Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort 3
2. Begriffsklärung: Stereotyp, Feindbild, Vorurteil 4
3. Sinti und Roma 8
3.1 Herkunft 8
3.2 Geschichte: Ein historischer Abriss 10
4. Entstehungsgeschichte: Makar Čudra 13
4.1 Inhaltsangabe 15
4.2 Darstellung der Protagonisten 17
5. Vorurteil und Realität in der Erzählung „Makar Čudra“ 21
6. Schlussbemerkungen 30
7. Literaturverzeichnis 31
2
1. Vorwort
Stereotype der Roma als der „Fremden“, der „Ungläubigen“, und „Ortsungebundenen“ dominieren bis heute die Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft. Die Romafeindlichen Einstellungen gehen sogar so weit, dass in vielen Diskursen Bezeichnungen wie „Asoziale“ und „Bettler“ mit dem Begriff „Zigeuner“ beinahe synonym verwendet werden.
Wie es dazu kommt, dass eine solche Voreingenommenheit gegenüber den Roma überall identisch ist und inwieweit diese Vorurteile immer noch fortherrschen, die als Begründung für die Verfolgung dieser Minderheit verwendet werden, sind wichtige Fragen, auf die im Rahmen einer Seminararbeit nicht opulent eingegangen werden kann.
Das Anliegen der vorliegenden Seminararbeit ist es dennoch solche Roma - Mythen kritisch zu hinterfragen und den Leser mit einem Teil der realen Kultur und Geschichte der osteuropäischen Roma zu konfrontieren. Dabei steht eine Unvoreingenommenheit, Sensibilität und Objektivität des Rezipienten im Vordergrund der Analyse. Als Vorlage für diese Arbeit wird die Erzählung „Makar Čudra“ von dem russischen Schriftsteller Maxim Gorki verwendet.
Der im Verlauf der Arbeit verwendete Begriff „Zigeuner“, wird von mir wertfrei, ohne Beabsichtigung eines negativen Effektes und synonym mit dem Terminus „Roma“ gebraucht.
3
2. Begriffsklärung: Stereotyp, Feindbild, Vorurteil
Die Begriffe Stereotyp, Vorurteil, Feindbild und Image werden in der Fachliteratur häufig als Synonyme verwendet, da es an einer genauen Unterscheidung ihrer Begrifflichkeit mangelt. 1
Der Begriff des Stereotyps, wie man ihn heute in der Wissenschaft versteht, geht auf den amerikanischen Journalisten Walter Lippmann zurück 2 , der ihn in seiner erstmals 1922 erschienenen Work Public Opinion als kulturell vorgeprägte Meinungen, Wertungen beziehungsweise Einstellungen definiert. Bezüglich der Funktion von Stereotypen in der Gesellschaft hebt Peter Grzybek drei wichtige Bereiche hervor. Erstens dienen Stereotypen dazu, das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb einer Gruppe zu stärken, indem alle dieselben Stereotype übernehmen, wodurch Konflikten vorgebeugt wird und ein Gefühl von Integration entsteht. Zweitens bieten stereotype Denkschemata durch ihre Klassifizierungen eine Orientierungshilfe bezüglich der Umwelt und drittens, was in Hinblick auf die Beschäftigung mit Minderheiten wie den Roma und Sinti am wichtigsten ist, legitimieren Stereotype die Diskriminierung einer Minderheit. 3
Vorurteile können als vorgefasste, ungeprüfte Meinungen und soziale Einstellungen, die sich auf soziale Gruppen bzw. Individuen beziehen definiert werden. "Ein Vorurteil ist eine dem Stereotyp nahestehende Einstellung (Meinungsbildung), die kaum auf Erfahrung (Information, Sachkenntnis), umso mehr auf subjektiver Eigenbildung bzw. Generalisierung von Ansichten usw. beruht. Kennzeichnend für das Vorurteil ist auch die zähe, unflexible, unreflektierte Fortdauer und die meist zerstörerische
4 (selten förderliche) Wirkung, die es im Gemeinschaftsleben entfalten kann."
1 Vgl. Hahn 1995, S. 8.
2 Vgl. Grzybek 1990, S. 300.
3 Ebd., S. 308.
4 Dorsch, 1982, S.741.
4
Man unterscheidet zwischen negativen und positiven Vorurteilen. Beide basieren kaum auf objektiv gesicherten Informationen, sondern vor allem auf subjektiven Einstellungen, Gefühlen und Wertungen. 5 Positive Vorurteile können zum Beispiel in der Verliebtheitsphase entstehen. Als Beispiel für negative Vorurteile können hier die ethnischen Gruppen der "Sinti und Roma" genannt werden. Ihnen werden häufig folgende Charakteristika zugeschrieben: "Ihre moralischen Eigenschaften zeigen eine sonderbare Mischung von Eitelkeit und Gemeinheit, Ziererei, Ernst und wirklicher Leichtfertigkeit, fast einen gänzlichen Mangel männlichen Urteils und Verstandes, welcher von harmloser List und Verschlagenheit, den gewöhnlichen Beigaben gemeiner Unwissenheit, begleitet ist; dabei zeigen sie noch entwürdigende Kriecherei in Tun und Wesen, darauf berechnet, andere durch List zu übervorteilen; sie haben nicht die geringste Rücksicht auf Wahrheit und behaupten und lügen
6 mit einer nie errötenden Frechheit."
Vorurteile können sich außerdem zu Feindbildern verdichten, die als Bestandteile politischer Ideologien zu Instrumenten werden können.
Vorurteile und Feindbilder entstehen zunächst in uns und werden dann nach außen auf verschiedene Menschen, Gruppen und Nationalitäten übertragen, die diesen Bildern entsprechen. Sie kommen in Projektionen zum Tragen. Projektionen sind das Hinausverlegen von Innenvorgängen nach außen. 7 Vorurteile können unabhängig von Feindbildern wie auch zusammen mit ihnen existieren. Das heißt, man kann ein Vorurteil über eine bestimmte Gruppe von Menschen haben, aber daraus muss sich noch nicht zwangsläufig ein Feindbild ergeben. „Feindbilder hingegen basieren fast immer auf Vorurteilen, denn Vorurteile und Stereotypen dienen meist als Reservoir für Feindschaft.“ 8
Die Reproduktion von Vorurteilen und die Rekapitulation von stereotypen „Zigeuner“-Bildern lassen Bilder und Vorstellungen über „Zigeuner“ beständig werden. Vorurteile
5 Vgl. Reber 1995, S. 590.
6 Benz 1996, S.175.
7 Vgl. Dorsch 1982, S.508.
8 Vgl. Brehl /Platt 2003, S.29.
5
werden genutzt, um die eigene Gruppenidentität gegenüber der Alterität, dem Fremden, zu sichern. Demzufolge besteht also ein enger Zusammenhang zwischen der Abgrenzung vom Fremden und der Definition des Eigenen. Feindsbilder dienen nach Wolfgang Benz, dem Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung drei Wirkungszusammenhängen: der Selbstbestätigung und Ausgrenzung (im Sinne von: "Ich bin/Wir sind richtig und entsprechen der Norm."), der Schuldzuweisung und Sinnstiftung (im Sinne von: "Ich bin/Wir sind die Guten, moralisch Überlegeneren.") und der Angst und Realitätsverweigerung (im Sinne von: "Ich muss mich/Wir müssen uns schützen."). 9
Im Laufe des 20. Jahrhunderts gewannen die Anerkennung der ethnischen Identitäten sowie der kulturelle Eigenwert an Bedeutung. Ausgangspunkt für die Frage nach der Identität kollektiver Einheiten, von politisch-sozialen Gruppen, Gemeinschaften und Verbänden, also nach dem, was deren Kohärenz und Zusammengehörigkeitsgefühl ausmacht, ist der internationale Charakter der Gemeinschaftsbildung. 10 Bei den erwähnten Kollektiven handelt es sich um Konstrukte, die Ergebnis zum Teil lang wirkender Prozesse sind.
Ethnische Identitäten sind Ergebnisse von Prozessen der Ethnogenese und des nation building, in denen reale Lebensumstände und Praktiken mit Deutungen und Reflexionen auf vielfältige Weise verschlungen sind. In diesem Rahmen ist besonders der Blick auf die Vergangenheit der jeweiligen Gruppe wichtig, die mit der Gegenwart ebenfalls vielfach verquickt, sozusagen rückgekoppelt ist. 11 Die Bildung von Gemeinschaften beruht auf Wahrnehmungen von Ähnlichkeit bzw. Gleichheit und Differenz und davon ausgehenden Zuschreibungen von Identität und Alterität, die jeweils miteinander korrelieren. In wesentlichen Lebensäußerungen undbereichen, Aussehen, Gestus und Habitus, Sprache, Sitten und Gebräuchen, Kulten und religiösen Vorstellungen, werden mit teilweise unterschiedlichen Akzentuierungen Gemeinsamkeiten und Unterschiede wahrgenommen. Zuschreibungen und Zuordnungen machen daraus das „Eigene“ und das „Fremde“ bzw. „Andere“. Die
9 Vgl. Benz, 1996 S.9.
10 Vgl. Fludernik /Gehrke 1999 S.18.
11 Ebd., S.20.
6
Zugehörigkeit zu einer Gruppe und die Abgrenzung von anderen Einheiten werden gleichsam stilisiert und durch „acts of identity“ immer wieder bestätigt und eingeschärft. 12 Bei dieser Abgrenzung von „Eigenem“ und „Fremdem“ nimmt vor allem die Differenzierung von den „Fremden“, die geografisch gesehen am nächsten sind, einen besonderen Stellenwert ein. 13
Mit den im literarischen Kontext in Erscheinung tretenden ethnischen, nationalen und kulturellen Stereotypen oder Images setzt sich die Imagologie als literaturwissenschaftliche Disziplin auseinander. Im Laufe der Literaturgeschichte wurden unzählige Figuren und Stoffe angesammelt und eine Tradition ästhetischer Verfahren geschaffen, auf die bei der literarischen Darstellung des Verhältnisses von „Eigenem“ und „Fremdem“ zurückgegriffen werden kann. 14 Zentral ist das Motiv der Alterität der „Zigeuner“, die als Volksgruppe im Gegensatz zur bürgerlichen Gesellschaft stehen. Laut Breger stellen die Worte „Zigeuner“ und „Fremde“ Begriffe dar, die sich bis heute überlagern und die gegenseitig austauschbar erscheinen. 15 Aus diesem Grund erscheint es nahe liegend, den Terminus „Zigeuner“ vorerst zu definieren.
12 Ebd., S.21.
13 Vgl. Grzybek 1990, S. 318.
14 Vgl. Gutjahr 2002, S. 60.
15 Vgl. Breger 1998, S. 15.
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3. Sinti und Roma
3.1 Herkunft
Der komplexe Terminus „Zigeuner“ leitet sich aus dem griechischen Wort anthinganoi ab. Aus dem Ausdruck athinganoi, was auf Deutsch „Die Unberührbaren“ bedeutet, entwickelten sich die Worte Cygan im Polnischen, Cygan im Russischen, Tsigane im Französischen und die deutsche Bezeichnung Zigeuner. 16
In der deutschen Bürgerrechtsbewegung der Zigeuner in den achtziger Jahren, hat sich neben dem Begriff Zigeuner, das Wortpaar „Sinti und Roma“ als Sammelbezeichnung für alle Zigeunergruppen durchgesetzt. Als „Sinti“ wird die größte im deutschen Sprachraum lebende Zigeunergruppe bezeichnet. Bei den „Roma“ handelt es sich im deutschen Sprachraum, um die aus Ost- und Südeuropa stammenden Zigeunergruppen. Der Begriff „Roma“ wird außerdem außerhalb dieses Sprachraumes als Sammelbegriff für alle Zigeuner auch der Sinti verwendet. Die beiden Begriffe „ Roma und Sinti“ sind Eigenbezeichnungen der Betroffenen, werden sie jedoch von Nichtzigeunern übernommen, werden sie zu Fremdbezeichnungen. Das Wort „Rom“, Mehrzahl „Roma“ bedeutet „Mann“ und wird von den Roma nur für Angehörige der eigenen Ethnie gebraucht. Der Terminus „Sinti“ geht entweder auf eine Landschaft Sindh zurück oder auf Hindustani sant oder Pali sandhi (Verbindung, Bund, Einigung). 17 Verwandtschaftsbeziehungen, die Sprache Romanes, die eigenen kulturellen Regeln, sowie die Distanz zu den Nichtzigeunern bestimmen die Zugehörigkeit zu den Sinti oder Roma.
„ Die These, es existiere eine konstante, gleichsam überhistorische Identität der Zigeuner, lässt sich dagegen nicht halten. Das Selbstverständnis unter den Sinti und Roma ist durch verschiedene Grade von Abgrenzung gegenüber der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft ebenso geprägt wie durch
16 Vgl. Zimmermann 1996, S.1.
17 Ebd.
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Arbeit zitieren:
Daria Rybalov, 2011, Roma: Vorurteil und Realität in der russischen Literatur, München, GRIN Verlag GmbH
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