Inhaltsverzeichnis
1. Funktionsorientierte Spieltheorie: Spiel als biologische Funktion 2
2. Phänomenologische / Strukturdynamische Spieltheorie: ROLF OERTER 3
3. Bedeutung für kindliche Bildungsprozesse 6
Zusatz für Pädagogen, Erzieher, Lehrer und Therapeuten 7
Literaturverzeichnis 8
Grunds ätzliche gibt es zwei Betrachtungsweisen des Spiels: Eine funktionsorien-
tierte , welche die vielfältigen Funktionen des Spiels in Leben und Entwicklung
beleuchtet , und eine phänomenologische / strukturdynamische Betrachtungs-
weise , welche versucht, die typischen Merkmale zu benennen, die Spiel zu Spiel
machen.
1. Funktionsorientierte Spieltheorie: Spiel als biologische Funktion
Zun ächst möchte ich Spiel aus der Perspektive der ethologischen Forschung
betrachten. Dieser Ansatz ist zunächst funktionsorientiert. GROOS nennt drei
biologische Funktionen des Spiels. Erstens sagt er, dass Spiel der Einübung diene.
Damit meint er, dass im Spiel Verhaltensweisen eingeübt werden, die zu einem
sp äteren Zeitpunkt wichtig werden. Zum Beispiel üben junge Katzen, die mit
einem Wollknäuel spielen, das Jagen der Beute, welches später ein überlebens-
wichtiges Verhalten darstellt. Somit ist Spiel ein Teil der Selbstausbildung. Hier
ist eine zaghafte Parallele zu SCHÄFER zu sehen, denn durch die Wahl des Begriffs
Selbst (aus)bildung’ deutet sich rudimentär die Entwicklung der Spieltheorie zu
einem Bildungsansatz an.
Als zweite biologische Funktion gibt GROOS die Ergänzung an. Dies ist ein inte-
ressanter Gedanke, denn im Spiel kann die Realität um Wünsche, Träume,
Vorstellungen ergänzt werden, welche einem im Alltag verwehrt bleiben, zum
Beispiel wenn ein kleines Mädchen Prinzessin spielt. SCHÄFER beschreibt diese
Funktion treffend und poetisch als ein „Durchkosten von Lebensmöglichkeiten“
Die dritte und letzte biologische Funktion des Spiels nach GROOS ist die der Erho-
lung. Er möchte damit herausstellen, dass Spiel einen Gegensatz zum Ernstleben
bildet und der Entspannung dient. HASSENSTEIN - ein Vertreter der neueren etho-
logischen Forschung - wundert sich, dass sich in der Evolution eine
Verhaltensweise durchgesetzt hat, die offensichtlich Stoffwechselenergie ver-
braucht und meist keinem unmittelbaren Zweck dient. Er erklärt sich dies so:
Durch die Offenheit in Wahrnehmung und Verhalten im Spiel wird vermutlich ein
gro ßer, unspezifischer Informationsgewinn ermöglicht. Die Wahrscheinlichkeit
ist groß und wichtig, dass darin auch Informationen enthalten sind, die zum
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Erhalt der Art im größeren Sinne gebraucht werden könnten. Damit zielt HASSENSTEIN auf eine höhere Ebene des Funktionalismus ab. Auch PORTMANN beschreibt die Funktion des Spiels sehr schön, wenn er sagt, dass Spiel vielfältige Außenbeziehungen ermöglicht. SCHÄFER teilt diese Meinung und fügt dem Gesagten den wichtigen Aspekt hinzu, dass diese vielgestaltigen Außenweltbeziehungen zur Ausdifferenzierung der Innenwelt des Individuums beitragen. Somit bringt Spiel inneren Reichtum.
BALLY beschreib sehr anschaulich, wie sich der Spielprozess gestaltet und vom Nicht-Spiel unterscheidet. In von ihm sogenannten „gespannten Feld“ haben alle Dinge nur ein Merkmal; Raum, Zeit, Wahrnehmung und Motorik sind einseitig auf die Erreichung des Instinktziels ausgerichtet. Im sogenannten „entspannten Feld“
- welches dem Spiel entspricht - sind räumliche und zeitliche Aspekte gelockert. Den Dingen am Wegrand wird mehr Beachtung geschenkt. Es werden nach verschiedenen Handlungsaufforderungen geschaut und Handlungsalternativen ausprobiert. Handelnd entfalten sich am Ding eine Vielzahl an Merkmalen, die unterschiedlich getönt sind und das Individuum unterschiedlich stimmen. PORTMANN berichtet, dass Tiere sehr wohl zwischen diesen beiden Feldern unterscheiden und weiß einige Beispiele dazu zu nennen. Blaukehlchen und Amseln beispielsweise singen die kunstvollsten Lieder, wenn diese keinem Zweck dienen. Subjektiv ‚kunstvoll’ meint objektiv Lieder mit großer Komplexität und höheren Feinheiten.
Hier sieht man, dass die von HASSENSTEIN vorgeschlagene Betrachtungsweise des Spiels auf der höheren Ebene des Funktionalismus auch wichtige Beiträge zur Phänomenologie des Spiels liefert: Denn eines der zentralsten Merkmal des Spiels, die unter anderem BALLY durch seine Theorie deutlich macht, ist seine Zweckfreiheit.
2. Phänomenologische / Strukturdynamische Spieltheorie: ROLF OERTER
Nun möchte ich den spieltheoretischen Ansatz von OERTER vorstellen. OERTER ist in der Handlungspsychologie zuhause und konzipiert Spiel als eine besondere Form der Handlung. Was ist also eine Handlung? Und welche besondere Form hat das Spiel? Zu einer Handlung gehören nach OERTER vier Elemente: Ein Ziel, die Handlung selbst, ein Ergebnis und eine Folge. Zum Beispiel: Eine Person möchte ein Glas Milch trinken (Ziel); sie geht zum Schrank, öffnet diesen, holt ein Glas heraus, stelle es auf den Tisch etc. (Handlung); nachdem sie die Handlung ausgeführt hat, ist die Milch im Bauch der Person (Ergebnis) und sie verspürt keinen Durch mehr (Folge).
Spiel als besondere Form der Handlung hat höchstens drei, manchmal nur zwei der genannten Elemente. Es besteht aus dem Ziel, der Handlung und manchmal auch einem Ergebnis. Das Spiel hat also keine Folgen! Diese Aussage OERTERS sehe
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ich parallel zu dem Merkmal der Zweckfreiheit, die mehrere Autoren dem Spiel zuschreiben, zum Beispiel SCHEUERL und SCHÄFER. Es ist meiner Meinung nach eines der wichtigsten Aspekte der Phänomenologie des Spiels, anhand derer man Spiel von Nicht-Spiel unterscheiden könnte.
Ein Spiel für eine solche Spielhandlung wäre, wenn ein kleines Mädchen mit seinem Puppengeschirr so tut, als ob es eine Tasse Milch trinken würde. Das Ziel ist, Milch-Trinken zu spielen. Die Handlungen sind das Nehmen des Tässchens, das Eingießen der Milch, das Führen des Tässchens zum Mund etc. Nur: Das Ganze findet ohne echte Milch statt. Gib es also ein Ergebnis? Als Ergebnis könnte festgehalten werden, dass sich das Kind mithilfe der Handlung das Milch-Trinken vorstellen kann.
Ich finde es gut, dass OERTER mit seinem Konzept das Moment der Zweckfreiheit aufgreift und herausstellt, dass das Kind im Spiel auf die Lust an der Handlung fokussiert und nicht auf ein Handlungsziel. Es bleibt anzumerken, dass die Begriffe ‚Ziel’, ‚Ergebnis’ und ‚Folge’ keine ausreichende Definition erfahren und dass sich ihre Abgrenzungen im Fluss des psychischen Geschehens als schwammig erweisen.
Zur Illustration meines Gedankengangs soll ein weiteres Beispiel dienen. Die ihm angehängten Überlegungen erheben keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, sondern sollen lediglich zum Nachdenken anregen: Gibt es Ziel, Ergebnis und Folge bei einem Kind, dass mit einer Rassel spielt? Eine sehr gewagte Behauptung wäre, dass das Ziel des Spiels der Spaß daran ist. Ist das Ergebnis, dass es das Geräusch vernimmt? Und die Folge die Freude über den Effekt? Wenn dem Spiel ein Spieltrieb zugrunde liegt, so wie SCHILLER und FREUD es annehmen, dann müsste das Spiel doch wieder den Theorien zugeordnet werden, die ihm eine Zweckmäßigkeit unterstellen. Dann würde das Spiel auf gleicher banaler Stufe stehen wie alle anderen Handlungen, die einer Triebbefriedigung dienen. Um seine zentralen Argumente hervorzubringen, bezieht sich OERTER auf die Tätigkeitstheorie nach LEONTJEW. Dieser nimmt innerhalb seiner Theorie drei Ebenen an. Die erste ist die der Operationen. Das sind unbewusste, automatisch ablaufende Handlungen, zum Beispiel gehen, atmen, die Finger öffnen und schließen beim Greifen. Die zweite Ebene ist die der Handlungen. Diese sind bewusst und zielgerichtet auf ein Objekt oder eine Person, zum Beispiel ‚die Milchflasche aus dem Kühlschrank holen’. Auf der letzten Ebene befinden sich die Tätigkeiten. Diese kann man nicht direkt beobachten wie die Handlungen. Sie stellen einen sinngebenden Rahmen für die Handlungen dar, zum Beispiel ‚Durst löschen’ oder ‚viel trinken, weil das gesund ist’. OERTER überträgt diese Theorie auf die Spielhandlungen und nennt die dritte Ebene den ‚übergeordneten Gegenstandsbezug’ (im Folgenden kurz ÜG). Mit Gegenstand sind hier sowohl Objekte als auch Thematiken gemeint. OERTER meint also, dass sich in Spielhandlungen unbewusst übergeordnete Thematiken
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Arbeit zitieren:
Diplom-Pädagogin Anna Bachem, 2010, Theorien des Spiels, München, GRIN Verlag GmbH
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