Ulrich Schoenborn
Die Frau an Jakobs Seite
Luise Charlotte von Brandenburg, Herzogin von
Kurland und Semgallen (1617-1676)
2
Inhalt
Vorwort
3
1.
Kurland und Preußen ein programmatisches Gemälde 4
2.
Biographischer Horizont
8
3.
In Kurland
15
4.
Diplomatie zwischen den Fronten
22
5.
Schwedische
Gefangenschaft
30
6.
Zurück
in
Kurland
35
Exkurs: Prinz Alexander von Kurland (1658-1686)
39
7.
Tod
der
Herzogin
42
Anhang I.: Briefe der Herzogin an ihren Bruder
Friedrich Wilhelm, Kurfürst von
Brandenburg und Herzog von Preußen
(1656 und 1659)
44
Anhang II.: Memorial - ,,Von der Herzogin Louisa
Charlotta ihren Kindern hinterlassen"
(1675) 48
Anhang III.: Herzog Jakobs Regierungszeit Fazit 52
Anhang IV.: Abbildungen
53
Literatur
85
3
Vorwort
Aus Anlaß des 450jährigen Gründungsjubiläums des Herzogtums Kurland
und Semgallen fand am 13./ 14. September 2011 in Jelgava/ Mitau und
Rundle/ Ruhenthal eine internationale Tagung mit Wissenschaftlern aus
Deutschland, Estland, Lettland und Schweden statt. Die Vorträge suchten
mit ausgewählten historischen, politischen kunst- und religionsgeschicht-
lichen Aspekten die Geschichte des Herzogtums zu würdigen. Veranstal-
tet wurde dieses ,,Homburger Gespräch 2011" von der M.C.A.Böckler-
Mare-Balticum-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Lettischen Kunstaka-
demie Riga, dem Gedert-Eliass-Museum für Geschichte und Kunst in
Jelgava/ Mitau und dem Museum Schloss Rundle/ Ruhenthal.
Die folgende Studie ist der stark überarbeitete und um zahlreiche Abbil-
dungen ergänzte Beitrag, der am 14. September in Rundle vorgetragen
wurde. Eine Kurzfassung des Vortrags erscheint auch in Riga und in
,,Kurland Hefte" (Nr. 19/2011).
Marburg, im Dezember 2011
Ulrich
Schoenborn
4
Die geopolitische Lage hat das Herzogtum Kurland zeit seines Bestehens in
diplomatische Verhandlungen wie kriegerische Auseinandersetzungen zwischen
Schweden, Polen, Russland und Brandenburg-Preußen verwickelt. Von elemen-
tarer Bedeutung erwies sich, vor allem im 17. Jahrhundert, die Verbindung mit
Brandenburg-Preußen. Die folgende Studie richtet die Aufmerksamkeit auf eine
Frau, Luise Charlotte von Brandenburg, die als Herzogin von Kurland an der
Seite ihres Gatten, Herzog Jakob, nachhaltigen Einfluss auf die Politik und die
kulturelle Entwicklung des Herzogtums genommen hat. In ihrer Lebensge-
schichte spiegeln sich epochale Ereignisse und Veränderungen.
1. Kurland und Preußen ein programmatisches Gemälde
Der enge Verbund zwischen Brandenburg-Preußen und Kurland kommt u.a. in
einem Gemälde zur Sprache, das der Hofmaler des Großen Kurfürsten, Matthias
Czwiczeck (auch Schwetzge), gemalt hat: ,,Verherrlichung der Kurfürstin Elisa-
beth Charlotte von Brandenburg als Königin von Saba" (1649)
1
.
1
1
Vgl. A
LFRED
F.
W
OLFERT
, Ein Familienbild des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von
Brandenburg, in: Mitteilungen des Wappen-Herold. Der Trappert, 1970, 1-20; H
ELMUT
B
ÖRSCH
-S
UPAN
, Zeitgenössische Bildnisse des Großen Kurfürsten, in: Zeitschrift für histo-
rische Forschung (ZHF), Beiheft 8, 1990, 151-166; 153f. Zu Elisabeth Charlotte von der Pfalz
s. E
RNST
D
ANIEL
M
ARTIN
K
IRCHNER
, Die Kurfürstinnen und Königinnen auf dem Throne der
Hohenzollern, Bd. 2, Berlin 1867, 182-220.
5
Das Gemälde gehört zum Genre der Bilder (,,synchrones Familienbild"), mit
denen ein Fürstenhaus seine Bedeutung der Öffentlichkeit darstellen will. Lange
Zeit ist angenommen worden, das Bild (33 x 44,5 cm; Öl auf Holz) sei eine Auf-
tragsarbeit zur Taufe des ersten Sohnes des Großen Kurfürsten, Wilhelm Hein-
rich (1648-1649). Zur Begründung wurde auf die Jahresangabe ,,1648" auf der
Rückseite und auf die Darstellung des früh verstorbenen Prinzen in der Bild-
achse verwiesen. Dagegen sprechen nicht nur die Bibelstelle am oberen Rand
des Bildes: ,,1 Regum cap. X, 2" (1. Könige 10, 2ff), die den Titel des Bildes
vorgab. Vor allem die Komposition und bedeutsame Details weisen in eine
andere Richtung.
Zwei Schwerpunkte im Bild sprechen die Aufmerksamkeit des Betrach-
ters an. In der Gruppe auf der rechten Seite ist es Kurfürstin Elisabeth Charlotte
von Brandenburg (1597-1660) umgeben von ihren Kindern. Die Prinzessin aus
der Pfalz hatte 1616 den brandenburgischen Kurfürsten Georg Wilhelm (1595-
1640) geheiratet. Hier thront sie in Purpur und Hermelin gekleidet. Ihr Status als
Witwe (Witwenschleier) und ,,Königin von Saba" (Krone) ist deutlich sichtbar.
Im Hintergrund rechts nahen sich Kamele mit den Schätzen ihres Landes, alles
gemalt in grauen und grünen Tönen. Einen besonderen ,,Reichtum" stellen ihre
Kinder und deren dynastische Verbindungen dar. So wird ihr die Krone von
ihrer Tochter Hedwig Sophie (1623-1683) gereicht, die den Landgrafen Wil-
helm VI. von Hessen-Cassel (1629-1663) geheiratet hat. In der Reihe folgen ihr
Sohn, Kurfürst Friedrich Wilhelm (1620-1688), der zweite Schwerpunkt, und
seine Gemahlin Louise Henriette von Oranien (1627-1667). Hinter ihnen stehen
die älteste Tochter der Kurfürstin, Luise Charlotte (1617-1676), und ihr Gemahl,
Herzog Jakob von Kurland (1610-1681). M.a.W., im Bild werden die guten Be-
ziehungen zwischen verschiedenen protestantischen Fürstenhäusern präsentiert.
Zugleich wird mit dem Gemälde eine Huldigung an die Kurfürstin ausgespro-
chen. Ein weiterer Aspekt ist zu berücksichtigen. Der Bruder der Fürstin,
Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz (1596-1632), der sog. Winterkönig
2
, war der
Anführer der ,,Union", eine Vereinigung der protestantischen/ calvinistischen
Fürsten. Während des Dreißigjährigen Krieges hatte er Land und Besitz verloren
und war im niederländischen Exil gestorben. Im Westfälischen Frieden wurde
das Kurfürstentum der Pfalz zwar restituiert (s. Aktenpaket im Vordergrund mit
Wappen und Jahreszahl 1648). Darauf verweisen die ausgebreiteten Schätze, bei
denen Ludwig Philipp von Simmern (1602-1655) kniet, ein Bruder der branden-
burgischen Kurfürstin und seit 1632 Verweser der Pfalz. Am rechten Bildrand
noch dessen Gemahlin, Marie Eleonore von Brandenburg (1607-1675), die
2
Vgl. P
ETER
B
ILHÖFER
, Nicht gegen Ehre und Gewissen. Friedrich V., Kurfürst von der
Pfalz der ,,Winterkönig" von Böhmen (1596-1632), Diss. Mannheim 1999; H
AUS DER
B
AYRISCHEN
G
ESCHICHTE
(H
G
.), Der Winterkönig Friedrich von der Pfalz und Europa im
Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges, Stuttgart 2003.
6
gemeinsam mit Katharina Sophie von der Pfalz die Schleppe der ,,Königin von
Saba" hält
3
.
Den zweiten Schwerpunkt des Bildes, vom Betrachter aus gesehen links,
hat der seit 1640 regierende Große Kurfürst übernommen. Aus dem biblischen
Motivzusammenhang fällt ihm die Rolle des Königs Salomo zu. So ist auch er
prächtig gekleidet und in dem typischen Dreiviertelprofil nach rechts dargestellt.
Mit der politischen Entmachtung der Pfalz war die protestantische Union führer-
los geworden. Nach Ende des Dreißigjährigen Krieges übernimmt nun der bran-
denburgische Kurfürst diese Funktion, nicht zuletzt gestärkt durch die Anerken-
nung des calvinistischen Bekenntnisses im Westfälischen Frieden. Insofern im-
pliziert das Bild unüberhörbare religionspolitische Ansprüche. Folgt man dem
Wink der rechten Hand Friedrich Wilhelms, so gelangt man zur sog. ,,Gruppe
der Ahnen", die unter einem Baldachin mit brandenburgischem Wappenfries
versammelt sind. Mehrere Stufen führen zu ihnen hinauf und legen den Gedan-
ken der Ehrwürdigkeit nahe. In dieser Runde sitzen bereits verstorbene Mit-
glieder der anwesenden Fürstenhäuser zusammen: Kurfürst Georg Wilhelm von
Brandenburg, der Gemahl der Hauptfigur des Bildes; Kurfürst Johann Sigis-
mund von Brandenburg (1572-1619), der 1613 zum Calvinismus konvertiert ist;
Louise Juliane von Nassau-Oranien (1576-1644); Friedrich Heinrich von
Nassau-Oranien, ihr jüngster Halbbruder; Kurfürst Friedrich IV. von der Pfalz,
Ehemann von Louise Juliane und der ,,Winterkönig", Kurfürst Friedrich V. von
der Pfalz, Sohn des gerade Genannten
4
. Was die ,,Gruppe der Ahnen" vereint, ist
ihr Eintreten für die calvinistische Konfession. In diese Tradition reiht der Große
Kurfürst sich ein. ,,Der Garten, die aufgehende Sonne und die Musikkapelle auf
dem Altan sollen die hoffnungsvolle Ouvertüre einer neuen Epoche versinn-
bildlichen"
5
.
Wie sehr der Maler
6
die Verbindung von Politik und Religion zur Sprache
gebracht hat, verdeutlichen Komposition und Details. Das hat Alfred F. Wolfert
7
besonders herausgestellt. Die lebenden Personen stehen gleichsam auf einer
Bühne im Vordergrund, der durch Stufen rechts und links mit anderen Räumen
verbunden ist. Anders gesagt, die Gegenwart hat transitorischen, vorläufigen
Charakter. Die Menschen müssen sich mit der Perspektive des Glaubens auf die
Zeitphasen einstellen. Irdische Güter, Schätze u.ä. stehen als Zeichen der Gnade
in hohem Ansehen, sind angesichts der Ewigkeit jedoch sekundär. Sie sind
3
Zur Identifikation der dargestellten Personen vgl. den Artikel von W
OLFERT
(wie Anm. 1),
6ff. Die Dame zwischen Kurfürstin Louise Henriette und Landgraf Wilhelm VI. ist die Mutter
des Letztgenannten, Amalie Elisabeth Gräfin von Hanau-Münzenberg (1602-1651).
4
Nach W
OLFERT
(wie Anm. 1), 10f.
5
B
ÖRSCH
-S
UPAN
(wie Anm. 1), 154.
6
Matthias Czwiczek stammte aus Böhmen und sympathisierte mit den Hussiten. Als junger
Mann hatte er 1620 an der Schlacht am Weißen Berge gegen die katholisch-habsburgische
Macht teilgenommen. Seit April 1628 war er Hofmaler in Königsberg, also im Herrschaftsbe-
reich eines protestantisch-reformierten Fürsten.
7
W
OLFERT
(wie Anm. 1), 16ff.
7
vergänglich, wie das Schicksal der Pfalz zeigt. Unterliegen andererseits dem
Willen Gottes, der nimmt und gibt. Die ,,Königin von Saba" erhält zurück, was
die Pfalz vorher in dem Maße nicht besessen hat. Und sie gibt weiter: Wein-
trauben, das Produkt ihrer Heimat. ,,Der Weintraube in der Rechten der Kurfür-
stenmutter entspricht vor ihrer Linken der Kelch, der ihr hingereicht wird. Mit
diesem Kelch offenbart sich der böhmische Protestant Czwiczek"
8
, wenn er den
größten der Schätze präsentiert. In Böhmen hatten lange vor Luther die Hussiten
oder Utraquisten das Abendmahl ,,sub utraque specie" (in beiderlei Gestalt) ge-
fordert und durchgesetzt. Dieses Recht steht jedem Christen zu, gleich welcher
Herkunft. ,,Czwiczek war diese utraquistische Grundforderung so wichtig, daß
er zu ihrer (übertriebenen) Verdeutlichung gleich zwei Hostien aus dem Kelch
hervorkommend zeigt, die noch dazu in Gold und mit Edelsteinen besetzt gemalt
sind"
9
. Im Gang durch die Zeiten sind die Menschen von den Schrecken des
Krieges nicht verschont geblieben. Nunmehr geht es unter der Führung Bran-
denburgs - politisch wie religiös - einer heilvolleren Zukunft entgegen. Alle-
gorische Zutaten im Hintergrund (Wohlfahrt, Glaube, Weisheit und Wachsam-
keit) stützen diese Perspektive ab.
Das Bild bedient sich bei der Intention, politische und religiöse Ansprüche
in die Öffentlichkeit zu tragen, einer subtilen Methode. Beachtet man die Kopf-
haltung der dargestellten Personen, fällt eine Eigentümlichkeit sofort auf. Die
Damen blicken alle nach links (vom Betrachter aus gesehen), während die Her-
ren ihren Kopf alle nach rechts drehen, auch wenn dadurch eine unnatürliche
Wirkung (s. die Tafelrunde der Ahnen) hervorgerufen wird. Diese Typisierung
in der Kopfhaltung entspricht der Anordnung der Ahnenwappen auf mittelalter-
lichen Epitaphien
10
. Mit dem altertümlichen ästhetischen Strukturprinzip erhält
die programmatische Botschaft des Bildes eine Würde und Qualität, die sie jen-
seits von ideologischer Propaganda stellen.
Im Kreis der Lebenden steht nun mit Jakob von Kurland links hinter
dem Großen Kurfürsten - ein Vertreter der lutherischen Konfession. Kann dieses
Detail als Signal früher ökumenischer Toleranz gewertet werden? Eher ist zu
vermuten, dass die Verbindung eines lutherischen Herzogs mit einer reformier-
ten Prinzessin rechts neben ihrem Bruder Friedrich Wilhelm - auf der poli-
tischen und religiösen Ebene eine Geschichte eigener Art evoziert hat. Der
Große Krieg war vorbei. Brandenburg-Preußen befand sich auf dem Weg zur
Macht in Mitteleuropa. Und Kurland hat in diesem Prozess einen Platz
11
. Durch
8
W
OLFERT
(wie Anm. 1), 18.
9
W
OLFERT
(wie Anm. 1), 19.
10
Darauf hat W
OLFERT
(wie Anm. 1), 7 aufmerksam gemacht. Der Hund zu Füßen des Gro-
ßen Kurfürsten erinnert an mittelalterliche Grabplatten.
11
Zur Bedeutung der dynastischen Verbindungen vgl. A
LMUT
B
UES
, Kurland-Brandenburg-
Hessen, in: Kurzemes un Zemgales hercogiste-petnieciba sasniegtais un perspektivas,
ED
.
A.V
IJUPS
, Ventspils muzeja raksti 1, Riga 2001, 63-73; 65: Verwandtschaftsbeziehungen der
Herrscherhäuser von Kurland, Brandenburg und Hessen;
DIES
., Der kurländische Herzogshof
8
den konfessionellen Faktor, d.h. die Verbindung eines calvinistischen Fürsten-
hauses mit einem lutherischen erhält der Vorgang eine besondere Note.
2. Biographischer Horizont
Die älteste Schwester des Großen Kurfürsten wurde am 3. September 1617 im
Residenzschloß zu Cölln a. d. Spree als erstes Kind der Prinzessin Elisabeth
Charlotte (1597-1660) und des Kurprinzen Georg Wilhelm (1595-1640) gebo-
ren. Bei der Taufe erhielt sie den Namen der Mutter, wurde später aber immer
Luise Charlotte genannt. Ihre Schwester, Hedwig Sophie, die spätere Landgräfin
von Hessen-Cassel, folgte 1623. Der Großvater, Johann Sigismund von Bran-
denburg, starb zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges (1618) und hinterließ
seinem Sohn und Nachfolger Georg Wilhelm ein schweres Erbe. Dessen Schwe-
ster, Marie Eleonore (gest. 1655), war mit dem schwedischen König Gustav
Adolf verheiratet.
Über die Kindheit Luise Charlottes ist fast nichts überliefert. Man darf
aber voraussetzen, dass sie wie ihre Geschwister das Bildungs- und Erziehungs-
programm für fürstliche Kinder durchlaufen hat. M.a.W., sie war mit der Bil-
dung der Zeit ausgestattet. Aus ihrer späteren Korrespondenz kann auf ein
selbstbewusstes, diskursives und empathisches Wesen geschlossen werden
12
. Es
war selbstverständlich, dass sie im calvinistischen Glauben erzogen worden ist,
der ihr im wechselhaften Verlauf der Lebensgeschichte Trost und Standfe-
stigkeit gegeben hat. Das Haus Brandenburg hatte sich seit der Konversion ihres
Großvaters Johann Sigismund (1613) zu einem maßgeblichen Förderer und
Verteidiger des Calvinismus in Europa entwickelt. Ihre Mutter, eine Tochter des
Winterkönigs, Friedrich IV. von der Pfalz, genoss den Ruf eine Fürstin mit
streng calvinistischer Gesinnung.
in Mitau im 16. und 17. Jahrhundert. Geschichte der Residenz-Hofhaltung-Hofkultur, in: Kur-
zemes un Zemgales hercogiste-petnieciba sasniegtais un perspektivas, ed. A.Vijups, Ventspils
muzeja raksti 1, Riga 2001, 301-319. - Im Übrigen K
ARL
W
ILHELM
C
RUSE
, Curland unter den
Herzögen, Mitau 1833, 136ff; O
TTO VON
M
IRBACH
, Briefe aus und nach Kurland während der
Regierungsjahre des Herzogs Jakob, Zwei Theile, Mitau 1844; A
LEXANDER VON
R
ICHTER
,
Geschichte der dem russischen Kaiserthum einverleibten deutschen Ostseeprovinzen, III. Bd.:
Kurland unter den Herzögen 1562-1795, Riga 1858; bes. 64ff (Herzog Jakob).
12
Sie galt als ,,eine Frau von scharfem Geist und seltenen Herzensgaben" (E
RNST
S
ERAPHIM
,
Kolonialpolitische Streifzüge ins siebzehnte Jahrhundert, in: Baltische Monatsschrift 37,
1890, 50-74; 69). Georg Fölkersam hebt in seinen Briefen (vgl. M
IRBACH
I. und II. [wie Anm.
11]) immer wieder Mut, Standfestigkeit und Geistesgegenwart der Herzogin hervor. Ferner
L
EOPOLD VON
O
RLICH
, Geschichte des Preußischen Staates im 17. Jahrhundert mit besonderer
Beziehung auf das Leben Friedrich Wilhelms des Großen Kurfürsten, I. Band, Berlin 1838,
517ff.
9
Luise Elisabeth von Brandenburg (1617-1676)
Herzogin von Kurland und Semgallen
Als während des Dreißigjährigen Krieges die Kämpfe Pommern und Branden-
burg erreichten, wich die kurfürstliche Familie (zusammen mit den pfälzischen
Verwandten) nach Königsberg aus. Denn Kurfürst Georg Wilhelm war auf die
kaiserliche Seite gewechselt und hatte die Reaktionen der einstigen Verbündeten
zu fürchten. Unterdessen führte in der Mark Hans Adam von Schwarzenberg,
ein Katholik, die Regierungsgeschäfte. Er war auch die treibende Kraft hinter
der neuen Allianz mit dem Kaiser. Entsprechend verhasst war er am protestan-
tisch gestimmten Hof, besonders bei den fürstlichen Damen.
Aus der Königsberger Zeit ist vor allem Luise Charlottes Engagement für
die calvinistische Sache überliefert. Bekanntlich dominierten die Lutheraner im
Einvernehmen mit dem polnischen König in Preußen das religiöse Terrain. Die
Minderheit der Reformierten erlitt daher Diskriminierung mannigfacher Art. Sie
besaß weder Kirche noch Friedhof. Gegen das Verbot des polnischen Lehns-
10
herren sorgten Luise Charlotte und ihre jüngere Schwester, Hedwig Sophie, für
die Anlage eines Friedhofes und ließen denselben mit einer schützenden Mauer
umgeben
13
.
Auch ihre Aufgeschlossenheit gegenüber Dichtung und Musik stammt aus
dieser Zeit in Königsberg. Luise Charlotte schätzte den Dichter Simon Dach und
seinen Kreis. Bei Hof wurden Werke ,,aus der Kürbishütte" sehr geschätzt. Von
Simon Dach stammen viele Verse zu festlichen Anlässen des Fürstenhauses. Er
hat auch poetische Glückwünsche zu Verlobung und Hochzeit, später dann zur
Geburt des ersten Sohnes geschrieben. Zum Domorganisten und Komponisten
Heinrich Albert entwickelte sich ebenfalls eine Beziehung. 1642 hat er Luise
Charlotte und ihrer Schwester eine Sammlung von Arien gewidmet. Er kom-
mentiert die Widmung mit der Bemerkung, dass die Fürstinnen die Arien
,,zum Teil nicht allein gerne musiciren und singen hören, sondern auch ein
gnädiges Belieben getragen, etliche aus ihnen zu dero Hochfürstlicher Lust und
Ergetzung selbsten zu studiren und sich bekannt zu machen, welches denn
durch die gute Anleitung der kunstreichen Hand des berühmten Musikanten
Walter Rowe, EE.FF.DD. getrewen Dieners leichtlichen geschehen möge"
14
.
Als ein Politikum ersten Ranges sollte sich die Verheiratung der Prinzessin er-
weisen. Noch zu Lebzeiten des Vaters standen zwei Bewerber mit ernsten Ab-
sichten zur Auswahl: Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm von Neuburg und Prinz
Kasimir von Polen, ein Bruder des Königs Wladislaus IV. Gegen beide Kandi-
daten gab es ökonomische bzw. religionspolitische Vorbehalte. Dann starb 1640
Kurfürst Georg Wilhelm und sein Nachfolger, Kurfürst Friedrich Wilhelm, be-
gann, die brandenburgische Politik neu zu profilieren. Er betrieb die Annä-
herung an Schweden, so dass eine Verbindung mit Polen auch aus diesem
Grunde nicht in Frage kam. In der Zwischenzeit hatte sich Markgraf Ernst von
Brandenburg als Kandidat präsentiert. Obwohl er nur über bescheidenes Ver-
mögen verfügte und außerdem der lutherischen Konfession angehörte, war Luise
Charlotte ihm zugetan und zur Verlobung bereit. Doch der Markgraf verstarb
1642 plötzlich. In einem dritten Anlauf musste der Geheime Rat sich mit fol-
genden Bewerbern beschäftigen: dem polnischen König Wladislaus IV., Graf
Karl Ludwig von der Pfalz und Herzog Jakob von Kurland.
13
Vgl. Altpreußische Monatsschrift 1894, 199; F
RANZ
M
UTHER
,
Geschichte der evangelisch-
deutsch-reformierten Burgkirchengemeinde in Königsberg i.Pr, Königsberg i.Pr. 1901, 11f.
14
Zit. nach A
UGUST
S
ERAPHIM
, Eine Schwester des Großen Kurfürsten. Luise Charlotte,
Markgräfin von Brandenburg, Herzogin von Kurland (1617-1676), Berlin 1901, 4. Erhalten
ist auch ein Liederbuch der Fürstin aus dem Jahr 1632. Der Komponist und Liederdichter
Heinrich Albert - s. Allgemeine Deutsche Biographie (ADB), Band 1 (1875), 210ff - gehörte
zum Königsberger Dichterkreis um Simon Dach u.a., der sich in der berühmten ,,Kürbishütte"
traf, einer Laube in Alberts Garten. Vgl. A
LFRED
K
ELLETAT
(H
G
.), Simon Dach und der
Königsberger Dichterkreis, Stuttgart 1986; bes. 215ff und 353ff und W
LADIMIR
G
ILGAMOV
,
Die Kürbishütte der Welt im Werk von Simon Dach, Vortrag Königswinter 2009.
11
Jakob stand durch seine Mutter, Sophie von Brandenburg, Tochter des ,,blöden
Herren", Herzog Albrecht Friedrich von Preußen, in verwandtschaftlicher Be-
ziehung zum Haus Hohenzollern
15
. Eine Zeit lang hatte er am Hof seines
Oheims Johann Sigismund verbracht. Der Herzog von Kurland befand sich in
staatsrechtlicher Hinsicht gegenüber dem polnischen König in derselben Stel-
lung wie der Herzog von Preußen. Unter Jakobs Führung erlebte das Land einen
Aufschwung. Er war reich
16
, klug
17
und geachtet.
Herzog Jakob von Kurland und Semgallen (1642-1682)
15
Jakob war also ein Vetter Georg Wilhelms von Brandenburg und ein Oheim seiner
zukünftigen Gemahlin.
16
Es hieß, er habe ,,in Amsterdam mehr bares Geld liegen ...als irgend ein anderer deut-
scher Fürst" (A
UGUST
S
ERAPHIM
, Die Geschichte des Herzogtums Kurland (1561-1795),
Reval
2
1904, 102).
17
Darauf lassen Informationen über die Bibliothek in Schloss Mitau schließen (vgl.
S
ERAPHIM
[wie Anm. 16], ibd.).
12
Im Sommer 1644 ließ Jakob in Königsberg durch seinen Rat Professor Christian
Derschau die Heiratsabsichten anmelden. Gegenüber den Mitbewerbern (katho-
lisch und machtlos der eine, reformiert und ohne Land der andere) erhielt Jakob
den Vorzug, obwohl er lutherischer Konfession war. Im Juli 1645 fand in Kö-
nigsberg die Verlobung statt, von Simon Dach poetisch gefeiert. In einem spä-
teren Brief an Otto von Schwerin schreibt die Fürstin, dass sie nur auf des Kur-
fürsten Geheiß und Zusage, denn aus staatspolitischer Räson den Herzog gehei-
ratet habe
18
. Jakob zählte zu der Zeit 34 Jahre, und Luise Charlotte war auch
schon 27 Jahre alt.
Am 13. Juli 1645 wurde in Königsberg der Ehevertrag aufgesetzt, in dem
an exponierter Stelle das calvinistische Bekenntnis Luises berücksichtigt wurde.
Ausdrücklich erwähnt werden die freie Ausübung des Gottesdienstes nach refor-
mierter Art und Bestimmungen über die Konfession der erwarteten Kinder. Die
Söhne wie die Töchter sollten bis zum siebten Lebensjahr von der Mutter reli-
giös erzogen werden. ,,Hernachmals werden Unsere beyderseits Söhne in un-
serer Evangelischen (d.h. lutherischen) Religion, Unserer Lande Verfassungen
und Reversalen gemäß, wie billig auferzogen, die Töchter oder Fräulein aber
bleiben auch nach der Zeit nicht minder der freyen Mütterlichen education einen
weg wie den andern Unterhaben und Vorbehalten"
19
. Ferner wurde zugestanden,
dass bei der Taufe auf den Exorzismus und Altar-Kerzen verzichtet würde. Per-
sonen calvinistischen Glaubens sollten im Herzogtum nicht diskriminiert wer-
den
20
. Herzog Jakob verstand sich als Anhänger der Lehre Luthers, war aber
kein religiöser Fanatiker, vielmehr tolerant und weitherzig. Aus Rücksicht auf
die Mehrheit der orthodoxen Lutheraner im Herzogtum wurden diese religiösen
Vereinbarungen allerdings in einem Nebenrezess festgehalten (13. Juli 1645).
Jakob besaß ein feines Gespür für die Bedeutung der Konfession und wollte sie
als Stütze der Territorialherrschaft nichts aufs Spiel setzen. Dass der lutherische
Superintendent Daniel Hafftstein
21
heftig von seinen lutherischen Amtsbrüdern
kritisiert wurde, weil er den Wünschen der reformierten Herzogin folgte, offen-
bart das angespannte konfessionelle Klima in Kurland.
Die materiellen Verpflichtungen wurden im Ehevertrag wie folgt geregelt:
Jakob verpflichtete sich zur Zahlung von 1000 Reichstalern als Morgengabe an
18
Vgl. S
ERAPHIM
(wie Anm. 14), 21.
19
S
ERAPHIM
(wie Anm. 14), ibd.
20
Im Ehevertrag heißt es, ,,dass nicht allein allen und jeden zu Ihro Liebden hoffstatt ge-
hörigen persohnen, sondern auch andere, so sich zu dero reformirten religion bekennen, undt
finden möchten, sich des Ihrer Liebden bewilligten freyen religionsexercity unhinderlich zu
gebrauchen jederzeit gegönnet und verstattet" (Zit. bei
A
LMUT
B
UES
, Das Herzogtum Kurland
und der Norden der polnisch-litauischen Adelsrepublik im 16. und 17. Jahrhundert. Möglich-
keiten von Integration und Autonomie, Giessen 2001, 264f). Viele Akten zur Vermählung be-
finden sich im Staatsarchiv Marburg. Vgl. auch J.J
USKEVICA
, Herzoga Jkaba laikmets Kur-
zem, Rig 1931, 43ff; 433.
21
Zu Daniel Hafftstein (1601-1660) vgl. O
TTO
K
ALLMEYER
, Die evangelischen Kirchen und
Prediger Kurlands, Riga
2
1910, 394f.
13
seine Gemahlin und weiteren 8000 Reichstalern jährlich als Ehegeldern (aus den
Einkünften der herzoglichen Ämter Grobin, Oberbartau, Rutzau, Heiligenaa).
Von ihrem Bruder sollte Luise Charlotte als ,,Fräuleinsteuer" 15.000 Reichstaler
,,Ehegelder" und 7500 Reichstaler ,,Schmuckgelder" erhalten. Um diese Gelder
hat es in der Folgezeit manche Verstimmung und Kontroverse gegeben. Außer-
dem wurde im Blick auf die Jülichschen Lande die weibliche Erbfolge mit in
den Vertrag aufgenommen. D.h., falls Kurfürst Friedrich Wilhelm kinderlos
sterben sollte, würden Luise Charlotte bzw. ihre Kinder das Erbe antreten.
Da Jakobs Pflegemutter, Elisabeth Magdalene von Pommern-Stettin, aus
Altersgründen nicht nach Königsberg reisen konnte, sollte die Hochzeit in Kur-
land stattfinden. Doch gaben Luise Charlottes Mutter und ihre Tante, Eleonore
von Schweden, den Zuschlag für Königsberg. Die Hochzeit, zu der auch der
König von Polen eingeladen war, fand am 9. Oktober 1645 statt. Die Trauung
vollzog Hofprediger Dr. Johann Bergius
22
; Johann Stobäus
23
komponierte zu
einem Text aus Psalm 20 ein Stück über den Fürstlichen Ruhm und Schutz ,,mit
neun Stimmen gesetzt"; und Simon Dach steuerte feierliche Lieder bei, u.a. die
folgende Ode:
,,An die Huld- und Liebreichste Princeßin, die Fürstliche Braut.
Außerwehltes FürstenKindt,
Das den Himmel selbst gewinnt
Durch den Außbund aller Tugend,
Dein Verhängnüs, Fall und Welt
Willig hin zun Füssen fält,
O Loyse, Preiß der Jugend.
Nun tritt schön und prächtig ein
In der Anmuth bestem Schein',
Und im köstlichsten Geschmeide,
Thu dich an, dass aller Fleiß
Geben muß der Schönheit Preyß
Deinem Braut'- und Ehren-Kleide.
Wie der Wolcken blawe Tracht
Uns die Sonne schöner macht,
Wie ein Schwahn im klaren Bronnen,
In dem Gold' ein Demant steht,
so wird dein Pracht auch erhöht,
Der noch mehr Glantz jetzt gewonnen.
22
Zu Bergius vgl. R
EALENCYKLOPÄDIE FÜR PROTESTANTISCHE
T
HEOLOGIE UND
K
IRCHE
(RE)
II (1897), 613f; P
ETER
M
EINHOLD
, Art. Bergius, Johann, in: Neue Deutsche Biographie
(NDB), Bd. 2 (1952), 84f.; W
ALTHER
H
UBATSCH
, Geschichte der evangelischen Kirche
Ostpreußens, Band I., Göttingen 1968, 134ff.
23
Vgl. ADB Bd. 36 (1893), 261f. Johann Stobäus (1580-1646) wirkte als Komponist und
Kapellmeister in Königsberg. Von ihm stammt die Melodie zu dem bekannten Kirchenlied
,,Such, wer da will, ein ander Ziel" (EG 346).
14
Kompst Du? Ja! Wie man zuvor
Sieht den Mond, und dann ein Chor
Tausend Sternen, daß sich nimmer
Ihm im Glantze vorziehn kann:
Also gehest Du voran,
Und dir folgt dein Frauen-Zimmer.
Schaw, der Hertzog, deine Ruh,
sieht dir mehr als freundlich zu,
Stellt sich dir recht gegen über,
Hertzlich gegen dich entbrandt,
Lieb ist Ihm sein Volck und Land,
Du bist tausend mahl Ihm lieber.
O der über-trewen Pflicht!
Was entfärbt sich dein Gesicht?
Was schlägst du die augen nieder?
Es will nichts umbsonst hie seyn,
Er gönnt seinen Augen-Schein
Dir, gönn Du Ihm deinen wieder.
Du, der Sternen grosses Reich,
Gott vielmehr, der über Euch,
Ewigr König ist gesessen,
Laßt dieß Fürstlich-hohe Paar
Seyn im Wolstand immerdar,
Und nur deine Gnad' ermessen.
Treibt von Ihren Hütten weit
Angst und Weh! Laßt iederzeit
Newe Liebe Sie erhitzen,
Also, daß je mehr und mehr
Ihres Sahmens Schaar die Thör'
Ihrer Feinde mag besitzen!
Und dieses wird geschehn, es saget Linemann
Auff heute lauter guts uns auß den Sternen an."
24
.
Reiterspiele begleiteten die mehrtägigen Festlichkeiten in Königsberg. Davon
erzählt eine zeitgenössische Chronik:
,,Es hatte nemlich derserselbe (sc. Herzog Jakob) aus dem polnischen Kriege 7
tatarische Pferde mit nach Königsberg gebracht, und auf den Schlossplatz
führen lassen, welche so künstlich abgerichtet gewesen, daß sie bei einer gebla-
senen Arie à la Soldatesque durch die Regierung derer, die darauf saßen mit
24
S
IMON
D
ACH
, Gedichte. Zweiter Band. Weltliche Lieder-Gedichte an das kurfürstliche
Haus-Dramatisches, Halle 1937, 198f; vgl. 184-218. Zu Simon Dach vgl. J
ÜRGEN
M
ANTHEY
,
Königsberg. Geschichte einer Weltbürgerrepublik, München 2006, 48ff.
15
Trompeten, Pauken und Hautbois zu Corvetten, Passaden und Volten, nach der
Musik und Tact recht ordentlich und geschicklich die Mensur und das Tempo
nach ihrer Art gehalten, bald mit den Köpfen zusammen, bald wieder von ein-
ander, so artig umhergetanzt, daß es Niemand ohne besondere Bewunderung
und Vergnügen anschauen können, die nach ihren unterschiedenen Stellungen
zierlichen Wendungen und Kreisen der corvettierenden, passirenden, repelli-
renden, redoppirenden, gallopirenden und künstlichen Sprüngen der tatarischen
Pferde, wie auch der tatarischen Reiter sämmtlichen wunderlichen Aufputz und
Kleidung, auch bei ihrem Abzuge eines seltsamen Irrlaufs, bald wie eine
Schnecke, bald in einer andern geschickten Figur reitende, allenthalben etwas
merkwürdiges an sich schauen ließen. Nach diesem geendigten tatarischen
Pferdetanzen, ließ der durchlauchtige Fürst die tatarische wunderliche Roß-
bereiter, in einem besonderm Zimmer wohl aufnehmen, beschenken und be-
rauschen"
25
.
Danach zogen die Brautleute nach Kurland, wo auf Schloß Goldingen sich ein
Empfang durch die kurländische Ritterschaft und die Stadt Goldingen an-
schloss
26
. Luise Charlotte war nunmehr Herzogin von Kurland, und das Her-
zogtum war in noch engere Verbindung mit dem Haus Hohenzollern getreten
27
.
Es bedarf keiner großen Diskussion, um zu erahnen, dass diese dynastische und
politische Verbindung in Schweden nicht mit Sympathie aufgenommen wurde.
Zumal die unternehmerischen Aktivitäten des Herzogs vom nahen Riga aus
argwöhnisch beobachtet wurden.
3. In
Kurland
Luise Charlotte hatte nach eigenem Zeugnis ohne Neigung geheiratet. Doch
fühlte sie sich bald ihrem ,lieben Kurland' ebenso verbunden wie sie ihrem Ge-
mahl in Liebe und Zuneigung zur Seite stand. Sie freute sich an dem aufstre-
benden Herzogtum und genoss die Erfolge ihres Gemahls.
Herzog Jakob hatte in den zurückliegenden Jahren seiner Regierung dem
Herzogtum Profil und Bedeutung gegeben. Im ökonomischen Sektor erreichte
seine an merkantilistischen Prinzipien orientierte Politik eine beträchtliche He-
bung des Wohlstands. Die Verwaltung gewann an Effizienz durch die Über-
nahme des preußischen Modells (Zentralverwaltung mit Oberratsstube, Hofge-
richt und Rentkammer). Der Herzog betrieb auch eine aktive Siedlungspolitik
(Gründung von Jakobstadt und Friedrichstadt) und hoffte auf engagierte und
risikobereite Mitstreiter. Im Landadel hatte er aber ein Gegenüber, das die her-
zoglichen Aktivitäten misstrauisch verfolgte und eine Präferenz für das Modell
des polnischen Adels hatte. Im Übrigen gehörte Mitau zu den kleineren Fürsten-
25
Zit. bei C
RUSE
I (wie Anm. 11), 148f.
26
Vgl.
M
IRBACH
II (wie Anm. 11), 288ff.
27
Über die regen Wechselbeziehungen zwischen Kurland und Brandenburg-Preußen z.B. in
Fragen der Kolonialpolitik vgl. S
ERAPHIM
(wie Anm. 12), 50-74.
16
höfen in Europa, an dem die Zahl der Hofämter gering war und es ,,schlicht und
behäbig" zuging
28
.
Die junge Herzogin entwickelte eine enge Beziehung zu der Pflegemutter
ihres Gemahls, der Witwe Herzog Friedrichs, der pommerschen Prinzessin Eli-
sabeth Magdalene. Die alte Dame hatte ihren Witwensitz auf Schloss Doblen.
Schloss Doblen (Rekonstruktion)
Von dort schickte sie dem jungen Paar Erzeugnisse des Gartens (Erdbeeren,
Brunnenkresse, Salat u.a.) und erhielt als Gegengabe Weine und Südfrüchte, die
der Herzog von weither hatte importieren lassen. Ein Brief der Herzogin an die
Fürstin aus dem Jahr 1648, die älteste Tochter (Luise Elisabeth) ist schon gebo-
ren, gibt Einblick in das gute Einvernehmen:
,,Hochgeborene Fürstin, Hochgeehrte Hertzs Allerliebste Fraw mutter, ich habe
Wohl Ursach demutig Umb Verzeihung zu bitten, das ich fur den schonen
hopffen und Alles gute so bishero Mein beste speise gewesen nicht ehr
demutigst gedancket, Aber Gott weis, das ich So Ubel gewesen, das ich in
Zwey posten Selber Ahn meine leuhtgen in den Marcken nicht geschrieben,
denn trinken und essen mir so zu gegen, gemus thut das beste und Salath.
28
Die herzogliche Residenz ,,glich eher einer großen Gutswirtschaft"
(
B
UES
[wie Anm. 11],
312). Vgl. auch L
EONID
A
RBUSOW
,
Grundriß der Geschichte Liv-, Est- und Kurlands, vierte
verb. und erg. Auflage, Riga 1918,
240f über die Residenzstadt Mitau. Erinnert sei an
C
HRISTIAN
B
ORNMANN
, Mitau. Ein historisches Gedicht aus dem siebzehnten Jahrhundert
(1686), Mitau 1802. Ferner J
USKEVICA
(wie Anm. 20), 96ff.
17
Meines hern schiffen ist gestern Von lisbone (Lissabon) Widerkommen, Als
Schicken Von den Zittronen und pomerantzen, So ehr mitgebracht, die im
hereführen Alle Ahngestossen, 30 Zittronen und 20 pomerantzen, Wan die auß,
habe ich Auch noch welche, So sollen E.G. haben so lang Sie nur Wehren. Das
Kleine Spahngen und Zwey Neuwe tuchen drein, schicken ich auch Mit Noch-
mahligen Unterthanigen Dancke Wider, bitte das ich doch die paudel, So ich
gelehnt, wider mag Krigen; Sonst ist Gott lob noch Alles gesundt, E.G. Klein
Nergen ist lustig und Wohl gemuht, kußt der liebsten GrosfrawMutter Unter-
thanig die hende und ich befehl mich dero treeuwe Mutterliche Gnade und
verbleibe bis im tode E.G. gehorsambste, getreuwe tochter und dienerin"
29
.
Das Paar bekam in den ersten dreizehn Jahren neun Kinder, von denen zwei früh
starben. Luise Charlotte war in dieser Zeit naturgemäß mit häuslichen und fami-
liären Pflichten ausgelastet. Die vier Jungen und drei Mädchen wuchsen nach
den Gepflogenheiten fürstlicher Erziehung und im Kontext der politischen Kon-
stellationen auf. Bei der Erziehung der Söhne wurde auf Kriegskunst, Kenntnis
der Wissenschaften und gute Allgemeinbildung, nebst den christlichen und
fürstlichen Tugenden, Wert gelegt
30
. Die Töchter erhielten Basis-Unterwiesung
in Fremdsprachen, ,moribus und Sitten', Musizieren und kunsthandwerklichen
Fertigkeiten. Vor allem wurden sie in eine konfessionell geprägte Religiosität
eingeführt.
Luise Charlotte verstand sich auf den Umgang mit Geld. Die 8000
Reichstaler Ehegeld sollten über Einnahmen aus den Ämtern Grobin, Ober-
bartau, Rutzau realisiert werden. Da der Herzog aber zeitweise mit Schwierig-
keiten zu kämpfen hatte, musste die Herzogin Verzögerungen hinnehmen und
auf andere Quellen zurückgreifen. Dank der klugen Bewirtschaftung ihrer Güter
(durch Kammerjunker von Somnitz) war sie bald in der Lage, neuen Grundbe-
sitz zu erwerben bzw. wenig ertragreiche Ländereien gegen bessere einzutau-
schen. So konnte sie ihrem Gemahl bei finanziellen Engpässen mit Krediten aus-
helfen. Im Finanzsektor kam es immer wieder zu Kontroversen mit der branden-
burgisch-preußischen Seite, weil die Auszahlung der im Ehevertrag verspro-
chenen Gelder nicht erfolgte. Weiter drängte Herzog Jakob seinen Schwager zu
Kompensationen für lettische Bauern, die sich nach Preußen abgesetzt und die
Wirtschaft in Kurland geschädigt hatten, doch ohne Erfolg
31
.
Mit Entschiedenheit nahm sich Luise Charlotte der calvinistischen Sache
an. Dabei konnte sie auf den kurbrandenburgischen Theologen Bartholomäus
29
Zit. bei A
UGUST U
.
E
RNST
S
ERAPHIM
, Aus Kurlands herzoglicher Zeit. Zwei Fürsten-
gestalten des XVII. Jahrhunderts, Mitau 1892, 136f.
30
Für die Erziehung seines Sohnes Alexander verfasste Herzog Jakob eine spezielle
Instruktion; zit. bei S
ERAPHIM
(wie Anm. 29), 170ff. Auf Kenntnis des Lateinischen und Pol-
nischen hat der Herzog besonderen Wert gelegt.
31
Vgl. dazu A
UGUST
S
ERAPHIM
, Über Auswanderungen lettischer Bauern aus Kurland nach
Ostpreussen im 17. Jahrhundert, in: Altpreußische Monatsschrift 29, 1892, 317-331.
18
Stosch (1604-1686) zurückgreifen
32
. Er war in Kurland kein Unbekannter, seit er
1640 in Pilten durch Vermittlung seines fürstlichen Gönners Achatius III., Burg-
graf von Dohna, die Stelle eines Predigers übernommen hatte. 1644 wurde er
zum Hofprediger und Seelsorger der kurfürstlichen Familie in Königsberg und
Berlin ernannt
33
. Später berief der Kurfürst ihn auch in das Konsistorium. In
dieser Funktion hatte er neben Kurfürstin Luise Henriette und Otto Graf von
Schwerin maßgeblichen Einfluss auf die Religionspolitik des Großen Kurfür-
sten. Stosch war ein konsequenter Calvinist und scharfer Kritiker der lutheri-
schen Orthodoxie. Die kurfürstlichen Edikte von 1662 und 1664, in denen die
Diskriminierung der Calvinisten untersagt und Regeln der Toleranz aufgestellt
wurden, stammen von seiner Hand. 1645 begleitete er Luise Charlotte nach Kur-
land und förderte den Gemeinde-Aufbau. Als der Kurfürst nach dem Tod seiner
Frau Luise Henriette noch einmal heiratete, und zwar Dorothea von Holstein,
die lutherischer Herkunft war, verlor Stosch an Einfluss.
Mit der Zeit sammelte sich in Mitau eine kleine reformierte Gemeinde,
die sich aus Adligen (so die Familie Puttkamer, Recke auf Blieden, Frau Land-
hofmeister Mirbach geb. Plettenberg u.a.)
34
, Hofbeamten und Bürgern zusam-
mensetzte. Sie feierte ihren Gottesdienst im sog. ,,reformierten Saal" des Schlos-
ses. Nach Stosch war Rudolf Günther Kiesewetter (geb. 1616 in Anhalt-Zerbst;
gest. 1673 in Danzig) Hofprediger (1646-1658)
35
. Ihm folgte Andreas Bün-
bose
36
. Luise Charlotte trug Sorge für das Gemeindeleben und stiftete u.a. die
vasa sacra. Herzog Jakob hatte die Konfession seiner Gemahlin akzeptiert und
vertraglich gesichert. Auch wusste er sich mit dem calvinistischen Standpunkt
einig in der Ablehnung des Katholizismus. Zudem gehörten zwei entschiedene
Calvinisten zu seinen engsten Ratgebern: Christoph Heinrich von Puttkamer und
Wilhelm von der Recke. Als die Reformierten im benachbarten Polen-Litauen
(nach 1655) von ihren katholischen Landsleuten bedrängt und verfolgt wurden,
nahm sich Luise Charlotte der reformierten Glaubensflüchtlinge fürsorglich an.
Das Verhältnis zwischen den Konfessionen gestaltete sich in Kurland
ähnlich spannungsvoll in Preußen. Denn die lutherische Mehrheit ließ keine Ge-
32
Zu Stosch vgl. H
UGO
L
ANDWEHR
, Bartholomäus Stosch, kurbrandenburgischer Hofpre-
diger (1604-1686), in: Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte
(FBPG) VI (1893), 91-140; Allgemeine Deutsche Biographie (ADB) 36 (1893), 460-462;
K
ALLMEYER
(wie Anm. 21), 681f.
33
L
ANDWEHR
weist auf die singuläre Verpflichtung hin, mit der Stosch in sein Amt berufen
wurde: Er sei ,,in Lehren und Gottesdienst allein an das Wort Gottes, welches in den Schriften
der Propheten und Apostel verfaßt", gebunden. Jeglicher Hinweis auf Bekenntnisschriften o.ä.
fehle (wie Anm. 32, 101f).
34
Vgl. A
UGUST
S
ERAPHIM U
.
A
., Denkschrift zur Erinnerung an die Gedächtnisfeier des
hundertfünzigjährigen Bestehens des Evangelisch-Reformirten Gotteshauses zu Mitau, Mitau
1892.
35
Vgl. K
ALLMEYER
(wie Anm. 21), 468f. Aus dieser Zeit existieren kaum kirchliche Nach-
richten.
36
Vgl. K
ALLMEYER
(wie Anm. 21), 289.
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