1. Einleitung
Searle hat seine Auffassung der Theorie der indirekten Sprechakte in seinem Artikel „Indirekte Sprechakte“ (1982) dargestellt. Er weist dabei auf „solche Fälle, in denen der Sprecher einen Satz äußert, zwar meint, was er sagt, aber darüber hinaus noch etwas mehr meint“ 1 . Zum Beispiel der Sprecher äußert den Satz „Ich möchte, dass du den Pfand abgibst.“, um den Hörer zu bitten, den Pfand abzugeben. Das ist eine Bitte, die durch eine Feststellung zustande kommt. Und solche Fälle bezeichnet Searle als 'indirekt'. 2 Die Sprechakttheorie rief vermutlich das größte Interesse unter den Themen der allgemeinen Theorie des Sprachgebrauchs hervor, dabei sind die Auffassungen der Sprachphänomene der Indirektheit und Nichtwörtlichkeit sehr unterschiedlich und hängen von der jeweils zugrunde gelegten Theorie ab. 3
Das Ziel meiner Arbeit ist aufgrund der kritischen Literatur aus dem englisch- 4 und deutschsprachigen 5 Raum die Hauptprobleme der Theorie der indirekten Sprechakte von Searle feststellen.
Zuerst beschäftige ich mich mit kurzer Darstellung der Theorie der indirekten Sprechakte von Searle. Seine Theorie ist eng mit der allgemeinen Sprechakttheorie verbunden. Sie lasse ich aber aus Platzgründen aus und setze die Kenntnisse der Grundzüge der Sprechakttheorie von Austin und Searle bei den Lesern voraus. Dann möchte ich die verschiedenen Problemen, die im Zusammenhang mit indirekten Sprechakten erwähnt wurden, und mögliche Lösungen darlegen. Am Ende stelle ich die alternativen Theorien, die die Theorie von Searle widerlegen, vor.
1Searle, J. R. (1982): Indirekte Sprechakte. In: ders.: Ausdruck und Bedeutung. S. 51. 2Vgl. Searle (1982), S. 51.
3Vgl. Levinson (2000): Pragmatik. S. 247; Meibauer (1991): Indirektheit. In: ders.: Pragmatik. Eine Einführung. S. 116.
4Levinson (2000): Pragmatik; Bertolet, Rod (1998): Are there indirect speech acts? In: Tsohatzidis, Savas L. (ed.): Foundations of speech act theory. p. 335-349.
5Ehrich, Veronika / Saile, Günter (1972): Über nicht- direkte Sprechakte. In: Wunderlich, Dieter (Hg.): Linguistische Pragmatik. S. 255-287; Franck, Dorothea (1975): Zur Analyse indirekter Sprechakte. In: Ehrich, V. / Finke, P. (Hg.): Beiträge zur Grammatik und Pragmatik. S. 219-231; Meibauer, J. (1991): Indirektheit. In: ders.: Pragmatik. Eine Einführung.; Meyer-Hermann, Reinhard (1976): Direkter und indirekter Sprechakt. In: Deutsche Sprache 4, S. 1-19; Sökeland, Werner (1980): Indirektheit von Sprechhandlungen. Eine linguistische Untersuchung; Wunderlich, Dieter (1972): Zur Konventionalität von Sprechhandlungen. In: Wunderlich, D. (Hg.): Linguistische Pragmatik. S. 11-58.
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2. Die Theorie der indirekten Sprechakte von Searle
Nach Searle vollzieht ein Sprecher einen indirekten Sprechakt, indem er einen anderen illokitionären Akt vollzieht. Genauer gesagt, er vollzieht einen primären, den indirekten Illokutionsakt, indem er den sekundären oder wörtlichen Illokutionsakt vollzieht. 6 Die Ableitung der primären Illokution aus der wörtlichen erfolgt, aufgrund „der Sprechakttheorie, der allgemeinen Prinzipien kooperativer Konversation, außersprachlicher Hintergrundinformationen, über die Sprecher und Hörer gemeinsam verfügen, und die Fähigkeit des Hörers, Schlüsse zu ziehen“ 7 . Das Problem ist dabei, dass solche Sätze wie Würdest du mir helfen? Du könntest ein bisschen aufräumen. Warum nicht hier aufhören?
schon beinahe konventional als indirekte Bitten verwendet werden 8 und der Hörer „sie einfach als Bitte hört“ 9 . Laut Searle sind die aber keine Idiomen und nicht 'kontextuell mehrdeutig', sondern zwingen den Hörer genauso wie bei den nicht systematisch verwendeten Fällen X: Komm, wir gehen heute ins Schwimmbad.
Y: Ich muss meiner Mutter helfen. (primäre: Absage, sekundäre: Feststellung) für die Ableitung des primären Illokutionszwecks bestimmte Schlussfolgerungen zu ziehen. 10 Den Zusammenhang zwischen dem direkten und indirektem Gebrauch stellt er bei den konventionalen Sprechakten durch sogenannte Generalisierungen, die die Gelingensbedingungen betreffen, her. 11
Zum Beispiel, beim Abendessen erfordert die Rekonstruktion der Äußerung „Kannst du mir das Salz reichen?“ als eine Bitte die folgenden Schlussfolgerungen 12 : Schritt 1: Der Sprecher hat mir eine Frage mit dem Inhalt gestellt, ob ich in der Lage sei, ihm das Salz zu reichen. (Annahmen über das Gespräch)
Schritt 2: Der Sprecher verhält sich, wie ich annehme, in diesem Gespräch mit mir kooperativ und deshalb hat seine Äußerung ein Ziel oder einen Zweck. (Prinzipien kooperativer Kommunikation)
Schritt 3: Aus den Rahmen unseres Gesprächs lässt es sich nicht schließen, dass der
6Vgl. Searle (1982), S. 51.
7Searle (1982) S. 53; Vgl. Meyer-Hermann (1976), S. 5. 8Vgl. Searle (1982), S. 52. 9Searle (1982), S. 67. 10Vgl. Searle (1982), 51-57. 11Vgl. Searle (1982), 52-69. 12Vgl. Searle (1982), 67f
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Sprecher ein theoretisches Interesse an meiner Fähigkeit, ihm Salz hinüberzureichen hat. (Inhaltliches Hintergrundwissen)
Schritt 4: Außerdem weiß er wahrscheinlich bereits, dass ich in der Lage bin. (Inhaltliches
Hintergrundwissen)- (Dieser Schritt erleichtert den Übergang zu Schritt 5, ist aber nicht unbedingt notwendig.)
Schritt 5: Deshalb ist seine Äußerung wahrscheinlich nicht bloß eine Frage. Sie hat vermutlich einen weiteren Illokutionszweck. (Folgerung aus den Schritten 1, 2, 3 und 4) Worin kann er bestehen?
Schritt 6: Eine Einleitungsbedingung jedes direktiven Illokutionsakts besteht darin, dass der Hörer in der Lage ist, die in der Bedingung des propositionalen Gehalts prädizierte Handlung auszuführen. (Sprechakttheorie-Generalisierung)
Schritt 7: Also hat S mir eine Frage gestellt, deren Bejahung auch besagt, dass die Einleitungsbedingung für seine Bitte, ihm das Salz zu reichen, erfüllt ist. (Folgerung aus Schritt 1 und 6)
Schritt 8: Wir sind jetzt beim Essen, und normalerweise benutzten die Leute beim Essen Salz; Sie reichen es hin und her und versuchen zu veranlassen, dass es ihnen zugereicht wird usw. (Hintergrundwissen)
Schritt 9: Also hat S darauf angespielt, dass die Einleitungsbedingung einer Aufforderung erfüllt ist, und er will höchstwahrscheinlich, dass ich die Befolgungsbedingung dieser Bitte erfülle. (Folgerung aus Schritt 7 und 8)
Schritt 10: Da ich keine anderen plausiblen Illokutionszweck erkennen kann, bittet er mich also wahrscheinlich darum, ihm das Salz zu reichen. (Folgerung aus Schritt 5 und 9) Als Motiv für Indirektheit besonders bei Bitten nennt Searle vor allem die Höflichkeit. 13
3. Die Entwicklungs- und Modifizierungsvorschläge
Nachdem ich die Theorie der indirekten Sprechakte von Searle kurz vorgestellt habe, möchte ich die anderen Auffassungen der Phänomene der Indirektheit darlegen. Sie erweitern oder modifizieren, der Theorie von Searle, damit die Theorie der indirekten Sprechakte vollständig wird.
13Searle (1982), S. 71.
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Arbeit zitieren:
Tamara Shvetsova, 2008, Die Kritik an der Theorie der indirekten Sprechakte von Searle, München, GRIN Verlag GmbH
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