Universität der Künste Berlin ~ Gesellschafts- & Wirtschaftskommunikation
Oberseminar „An die Deutsche Geschichte erinnern? Die Deutschen und ihre Identität seit
1945“
Zerbrochene Bilder
3
Inhalt:
1) DIE Nazis - Club der gescheiterten Existenzen oder Spiegel der Gesellschaft? 4
2) „Generation des Unbedingten“ 5
3) Aufwachsen als Teil der „überflüssige Generation“ 7
3.1 Abenteuerspiel Krieg 7
3.2 Jugend ohne Sicherheit und Grenzen. 8
3.3 Auf dem Weg zur Elite - Studienjahre 10
3.4 Tübingen - Leipzig - Graz: Skeptische Kritiker und feurige Vorkämpfer 12
3.4.1 „Kompromisslos und vorwärtsdrängend“ - Erich Ehrlinger. 12
3.4.2 Die „schwarze Hand“ in Leipzig 13
3.4.3 Eine österreichische Karriere - Ernst Kaltenbrunner 15
3.4.4 Für den Volkswillen - Werner Best. 16
4.) Das ReichsSicherheitsHauptAmt - eine Verwaltung neuen Typs. 17
4.1 Entstehung einer Machtzentrale 18
4.2 Institution des Krieges 19
4.3 Einsatzgruppen in Polen - Entgrenzung 20
4.4 Einzelwege der Radikalisierung 22
4.4.1 Hartgesottener SS-Täter - Erich Ehrlinger. 23
4.4.2 Ostexperte und Verschwörer - Heinz Gräfe. 24
4.4.3 Eine vermeintlich unauffällige Karriere - Wilhelm Spengler. 25
4.4.4 Der Nachfolger - Ernst Kaltenbrunner 26
4.4.5 Der verstoßene Meisterschüler - Werner Best 27
5.) Das Führungskorps nach Kriegsende 30
6.) Kritik des Modells einer „Generation des Unbedingten“ 34
Quellen : 36
4
1) DIE Nazis - Club der gescheiterten Existenzen oder Spiegel
der Gesellschaft?
Wer war schuld? Die Nazis! - Direkt nach Kriegsende etablierte sich in der deutschen Gesellschaft die Einsicht, dass aller Gräuel der vergangenen Jahre auf eine geschlossene kleine Tätergruppe der ‚Nazis’ zurückzuführen ist. Einzelne Verrückte und vor allem vordem unterprivilegierte gescheiterte Existenzen bildeten demnach die Zellkultur, aus der all der Terror und der vernichtende Hass der nationalsozialistischen Zeit gewachsen sei. So beschrieb Gerald Reitlinger 1950 die Einsatzgruppenleiter und ihre Untergebenen als „seltsam zusammengewürfelten Haufen von Halbintellektuellen“, die es „im normalen Leben zu nichts gebracht“ hätten. 1 Auf der anderen Seite stand das arglose Volk, das in seiner Unwissenheit der Vorgänge von ‚den Nazis’ unterdrückt worden sei. Viele Erklärungs- und Deutungsmodelle der Nachkriegszeit folgten diesem Muster. SS- und RSHA-Führer kamen darin nicht mehr als selbständig handelnde Akteure vor, sondern wurden vielmehr als Vertreter einer relativ kleinen Gruppe von Fanatikern dargestellt, die „mit dem Rest der Gesellschaft nicht mehr in direktem Zusammenhang zu stehen“ schienen 2 .
Oder doch nicht? Gleicht das entschlossen über Jahre hinweg verbreitete Erklärungsmuster ‚der Nazis’ vielmehr einer selbst auferlegten Gemeinschaftshypnose? Aktuelle Arbeiten verschiedener Forscher zeichnen entgegen der alten Sichtweise das Bild einer bewusst handelnden Gesellschaft, die bei weitem nicht ahnungslos war: „Die Täter lassen sich nicht in ein gängiges Verbrecherbild einordnen. Sie waren keineswegs sadistische oder gar psychopathische Massenmörder, sondern offenkundig weltanschaulich überzeugt von dem, was sie taten. Sie stammten nicht vom Rand als vielmehr aus der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft, hatten eine akademische Ausbildung hinter sich, etliche führten sogar einen Doktortitel.“ 3
‚Die Nazis’ werden dabei zu einem Spiegel der gesamten Gesellschaft und aus dem irren Verbrecher Adolf Hitler wird ein skrupelloser Politiker, der die Strömungen seiner Zeit genau wahrgenommen und für seine Ziele verstärkt und multipliziert wiedergegeben hat: „Wenn es weiter zutrifft, dass die Führer des nationalsozialistischen Polizeiapparats weder
1 Reitlinger: Die Endlösung. S.208/215; Wildt, S.16; Banach, S.17
2 Herbert, S.18
3 Wildt, S.14
5
technokratische Mordmaschinen noch sozial marginalisierte Befehlsempfänger waren, sondern im Gegenteil eher überdurchschnittlich intelligente, selbstbewusste, tatkräftige und in der Regel sehr junge Männer mit durchaus eigenen politischen Vorstellungen, die zudem eher der Mitte und den oberen Rängen der deutschen Gesellschaft entstammten als den Randgruppen und Unterschichten, dann wird der Blick zugleich viel stärker auf diese deutsche Gesellschaft selbst gerichtet, aus der heraus eine solche Elite anwuchs, als dies bislang geschah.“ 4
Somit ergeben sich auch deutliche Widersprüche zu den kontrovers diskutierten Forschungsarbeiten von Browning, der die Ursache für Täterschaft in zunehmendem Gruppendruck und Abstumpfung sieht 5 , und Goldhagen 6 , der dem einen inneren, eigenen Antrieb und einen allumfassenden deutschen „eliminatorischen Antisemitismus“ entgegenstellt 7 . Das Thema dieser Arbeit, Michael Wildts Studie „Generation des Unbedingten“, zeigt, dass es im Gegensatz zur These einer kleinen Gruppe Berufsversager Vertreter des gehobenen Mittelstandes und der akademischen Elite waren, die die Ideen des Nationalsozialismus engagiert getragen haben und sich für die verbrecherischen Dimensionen des zweiten Weltkriegs verantwortlich zeichnen. Anknüpfend an die Studie von Ulrich Herbert über Werner Best, einen der Hauptorganisatoren des späteren Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), untersucht Wildt die persönliche Motivation der Mitglieder der „kämpfenden Verwaltung“ 8 des dritten Reichs. Zur Validierung und zum Vergleich seiner Ergebnisse dienen dieser Arbeit darüber hinaus die Studie von Jens Banach über „Heydrichs Elite“ und Peter Blacks Biografie von Ernst Kaltenbrunner, dem letzten Chef des RSHA.
2) „Generation des Unbedingten“
Wildt stellt in seiner Studie eine ganze Generation von tüchtigen Akademikern vor, die sich aus innerer Überzeugung dem aufkommenden NS-Staat verschreiben, dessen Apparate konzipieren und so die späteren Mordprogramme erst ermöglichen. In einem längeren Vorlauf
4 Herbert, S.15
5 Browning: Ganz normale Männer
6 Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker
7 Wildt, S.21f
8 ebd., S.203
6
schildert er die historische Situation der „überflüssigen Generation“ 9 und empfindet ihre Entwicklung von Kindern mit dem Makel der fehlenden Fronterfahrung über Mitglieder rechtsradikaler Jugend- und Studentenbünde hin zu engagierten Kräften der Sicherheitsorgane des NS-Staates nach.
Exemplarisch hebt Wildt einzelne Biographien hervor und zeigt an diesen Beispielen verschiedene Wege vor, auf denen sich talentierte Nachwuchs-Ärzte und -Juristen zu Einsatzgruppenleitern und überzeugten Massenmördern entwickelten: „Martin Sandberger und Erich Ehrlinger als Beispiele für die jungen Juristen, die im SD Karriere machten; Heinz Gräfe und Wilhelm Spengler, die während ihrer Studienzeit politisch zu den bündischen Gegnern des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbunds zählten und sich doch 1933 dem SD anschlossen; Hans Ehlich und Erwin Weinmann als die Mediziner, denen das Politische wichtiger war als die eigene Arztpraxis.“ 10 Er beschreibt ihre weltanschauliche Schulung und die Umstände, unter denen die Gewissheit zustande gekommen ist, einen historischen Auftrag erfüllen zu müssen. Da aus dieser Überzeugung heraus nicht zwangsläufig Massenmörder hervorwachsen, zeigt Wildt detailreich, dass diese Entwicklung im Zusammenspiel von verschiedenen Akteuren und Institutionen, von Ideologie und Funktion, von individuellem Vorsatz und situativer Gewaltdynamik zu erklären ist.
Möglich machte die Radikalisierung demzufolge der Aufbau des RSHA unter Reinhard Heydrich, denn diese Institution umfasste nach seiner Gründung 1939 mit Gestapo und SD gleichermaßen die Zentrale exekutiver Macht wie den zentralen Nachrichtendienst zur Erforschung selbsterwählter Feinde. 220 Männer und eine Frau aus den oberen Reihen dieses Amtes hat Wildt für seine Studie untersucht. Alle bekleideten sie ihr Amt für mindestens anderthalb Jahre oder arbeiteten in der wichtigen Gründungsphase von 1939-1941 beim RSHA. 11 Die meisten von ihnen wurden zwischen 1900 und 1910 geboren, über drei Viertel hatten Abitur. Etwa ein Viertel kam aus akademischen Kreisen, sechzig Prozent aus der Mittelschicht - in der Mehrzahl waren es soziale Aufsteiger ohne Beteiligung am ersten Weltkrieg. Als Quellen für die Untersuchung dienten vorrangig SS-Personalakten,
9 in Anlehnung an Günther Gründel, einem Mitglied des „Tat“-Kreises, der in seiner 1932 erschienenen „Sendung der Jungen Generation“ den „Versuch einer umfassenden revolutionären Sinndeutung der Krise“ unternommen hatte; vgl. Herbert, S.43; vgl. Banach, S.59
10 Wildt, S.36
11 ebd., S.24
7
staatsanwaltliche Ermittlungsakten aus den 1960er Jahren, hingegen nur wenige persönliche Aufzeichnungen oder Tagebücher. 12
Wildt verfasste mit „Generation des Unbedingten“ die erste umfangreiche Studie zum Führungspersonal des RSHA nach Einzelbiographien zu Werner Best 13 und Ernst Kaltenbrunner 14 sowie dem frühen Werk von Friedrich Zipfel über die SD- und Gestapo-Führung 15 . Er enthebt darin eindrucksvoll die Doktoren in der Schaltzentrale des NS-Staates ihrer vermeintlich verantwortungsfreien Position als Schreibtischtäter, die auf reine Bürokratie und Organisation beschränkt waren. Diesem Bild entgegnet er die Realität praktischer Erfahrungen bei der Verfolgung der von ihnen ausgemachten „Volksfeinde“ an der Spitze der berüchtigten Einsatzgruppen in der konsequenten Umsetzung der von Heydrich geforderten „kämpfenden Verwaltung“ 16 .
3) Aufwachsen als Teil der „überflüssige Generation“
3.1 Abenteuerspiel Krieg
Ein Merkmal umfasst beinah alle Mitglieder des Führungskorps des RSHA - sie waren jung. Über drei Viertel von ihnen wurden nach 1900 geboren. 17 Den ersten Weltkrieg erlebten sie daheim mehr als abenteuerliches Spiel und Verrücken von Puppenarmeen. Sie litten Not und hatten wenig zu essen, doch das Grauen des alltäglichen Sterbens lernten sie nicht kennen. 18 Diese fehlende Erfahrung führte zu einem starken und deutlichen Riß zwischen den Generationen, denn „die Erfahrung des Todes, des Ausgeliefertseins im Massensterben, des Zerberstens all jener fröhlichen Bilder aus dem Sommer 1914, als Millionen in den Krieg gezogen waren, voller Zuversicht, nach kurzem Waffengang siegreich nach Hause zurückzukehren und in männlichen Zweikämpfen Ruhm und Ehre erworben zu haben - all diese Desillusionierungen führten zum scharfen Bruch mit den bisherigen Gewissheiten. Der Weltkrieg war eine Scheidelinie, hinter die es kein Zurück gab.“ 19
12 ebd., S.29
13 Herbert
14 Black
15 Zipfel: Gestapo und Sicherheitsdienst
16 Wildt, S.203
17 vgl. ebd., S.45
18 vgl. ebd., S.47ff.
19 ebd., S.43
Arbeit zitieren:
Michael Clemens, 2003, Zerbrochene Bilder - Werden und Wirken des Personals des Reichssicherheitshauptamtes - Analyse und Einordnung der Studie "Generation des Unbedingten" von Michael Wildt, München, GRIN Verlag GmbH
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