Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 Groteske 4
2.1 Erwartung und Enttäuschung 6
2.2 Komik und Grauen 7
2.3 Normalität, Wahnsinn und das Hässliche 10
3 Das Groteske in „Die Blendung“ 13
3.1 Figuren 14
3.1.1 Peter Kien 15
3.1.2 Georg Kien 20
3.1.3 Therese Krumbholz 22
3.1.4 Benetikt Pfaff 24
3.1.5 Siegfried Fischerle 26
3.1.6 Weitere Figuren 29
3.2 Groteske der Handlung 31
3.3 Bezeichnungen, Namen und Erzählsprache 34
3.3 34
4 Schlussbetrachtung 38
5 Anhang 39
5.1 Literaturverzeichnis 39
5.1 39
5.1 39
5.1 39
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1 Einleitung
Die wissenschaftliche Untersuchung des Grotesken in der speziellen Anwendung auf einen Roman - und in diesem Fall auf Elias Canettis „Die Blendung“ - lässt bereits zu Beginn zwei wesentliche Probleme erkennen: Zum einen existiert in der Litera‐ turwissenschaft derzeit noch keine allgemeingültige Definition des Grotesken, so‐ dass die Quellenlage umfassend, aber keineswegs eindeutig ist. Zum anderen ist die Beschäftigung mit Canettis Werken ein relativ junges Terrain 1 und kann trotz der wachsenden Zahl an Aufsätzen und Besprechungen nicht als einheitlich angesehen werden. Eine Untersuchung der grotesken Mittel in der ‚Blendung‘ setzt demnach eine klare Struktur der theoretischen und praktischen Analyse und Definitionsge‐ bung voraus. Aus diesem Grund wird diese Arbeit zu Beginn die Forschungslage um den Begriff des Grotesken vorstellen, um schließlich eine für die Untersuchung gül‐ tige Definition zu entwickeln. Unterstützt wird dies durch eine dreiteilige Gliede‐ rung: Im Kapitel 2.1 wird der Aspekt der Lesererwartung und Enttäuschung näher beleuchtet, in 2.2 das Verhältnis zwischen Komik und Grauen geklärt und im Ab‐ schnitt 2.3 werden die Begriffe ‚Normalität‘, ‚Wahnsinn‘ und ‚das Hässliche‘ defi‐ niert. An dieser theoretischen Grundlage orientiert sich schließlich im Kapitel 3 die Untersuchung des Grotesken speziell am Werk „Die Blendung“. Auch hier erfolgt eine Einteilung in drei Abschnitte. Zu Beginn werden die grotesken Elemente an den Figuren des Romans aufgezeigt, wobei der Schwerpunkt auf der Hauptfigur Peter Kien und den Nebenfiguren Therese Krumbholz, Benedikt Pfaff, Siegfried Fischerle und Georg Kien liegt. Anschließend werden im Kapitel 3.2 die Figurenhandlung und die Romanhandlung analysiert, um schließlich in ihrem Zu‐ sammenwirken betrachtet werden zu können. Den Abschluss bildet die Betrachtung der sprachlichen Ebene, die sowohl Figurensprache, Erzählsprache und Sachbe‐ zeichnungen, als auch die Erzählperspektive des Autors miteinschließt.
1 Vgl. Paal, Jutta: Die Figurenkonstellation in Elias Canettis Roman „Die Blendung“. Würz‐ burg: Königshausen & Neumann 1991. S. 1.
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Ziel dieser Arbeit ist es, die grotesken Mittel in der ‚Blendung‘ nicht nur zu benen‐ nen, sondern auch ihren Einfluss aufeinander zu verdeutlichen. Es wird somit ver‐ ständlich werden, warum man bei Elias Canettis Roman von einem grotesken Werk spricht.
3
2 Das Groteske
Die zeitgenössische Betrachtung und Untersuchung des Grotesken begann mit dem 1957 von Kayser veröffentlichten Werk „Das Groteske. Seine Gestaltung in Malerei und Dichtung“. Jedoch gab es zuvor bereits einzelne Untersuchungen, beispielswei‐ se 1913 von Paul Knaak, der über den Gebrauch des Wortes ‚grotesque‘ schrieb. Dennoch sieht man Kaysers Arbeit als Basis für die verschiedenen wissenschaftli‐ chen Betrachtungen. Er versuchte in seinem Werk die Entwicklung des Grotesken ausgehend von der antiken Malerei bis in die heutige Literatur darzulegen, um so‐ mit eine gültige Definition des Grotesken in fachübergreifenden Kategorien zu er‐ möglichen. Als Ursprung des heutigen Begriffes ‚Grotesk‘ gelten Wandmalereien in Höhlen und verschütteten Räumen, die man Ende des 15. Jahrhunderts in Italien fand. Diese Ornamente gelten als Vorbild für die später in der bildenden Kunst als ‚grottesco‘ oder ‚grottesche‘ 2 bezeichneten Techniken, „die willkürlich spielerische, daher phantastische Zusammenstellung[en] von heterogenen, in der Natur nirgends zu einer Einheit verbundenen Einzelheiten“ 3 verwendeten. Der deutsche Begriff ‚Groteske‘ ist eine Entlehnung des französischen ‚grotesque‘, das sich auf die anti‐ ken Malereien bezieht und sich um 1530 gesamteuropäisch verbreitete. Während das Groteske in der bildenden Kunst zunächst die „nicht‐natürliche Kombinationen von Menschen‐, Tier‐ und Pflanzen‐Teilen“ 4 bezeichnet, ist die literaturwissen‐ schaftliche Definition doch weitaus vielfältiger und umstrittener. Ein Grund dafür ist die unterschiedliche Betrachtungsweise des Grotesken in den Untersuchungen, die von Epoche zu Epoche, Autor zu Autor und Werk zu Werk variieren. 5 Erwähnt seien hier kurz die von Schumacher erarbeiteten Ansätze, nach denen sich die wissen‐ schaftlichen Arbeiten an formalen‐, psychologischen‐, inhaltlichen‐, totemistischen‐,
2 Ableitungen von ital. ‚grotta‘ für ‚Grottenmalerei‘.
3 Knaak, Paul: Ueber den Gebrauch des Wortes „grotesque“. Phil. Diss. masch. Greifswald: Buchdruckerei Hans Adler 1913. S. 10.
4 [Art.] Groteske. In: Kluge Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Hrsg. von Elmar Seebold . Berlin/New York: Walter de Gruyter 2002. S. 375.
5 Vgl. Schumacher, Manfred: Das Groteske und seine Gestaltung in der Gothic Novel. Unter‐ suchungen zur Struktur und Funktion einer ästhetischen Kategorie. Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang 1990. S. 78.
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ikonographischen‐ und semiotisch‐strukturalistischen Betrachtungen anlehnen. 6 Eine exakte Zuordnung der für diese Arbeit geltenden Definition erscheint zu die‐ sem Zeitpunkt jedoch nicht zwingend notwendig, da sich Inhalte und Merkmale in verschiedenen Punkten überschneiden oder auch ergänzen, sowie im hier dargeleg‐ ten Umfang keine grundlegenden Unstimmigkeiten der Merkmale existieren. 7 Bevor jedoch eine Definition des Grotesken gegeben wird, ist es notwendig, die kla‐ re Abgrenzung des Grotesken von der Grotesken deutlich zu machen. Während das Groteske ein „Prinzip ästhetischer Gestaltung“, 8 also eine „künstlerische Verfah‐ rensweise“ 9 ist, bezeichnet die Groteske gattungsbegrifflich „einen kalkuliert auf Irritation angelegten fiktionalen Text von begrenztem Umfang“. 10 Beide, sowohl Textsorte als auch literarische Schreibweise, bedienen sich bzw. bilden dabei Ver‐ fahren und Mittel, die eine Verfremdung durch Irritation und Heterogenität bewir‐ ken. Betrachten wir also im Folgenden die spezifisch in „Die Blendung“ vorkom‐ menden Mittel zur Verfremdung, sprechen wir von dem Grotesken.
Das Groteske in der Literatur „strebt […] nach möglichst phantasievoller Kombinati‐ on von Heterogenität. […] Mittel dazu ist ein Wechselspiel sich störender, gegensei‐ tig aufhebender Perspektiven, Modi und Diskurse […].“ 11 Zu den Grundformen zählt
6 Vgl. Ebd. S. 67‐77.
7 Für eine vergleichende Betrachtung der verschiedenen Ansätze sei hier auf Schumacher verwiesen.
8 Haasen, Rolf/Oesterle, Günter: Grotesk. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissen‐ schaft. Hrsg. von Klaus Weimar. Berlin/New York: Walter de Gruyter 1997. S. 745‐748.
9 Ebd.
10 Sorg, Reto: Groteske. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Hrsg. von Klaus Weimar. Berlin/New York: Walter de Gruyter 1997. S. 748‐751. Sorg gibt jedoch zu beden‐ ken, dass es noch immer keine wissenschaftlich fundierte Übereinstimmung gibt, ob die Groteske tatsächlich als Textsorte bezeichnet werden kann, die ihre Aussage mittels grotes‐ ker Techniken verwirklicht. Eine Antwort auf diese Frage gibt jedoch Carl Pietzcker. Er sagt, ein Werk, das grotesk sei, nenne man eine Groteske, wohingegen das Groteske der be‐ schriebene Bewußtseinsakt des Autors wäre. Als eine Groteske versteht er also ein Werk, das „bei einem Leser jenen Bewußtseinsakt auslöst und […] zum Zeitpunkt seines Entste‐ hens jenen Akt unserer Meinung nach mit Erfolg intendiert.“ (Pietzcker, Carl: Das Groteske. In: Das Groteske in der Dichtung. Hrsg. von Otto F. Best. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1980. S. 85‐102) Kurz gesagt also die Deckung von vom Autor gewollten Empfinden (durch groteske Elemente) und der tatsächlichen Rezeption des Lesers.
11 Haasen, Rolf/Oesterle, Günter: Grotesk. S. 745.
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die „komplexe Vermischung aus Lächerlichkeit, Grauen und Hyperbolismus“ 12 , wel‐ che die genannte Heterogenität bildet, und diese Ungleichartigkeit wird umso grö‐ ßer und wirkt demnach auch umso grotesker, „je weniger die beiden sich kreuzen‐ den Gebiete miteinander zu tun haben.“ 13
Eine Untersuchung des Grotesken mithilfe dieser weit gefassten Definition benötigt die Betrachtung mehrerer Ebenen. Pietzckers stellt folgende These auf: Wer das Groteske als Struktur eines Bewußtseinsaktes versteht, muß bei der Analyse jedes einzelnen Grotesken drei Momente beachten: erstens den Erwartungshorizont und seine Bedeutung für das Subjekt […], zwei‐ tens das, was sich der Erwartung widersetzt […] und drittens das, was die Erwartung und das sich ihr Widersetzende in einen Zusammenhang bringt und dadurch das Groteske als Struktur schafft: das Bewußtsein des Lesers bzw. des Autors. 14
Demnach orientiert sich die nachfolgende Untersuchung an den Bereichen: Erwar‐
tung und Enttäuschung, Komik und Grauen, Wahnsinn und Normalität, sowie dem
Hässlichen.
2.1 Erwartung und Enttäuschung
Die Basis des Grotesken bildet die Heterogenität, in der Literaturwissenschaft also
die Uneinheitlichkeit oder eben Ungleichheit von bestimmten Elementen im Text,
die im Gegensatz zueinander stehen oder in ihrem Vorkommen einen Gegensatz
bilden und somit Irritation hervorrufen. Nun macht aber das bloße Gegenüberstel‐
len einzelner Eigenschaften, Zustände, Personen oder Gegenstände noch kein Gro‐
teskes aus. Carl Pietzcker folgert:
Grotesk ist nicht die Vermischung von Stilen, Ordnungen, Bereichen, das bloße Nebeneinander des Heterogenen; das Groteske verlangt viel‐ mehr, daß erstens eine bestimmte Weise, die die Welt oder der Mensch ist, erwartet wird, und daß zweitens diese Erwartung scheitert, so daß die Weltorientierung versagt und die Welt unheimlich wird. 15
12 Meyer‐Sickendiek, Burkhard: Was ist literarischer Sarkasmus? Ein Beitrag zur deutsch‐ jüdischen Moderne. München: Wilhelm Fink Verlag 2009. S. 487.
13 Tschižewskij, Dimitri: Satire und Groteske. In: Das Komische. Hrsg. von Wolfgang Prei‐ sendanz und Rainer Warning. München: Wilhelm Fink Verlag 1976. S. 269‐278.
14 Pietzcker, Carl: Das Groteske. S. 89.
15 Ebd. S. 86f.
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‚Unheimlich‘ meint hier jedoch nicht das Grauen oder die Angst, sondern vielmehr die Befremdlichkeit dieses unerwarteten Scheiterns und somit auch die Machtlosig‐ keit des Rezipienten, die Situation - zumindest in ihrer gedanklichen Struktur - zu beherrschen. Das Werk an sich habe jedoch nicht jene Struktur, enthalte also nicht eine bestimmte Erwartung, sondern wecke sie beim Leser durch ein Element. Es wird demnach eine Vorstellung ausgelöst, die dann enttäuscht wird. 16 Das bedeutet jedoch auch, dass das Empfinden dieses Scheiterns abhängig vom Rezipienten ist und lediglich vom Autor evoziert wird. Ob der Text schließlich als grotesk wahrge‐ nommen wird, liegt am Erwartungshorizont des Lesers. 17 Dies wirft jedoch die Frage auf, ob das Groteske nicht eher eine subjektive Wahrnehmung als ein nachweisba‐ res stilistisches Verfahren ist. Kann man demnach wissenschaftlich belegen, dass es sich um groteske Texte handelt oder lediglich die Meinung vertreten, dass ein Text lediglich im individuellen subjektiven Empfinden grotesk wirkt? Zusammenfassend sei gesagt: ein wesentliches Merkmal des Grotesken ist, dass eine bestimmte Vorstellung des Rezipienten nicht bedient wird, sogar ins völlig Ge‐ genteilige umschlägt. Dies kann zum einen das Handeln von Figuren betreffen, oder aber eine Veränderung des Erzähltones, beispielsweise vom Ernsten zum Lächerli‐ chen oder vom Normalen 18 zum Irrwitzigen. „Die Plötzlichkeit, die Überraschung gehört wesentlich zum Grotesken.“ 19 2.2 Komik und Grauen
Das Verhältnis zwischen Komik und Grauen bzw. Lachen und Angst baut auf der Basis der Heterogenität auf. Das bedeutet, dass das Gegenüberstellen und der stän‐ dige Wechsel beider Elemente die grotesken Empfindungen des Lesers evozieren
16 Ebd. S. 87.
17 Vgl. Ebd. Dies wirft jedoch die Frage auf, ob das Groteske nicht eher eine subjektive Wahrnehmung als ein nachweisbares stilistisches Verfahren ist. Kann man also wissen‐ schaftlich belegen, dass es sich um groteske Texte handelt oder lediglich die Meinung ver‐ treten, dass ein Text für einen selber grotesk wirkt?
18 Die Normalität wird im Kapitel 2.3 näher erläutert.
19 Kayser, Wolfgang: Das Groteske. Seine Gestaltung in Malerei und Dichtung. Olden‐ burg/Hamburg: Gerhard Stalling Verlag 1957. S. 198‐199.
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Julia Steinborn, 2011, Das Groteske in Elias Canettis Roman "Die Blendung", München, GRIN Verlag GmbH
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