Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 03
2. Überblick: Die BILD-Zeitung und ihre Kritik in Deutschland
2.1 Studenten vs. BILD 04
2.2 Böll vs. BILD 05
2.3 Günter Wallraff oder Mit BILD gegen BILD 05
2.4 Die Gegenkritik 06
3. BILD-Kritik in ausgewählten Texten Max Goldts
3.1 Max Goldt: Werdegang und literarischer Stil 08
3.2 Die Verachtung’
3.2.1 Inhalt und Aussage 09
3.2.2 Die BILD-Zeitung als Symptom 13
3.3 Goldts Beitrag zur BILDblog-Aktion 15
3.4 Mein Nachbar und der Zynismus’ 17
4. Inhaltliche Einordnung/ Zusammenfassung 19
5. Literaturverzeichnis 21
2
1. Einleitung
„Herr Keuner begegnete Herrn Wirr, dem Kämpfer gegen die Zeitungen. Ich bin ein großer Gegner der Zeitungen, sagte Herr Wirr, ich will keine Zeitungen. Herr Keuner sagte: Ich bin ein
größerer Gegner der Zeitungen: ich will andere Zeitungen.“ 1 Bertolt Brecht
Die kritische Auseinandersetzung mit der BILD-Zeitung hat in Deutschland eine lange Tradition. In den 1950er Jahren war es die Kulturkritik, ein Jahrzehnt später vor allem Studenten und linkspolitische Bewegungen, die BILD einer kritischen Analyse unterzogen. Es gab literarische Annäherungen, wie jene Heinrich Bölls mit der Erzählung ‚Die verlorene Ehre der Katharina Blum’, und sehr persönliche, wie die publizierten Enthüllungen Günter Wallraffs als verdeckter BILD-Journalist. Die Kritiker wurden schließlich selbst unter die Lupe genommen - von Hans Magnus Enzensberger, der zu dem Ergebnis kam, dass die Kritik an der Zeitung eine vergebliche sein müsse. Nichtsdestotrotz setzte sich die Tradition der BILD-Kritik fort. In den 90er und 00er Jahren haben sich u.a. Benjamin von Stuckrad-Barre, Gerhard Henschel und Max Goldt kritisch mit dem Springer-Blatt auseinandergesetzt. Die BILD-kritischen Arbeiten des Letztgenannten sind Gegenstand der vorliegenden Hausarbeit. Im Hauptteil sollen die Texte ‚Die Verachtung’, ‚Die beispiellose Misserfolgsgeschichte von ‚Bild’’ und ‚Mein Nachbar und der Zynismus’ auf ihren BILD-kritischen Inhalt hin analysiert werden. Zu untersuchen sein wird dabei, was Goldt an der Zeitung kritisiert, wie er es kritisiert und ob sich Bezüge zu anderen BILDkritischen Texten finden lassen. Das Hauptaugenmerk liegt auf dem Text ‚Die Verachtung’, der in seiner Gesamtheit betrachtet werden soll, auch um die Art und Weise, wie Goldt in seinen Texten arbeitet, deutlich zu machen. Bei den beiden anderen Texten liegt der Fokus ganz auf ihrem BILD-kritischen Inhalt und auf der Fragestellung, ob sich Unterschiede diesbezüglich zwischen den Texten ausmachen lassen. Vorangestellt wird ein Abriss zur Geschichte der BILD-Kritik, in der ausgewählte Kritiker und Texte vorgestellt werden, um die oben bereits vorgenommene chronologische Einordnung von Goldts Arbeit im letzten Kapitel spezifizieren zu können: Wo lassen sich seine Texte inhaltlich im Kontext anderer Auseinandersetzungen mit der BILD einordnen? Führt er bereits vorhandene Denkansätze weiter aus?
1 Brecht: Prosa 3. S.30.
3
2. Überblick: Die BILD-Zeitung und ihre Kritik in Deutschland
2.1 Studenten vs. BILD
Die erste BILD-Zeitung erscheint am 24. Juni 1952 mit einer Startauflage von über 400.000 Exemplaren in Hamburg. 2 In den kommenden Jahrzehnten wird sie ein überregionales Erfolgsprodukt, schnell jedoch auch Ziel von Kritikern, die in der Zeitung einen „Meinungsmoloch“ sehen, der „die bundesdeutsche Zeitungslandschaft immer mehr zu beherrschen“ scheint. 3 Ein erster Höhepunkt der Kritik an BILD wird 1968 erreicht. Die Proteste der Studentenbewegung richten sich auch gegen die Zeitung und den Springer-Verlag mit seinem konservativen Weltbild. Die Proteste eskalieren mit dem Attentat auf Rudi Dutschke - BILD-Auslieferungswagen werden angezündet, öffentlich die Enteignung Springers gefordert. 4 Die medialen Dokumentationen dieser Ereignisse haben sich im kollektiven Gedächtnis festgesetzt und werden zu beliebigen Jubiläen reproduziert. Die wirklich interessante, weil intellektuelle Auseinandersetzung der ‚68er‘-Studenten mit BILD geht dabei jedoch unter. Noch im selben Jahr des Dutschke-Attentats stieß der Organisator der Proteste, der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), auf eine qualitative Analyse der BILD-Zeitung - vom Springer-Verlag in Auftrag gegeben, von Marktforschungsinstituten erstellt. 5 Nach der Lektüre der Analyse konstatierte der SDS, dass
„deren wissenschaftliche Methoden und Ergebnisse sich von den unsrigen nicht mehr - oder allein der moralischen Tendenz nach - unterscheiden. Die Kritische Universität scheint hier an einem ihrer empfindlichsten Punkte getroffen zu sein. [Wir sind] überrumpelt von der Erfahrung, das uns der Klassenfeind selbst mit unseren eigenen Waffen schlägt. Springer bedient sich der Sprache, die wir sprechen. Unsere Überlegungen und Erkenntnisse sind, noch bevor wir sie richtig ausgesprochen haben, schon nicht mehr unsere eigenen. Springer, den wir enteignen
wollen, hat uns zuerst enteignet.“ 6
In der vorgefundenen Analyse, welche der SDS seiner Publikation als Faksimile beilegte, werden nämlich genau die Kritikpunkte der Studenten an BILD offen angesprochen, der manipulative Charakter der Zeitung wird eindeutig bejaht und der
2 Lobe: BILD ist Marke. S.24.
3 Kruip: Das „Welt“-„Bild“ des Axel Springer-Verlags. S.111.
4 Lobe: BILD ist Marke. S.26.
5 Kritische Universität West Berlin (Hg.): Die Psychoanalyse der Bild-Zeitung.
6 Ebd.
4
Kritik des SDS vorgegriffen und den Studenten somit entzogen. 7
2.2 Böll vs. BILD
Eine literarische Auseinandersetzung mit der BILD-Zeitung publiziert Heinrich Böll 1974. Sein Buch ‚Die verlorene Ehre der Katharina Blum‘ prangert die Arbeitsweise von Sensationsreportern und -zeitungen, insbesondere von BILD, an. Obwohl der Name der Springer- Zeitung in der Erzählung kein einziges Mal erwähnt wird, macht Böll durch die durchgehende Großschreibung des Wortes „Zeitung“ und die damit entstehende typografische Ähnlichkeit klar, dass nur BILD gemeint sein kann. Da die Erzählung aber auch andere thematische Fokussierungen zulässt, versieht Böll den Text zehn Jahre später mit einem Nachwort, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt, wenn er darin von einem „als Erzählung verkleidete[m] Pamphlet gegen die ZEITUNG“ spricht. 8 Diese sei „derart vollgesogen mit Verlogenheit, daß in ihr sogar eine unverfälschte Tatsache als Lüge erscheinen würde.“ 9 Ausdrücklich weist er auf den Untertitel der Erzählung hin: „Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“. Nach Böll ist der Aspekt nicht auf das Thema Terrorismus zu beziehen, sondern auf „die Gewalt von Schlagzeilen“, also z.B. die Folgen, welche diffamierende Artikel in einer Zeitung haben können. 10
Auch später äußerte sich Böll noch kritisch über die BILD-Zeitung, etwa in einem Nachwort zu Günter Wallraffs ‚BILDerbuch‘. 11 Dieses und das oben erwähnte Nachwort sind direktere und deutlichere Kritik als in der Erzählung. Die literarische Form der Auseinandersetzung mit BILD hat den Vorteil, dass sie sowohl subtiler sein kann als auch weniger angreifbar, da sie sich der Freiheiten des Erzählens bedienen darf. Dass Böll es dann aber nicht bei leisen Worten belassen konnte, zeigt, dass er der Aussagekraft seines Textes vielleicht doch nicht ganz vertraut hat.
2.3 Günter Wallraff oder Mit BILD gegen BILD
Der wohl bekannteste (und bis heute noch aktive) Enthüllungsjournalist Deutschlands ist Günter Wallraff. 1977 veröffentlicht er mit ‚Der Aufmacher. Der Mann, der bei Bild Hans Esser war‘ das erste einer ganzen Reihe von BILD-kritischen Bücher. Wallraff
7 Vgl. auch: Enzensberger: Der Triumph der Bild-Zeitung. S.80 f.
8 Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum. S.140.
9 Ebd. S.141.
10 Ebd. S.144.
11 Wallraff, Günter: Günter Wallraffs BILDerbuch. Göttingen: Steidl 1995. S.175-185.
5
schreibt von seinen persönlichen Erfahrungen, die er als Journalist mit falscher Identität in einer BILD-Redaktion gemacht hat. Diese Innenansichten machen seine Texte im Feld der BILD-kritischen Bücher einzigartig. Doch Wallraffs Methode ist problematisch: Zwar arbeitet er im Sinne einer politischen Aufklärung, aber seine Texte sind nie sachlich, sondern komplett aus seiner subjektiven Perspektive geschrieben. Dabei ist nicht nur die Selbstinszenierung Wallraffs als moderner Kämpfer für die Gesellschaft zu hinterfragen, sondern im vorliegenden Fall vor allem sein Schreibstil. Wenn man selbst die Art, wie BILD-Texte formuliert sind, kritisiert - das macht Wallraff z.B. in seinem ‚BILDerbuch‘, welches gesammelte Schlagzeilen der Springer-Zeitung aneinanderreiht - macht man sich angreifbar, wenn man selbst diesen Stil übernimmt. So bezeichnet Wallraff in „Der Aufmacher“ einen zeitweiligen Redaktionskollegen als „zynische[n] BILD-Reporter […] skrupellos und erfolgsgewiß“. 12 Als ein anderer von seiner bevorstehenden Reportage über Spezialeinheiten der Polizei berichtet, bekommt er „jagdlüsterne stiere Augen.“ 13 Beinahe beschwichtigend führt Wallraff an anderer Stelle an: „Sie [die BILD-Reporter] sind ja nicht als Bösewichter, als Lügner und Heuchler auf die Welt gekommen.“ 14 Diese Art zu schreiben wertet Wallraffs an sich sehr eindringliche BILD-Kritik ab. Wenn er sich den Schreibstil seines Spottobjekts zu Eigen macht, entzieht er sich selbst die Glaubwürdigkeit. Ein Fehler der Max Goldt nicht unterläuft, wie sich noch zeigen wird.
In der jüngeren BILD-Kritik sind vor allem zwei Namen zu nennen, die sich stilistisch (aber nicht methodisch) an Wallraff orientieren: Gerhard Henschel in ‚Gossenreport. Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung‘ und Benjamin von Stuckrad-Barre in zwei Texten der Essaysammlung ‚Deutsches Theater‘. So spricht Stuckrad-Barre von „Bilds Rampendichterin Hier-klatscht-Katja-Kessler“ 15 und richtet an den BILD-Kolumnisten Franz-Josef Wagner die Worte: „Wenn ein Mensch in Deutschland das Recht auf faire journalistische Behandlung verwirkt hat, dann du, lieber FJW.“ 16 Henschel bezeichnet BILD als „sittenverwildernd“, „Gosse“ und „Sexualorgan, das zwölf Millionen impotente Männer von der Straße als ihr eigenes empfinden“. 17
12 Wallraff, Günter: Der Aufmacher. Der Mann, der bei Bild Hans Esser war. S.48.
13 Ebd. S.30
14 Ebd. S.50.
15 Von Stuckrad-Barre, Benjamin: Deutsches Theater. S.34
16 Ebd. S.126.
17 Henschel Gerhard: Gossenreport. Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung. S.14-16.
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Arbeit zitieren:
Sebastian Schürmann, 2009, „Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht“ - BILD-Kritik in ausgewählten Texten Max Goldts, München, GRIN Verlag GmbH
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