Eine Debatte um den Begriff der Aristotelischen akrasia
Hasret Akman
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung 3
I. Das Konzept der Willensschwäche in der Platonischen
und Aristotelischen Tradition 4
I. 1 Die Platonische Tradition 4
I. 2 Die Aristotelische Tradition 5
Die Explikation der Aristotelischen akrasia nach
II.
Jens Timmermann und Ursula Wolf 8
II. 1 Die akrasia nach Jens Timmermann 8
II. 2 Die akrasia nach Ursula Wolf 10
III. Schlussbemerkung 16
IV. Literatur 17
2
Eine Debatte um den Begriff der Aristotelischen akrasia Hasret Akman
0. Einleitung
Der Mensch handelt. Dies ist der thematische Fokus der Anthropologie 1 . In der philosophischen Tradition ist seit Anbeginn darüber nachgedacht worden, wie sich dieser Umstand, in eine Theorie einbetten lässt, die den Menschen in einem umfassenderen Sinne als „Person“, „moral agent“ oder „Subjekt“ denkt. Ziel war es eine Vorstellung von der Art und Weise zu gewinnen, wie Menschen handeln. Ausgehend von den rationalistischen Tendenzen der Aufklärung wurde das „Handeln aus Gründen“ mehr und mehr zum Mittel- punktder Überlegungen. Ebenso finden, die aus der angelsächsisch- empiristischenTradition entlehnten Bestimmungen über „desire“ und „belief“ Eingang in den Diskurs. Mit neuesten Denkströmungen könnte man sich sogar fragen, ob es möglich ist, dass Gefühle Gründe sein können, die zum Handeln motivieren. Neben den klassischen Programmen hat sich die Moderne vor allem auf sprachphilosophische und logische Voraussetzungen von Handlungen konzentriert.
In diesem weiten Feld philosophischer, soziologischer und psychologischer Untersuchungen fällt auf, dass ein alltagssprachlich durchaus ge- bräuchlicherund verbreiteter Begriff wie „Willensschwäche“ sich einer ad hoc Definition entzieht. Dieser Begriff scheint, obwohl er in lebensweltlichen Zusammenhängen prima facie über beeindruckendes Erklärungspotential verfügt, nicht zu greifen.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, in systematisch-kritischer Absicht den „Nebel“ um den Begriff der „Willensschwäche“ etwas zu lichten und zwei Evaluierungen des von Aristoteles geprägten Begriffs der akrasia vorzustellen. Zu diesem Zweck dienen die klassisch-traditionellen Positionen Platons und Aristoteles als Ausgangspunkt, um anschließend mit Jens Timmermann und Ursula Wolf - zwei modernen Philosophen - das Phänomen zu erörtern.
1 Das Handeln des Menschen ist einer der Foki in der Anthropologie. Weitere Schwerpunkte
sind Vernunft, Sprachbegabung, Sozialität.
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Eine Debatte um den Begriff der Aristotelischen akrasia Hasret Akman
I. Das Konzept der Willensschwäche
in der Platonischen und Aristotelischen Tradition
I. 1 Die Platonische Tradition
Willenssschwäche, bzw. akrasia nach Sokrates/Platon liegt dann vor, wenn eine Person urteilt, eine Handlung sei die in der gegebenen Situation bestmögliche Handlung, entgegen diesem Urteil aber gleichwohl absichtlich und freiwillig eine alternative Handlung ausführt.
In der Literatur wurde und wird akrasia in erster Linie mit Unbeherrschtheit übersetzt, wobei sich jedoch durch die Entwicklung des Sprachgebrauchs - die eine gewisse Umdeutung mit sich trägt - der Begriff der Willensschwäche etablierte.
Ein Handelnder, der nicht das objektiv Beste tut, scheint ein Problem mit seinen Gefühlen, seinen Antrieben zu haben und sich nicht aus rational gewonnener Einsicht für die bessere Handlung entscheiden zu können. Hier wird also eine Entgegensetzung von aus Einsicht erfolgtem Handeln und durch Gefühle motiviertem Handeln vorgenommen. Die Diskussion um den Begriff Willensschwäche oszilliert zwischen diesem Pol und der Vorstellung, dass es so etwas wie Willensschwäche schon aus definitorischen Gründen gar nicht geben könne. Der Begriff „Wille“ könne nämlich nicht anders sinn- volldefiniert werden, als dass der Wille notwendig zu einer ihm entsprechenden Handlung führt. Denn wenn eine Person eine Handlung wählt, wählt diese Person immerhin noch. Und gerade die Fähigkeit zu wählen setzt einen Willen voraus.
„[...] dann macht ihr euch mit der Behauptung lächerlich, der Mensch entscheide sich, verführt und geblendet von Lustgefühlen, in seinem Tun oft für das Schlechte, obwohl er es als schlecht erkennt und die Möglichkeit hätte, sich anders zu entscheiden; ebenso lächerlich ist eure Behauptung, dass sich der Mensch trotz aller Erkenntnis nicht für das Gute entscheiden
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Eine Debatte um den Begriff der Aristotelischen akrasia Hasret Akman
wolle, weil er sich im Bann der augenblicklich genossenen Lust
befinde.“ 2
Aus platonischer Sicht ist die Handlungsweise durch Wissen und Einsicht bestimmt. Der Logos herrscht über die Handlungen. Der Handelnde ist ein Abwägender, der sich die Konsequenzen seiner Handlung auch und gerade hinsichtlich der Lust und Unlust vor seiner Handlung bewusst macht und dann zu einer handlungsleitenden Perspektive kommt. Sokrates scheint es auf das äußerste unplausibel, dass ein Handelnder absichtlich sich selbst Unlust beschert. Im Prinzip ist so schlechterdings unmöglich von akrasia zu sprechen. Da Wissen und Einsicht die Handlungsweise bestimmen und man diese Attribute erwerben muss, bedeutet diese Herangehensweise im Umkehrschluss, dass das vermeintlich akratische Handeln darin besteht, dass Wissen gar nicht erst erworben und der Beitrag einer Handlung zur Maximierung der Lust falsch bewertet wird. Nur die weise Person ist diejenige, die über dieses Wissen verfügt und allein dadurch schon vor der vermeintlichen akrasia gefeit.
I. 2 Die Aristotelische Tradition
Die Seelenordnung und ethische Konzeption des Stagiriten scheint flexibler. In Buch VII der Nikomachischen Ethik über die akrasia als Handeln wider besseren Wissens schreibt er:
„Der letzte Vordersatz eines Schlussverfahren hat als Inhalt eine »Meinung« über das sinnlich Wahrnehmbare und gibt zugleich unserem Handeln Anstoß und Richtung. Somit hat jemand, wenn er in der Leidenschaft befangen ist, diese »Meinung« überhaupt nicht in sich, oder er »hat« sie in einer Form, in der dieses »Haben« nicht, wie oben gesagt, ein
2 PLATON: Protagoras 355. Übersetzt und erläutert von Otto Apelt. Hamburg 1956, S.59.
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Arbeit zitieren:
Hasret Faßbender, 2003, Eine Debatte um den Begriff der Aristotelischen "akrasia", München, GRIN Verlag GmbH
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