Rousseaus Menschenbild - Aussichtslos gefangen in seiner
29. März 2010 Unfreiheit?, Einführung in die Allgemeine Pädagogik
29.
Inhaltsverzeichnis :
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung: Der freie Mensch - Nur ein Mythos? 2
I. 2
II. „Homme naturel“ und der Verlust seiner Freiheit 4
II. 4
III. Der Gesellschaftsvertrag als Ausweg aus der Misere 11
III. 11
IV. Fazit: Der Gesellschaftsvertrag: Pure Verblendung 15
IV. 15
Literaturverzeichnis 18
Sahitolli Arian LaG 2009 Fachsemester 01 Seite 1
Sahitolli 1
I. Einleitung: Der freie Mensch - Nur ein Mythos?
Zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte kann man förmlich das Verlangen nach Freiheit spüren, oder zumindest verstehen. Der Ruf nach Freiheit dringt nicht nur in die Seele eines einzelnen Menschen ein, sondern bewegt auch ganze Völker, so dass scheinbar festgefügte (weltliche) Herrschaft von Menschen über Menschen fundamental erschüttert werden kann. Das hat uns die Geschichte schon des Öfteren bewiesen und das wird sich auch in der Zukunft nicht ändern. Und doch ist Freiheit ein Begriff, der uns in vielerlei Erscheinungsformen begegnet und gleichzeitig einer der zentralen Begriffe der Philosophie und der Politik in der Neuzeit. Seine Mehrdeutigkeit lässt einen definierten und allgemeingültigen Konsens nicht zu. Zu verschieden sind doch seine Auslegungsmöglichkeiten. Seitdem im 18. Jahrhundert, insbesondere in der Epoche der Aufklärung, die Menschenrechte des Individuums formuliert wurden, besteht ein unüberwindbarer Zusammenhang zwischen der Individualität und dem Begriff der Freiheit. 1 So begann man nun die Freiheit als Autonomie zu verstehen, in der sich die Selbstbestimmung des Menschen als ,,Freiheit des Willens und des Handelns“ 2 suggeriert. Und doch gibt es immer wieder kritische Stimmen, die die natürliche Freiheit bzw. Autonomie des menschlichen Wesens abstreiten. Im Hinblick auf die Freiheit erregt gerade diese Unterstellung, dass der Mensch von Natur aus unfrei ist, die Gemüter und lenkt unmittelbar alle Aufmerksamkeit und Blicke auf sich. Diese Debatte um Determination 3 und Freiheit des Menschen schlägt sich dann in Form literarischer Werke nieder, so dass man zu diesem Thema eine überaus große Anzahl an Literatur wiederfindet. 4 In dieser Hinsicht kann es einem neutralen Beobachter vorkommen, als ob der Freiheitsbegriff bzw. der Mensch als ein von Natur aus freies Wesen letztlich nichts anderes ist als ein Mythos. Den Verfasser dieser Arbeit interessierte im Hinblick der Freiheit des Menschen vor allem ein Philosoph, dessen philosophisches Wirken von der Nachwelt so unterschiedlich interpretiert wird, dass
1 Vgl. Bauer, Emmanuel J. (Hg.): Freiheit in philosophischer, neurowissenschaftlicher und
psychotherapeutischer Perspektive, München 2007, S. 11.
2 Recki, Birgit: Freiheit, Wien 1 2009, S. 7.
3 Der Determinismus kann in theologischer, soziologischer, psychologischer und in neuronaler Form
begründet werden. Vom Verfasser ist diesbezüglich das Werk von Birgit, Ricki: Freiheit, Wien 1 2009, vor
allem die Seiten 19 bis 50, zu empfehlen.
4 Vgl. Rosenberger, Michael: Determinismus und Freiheit. Das Subjekt als Teilnehmer, Darmstadt 2006,
S. 9.
es einer ,,Odyssee“ 5 gleicht, und doch gleichzeitig sein ganzes Leben wiederspiegelt: Jean-Jacques Rousseau. Es ist überaus gerechtfertigt, wenn Jean Starobinski in seinem Werk über Rousseau davon spricht, dass ,,jede Generation […] einen neuen Rousseau [entdeckt]“ 6 . Diese Tatsache erklärt auch die Fülle an Literatur, die man zu Rousseau findet. 7 So war es nur eine logische Folge für den Verfasser, die Beschäftigung mit dieser philosophischen Größe auf eine bestimmte Leitfragestellung zu reduzieren, um aus dieser Arbeit keine weitere Monographie oder Biographie entstehen zu lassen. In dieser Arbeit soll die Frage geklärt werden, ob der Mensch (in Rousseaus Menschenbild) in seiner Unfreiheit aussichtslos gefangen ist, oder ob er ihn in irgendeiner Art und Weise Handlungsspielraum schafft bzw. gewährleistet und ihn damit, bildlich gesprochen, befreit. Dem Verfasser offenbarte sich während der Beschäftigung mit diesem Philosophen, dass er eine besondere Dramaturgie dadurch schuf, in dem er den Verlust bestimmter Eigenschaften des Menschen in seiner historischen Entwicklung beschrieb und die Unfreiheit des Menschen nicht von Grund aus ansetzte. Auf dieser Grundlage entwickelte Rousseau drei in ihren Eigenschaften unterschiedliche Menschentypen, den ,,Homme naturel“, den ,,Bourgeois“ und den ,,Citoyen“. Diese anthropologischen Grundtypen wird der Verfasser im Laufe der Arbeit in unterschiedlichen Kontexten darstellen, die sich im Hinblick der Beantwortung der Leitfrage als unumgänglich offenbaren werden. Diesbezüglich diente dem Verfasser das Werk ,,Die politische Dimension der Anthropologie“ 8 von Andreas Heyer als Hauptquelle. In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass der Verfasser als weitere Hauptquellen seiner Gesamtarbeit die Werke von Wolfgang Kersting ,,Die Republik der Tugend“ 9 und Christian Schwaabes ,,Politische Theorie 2“ 10 herangezogen hat. Da Rousseau den Freiheitsbegriff förmlich als ,,unhinterfragbares
5 Heyer, Andreas: Die politische Dimension der Anthropologie. Zur Einheit des Werkes von Jean-Jacques
Rousseau, Frankfurt am Main 2006, S. 135.
6 Starobinski, Jean: Rousseau. Eine Welt von Widerständen, München/Wien 1988, S. 403.
7 Vgl. Caspar, Johannes: Wille und Norm. Die zivilisationskritische Rechts- und Staatskonzeption J.-J.
Rousseaus, Baden-Baden 1 1993 (= Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie 3), S. 11.
8 Heyer: Politische Dimension, 2006.
9 Kersting, Wolfgang (Hg.): Republik der Tugend. Jean-Jacques Rousseaus Staatsverständnis, Baden-
Baden 1 2003.
10 Schwaabe, Christian: Politische Theorie 2. Von Rousseau bis Rawls, Paderborn 2007.
Faktum“ 11 vorausgesetzt hat, ging es in dieser Arbeit auch nicht darum diesen Begriff in seiner Systematik auseinanderzunehmen. In Anbetracht der Leitfrage hat der Verfasser den zweiten Gliederungspunkt ausschließlich dem
Gesellschaftsvertrag gewidmet, das sich dem Leser zwar als Rousseaus Zukunftskonstrukt und möglicher Ausweg aus einer bestimmten Misere darlegen wird, jedoch ermöglichte dieses politische Hauptwerk dem Verfasser seine eingangs gestellte Leitfrage differenziert darzulegen und zu beantworten.
II. ,,Homme naturel“ und der Verlust seiner Freiheit
,Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.´ 12 Dieses wohl bekannteste Zitat von Jean-Jacques Rousseau spiegelt sein komplettes Menschenverständnis wieder und wurde von vielen seiner Zeitgenossen als Fanal für den gewaltsamen Akt eines legitimen Umsturzes angesehen. 13 Er stellt damit den Gedanken der menschlichen Freiheit an den Ursprung seiner philosophischen Tätigkeit und Überlegungen. 14 Es ist die aufgestellte Hypothese, dass der Mensch von Geburt an mit der Eigenschaft des freien, also unabhängigen Wesens ausgestattet ist bzw. damit ausgestattet wird. Doch das Paradoxe an diesem Zitat ergibt sich erst durch den zweiten Teil des Zitates, wodurch sich gleichzeitig das Dramatische an dieser Grundeinstellung offenbart. Nämlich das der Mensch, trotz seiner verliehenen natürlichen Freiheit, doch letztlich überall in Ketten liegt. Das menschliche Individuum ist zwar von Grund aus ein freies Wesen, jedoch wird ihm genau diese Eigenschaft genommen. Von wem oder durch was diese natürliche Freiheit (und damit der Mensch als Spezies) in Ketten gelegt wird, lässt sich nur anhand dieses Zitates nicht entnehmen. Man kann zwar davon ausgehen, dass es jemand oder etwas sein muss, das dem Menschen die Ketten anlegt, jedoch begeben wir uns mit dieser Annahme zu leicht in die Sphäre der Vermutungen und Spekulationen. Diese aufkommende Frage ist jedoch berechtigt und der Verfasser wird im Laufe dieser Arbeit (u.a.) jene Fragestellung im Kontext der rousseauischen Philosophie beantworten. Trotzdem lässt sich diesem Zitat noch mehr entnehmen, und
11 Oberparleiter-Lorke, Elke: Der Freiheitsbegriff bei Rousseau. Rousseaus praktisches System der
Freiheit im Kontext der deutschen Transzendentalphilosophie und eines modernen, interpersonalen
Freiheitsbegriffs, Würzburg 1997 (= Philosophie 208), S. 43.
12 Rousseau, Jean-Jacques, zit. nach Oberparleiter-Lorke: Der Freiheitsbegriff bei Rousseau, S. 16.
13 Vgl. Schwaabe: Politische Theorie 2, S. 20.
14 Vgl. Fuchs-Goldschmidt, Inga: Konsens als normatives Prinzip der Demokratie. Zur Kritik der
deliberativen Theorie der Demokratie, Wiesbaden 2008, S. 29f.
Sahitolli; Arian; LaG 2009; Fachsemester 01 Seite 4
zwar etwas ganz entscheidendes: das Tempus nämlich, in dem sich diese menschliche Unfreiheit abspielt. Im Hinblick auf Rousseaus Lebzeiten lässt sich diese menschliche ,,Gefangenschaft“ in der Gegenwart wiederfinden, da ja der Mensch ,überall […] gefesselt [ist]´ 15 . Auf dieser Annahme der gegenwärtigen Unfreiheit des Menschen baut Rousseau seine fast komplette philosophische Tätigkeit auf. Der Blick soll aber nun vorerst auf den ersten Teil des Zitates gelenkt werden. Rousseau setzt dem Menschen, wie festgestellt, eine gebürtige bzw. natürliche Freiheit voraus. So knüpft sich an dieser Grundannahme die Frage an, was Rousseau unter dem Freiheitsbegriff versteht und vor allem was der natürliche, ursprüngliche Wesenszustand des Menschen ist. Mit diesen Fragestellungen begeben wir uns in eine Zeit, die von philosophischen Größen wie Thomas Hobbes (1588-1679) oder John Locke (1632-1704) bereits vor Rousseau explizit aufgegriffen und geprägt wurde: dem Naturzustand.
Wenn Rousseau der Öffentlichkeit, mit dem zu Beginn des Textes angegebenen Zitat, seine Grundansicht bezüglich des menschlichen Individuums offenbart und darin jene Spezies als unfreie Wesen ausmacht, so geschieht das mit dem deutlichen Hinweis auf einen ursprünglich freien Wesenszustand. Genau diese Tatsache beinhaltet ein für die Masse großes Aggressionspotential, vor allem in einer Jahrhundertepoche, in der durch die Aufklärung, durch Revolutionen und Kriege die ,,vertraute Ordnung“ 16 ohnehin auf den Kopf gestellt wurde und infolge dessen sich ,,eine tiefe Verstörung“ 17 in den betroffenen Völkern bemerkbar machte. Weshalb Rousseau den menschlichen Freiheitsgedanken an einen von ihm explizit beschriebenen Naturzustand knüpft, offenbarte sich dem Verfasser dieser Arbeit als Mittel zum Zweck für Rousseaus weitere philosophische Tätigkeit und Stütze seiner Thesen. Die Begründung diesbezüglich wird der Verfasser ebenso aufgreifen und dem Leser im Schlussteil erläutern und preisgeben. Im Hinblick auf den Naturzustand, soll das Augenmerk vor allem auf den ,,Homme naturel“ 18 gerichtet und dessen Eigenschaften in jenem Zustand erläutert werden. ,Nahrung, eine Frau und Schlaf sind die einzigen Güter, die er [der
15 Starobinski, Jean: DIE ERFINDUNG DER FREIHEIT [sic] 1700-1789, Frankfurt am Main 1988, S.
12.
16 Wehler, Hans-Ulrich: Der Deutsche Nationalismus bis 1871, in: Ders. (Hg.): Scheidewege der
deutschen Geschichte. Von der Reformation bis zur Wende 1517-1989, München 1995, S. 116-130, hier:
S. 119.
17 Ebd., S. 121.
18 Heyer, Andreas: Die politische Dimension der Anthropologie. Zur Einheit des Werkes von Jean-
Jacques Rousseau, Frankfurt am Main 2006, S.25.
Sahitolli; Arian; LaG 2009; Fachsemester 01 Seite 5
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