Nietzsches Kritik an der metaphysischen Moral
Christianity might be a good thing if anyone ever tried it.
G
EORGE
B
ERNARD
S
HAW
Nietzsches Kritik an der metaphysischen Moral
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung... 3
I. Die Demontage der Moral ... 5
II. Nietzsches Kritik am Christentum ... 10
III. Nietzsche und die Metaphysik ... 13
III. 1 Das konstruktive Zentrum: ,,Die ewige Wiederkehr des Gleichen" ... 13
III. 2 Nietzsches Abkehr von der Metaphysik ... 14
III. 3 Nietzsche und der Tod Gottes ... 15
III. 4 Nihilismus als Konsequenz aus Gottes Tod ... 17
IV. Schlussbetrachtung ... 19
Literaturverzeichnis ... 21
Primärliteratur ... 21
Sekundärliteratur ... 21
Nietzsches Kritik an der metaphysischen Moral
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Einleitung
Wie kaum ein Philosoph seines Zeitalters hat der am 15.10.1844 in Röcken
geborene Friedrich Wilhelm Nietzsche eine polarisierende Wirkung auf seine
Exegeten. Die Meinungen oszillieren zwischen Abstoßung und Bewunderung.
Seine Biographie und sein Werk übten einen großen Einfluss auf Literatur, Phi-
losophie und die Psychologie aus. In der Literatur inspirierte er u.a. Rainer Maria
Rilke, Stefan Zweig, Heinrich Mann, Thomas Mann, Gottfried Benn und Hermann
Hesse. Unter den Philosophen erstreckte sich sein Einfluss auf u.a. Martin Hei-
degger und Karl Jaspers, wie auch auf die Psychologen Sigmund Freud, Ludwig
Klages und Carl Gustav Jung. Der Grund warum Nietzsche so umstritten ist liegt in
erster Linie in seiner Wirkungsgeschichte. Die Nationalsozialisten griffen seine
Gedanken vom ,,Willen zur Macht", der ,,Herrenmoral" missbräuchlich auf und po-
litisierten diese in propagandistischer Weise.
Systematisch betrachtet lässt sich seine Philosophie in drei Phasen ein-
teilen. In der ersten Phase steht Nietzsche völlig unter dem Einfluss von Arthur
Schopenhauer und Richard Wagner. In Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste
der Musik (1872) bricht Nietzsche mit allen traditionellen, altphilologischen Vor-
stellungen und vertritt eine abgelehnte antiklassische, tragisch-pessimistische
Auffassung des Griechentums. Er sieht die Attische Tragödie und das Musik-
drama Wagners als die Vereinigung der beiden Anschauungen der Natur, des
Apollinischen und Dionysischen. Während das Apollinische als der schöne Schein,
das Vollkommene und Maßvolle näher gebracht werden kann, deutet Nietzsche
das Dionysische in der Analogie des Rausches als das Hinausgehen über das In-
dividuelle und Eingehen in eine mystische Einheitsempfindung. Er übernimmt von
Schopenhauer den Willen als das übersinnliche Prinzip der Welt, tritt allerdings nicht
mit dem Ziel der Erlösung für eine Verneinung des Willens zum Leben ein.
In der zweiten Phase befreit sich Nietzsche von seinen Vorbildern und wird
zu einem Kritiker und freien Geist, der sich in der Nähe zum Positivismus bewegt.
Nietzsche versucht in der neuen Periode die menschlichen Wertungsweisen und
Schätzungen zu entlarven. Nietzsche erweist sich jetzt als Wortführer des Nihi-
lismus, das heißt, er sieht in der gesamten Geschichte der abendländischen
Nietzsches Kritik an der metaphysischen Moral
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Philosophie die Entwertung der höchsten Werte. Als oberste Werte haben seit
Platon die Ideen, das Göttliche, gegolten. Diese ursprünglich unabhängig vom
Menschen gedachten Werte verlieren ihre Gültigkeit.
In der dritten Phase legt Nietzsche seine eigene Philosophie dar. Also
sprach Zarathustra, das er Ein Buch für Alle und Keinen (1883-1885) nennt, hält
er selbst für ,,das tiefste Buch, das die Menschheit besitzt." In diesem ,,jasa-
genden Teil"
1
seiner Philosophie verweist Nietzsche in der Überwindung Gottes
und des Menschen auf den Übermenschen und spricht in den Lehren vom
,,Willen zur Macht", der ,,ewigen Wiederkehr des Gleichen", der ,,Umwertung aller
Werte" und der Behauptung ,,Gott ist tot!" seine philosophischen Überzeugungen
aus. Die ,,neinsagende, neintuende Hälfte"
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seiner Philosophie, die Umwertung aller
bisherigen höchsten Werte, beginnt mit Jenseits von Gut und Böse, Vorspiel einer
Philosophie der Zukunft (1886). Nietzsche versucht hier den Blick, der auf den
moralisch-metaphysischen Gegensätzen, dem Ort des Gut und Böse haftet, auf
etwas Zukünftiges, den Ort Jenseits von Gut und Böse zu lenken. Es geht ihm in
seinem Immoralismus um die Überwindung des Menschen, der im Menschlichen,
Allzumenschlichen (1886) stecken blieb.
In engem Zusammenhang mit diesem Buch steht die ein Jahr später er-
schienene Streitschrift Zur Genealogie der Moral (1887). Nietzsche betreibt in ihr
eine radikale Demontage der Moral, indem er ihre Entstehung entlarvt, das heißt
die Bedingungen und Bedingungsverhältnisse aufdeckt, aus denen sich die
Moral herausgebildet hat. Er legt dar, dass die christliche Moral im ,,Sklavenauf-
stand in der Moral" aus dem Ressentiment der Schwachen hervorgegangen sei.
Seine grundsätzliche ,,In-Frage-Stellung" der Moral führt ihn zur Frage nach dem
Wert, den die Werturteile haben.
Die vorliegende Arbeit
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hat sich zur Aufgabe gemacht, die Kritik Nietzsches
an der metaphysischen Moral aus der Formel Gott ist tot! herauszuarbeiten und zu
überprüfen, ob der daraus resultierende Immoralismus konsistent durchdacht ist.
1
N
IETZSCHE
,
F
RIEDRICH
: Ecce Homo. Jenseits von Gut und Böse, 1.
2
N
IETZSCHE
,
F
RIEDRICH
: Ecce Homo. Jenseits von Gut und Böse, 1.
3
Die Zitationen aus den Werken Nietzsches sind entnommen aus der Ausgabe: Friedrich
Nietzsche, gesammelte Werke in 10 Bänden. Vollständige Ausgabe nach dem Text der
Ausgaben in Leipzig. Erschienen im Goldmann Verlag. Neuauflage 11, Berlin 1999.
Nietzsches Kritik an der metaphysischen Moral
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Hierzu wird im ersten Schritt die oben erwähnte Demontage der Moral in
Nietzsches Spätschriften Jenseits von Gut und Böse (1886) und Zur Genealogie
der Moral (1887) dargestellt. Da die Kritik am Christentum ein wichtiger Be-
standteil für die Kritik an der metaphysischen Moral ist, wird im folgenden Kapitel
darauf Bezug genommen werden. Nachstehend widmet sich die vorliegende
Arbeit der Kritik der metaphysischen Moral selbst. Den drei zentralen Gedanken
,,ewige Wiederkehr", ,,Wille zur Macht" und ,,Übermensch" kann kein Platz ein-
geräumt werden, da sonst der Rahmen dieser Ausarbeitung gesprengt werden
würde. Was jedoch unbedingt für das Verständnis Nietzsches mit in die vorlie-
gende Erörterung in Betracht gezogen wird, ist der Gedanke der ,,ewigen Wie-
derkehr". Dieser bildet m. E. das konstruktive Zentrum, respektive das Funda-
ment Nietzsches Philosophie und wird daher ein Unterkapitel dieser Arbeit bilden.
Im letzten Kapitel der Schlussbetrachtung werden abschließend die vorhe-
rigen Ausarbeitungen evaluiert werden.
I. Die Demontage der Moral
Die Moralitätskritik zählt ohne Zweifel zu den Hauptthemen Friedrich Nietzsches.
Diesem Thema sind zwei seiner Spätschriften zu Gänze gewidmet
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und auch in
seinen früheren Schriften finden sich ausgedehnte Passagen zu diesem Problem.
Sämtliche diesbezügliche Schriften folgen der Generallinie einer Entlarvungs-
strategie. Moral, so die kurz gefasste Hauptthese, ist nicht, was sei zu sein
scheint, denn sie ist ausschließlich an amoralischen Zwecken der Individuen
ausgerichtet. Jeder Anschein von Altruismus könne, so Nietzsche, auf einen
grundlegenden Egoismus zurückgeführt werden. Es ist jedoch nicht allein die
Entlarvung der Moralität als Maske eines egozentrischen Triebgeschehens , die
ihn umtreibt. Wäre moralisches Handeln wirklich das effektivste Mittel egoisti-
scher Bestrebungen und träfe dies für alle Menschen in gleichem Maße zu, so
wäre es immerhin denkbar, dass eine Entdeckung wie die Nietzsches in der
4
Jenseits von Gut und Böse (1886) und Zur Genealogie der Moral (1887)
Nietzsches Kritik an der metaphysischen Moral
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menschlichen Lebenswelt praktisch folgenlos bliebe. Abgesehen von der Auf-
deckung der eigenen Selbsttäuschung über den vermeintlich altruistischen
Charakter des eigenen Handelns, müsste bei den lebensweltlichen Subjekten
keine Veränderung im Handeln auftreten, wenn das Verhalten, das für moralisch
gehalten wurde, ohnehin die erfolgreichste Egoismusstrategie darstellt.
Nietzsche will jedoch mehr: es geht ihm darum, mindestens das Selbst-
verständnis und die Verhaltensregeln, die in den Moralsystemen seit der plato-
nischen Philosophie Ausdruck gefunden haben, als Hindernisse der freien
Selbstentfaltung zu begreifen. Dieser Hindernischarakter folgt aus dem struktu-
rellen Egalitarismus der Moral, d.h. die wenigen Starken werden in ihrem Aus-
druck auf Kosten der Schwachen eingeschränkt. Darin sieht Nietzsche so etwas
wie eine höhere Ungerechtigkeit.
Den Ausgangspunkt für Nietzsches Untersuchungen bildet die Frage ,,wozu
überhaupt Moral"
5
? Da die Antwort auf diese Frage nicht selbst wieder moralisch
sein kann, versucht er stattdessen eine psychologische Antwort zu geben.
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Durch die Wahl der Erklärungsperspektive deutet sich bereits an, dass Moralität
für ihn kein Phänomen sui generis darstellt. Nietzsches Untersuchungen ver-
folgen weitgehend reduktive Absichten. In der Tat geht es ihm nicht darum,
Moralpsychologie zu betreiben, um etwa das Problem moralischer Motivation
aufzuhellen. Er will vielmehr von vornherein einen Widerspruch zwischen Moral
und Leben
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aufdecken.
Diesem
Widerspruch
weist
Nietzsche
jedoch eine unentbehrliche Funktion
für die menschliche Entwicklungsgeschichte zu. Erst ein anderer Widerspruch
fordert schließlich seine entschiedene Kritik heraus: derjenige zwischen den
expliziten Zielen eines Moralsystems und den impliziten Zielen, die sich aus
seiner Funktion für die menschliche Höherentwicklung ergeben. Von großer
Bedeutung ist für Nietzsche vor allem der Nachweis, dass die Genese der
abendländischen Moral Zielsetzungen herausgebildet hat, die den 'natürlichen
Zwecken' menschlicher Individuen entgegenstehen. Nichtsdestoweniger sind es
auch unter den Bedingungen einer dysfunktionalen Moral weiterhin außermora-
5
N
IETZSCHE
,
F
RIEDRICH
: Die fröhliche Wissenschaft. Fünftes Buch, 344.
6
vgl. G
ERHARDT
,
V
OLKER
: Friedrich Nietzsche. München 1992, S. 123.
7
vgl. G
ERHARDT
,
V
OLKER
: Friedrich Nietzsche. München 1992, S.119.
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