegende Untersuchung wird auf der Grundlage eines solchen Legitimitätskonzepts
darlegen, daß sich der polnische Konsolidierungsprozeß bisher in zwei Phasen gegliedert hat, die
unterschiedliche Entwicklungsstufen der neuen Demokratie repräsentieren. In der ersten Phase
spielte die durch die Bevölkerung perzipierte ökonomische Situation und eine damit verbundene
instrumentelle Legitimität nur eine untergeordnete Rolle in der Bewertung der politischen Eliten bzw.
der durch sie repräsentierten neuen Ordnung. In der zweiten Phase der Konsolidierung ist sie zum
zentralen Evaluationskriterium geworden. Diese Phase „instrumenteller Legitimitätsdominanz“ dauert
bis heute an. Die Beobachtung führt zu der Hauptthese dieser Arbeit, daß der Erfolg der Konsolidierung mit
zunehmender Dauer der Demokratie immer abhängiger von der durch die Bevölkerung perzipierten
ökonomischen Performanz der neuen Ordnung bzw. ihrer Repräsentanten wird – das Erreichen einer
vollständig konsolidierten Demokratie in Polen wird eng an eine entsprechende, positive
34 Nicht zuletzt im Zuge der Osterweiterungen von NATO und EU. So betrachtet Holzer die Stabilisierung der
parlamentarischen Demokratie als Voraussetzung für die Integration in die Europäische Union. Vgl. Holzer, Jerzy: Polen in Europa: Zentrum oder Peripherie. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hersg.): Europabilder in Mittel- und Osteuropa. Neue Herausforderungen für die politische Bildung. Schriftenreihe Bd. 337. Bonn 1996. S. 104. Zur Einbindung der mittelosteuropäischen Staaten in die westliche Staatengemeinschaft allgemein vgl.: Timmermann, Heinz: Osteuropa: „Drang nach Westen“ - Möglichkeiten und Hemmnisse. Die Reformstaaten Mittel- und Osteuropas und die Euro-Atlantischen Integrationsprozsse. In: Osteuropa, H. 6, 1997 (47. Jg.). S. 531-543. Weidenfeld, Werner: Die Verantwortung des Westens für den Wandel in Mittel- und Osteuropa. In: Idem (Hrsg.): Demokratie und Marktwirtschaft in Osteuropa. Bonn 1996. S. 17-33.
Zur besonderen Problematik der Osterweiterung der Europäischen Union vgl. u.a. Weidenfeld, Werner (Hrsg.): Mittel- und Osteuropa auf dem Weg in die europäische Union. Bericht zum Stand der Integrationsfähigkeit 1996. Gütersloh 1996.
Dauderstädt, Michael: Im Spannungsfeld von Transformation und Integration. In: Integration (19.Jg.), H. 4, 1996. S. 208-223.
Zur Debatte um die Osterweiterung der NATO vgl. u.a. Meyer, Berthold: Die Osterweiterung der NATO - Weg zur Einheit oder zur neuen Spaltung Europas? HSFK-Report 5/95, Frankfurt/Main, Hessische Stiftung für Friedens-und Konfliktforschung.
Haglund, David G.: Die NATO-Erweiterung - Mission oder Mißton? Die Diskussion in Kanada und den USA. In: KAS-Auslandsinformationen Nr. 11/1997 (13. Jg.). S. 39-45.
35 Denn Politikwissenschaft ist auch an Steuerungsmöglichkeiten interessiert. Vgl. Beyme (1994) a. a. O. S. 89.
36 Merkel (1996b) a. a. O. S. 51.
7
wirtschaftliche Entwicklung gekoppelt sein. 38 Erst, wenn ein zufriedenstellendes Maß an Wohlstand
erreicht ist, kann sich mit der Zeit ein Vertrauensreservoir bilden, das die Legitimität der politischen
Eliten – und in einem weiteren Schritt des gesamten Systems – weitgehend von der ökonomischen
Performanz unabhängig macht. Aus den Ergebnissen dieser Untersuchung läßt sich ferner schließen,
daß die Konsolidierung und damit die demokratische Transition in Polen noch nicht vollendet ist, da
sich die Elitenebene noch nicht vollständig konsolidiert hat. Was unter dem für diese Arbeit zentralen
Terminus „politische Eliten“ konkret zu verstehen ist, soll im folgenden detailliert beschrieben werden.
Die bevorzugte Betrachtung der politischen Eliten bei der Untersuchung demokratischer
Konsolidierung liegt nahe, denn, so Merkel, das „Zusammenspiel von Systemstrukturen und
Elitenhandeln hat entscheidenden Einfluß auf die Legitimation einer noch unkonsolidierten
Demokratie [durch die Bevölkerung, HM].“ 39 Die Auffassung von einer herausgehobenen Bedeutung
der politischen Eliten in der demokratischen Transition allgemein ist in der Forschung weit
verbreitet 40 , und auch ein großer Teil der theoretischen Arbeiten speziell zur Konsolidierung
konzentriert sich auf die Untersuchung dieser Akteursebene. 41 Zum einen sind machtpolitische
Gegebenheiten bzw. die Machtverhältnisse zwischen den einzelnen Elitenfraktionen für die
37 Vgl. ebd. S. 54.
38 Diese These stimmt mit der modernisierungstheoretischen Erkenntnis überein, wonach ein enger Zusammen-
hang zwischen der Entwicklung von Demokratie und Marktwirtschaft besteht.
Vgl. u.a. Lipset, Seymour M.: Some Social Requisits of Democracy. In: American Political Science Review 1959, S.
69-105; Przeworski (1991) a. a. O; Welzel, Christian: Systemwechsel in der globalen Systemkonkurrenz: Ein evolu-tionstheoretischer Erklärungsversuch. In: Merkel (1996a)
39 Merkel (1996b) a. a. O. S. 51.
40 Die „Transitologie“ an sich ist ja durch eine theoretische Akteurslastigkeit gekennzeichnet. Der „initialen“
O’Donnell/Schmitter-Studie des Woodrow-Wilson-Centre liegt die Annahme zugrunde, daß während des Übergangs von einem Regime zum anderen die Verbindung zwischen institutionellen Strukturen und den Akteursentscheidungen gelockert ist. Dadurch erlangen die Akteure entscheidende Bedeutung für die Entwicklung des Systemwechsels. Vgl. O’Donnell; Schmitter (1986) a. a. O.; Przeworski (1991) a. a. O.; Bos (1996) a. a. O. S. 87. Und auch der „(neo)institutionalistische“ Approach muß aufgrund seines in der Regel weiten Institutionenbegriffs die Eliten als kritische Variable der Regelbefolgung einbeziehen. Vgl. O'Donnell, Guillermo: On the State, Democratization and some Conceptual Problems. Notre Dame 1993.; March, James G./Olson, Johan P.: New Institutionalism: Organizational Factors in Political Life. American Political Science Review Vol. 78, 1984. S. 734 -749.
41 Vgl. u.a. Bos (1996) a. a. O.; Merkel (1996b) a. a. O.; Rustow (1970) a. a. O.; Diamond (1990) a. a. O..
8
Herausbildung politischer Institutionen von entscheidender Bedeutung. 42 Zum anderen wird nach
Diamond daher und aufgrund der mangelnden Erfahrungen mit den im Enstehen befindlichen
Institutionenarrangements 43 und der Demokratie insgesamt die neue politische Ordnung primär über
die Eliten wahrgenommen:
„Where parties are only beginning to take shape, where open political life is only just emerging after decades of repression and fear, the culture of tolerance, trust, accomodation, and cooperation is yet to be born. (...) In such circumstances, elite actions, choices, and postures can have a formative impact in shaping the way their followers approach political discourse and conflict.“ 44
Mit dem Terminus Elite 45 können allgemein „Menschen in strategischen Positionen in öffentlichen und
privaten bürokratischen Organisationen“ bezeichnet werden, die die nationale Politik eines politischen
Systems „speziell, regelmäßig und nachdrücklich“ beeinflussen. 46 Das schließt Repräsentanten der
Regierungen, Parteien, aus Hauptverwaltungen/Holdings von privaten Unternehmen, Gewerkschaften
und anderen Organisationen, den Massenmedien, den Kirchen und des Erziehungswesens, von op-
ponierenden Gruppen usw. ein. 47 Da es die politischen Eliten 48 – und kaum die ökonomischen, ge-
sellschaftlichen oder kulturellen 49 – sind, die in der Konsolidierungsphase das neue politische System
den Bürgern gegenüber – qua professio – repräsentieren 50 , wird im folgenden das Verhältnis zwi-
schen den politischen Eliten und der Bevölkerung im Konsolidierungsprozeß behandelt. Poli-
tische Eliten sollen hier einem Positionsansatz 51 folgend definiert werden, in dem die Machthabenden
nach Higley und Burton als „top position-holders“ 52 mit den – herausgehobenen – offiziellen Positio-
nen identifiziert werden, die sie bekleiden. 53 Die Bezeichnung politische Eliten wird sich demnach auf
Ministerpräsidenten und Kabinettsmitglieder, Inhaber des Präsidentenamts und Parlamentarier in
42 Vgl. Kasapoviç, Mirjana; Nohlen, Dieter: Wahlsysteme und Systemwechsel in Osteuropa. In: Merkel, Wolf-
gang; Sandschneider, Eberhard; Segert, Dieter (Hrsg.): Systemwechsel 2. Die Institutionalisierung der Demokratie. Opladen 1996. S. 219.
43 So trat die demokratische polnische Verfassung nach langwierigen Debatten um ständig geänderte Entwürfe
erst im Jahr Acht des Systemwechsels, im Oktober 1997, in Kraft. Vgl. Tkaczynski, Jan Wiktor; Vogel, Ulrich: Polens neue Verfassung. In: KAS-Auslandsinformationen. Nr. 10/1997 (13. Jg.). S. 15. Künftig zitiert: Tkaczynski; Vogel (1997).
44 Diamond (1990) a. a. O. S. 59.
45 Der Begriff stammt vom französischen „élite“: Waren von höchster Güte. Vgl. Röhrich, Wilfried: Eliten und das
Ethos der Demokratie. München 1991. S. 24. Künftig zitiert: Röhrich (1991).
46 Vgl. Lowell Field, George; Higley, John: Eliten und Liberalismus. Opladen 1983. S. 34. Künftig zitiert: Field;
Higley (1983).
47 Vgl. ebd. S. 34.
48 Viele Mitglieder der neuen demokratischen Eliten begannen als gesellschaftliche oder kulturelle Eliten, wechsel-
ten im Zuge der Transition jedoch ins Lager der politischen Eliten. Vgl. Beyme (1994) a. a. O. S. 184.
49 Zur Unterscheidung verschiedener Elitengruppierungen vgl. u.a. Lasswell, Harold D.; Lerner, Daniel; Rothwell,
C. Easton: The Comparative Study of Elites. Stanford 1952. S. 6; Röhrich (1991) a. a. O. S. 35.
50 Vgl. auch Bos (1996) a. a. O. S. 86.
51 Vgl. Beyme, Klaus von: Die politische Klasse im Parteienstaat. Frankfurt 1993. S. 34. Künftig zitiert: Beyme
(1993).
52 Burton; Higley (1989) a. a. O. S. 18.
9
Polen beziehen. 54 Diese Definition hat auch den Vorteil, daß sie sich optimal in Eastons Ansatz der
Autoritäten als Unterstützungsobjekt fügt:
„They must engage in the daily affairs of a political system; they must be recognized by most members of the system as having the responsibility for these matters (...)“. 55
Nach Easton wären außerdem die einzelnen Institutionen wie beispielsweise „legislatures“ seiner
Kategorie der Autoritäten zuzuordnen. 56 Dieser umstritten weite Elitenbegriff wird hier jedoch nur
partiell übernommen, um eine mögliche Verschwommenheit des theoretischen Rahmens zu vermei-
den und die Operationalisierbarkeit zu gewährleisten. 57 Als einziger „institutionalisierter Akteur“ sol-
len daher die Regierungsmitglieder zusammengefaßt quasi als „Elitenkollektiv“ 58 , nämlich als die
Regierung, betrachtet werden – der Ministerpräsident wird aufgrund seiner herausgehobenen
Stellung gesondert untersucht. 59 Demnach werden hier die polnischen Präsidenten und Ministerpräsi-
denten, die Regierungen – und als Vergleichsgröße einer allgemeineren Ebene die Parlamentarier –
als politische Eliten gelten, deren Rolle im Prozeß der Konsolidierung zu untersuchen sein wird.
1.2.2. Demokratie und Stabilität
Ziel dieses Konsolidierungsprozesses und damit der demokratischen Transition insgesamt ist das
Erreichen einer stabilen, „dauerhaften“ 60 demokratischen Ordnung. Die Grundfrage einer Arbeit, die
den Weg eines autoritären Systems hin zu einem solchen dauerhaft-demokratischen untersucht, ist
die nach der Beschaffenheit dieses Zielzustandes. Zum einen stellt die Demokratiedefinition das obe-
re Ende der Meßlatte zur Bewertung des gegenwärtigen Status Quo der – in diesem Fall polnischen
53 Vgl. auch Easton (1965) a. a. O. S. 212ff.
54 Dies entspricht auch der Konzeption von Westle. In ihrer Untersuchung zur Legitimität in der Bundesrepublik
zählt sie zu den politischen Herrschaftsträgern die Gesamtheit aller amtierenden und nicht amtierenden Inhaber von politischen Rollen, konkret die Politiker aus Regierung und Opposition. Vgl. Westle (1989) a. a. O. S. 249f.
55 Easton (1965) a.a.O.: S. 212. Das Engagement, vor allem aber die Zuordnung von Verantwortlichkeit sind Eigen-
schaften, die vor allem für Regierungsmitglieder, Parlamentarier und den Präsidenten als herausgehobenste Repräsentanten („top position-holders“) des politischen Systems Geltung beanspruchen können, während Entscheidungsträger der „hinteren Reihen“, zum Beispiel Ministerialbürokratie oder auch Politiker auf lokaler Ebene, auf-grund mangelnder Öffentlichkeit von der Bevölkerung in der Regel kaum wahrgenommen werden. Davon abgesehen unterscheiden die Bürger in Polen nach wie vor kaum zwischen zentraler und lokaler Machtausübung und begreifen in der Regel letztere als eine Funktion der ersteren. Vgl. Miszczak, Krzysztof: Die Entwicklung des Parteiensystems in Polen. In: KAS-Auslandsinformationen. Nr. 10/1994 (10. Jg.). S. 92. Künftig zitiert: Miszczak (1994).
56 Vgl. Easton (1975) a. a. O. S. 438. Das Regime konstituiert sich im Gegensatz dazu nach Easton durch das gesam-
te, spezifische Institutionengefüge, „the structure of authority“ (Easton (1965) a. a. O. S. 193). Siehe dazu auch Fuchs (1989) a. a. O. S. 15.
57 Vgl. Fuchs (1989) a. a. O. S. 15f.
58 Vgl. Bos (1996) a.a.O..
59 Aus verständlichen Gründen könnte im Rahmen dieser Arbeit kaum die Legitimität jedes einzelnen Politikers
beobachtet werden - die Betrachtung der Regierung als „institutionalisierter Elitenakteur“ ermöglicht es, die Rolle der wichtigen Elitenmitglieder des Kabinetts im Konsolidierungsprozeß trotzdem zu untersuchen.
10
– Entwicklung dar, zum anderen leitet sich aus der Definition damit auch die Grenze der Konsolidie-
rungsphase ab, deren Untersuchung Gegenstand dieser Arbeit ist. 61
Mit Robert Dahl, dessen Konzept quasi „zum gemeinsamen Ausgangspunkt in der
politikwissenschaftlichen Systemwechselforschung“ wurde 62 , kann man ein politisches System dann
demokratisch nennen, wenn es bestimmte „Minimalkriterien“ erfüllt 63 , um Wettbewerb und Parti-
zipation, die nach Schumpeter grundsätzlichen Dimensionen der Demokratie, zu gewährleisten. 64
Hauptkritikpunkt an dieser Konzeption ist ihr hoher Generalisierungsgrad. Er führt laut O’Donnell zu
dem problematischen Resultat, daß teilweise demokratisch-autoritäre Mischformen der Herrschaft,
zum Beispiel in einigen postkommunistischen Ländern, als „echte“ demokratische Systeme erschei-nen. 65 Dahls Definition läßt außerdem die historisch-kulturelle Dimension der politischen Ordnung außer
acht, welche laut Schmitter im Demokratiebegriff mit reflektiert werden muß und die über feststehen-
de Verfahren und Institutionen hinausgeht. 66 Eine ganze Reihe von „Rückfällen“ demokratischer
Transitions- in autoritäre Systeme hat gezeigt, daß die formale Installation einer demokratischen
Ordnung keineswegs demokratischen Erfolg garantiert. 67 Es scheint daher notwendig, die prozedura-
len Minima Dahls zu einer umfassenderen und genaueren Definition zu erweitern.
Entsprechend der Verankerung des in dieser Arbeit zentralen Legitimitätsbegriffs im Bereich der
politischen Kulturforschung, soll der in der Analyse verwendete Demokratiebegriff e-
benfalls aus diesem Forschungsfeld gewählt werden. Nach dem „civic culture“-Konzept von Almond
und Verba 68 konstituieren zwei Grundelemente ein politisches System: die Struktur des Systems
60 Der Begriff der Dauerhaftigkeit („durability“) geht zurück auf: Eckstein, Harry; Gurr, Ted Robert: Patterns of
Authority: A Structural Basis for Political Inquiry. New York 1975.
61 Zur Definition von Konsolidierung genauer in Abschnitt 1.2.7. des Theorieteils, bis dahin soll als vorläufige
Beschreibung ihre Charakterisierung als die Phase zwischen der formellen Errichtung eines demokratischen Systems durch allgemeine, gleiche, freie Wahlen und der Erreichung eines stabilen und dauerhaften demokratischen Systems genügen. Vgl. O’Donnell; Schmitter (1986) a. a. O. S. 3; 6ff.)
62 Merkel (1996b) a. a. O. S. 33.
63 Vgl. Dahl, Robert: Polyarchy. New Haven/Yale 1971. Künftig zitiert: Dahl (1971).
64 Vgl. Schumpeter, Joseph: Capitalism, Socialism and Democracy. London 1961.
Zu dem auf Schumpeter rekurrierenden Dahlschen Minimalkatalog gehören Assoziationsfreiheit, Meinungsfreiheit, aktives und passives Wahlrecht, das Recht politischer Führungspersonen, um Wählerstimmen zu konkurrieren, Pluralismus der Informationsquellen, freie und faire Wahlen, und Institutionen, die die Regierungspolitiken von den Wählerstimmen und anderen Ausdrucksformen von Präferenzen, abhängig machen. Vgl. Dahl (1971) a. a. O. S. 3).
65 Vgl.. O’Donnell, Guillermo (1994) a. a. O. S. 56. O’Donnell kritisiert, daß nach Dahl’s Kriterien die meisten der
postkommunistischen Systeme als demokratisch bezeichnet werden müßten, obwohl es sich bei einigen von ihnen bestenfalls um semi-demokratische, „delegierte Demokratien“ handelt.
66 Schmitter, Philippe C: The Consolidation of Political Democracy in Southern Europe. Unveröff. Ms. Florenz
1985. S. 14. Zitiert nach: Merkel (1996b) a. a. O. S. 34.
67 So folgt laut Huntigton jeder „Welle der Demokratisierung“ auch eine „Reverse-Wave“, in der sich demokrati-
sierte Systeme wieder in autoritäre „zurückverwandeln“. Vgl.. Huntington (1991) a. a. O. S. 13ff.
68 Vgl. Almond; Verba (1963) a. a. O..
11
und die Kultur des Systems. Unter der Struktur versteht Almond in einer Weiterführung dieses
Konzepts die konkreten Institutionen- und Rollenarrangements:
„(...) political systems have institutions, or structures, such as parliaments, bureaucracies, courts, and political parties, which carry on specific activities (...).“ 69
Als Kultur bezeichnen Almond, Verba und Powell die „psychologische Dimension“ des Systems: 70
„A political culture is a particular distribution in a particular nation of people having similar or different political attitudes, values, feelings, information, and skills.“ 71 „The political culture affects the conduct of individuals in their political roles, the content of their political demands, and their responses to laws.“ 72
„The term political culture thus refers to the specifically political orientations - attitudes toward the political system and its various parts, (and attitudes toward the role of the self in the system.)“ 73
Ein politisches System ist laut Almond und Powell dann stabil, wenn die System-Struktur und die
System-Kultur 74 „kongruent“ sind, d.h. wenn die Institutionenordnung die Einstellungen der Bevölke-
rung möglichst genau widerspiegelt und umgekehrt: 75 „A democratic form of a participatory political
system requires as well a political culture consistent with it.“ 76
1.2.3. Legitimität als politische Unterstützung
Der „Deckungsgrad“ beider Grundelemente des Systems wird mit Hilfe der politischen
U n terstützung – aufgrund entsprechender Einstellungen auf der Kulturebene – für die
Strukturebene analysiert. Easton definiert diesen Begriff folgendermaßen:
„In short, in its common usage support refers to the way in which a person evaluatively orients himself to some object through either his attitudes or his behavior.“ 77
Der Legitimitätsbegriff von Almond und Verba rekurriert auf Easton, der das politische System in
Anlehnung an die Kybernetik als „Input-Conversion-Output“-Zyklus definiert 78 , dessen Stabilität
dann garantiert sei, wenn der Output des Systems in Politikergebnissen die Bedürfnisse („demands“)
69 Almond, Gabriel: Introduction. In: idem (Hrsg.): Comparative Politics Today: A World View. Boston; Toronto
1974. S. 4. Heraushebung im Original.
70 Vgl. Almond; Powell (1978) a. a. O. S. 13.
71 Almond, Gabriel: Political Processes. In: idem (Hrsg.): Comparative Politics Today: A World View. Boston; Toronto 1974. S. 50. Künftig zitiert: Almond (1974).
72 Almond; Powell (1978) a. a. O. S. 25.
73 Almond; Verba (1963) a. a. O. 13.
74 Der Begriff System-Struktur bzw. -Kultur wird verwandt, da Almond und Verba vom System-Level noch einen Process- und einen Policy-Level unterscheiden, die jedoch in dieser Arbeit nicht untersucht werden. Die Beschränkung auf die System-Ebene läßt sich mit Fuchs auf ihrer von Almond und Powell herausgestellten Funktion des Systemerhalts und der Anpassung gründen. Vgl. Fuchs (1989) a. a. O. S. 9. Siehe auch Almond; Powell (1978) a. a. O. S. 13ff.
75 Vgl. Almond; Verba (1963) a. a. O. S. 21, 36.
76 Ebd. S. 5.
77 Easton (1975) a. a. O. S. 436.
78 Vgl. die Adaption des Easton-Modells bei Almond; Powell (1978) a. a. O. S. 9ff.
12
der Bevölkerung in einem Maß befriedigt, das diese dazu veranlaßt, dem System ihre Unterstützung („support“) zu erteilen: 79
„Persistence of a system as a means for converting wants to binding decisions will depend in part, therefore, upon the capacity of the system to stimulate enough support so as to maintain some kind of viable regime.“ 80
Die Umwandlung von Bedürfnissen in entsprechende Ergebnisse ist nach Easton Kernfunktion des politischen Systems. Diese Funktion ist solange gewährleistet, wie das System in der Lage ist, Unterstützung zu produzieren und zu erhalten:
„Without the support (...), the authorities would encounter severe difficulties in processing demands through to outputs or implementing decisions already taken.“ 81
„Support“ ist demnach „die kritische Variable“ des Systemerhalts. 82 Sofern es sich um einen rein deskriptiven Legitimitätsbegriff handelt, werden in der Forschung die Bezeichnungen politische Unterstützung und Legitimität in der Regel synonym verwendet. 83 Dieser Arbeit liegt ein solcher deskriptiver Begriff zugrunde. Es wird also nicht untersucht, inwieweit eine demokratische Ordnung universalen, normativen Idealvorstellungen entspricht, sondern inwieweit sie tatsächlich als „rechtmäßig“ 84 anerkannt und unterstützt wird 85 , was Lipset definiert als „the capacity of the system to engender and maintain the belief that the existing political institutions are the most appropriate ones for the society“. 86 Es handelt sich also im Kern um ein Evaluierungskonzept, mit dessen Hilfe bestimmte Objekte nach spezifischen Standards bewertet werden. Diese Bewertungen manifestieren sich in Einstellungen und in Verhalten. Da Einstellungen an sich nicht beobachtbar sind, muß sich eine Untersuchung der Legitimität auf beobachtbares Verhalten beschränken, das heißt auf geäußerte Meinungen, Wahlentscheidungen, politische Proteste etc.
79 Vgl. Easton (1965) a. a. O. S. 29ff.
80 Easton (1965) a. a. O. S. 211. Easton verwendet anstelle des Stabilitäts- den Persistenzbegriff, um nicht den Eindruck zu erwecken, daß damit ein statischer Zustand gemeint ist. Der Persistenz soll die für ein Bestehen politischer Systeme notwendige Flexibilität und Anpassungsfähigkeit mit reflektieren, in der Forschung hat sich dieser neue Begriff jedoch nicht durchsetzen können, daher wird hier weiterhin der gängigere Terminus Stabilität verwendet.
81 Easton (1965) a. a. O. S. 154.
82 Vgl. Fuchs (1989) a. a. O. S. 13.
83 Vgl. Westle (1989) a. a. O., die den Begriff Legitimität verwendet und ihrer Untersuchung auch einen entsprechenden Titel gibt, während Fuchs (1989) a. a. O., der einer fast identischen Fragestellung nachgeht, in Anlehnung an Easton den Unterstützungsbegriff gebraucht.
84 Vgl. Weber (1964) a. a. O. S. 22ff.
85 Legitimität ist damit an die Präferenzen der Bürger gekoppelt und nicht an abstrakte Werte mit von der Bevölkerung unabhängiger Geltung.
86 Lipset, Seymour Martin: Political Man. Baltimore, Maryland 1981 (Expanded Edition, Erstausgabe 1960). S. 64.
1.2.4. Objekte der Legitimität
Dieser sehr allgemeine Legitimitätsbegriff soll mit Hilfe des Konzepts von Easton genauer eingegrenzt werden: Innerhalb der Struktur des politischen Systems unterscheidet Easton drei primäre Objekte der Legitimität 87 , auf die sich Unterstützungseinstellungen und -verhalten jeweils richten können 88 : Die politische Gemeinschaft, von Easton synonym verwendet mit dem Begriff der Nation bzw. des Nationalstaates 89 . Das politische Regime, nach Easton „ the structure of authority roles“, gleichzusetzen mit dem Institutionengefüge aus Regierung, Parlament, Gerichten etc. 90 und die Autoritäten, die er als „Rolleninhaber“ bezeichnet, d.h. die konkreten Personen, die bestimmte Rollen im politischen System – Präsident, Premierminister etc. – einnehmen; ursprünglich ausschließlich auf die Regierung bezogen, erweitert auf alle Rolleninhaber vom „Präsidenten bis zum Polizisten“ 91 .
Die einzelnen Legitimitätsobjekte sind nach Easton interdependent, die Legitimität der unterschiedlichen Objekte beeinflußt sich wechselseitig. So kann die Legitimität des Regimes laut Easton durch einen „Overflow“ auch legitimierend auf die Eliten wirken, während umgekehrt als legitim betrachtete Eliten ein „Überfließen“ von Legitimität zur Regime-Ebene bewirken können. 92 Entwicklungen in der politischen Unterstützung der politischen Eliten beeinflussen also auch die anderen Objekte und damit die Gesamtstabilität des Systems. Nur wenn alle Objekte ausreichend Legitimität besitzen, ist diese Stabilität gewährleistet. Aufgrund dieser Interdependenzen läßt die Analyse der politischen Eliten Schlüsse auf die Konsolidierung des Gesamtsystems zu, denn ihre Legitimität ist eine Voraussetzung für den Abschluß der letzten Transitionsphase.
1.2.5. Legitimitätsdimensionen
Eine weitere Spezifizierung der Legitimität erfolgt auf der Grundlage von Arbeiten Parsons, mit dessen Hilfe drei unterschiedliche Dimensionen von Legitimität identifiziert werden können 93 :
87 Vgl. Easton (1975) a. a. O. S. 435f. Für Easton ist jedoch Legitimität eine Unterkategorie der politischen Unterstützung (vgl. Easton (1965) a. a. O. S. 278ff). Diese Unterscheidung wird in dieser Arbeit nicht übernommen, da sie erhebliche Schwächen und Unstimmigkeiten aufweist, die in der Forschung eingehend kritisiert wurden. Westle als eine der kritischen Stimmen modifiziert das Konzept in einer Weise, daß es annähernd dem hier verwendeten entspricht. Vgl. Westle (1989) a. a. O. S. 252ff).
88 Easton (1965) a. a. O. S. 157.
89 Als Besipiel führt Easton an: „The political community that is Great Britain“ (Easton (1965) a.a.O.: S. 190)
90 Vgl. Easton (1965) a.a.O.: S. 193.
91 Vgl. Easton (1965) a. a. O. S. 212f und idem (1975) a. a. O.: S. 438. Aus verständlichen Gründen wird sich die Analyse mehr am ersten Ende dieses Kontinuums orientieren.
92 Easton (1965) a. a. O. S 287f: „For the objects, loss of support may mean that the members are losing confidence in the authorities but not in the regime; or in the regime alone and yet with the hope that they can maintain the authorities relatively intact.“
93 Vgl. Parsons (1951) a. a. O.
14
•eine instrumentelle
•eine expressiv-personale
•eine moralische Legitimitätsdimension. 94
Parsons bezieht sich dabei auf die entsprechenden „Bestimmungen sozialen Handelns“ von Weber,
der diese „Bestimmungen“ ebenfalls mit dem Legitimitätsbegriff verbindet. 95 Die drei Elemente
bezeichnen Motive, aus denen Unterstützung gewährt wird, es handelt sich also um drei
unterschiedliche Modi der Evaluierung, durch die sich der bewertende Aktor in Relation zum Objekt
der Unterstützung setzt. 96
Zum einen kann sich nach Parsons Legitimität gründen auf eine instrumentelle Unterstützungsmoti-vation. Dabei steht das Interesse, ein gegebenes Ziel zu erreichen („goal-attainment“), im
Vordergrund. 97 Das Maß der Bewertung ist die perzipierte 98 Effektivität der Zielerreichung 99 ,
„this process, seen primarily in terms of its relation to ends, is v ariously called ‘attainment’,
‘realization’, and ‘achievement’.“ 100 Mit Westle läßt sich diese allgemeine Definition genauer auf den
Fokus dieser Arbeit konzentrieren. 101 Nach ihr werden im Rahmen der instrumentellen Legitimität die
„Outputs“ im Sinne von Leistungen der politischen Eliten bewertet. 102 Diese Form der Unterstützung
„(...) ist damit eingegrenzt auf instrumentelle Outputbewertung der politischen Herrschaftsträger, also auf einen expliziten oder impliziten Vergleich von aktuellen, tagespolitischen Leistungen der politischen Herrschaftsträger mit den politischen Präferenzen des Bewertenden“. 103
Bezugspunkt ist also nicht die Bewertung des Elitenhandelns nach Befolgung bestimmter ethischer
Normen in Verfolgung eines bestimmten idealen Gesellschaftstyps, sondern das jeweils konkrete
Ergebnis im „Attainment“ von für den Bewertenden wichtigen Zielen. Die Evaluierung wird laut Par-sons durch sogenannte „Effizienznormen“ vorgenommen, Grundlage sind die konkret beobachtbaren
94 Aus diesen drei Kategorien setzt sich die evaluative Handlungsorientierung zusammen. Diese ist wiederum eine
Unterform der Handlungsorientierungen generell, bei denen Parsons die Ebenen kognitiv, kathektisch und eben evaluativ unterscheidet. Bei der evaluativen Orientierung handelt es sich also um eine spezifische (Unter-) Form der Orientierung. Vgl. Parsons (1951) a.a. O. S. 7.
95 Weber (1964) a.a.O.: S. 17.
96 Parsons unterscheidet dabei verschiedene Objekte der Handlungsorientierung: physische, kulturelle und sozia-
le Objekte. Beim politischen System, das hier untersucht wird, handelt es sich um ein soziales Objekt. Vgl. Parsons (1951) a.a.O.: S. 4.
97 Vgl. ebd. S. 49.
98 „Umfassende Detailkenntnis ist (...) keineswegs nötig für Outputbewertungen instrumenteller Art, sie können
auch auf - extrem betrachtet - ‘unzureichender’ oder ‘falscher’ Kenntnis beruhen.“ Westle (1989) a. a. O.184.
99 Vgl. Parsons (1951) a. a. O. S. 48. und Fuchs (1989) a. a. O. S. 24.
100 Parsons, Talcott: The Structure of Social Action. A Study in Social Theory with Special Reference to a Group
of Recent European Writers. Glencoe, Illinois 1949. S. 45. Künftig zitiert: Parsons (1949).
101 Westle bearbeitet konkret das Unterstützungsmodell Eastons, erweitert es jedoch auch mit Hilfe von Parsons,
so daß die Kategorien zwar durch unterschiedliche Begriffe benannt werden, inhaltlich jedoch weitgehend identisch sind. Vgl. Westle (1989) a. a. O. S. 252ff.
102 Vgl. ebd. S. 185.
15
Auswirkungen auf die individuelle Situation. 104 Instrumentelle Legitimität der politischen Eliten bezeichnet also ihre perzipierte Effizienz im Sinne der wahrgenommenen Leistungen beim Lösen der als am drängensten empfundenen Probleme. In K a pitel 4 werden daher zunächst die für die polnische Bevölkerung wichtigsten Probleme herausgearbeitet und daraus ein auf die polnische Situation zugeschnittenes Bewertungsraster erstellt, mit dessen Hilfe die instrumentelle Legitimität der Eliten analysiert wird. Als zentrale Grundlage zur Bewertung der Eliteneffizienz erscheint ihre perzipierte Leistung bei der Befriedigung grundsätzlicher, materieller Bedürfnisse, konkret ihre ökonomische Performanz. 105 So betrachtet auch Friedrich „wirtschaftlichen Erfolg“ als eine wichtige Quelle, aus der den Herrschenden Unterstützung zufließen kann. 106 Als Beispiel zur Illustration instrumenteller Motivationen nennt Parsons folgerichtig die Erreichung finanziellen Profits. 107 Die zweite Dimension des verwendeten Legitimitätsbegriffs ist die personal- expressive. Expressive Evaluierung bedeutet nach Parsons zunächst die Schätzung eines Objekts nicht um seiner konkreten Leistungen, sondern um seiner selbst willen. 108 Diese Unterstützungsdimension geht zurück auf das Charisma-Konzept Webers, das hier in modifizierter Form als erstes von drei Elementen personal-expressiver Legitimität verwendet werden soll. Danach wird bestimmten Persönlichkeiten aufgrund des Glaubens an ihre gleichsam göttliche „Gnadengabe“ 109 zur Führung Unterstützung gewährt. Diese Anerkennung ist, so Weber, „psychologisch eine aus Begeisterung oder Not und Hoffnung geborene gläubige, ganz persönliche Hingabe“. 110 Das Charisma als besondere Qualifikation zur Führung kann laut Easton echt oder unecht sein, letztendlich genügt der Glaube daran, um der entsprechenden Elitenpersönlichkeit Gefolgschaft zu sichern. 111 Die Grenzen des Charismas sind die des Erfolgs:
103 Ebd. S. 186. Hervorhebung im Original.
104 Vgl. Parsons (1949) a. a. O. S. 56. Siehe auch Wenzel, Harald: Einleitung des Herausgebers. In: Parsons, Talcott: Aktor, Situation und normative Muster. Frankfurt/Main 1986. S. 39.
105 Dies entspricht den Beobachtungen Maslows, wonach die grundsätzlichen und wichtigsten menschlichen Bedürfnisse materieller Natur sind, während „immaterielle“ Bedürfnisse in der Hierarchie einen nachgeordneten Platz einnehmen. Vgl. Maslow, Abraham H.: Motivation and personality. New York, Evanston, London 1954. Insbesondere S. 35ff.
106 Friedrich, Carl Joachim: Politik als Prozeß der Gemeinschaftsbildung. Eine empirische Theorie. Köln; Opladen
1970. S. 111.
107 Vgl. Parsons (1951) a. a. O. S. 53.
108 Vgl. Fuchs (1989) a. a. O. S. 24.
109 Nichts anderes bedeutet der altchristliche Terminus „Charisma“. Vgl. Weber (1964) a. a. O. S. 160).
110 Weber (1964) a. a. O. S. 179.
111 „Yet we know that many powerful leaders display what might be called a spurious charisma. They are able to manipulate large numbers of followers precisely because they can apprear to be what in fact they are not.“ Easton (1965) a. a. O. S. 304.
Diese Form der Legitimierung erscheint prädestiniert für Phasen abrupten sozialen Wandels und daraus resultie- render sozialer Unsicherheit, in denen die „herkömmlichen“ Mittel der Politik zu versagen scheinen.
16
„Bleibt die Bewährung dauernd aus, zeigt sich der charismatisch Begnadete von seinem Gott oder seiner magischen oder Heldenkraft verlassen, bleibt ihm der Erfolg dauernd versagt, vor allem: bringt seine Führung kein Wohlergehen für die B e herrschten, so hat seine charismatische Autorität die Chance zu schwinden.“ 112 Mit Eastons Begriff der „personalen Legitimität“ läßt sich ein weiteres Element personal-expressiver Legitimität bestimmen. Danach ist bedeutsam, inwieweit es den politischen Eliten gelingt Unterstützung durch die – expressive – Artikulation der Bedürfnisse und Wünsche der Bürger zu erlangen. 113 Das letzte Element personal-expressiver Legitimität rekurriert wiederum auf Parsons. Danach sind weiterhin affektive bzw. „emotionale“ Bindungen bedeutsam. 114 Zum einen bedeutet dies mit der Parsons-Interpretation Westles eine Bewertung nach dem Code
sympathisch/unsympathisch. 115 Zum anderen erfolgt die Evaluierung der Eliten hier danach, inwieweit sie unmittelbare Bedürfnisbefriedigung in Aussicht stellen und ihnen dies geglaubt wird 116 , wobei es keine Rolle spielt, ob diese Aussicht mit der Chance auf Realisierbarkeit verbunden ist. 117 Es sind also insgesamt drei Elemente, aus denen sich personal-expressive Legitimität zusammensetzt:
1. charismatische Berufung zum Führen.
2. (expressive) Artikulation von Wünschen und Bedürfnissen
3. affektive Attraktion durch Sympathie und die Aussicht auf unmittelbare Bedürfnisbefriedigung Die dritte und letzte Dimension richtet sich an moralischen Standards aus. 118 Weder Ziele, noch Gratifikationsinteressen stehen im Mittelpunkt dieser Legitimitätsform, sondern das Ordnungssystem selbst, nach dem die Ziele und Gratifikationen organisiert sind. 119 Das bedeutet auch, daß die moralische Evaluierung weitgehend unabhängig von der erfolgreichen Performanz des Legitimitätsobjekts ist. 120 Bei dieser Handlungsform steht der Aktor in einer Beziehung der Verantwortlichkeit zu den Interessen der Gemeinschaft. Aber selbst, wo dies nicht der Fall ist, definiert die moralische Orientierung die institutionellen Grenzen der „permissiveness of action“. 121 Ins Positive gewendet weist die moralische Legitimitätsdimension als imperativer Modus auf einen bestimmten Sachverhalt, der exis-
112 Weber(1964) a. a. O. S. 179. Hervorhebung im Original.
113 Vgl. Easton (1965) a. a. O. S. 295.
114 Vgl. Parsons (1951) a. a. O. S. 47.
115 Vgl. Westle (1989) a. a. O. S. 288f.
116 Vgl. Parsons (1951) a. a. O. S. 49.
117 Unterstützung kann den Eliten zufließen „precicely because they can apprear to be what in fact they are not.“ Easton (1965) a. a. O. S. 304.
118 Nach Parsons ist sie eine Synthese aus kognitiver und appreziativer Orientierung. Mit Hilfe der moralischen Orientierung wird also sowohl eine bestehende Situation definiert, als auch ihre Einschätzung im Hinblick auf die eigene Bedürfnisstruktur. Vgl. Parsons (1951) a. a. O. S. 14.
119 Vgl. ebd. S. 50.
120 Vgl. Weber (1964) a. a. O. S. 17.
121 Parsons (1951) a. a. O. S. 50f.
17
tieren sollte. 122 Mit anderen Worten handelt es sich bei dieser Komponente um eine Bewertung
nach moralischen Überzeugungen als „articulated sets of ideals“. 123 Nach Easton ist dies die Konzep-
tion eines erstrebenswerten Typs einer Herrschaftsordnung: 124 der „Ist-Zustand“ der materialen poli-
tischen Ordnung wird in Bezug gesetzt zu einer – wie auch immer gearteten – individuellen (Ideal-
)Vorstellung einer Ordnung. 125 Westle beschreibt moralische Legitimität in diesem Sinne als:
„(...) ideologische Outputbewertung der politischen Herrschaftsträger, denn diese können nicht nur nach persönlichen Qualitäten und politischen Fähigkeiten sowie ‘tagespolitischen’ Leistungen bewertet werden, sondern auch danach, ob sie sich der politischen Ordnungsvorstellung des Befragten (...) gemäß verhalten.“ 126
Fokus der moralischen Legitimität ist also die Bewertung der Leistungen der politischen Eliten im
Hinblick auf den Aufbau bzw. Erhalt einer politischen Ordnung, die der persönlichen Vorstellung des
Bewertenden von einer erstrebenswerten Herrschaftsform entspricht. 127 In Kapi tel 2 wird
demnach zunächst das zu Beginn der Transition herrschende Verständnis von einem legitimen
politischen System in Polen herauszuarbeiten sein, im weiteren Verlauf soll dann die Bewertung der
politischen Eliten im Hinblick auf die konsequente Verfolgung dieser Vorstellung untersucht werden.
122 Vgl. Parsons, Talcott: Aktor, Situation und normative Muster. Frankfurt/Main 1986. S. 72.
123 Vgl. Easton (1965) a. a. O. S. 290.
124 Vgl. ebd.
125 Vgl. Westle (1989) a. a. O. S. 196.
126 Ebd. S. 192. Easton und Westle bezeichnen neben Almond die politische Ordnungsvorstellung als Ideologie.
Dieser Begriff ist stark belastet. Sartori charakterisiert seine Verwendung in diesem Zusammenhang zurecht als „irreführend“. Aus diesem Grund wurde er hier nicht im Rahmen des theoretischen Konzepts verwendet. Vgl. Sartori, Giovanni: Demokratietheorie. Darmstadt 1992. S. 499, Anm. 14, S. 99; Westle (1989) a.a.O. ebd.; Easton (1965) a. a. O. S. 290; Almond (1974) a. a. O. S. 51.
127 Zu der Übereinstimmung der Ordnungsvorstellung von Bewertendem und Bewertetem vgl. auch Weber (1964)
a. a. O. S. 16.
Gemeinschaft
Quelle: Fuchs, Dieter: Die Unterstützung des politischen Systems der Bundesrepublik
Diese drei Dimensionen von Legitimität repräsentieren den hier zu untersuchenden Ausschnitt aus der Kultur des politischen Systems (siehe Abb.1). Bei der Untersuchung der Legitimität in der demokratischen Konsolidierung in Polen steht die Analyse der spezifischen „Mischungsverhältnisse“ der einzelnen Komponenten im Mittelpunkt. Aus diesem Mischungsverhältnis soll auch das Maß der Legitimität der politischen Eliten abgeleitet werden. Laut Weber reicht nämlich politische Unterstützung 128 , die sich vornehmlich auf das Vorkommen einer einzelnen Dimension – wie der instrumentellen – stützt, nicht aus, um Herrschaft zu legitimieren, sondern führt zu einem „relativ labilen Bestand“ der Ordnung. 129 Nach seinen Erkenntnissen müssen auch die anderen Unterstützungsdimensionen hinzutreten. 130 Daher soll die Ebene der politischen Eliten in dieser Arbeit dann als vollständig legitimiert gelten, wenn die moralische, die expressiv-personale und die instrumentelle Legitimitätsdimension in jeweils weitgehend gleichem Maß gemeinsam die Unterstützungsbasis der politischen Eliten bilden.
128 Bei Weber Motivation zur Anerkennung der Herrschaft. Vgl. ebd. S. 122.
129 Vgl. Weber (1964) a. a. O. S. 122.
130 Nach Weber andere „Motive der Herrschaftsanerkennung“. Vgl. ebd.
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Dr. Holger Muench, 1998, Legitimität als Schlüsselkategorie der demokratischen Konsolidierung in Polen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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