Inhaltsverzeichnis
1. Vorbetrachtung 2
2. Rahmenbedingungen und Hintergründe 3
2.1 Wirtschaftliche Einflüsse 3
2.1.1 Braunkohleabbau als Spezifikum der Mittel- und Niederlausitz 3
2.2 Die „rote“ Domowina 5
3. Entwicklung des sorbischen Schulwesens 6
3.1 Sorbische Schule vor 1945 6
3.2 Erste Schritte 7
3.3 Institutionalisierung und Ausbau 9
3.4 Widerstände 10
3.5 Zwischen Religion und Sozialismus 12
3.6 Zentralisierung des Schulwesens 1959 13
3.7 Umschwung und Abbau 14
4. Fazit 16
5. Quellen und weiterführende Literatur 17
1. Vorbetrachtung
Die etwa tausendjährige Präsenz slawischer Bevölkerungsgruppen in deutschen Staatswesen war über Jahrhunderte geprägt von hierarchischer Dominanz des Deutschen über die verschiedenen slawischen Idiome - unter ihnen die sorbische bzw. wendische Sprache - und daraus resultierender Assimilation. So wurde die slawische Bevölkerung im heutigen Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bereits in den ersten Jahrhunderten germanisiert; die vermutlich letzte Sprecherin einer autochthonen slawischen Sprache außerhalb der Lausitz - des Drawänopolabischen im Wendlandstarb 1756. Ihren Höhepunkt erreichte diese Entwicklung unter nationalsozialistischer Herrschaft, als selbst der bloße Gebrauch des Sorbischen in der Öffentlichkeit verboten, alle sorbischen Organisationen aufgelöst und die Verschickung der Sorben nach Osteuropa geplant wurde. 1 Nach 1945 wurde alles anders. So zumindest ist die allgemeine Bewertung jener historischen Entwicklungen, die die Sorben nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erfassten; vor allem aber ist so bis heute die Meinung des überwiegenden Teils der deutschen Mehrheitsbevölkerung. Die unmittelbare Nachkriegszeit und vor allem die erste Hälfte der 1950er Jahre waren tatsächlich eine Epoche des Aufbaus für die sorbische Sprache und Kultur, wie sich noch zeigen wird. Aber war die Nationalitätenpolitik des „ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden“ tatsächlich so perfekt, wie sie sich selbst sah? Waren die Sorben wirklich „die gehätschelte slawische Minderheit der DDR“ 2 , wie noch heute oftmals zu hören ist? Und warum halbierte sich dann ihre Zahl in den 40 Jahren DDR beinahe und sank damit so schnell wie nie zuvor? 3
In den vergangenen 20 Jahren haben sich einige sorbische und nicht-sorbische Wissenschaftler sowie auch Schriftsteller, Politiker und ehemalige Funktionäre mit dem Schicksal der Sorben unter der SED-Herrschaft beschäftigt. Genauer betrachtet wurden vor allem das sorbische Bildungswesen und die Beziehungen zwischen Domowina und SED, die als Kernfaktor der staatlichen Sorbenpolitik angesehen werden können. Hier soll versucht werden, anhand der Entwicklung des sorbischen Schulwesens in den ersten 15 Jahren nach dem Krieg Ansprüche und Realität der DDR-Nationalitätenpolitik
1 Pech 1999, S. 23; sh. auch Wippermann 1996
2 Vgl. Menge, Marlies: “Wie die Sorben Eier anmalen” in: DIE ZEIT, 10. April 1981
3 Diese verbreitete Schätzung beruht auf Ernst Tschernik, “Die Entwicklung der sorbischen Bevölkerung”,
der für 1945 von etwa 100.000 Sorben ausgeht. Noch 1884/85 hatte Arnošt Muka in seiner “Statistika
Łužiskich Serbow” über 160.000 Sorben gezählt. Heute wird von 60.000 Sorben gesprochen, wobei es
keine verlässlichen Daten über Zuordnung und Sprecherzahlen gibt.
gegenüberzustellen und Widersprüche, wo sie bestehen, zu erklären und zu interpretieren. Dabei wird zunächst auf gesellschaftliche Hintergründe eingegangen, die für die Bildungspolitik und ihre Ausgestaltung von Bedeutung waren.
2. Rahmenbedingungen und Hintergründe
2.1 Wirtschaftliche Einflüsse
Die Geschichte der Sorben und ihrer Sprache war von jeher wesentlich von ökonomischen Entwicklungen und Abhängigkeiten beeinflusst und geprägt worden. Stellte die relative Abgelegenheit und dünne Besiedlung der Lausitz sowie ihre vorwiegend landwirtschaftliche Prägung in der vorindustriellen Zeit durchaus einen wichtigen Faktor für das Weiterbestehen des sorbischen Ethnikums als einzigem verbliebenen Rest der alten elbslawischen Besiedlung dar, wurde die industrielle Entwicklung ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts - im zweisprachigen Teil der Lausitz v.a. durch die reichen Braunkohlevorkommen hervorgerufen - zu einem Faktor, der eben jenes Weiterbestehen ernsthaft bedrohte, indem er traditionelle Lebens- und Arbeitswelten und damit Sprachräume ersetzte bzw. zerstörte. Nach 1952 kam als weiterer - in Bezug auf die Vitalität des Sorbischen negativer - Faktor die sozialistische Kollektivierung der Landwirtschaft hinzu, welche mit den Familienhöfen eine der letzten Domänen des Sorbischen in der Arbeitswelt beseitigte. Dagegen regte sich in den ländlichen sorbischen Gebieten durchaus Widerstand, nicht zu unterschätzen sind auch die Auswirkungen der massenhaften Abwanderung von Bauern und schließlich der Prestigeverlust der Domowina, die den SED-Kurs mittrug. 4
2.1.1 Braunkohleabbau als Spezifikum der Mittel- und Niederlausitz
Bereits im 18. Jahrhundert wurde Braunkohle in zahlreichen Orten der Mittel- und Niederlausitz im aufwändigen Untertage-Abbau gewonnen und meist direkt verfeuert. Für diese Prozesse waren weder ausgebildete Facharbeiter nötig, noch geschahen sie in einem großindustriellen Ausmaß, welches die Heranziehung ortsfremder Arbeiter nötig gemacht hätte. Einen Industrialisierungsschub großen Ausmaßes gab es zunächst nach der Wende zum 20. Jahrhundert mit dem Aufbau der ersten kleineren Kraftwerke, dem Aufschluss erster Gruben, in denen Kohle über Tage gefördert wurde, und der Anlage von Brikettfabriken. Gesteigert wurde die Förderung erneut sprunghaft mit dem Vierjahresplan der Nationalsozialisten 1933, der aus dem Wunsch heraus, Deutschland autark versorgen
4 Vgl. Pech 1999, S. 203-214
zu können, zu einem Aufschluss weiterer Gruben und erhöhtem Arbeiterzuzug aus deutschsprachigen Regionen führte.
Bis 1950 war jedoch die Flächen- und Ortsinanspruchnahme durch den Braunkohletagebau insgesamt relativ gering. Das änderte sich in der DDR, die auf die Braunkohle als einzige heimische Energiequelle zwangsweise angewiesen war. Hatte es vor 1950 nur vier Inanspruchnahmen von überwiegend sorbischen Orten gegeben, wurde der Abbruch von Orten mit dem Aufbau der Großkraftwerke in Schwarze Pumpe/Carna Plumpa (ab 1955), Vetschau/Wětošow (1960) und Boxberg/Hamor (ab 1966) zum Normalfall. Unter dem Eindruck der Ölkrise wurde 1976 mit dem Bau des Kraftwerks in Jänschwalde/Janšojce begonnen, welches heute das zweitgrößte seiner Art in Deutschland ist. 5 Alle genannten Kraftwerke lagen und liegen im sorbischen Siedlungsgebiet, was auch für die meisten der neuen Tagebaue des Lausitzer Reviers zutrifft. In den Jahren zwischen 1955 und 1990 wurden für die Kohleförderung insgesamt 67 Orte und Ortsteile mit mehr als 12.000 Einwohnern 6 innerhalb des Siedlungsgebietes abgebrochen, wobei in den meisten von ihnen noch Sorbisch gesprochen wurde. Da es damals noch nicht üblich war, devastierte Orte als Ganzes umzusiedeln, erhielten die Bewohner meist moderne Plattenbauwohnungen in den aufstrebenden Städten der Region, wo sich mit dem Verlust der Dorfgemeinschaft und dem Wechsel der Umgebungssprache meist auch ihr sorbisches Bewusstsein verlor.
Sorbische Kritiker des industriellen Aufbaus in der mittleren Lausitz betrachteten diesen in den 1950er und 1960er Jahren fast ausschließlich negativ, was in Bezug auf den Erhalt des Sorbischen in den betroffenen Gebieten auch durchweg zutrifft. So wurde vor allem dem inmitten der Heidelandschaft errichteten Großkraftwerk Schwarze Pumpe der Beiname „row serbstwa“ („Grab des Sorbentums“) gegeben, was auf den massenhaften Zuzug deutschsprachiger Arbeiter und die anstehende Devastierung dutzender Orte anspielte. Aus der Sicht der Bewohner der Heidedörfer der Region stellte sich die Entwicklung dagegen ambivalent dar. Die betroffenen bäuerlich geprägten Ortschaften waren nicht nur sorbisch, sondern gehörten aufgrund des kargen Bodens auch zu den ärmsten der Lausitz; ihre Einwohner waren neben der Arbeit auf dem eigenen Grund auch auf diverse Nebentätigkeiten zur Finanzierung ihres Lebens angewiesen. Es handelte sich
5 Vgl. Förster 1995
6 Die offizielle Statistik erwähnt nur die Einwohnerzahl zum Zeitpunkt der tatsächlichen Umsiedlung. Die
zahlreichen Bewohner, welche die Orte im Tagebauvorranggebiet zuvor freiwillig verließen, tauchen
nirgends auf.
Arbeit zitieren:
Julian Nitzsche, 2011, Das „erste Vaterland“, München, GRIN Verlag GmbH
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