-2- Inden Szenen vor dem Tribunal (Teil II, Kap. 2 + 3) wird schnell deutlich, dass Meursault dem ganzen Gerichtswesen völlig hilflos ausgeliefert ist. Weder der Staatsanwalt noch der Gerichtspräsident und nicht einmal der Verteidiger von Meursault interessieren sich für die Fakten. Sein Anwalt beschwört ihn, die Gefühllosigkeit beim Tod der Mutter nicht zuzugeben und zu sagen, er habe nur seine natürlichen Gefühle beherrscht. Meursault lehnt dies aber ab, «parce que c´est faux» 1) . Er kann überhaupt nicht verstehen, was dieser Sachverhalt mit seiner Tat zu tun hat und warum dieses Detail ihm «un très sale tour» 2) spielen könnte. Diese ehrliche Unbefangenheit Meursaults gegenüber dem Gang der Gerichtsmühle und die daraus resultierende Schwierigkeit der Juristen, ihn in ein gewohntes Verhaltensmuster einordnen zu können, machen aus ihm einen Fremden in der Gesellschaft.
Im Prozess werden zusammenhanglose Begebenheiten aus dem Leben Meursaults zu einer Kausalkette von schuldhaften Verhaltensweisen verknüpft. Er wird angeklagt «d´avoir enterré une mère avec un cœur de criminel» 3) . Die Entlastungszeugen werden kaum angehört 4) oder gegen ihren Willen zu Belastungszeugen 5) , denen von der Anklage das Wort im Mund umgedreht wird. Ebenso wie seine Ehrlichkeit wirkt sich die Intelligenz Meursaults zu seinen Ungunsten aus. 6) Seine einfache Wahrheit («c´était à cause du soleil» 7) , unterliegt den übermächtigen Vorurteilen. Der Gerichtspräsident meint sogar, der Angeklagte habe eine raffinierte Verteidigungstaktik.
Der ganze Prozess gleicht einer einzigen Komödie, wo schauspielerisches Talent entscheidend wichtig ist
8)
. So will Camus dem Leser deutlich machen, dass sein Titelheld in seinem eigenen Prozess nur passiver Zuschauer ist, welchen man gar nicht um seine Meinung fragt: «En quelque sorte, on avait l´air de traiter cette affaire en dehors de moi. Tout se déroulait sans mon intervention. Mon sort se réglait sans qu´on prenne mon avis»
9)
. Schließlich klagt ihn der Staatsanwalt nicht nur des vorsätzlichen Mordes an dem Araber, sondern auch des Muttermordes an. Er fordert die Todesstrafe für einen Mann, der nichts zu tun habe mit einer Gesellschaft, deren elementare Regeln er nicht respektiere
10)
. Meursault erkennt während des Prozesses seine Position als Außenseiter der Gesellschaft. In der Zeit vor der Hinrichtung sucht er zunächst einen Ausweg, um dem «mécanisme implacable» , also dem mechanischen Ablauf des Unausweichlichen zu entgehen
11)
. Doch dann ringt er sich zur innerlichen Annahme des Todes durch, obgleich er die Todesstrafe wegen der Relativität der Rechtsprechung nicht akzeptieren kann
12)
. Konsequent betreibt er ab diesem Zeitpunkt seine Trennung und Unabhängigkeit von der Gesellschaft, um die innere Freiheit im Angesicht des Todes zu gewinnen. Leben und Tod erkennt er als seine einzigen Wahrheiten an.
metaphysischen Trost ab. Daher kommentiert
Gefängnisgeistlichen folgendermaßen: «Pourtant, aucune de ses certitudes ne valait un cheveu de femme (...). Moi, j´avais l´air d´avoir les mains vides, Mais j´étais sûr de moi (…), plus sûr que lui, sûr de ma vie et de cette mort qui allait venir. Oui, je n´avais que cela. Mais du moins, je tenais cette vérité autant qu´elle me tenait» 13) . Er nimmt die in seinen Augen absurde Existenz an, weil er immer davon überzeugt war, dass «...rien n´avait d´importance (...) pendant cette vie absurde» 14) . Er wird zum Märtyrer seiner Wahrheit, die sogar noch stärker ist als seine Liebe zum Leben.
1) Vgl. A. Camus, L´Etranger, a.a.O., S. 46, Z. 31 + 32
2) Ebd., S. 46, Z. 35 + 36 3) Ebd., S. 67, Z. 12 + 13 4) Ebd., S. 66, Z. 1-6 5) Ebd., S. 65, Z. 32 6) Ebd., S. 69, Z. 17-19 7) Ebd., S. 71, Z. 17 8) Ebd. S. 71, Z. 35 + 36 9) Ebd. S. 68, Z. 10-12 10) Ebd., S. 70, Z. 33 + 34 11) Ebd., S. 74, Z. 22 und Z. 15 + 16 12) Ebd., S. 75, Z. 10-22 13) Ebd., S. 82, Z. 29-34 14) Ebd., S. 83, Z. 4-6
-3- Dieendgültige Entscheidung für diese Wahrheit, die einen Sinn des Lebens ausschließt, macht ihn bereit zur bewussten Annahme der Absurdität des Daseins: Er öffnet sich « (...) à la tendre indifférence du monde» 1) .
Camus lässt seinen Helden ohne heroische Attitüde für seine Wahrheit sterben. Dieser nimmt die Todesstrafe auf sich, weil er es ablehnt, falsche Gefühle zu heucheln und weil er die doppelbödige Moral seiner Gesellschaft nicht mitspielt. Er stellt sich dem Unvermeidlichen, obwohl und weil seine Hinrichtung eine absurde Begründung erfahren hat 2) . Im Gegensatz zum Anschein, den er durch sein Verhalten gibt, will sich Meursault das Leben nicht vereinfachen, weil er es ablehnt zu lügen und ein falsches Spiel zu spielen 3) .
1) A. Camus, a.a.O., S. 84, Z. 10 + 11
2) Vgl. ebd. S. 83, Z. 16 + 17 : «Qu´importait, si accusé de meurtre, il était exécuté pour n´ avoir pas pleuré à l´enterrement de sa mère ?»
3) Vgl. ebd., S. 6 den Kommentar von Camus in der préface à l´édition universitaire américaine
Arbeit zitieren:
Dr. Georg Bergner, 1979, Das Denken von Albert Camus angesichts der "condition humaine" unter besonderer Berücksichtigung des "Etranger", München, GRIN Verlag GmbH
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