Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 1
1.1 Begründung des Themas 1
1.2 Theoretische Annahmen. 1
1.3 Gang der Arbeit 2
1.4 Methodisches Vorgehen 2
2 Begrifflichkeiten. 4
2.1 Religion. 4
2.2 Kultur und Populärkultur 7
2.3 Zusammenhang zwischen Kultur und Religion 13
3 Religiöse Tendenzen der Moderne. 15
3.1 Situation der Kirche. 15
3.2 Religiöser Ist-Zustand der Gesellschaft. 17
3.3 Kulturwissenschaftlicher Erklärungsansatz zur Religion in der Moderne 21
3.4 Rückkehr oder Ende von Religion? 27
3.5 Haben die Kirchen überhaupt noch eine Chance? 29
4 Religiöse Phänomene in der Populärkultur 32
4.1 Forschungsstand und Vorüberlegungen. 32
4.2 Religiöse Anspielungen und Zitate innerhalb populärkultureller Produkte. 35
4.3 Objektive religiös-funktionale Äquivalente. 39
4.4 Subjektiv religiös-funktionale Äquivalente. 41
5 Religion in der populären Kultur - Ein Thema für den Unterricht? 47
5.1 Rahmenbedingungen von Religionsunterricht 47
5.2 Begründung von Religionsunterricht. 49
5.3 Jugend und Kindheit heute 52
5.4 Medienkompetenz gleich Lebenskompetenz? 55
5.5 Praxiserfahrungen und Umsetzungsmöglichkeiten 57
5.6 Didaktische Konsequenzen. 62
6 Zusammenfassung und Ausblick 66
6.1 Eine Chance für das Christentum? 66
6.2 Religionsdidaktisches Fazit. 67
I
Inhaltsverzeichnis
7 Verzeichnisse 68
7.1 Literatur. 68
7.2 Abbildungen 78
7.3 Tabellen 79
7.4 Abkürzungen 79
8 Anhang 80
8.1 Abbildungen 80
8.2 Internetquellen 83
9 Erklärung 145
II
1 Einleitung
1.1 Begründung des Themas
Religion scheint sich in einem Widerspruch zu befinden. Auf der einen Seite sind Stagnation und ein Rückgang der Gläubigen innerhalb der Großkirchen zu beobachten und auf der anderen Seite scheint sich Religion in andere Bereiche zu verlagern, die im ersten Augenschein gar nichts mit ihr zu tun haben.
Der Religionssoziologe Thomas Luckmann stellte bereits 1967 unter dem Titel „The Invisible Religion“ („Die unsichtbare Religion“) die These auf, dass Religion in modernen Gesellschaften nicht an Funktion verliert, sondern ins Private abwandert, die Institutionalisierung von Religion in Form von Kirchen an Bedeutung verliert und sich eine individuelle Religiosität entwickelt. 1
Aber nicht nur individuelle Religiosität ist beobachtbar, sondern auch die massenhafte Verarbeitung religiöser Themen innerhalb der populären Kultur. Religiöse Themen prägen nicht nur die Inhalte der populären Kultur 2 , sondern sind auch Vorlagen für die wahrnehmbare Gestaltung kultureller Orte und Ereignisse 3 . Schließlich ist beobachtbar, dass kulturelle Handlungsmuster, wie Gesundheitsbestreben, Erlebnisorientierung, Markenkonsum etc. sich zu einer Art subjektiv religiös-funktionalen Äquivalents („Ersatzreligion“) entwickeln. Vor ungefähr einem Jahr wurde ich durch den Radiobeitrag Ulrich Sonnenscheins mit dem Titel „Gott goes Pop - Ersatzreligionen der Gegenwart“ 4 in der Sendereihe „Religion und Gesellschaft“ des Hessischen Rundfunks angeregt, mich mit dem Thema Religion und Populärkultur nähern zu beschäftigen.
1.2 Theoretische Annahmen
Ausgehend von der theoretischen Annahme, dass Religion innerhalb der Populärkultur auf drei Ebenen präsent ist, sollen folgenden Thesen innerhalb der Arbeit untermauert werden: (1) Populärkultur umgibt uns ständig und ist sehr weit gefasst. (Kapitel 2) (2) Religion bringt Kultur hervor. Kultur bringt Religion hervor. (Kapitel 2) (3) Populärkultur thematisiert Religion 5 . (Kapitel 4)
1 vgl. Luckmann, Thomas (1993): Die unsichtbare Religion.
2 Die Begriffe populäre Kultur, Populärkultur und Popkultur werden im Rahmen dieser Arbeit synonym verwendet.
3 Orte hier im Sinne von Erlebnissen und begehbaren Orten.
4 vgl. Sonnenschein, Ulrich (2010): Gott goes Pop - Ersatzreligionen der Gegenwart. Sendung am 17.04.2010, 9:25 Uhr: HR2.
5 Innerhalb dieser Arbeit als „religiöse Anspielungen und Zitate“ sowie „objektive religiös-funktionale Äquivalente“ bezeichnet.
1
(4) Populärkultur bringt religiöse Äquivalente 6 hervor. (Kapitel 4) (5) Wenn Populärkultur „Religion“ aufgreift und „Religion“ hervorbringt und uns Populärkultur ständig umgibt, besteht die Aufgabe des Religionsunterrichts diese zu reflektieren und religiöses Wissen zur Interpretation zu vermitteln. (Kapitel 5) (6) Subjektiv religiös-funktionalen Äquivalenten fehlt eine Sinn- und Deutungskomponente.
(7) Wenn die Populärkultur eigene religiöse Äquivalente hervorbringt („Ersatzreligionen“) und diese bei existentiellen Fragen und Sinndeutungen an ihre Grenzen stoßen, ist es Aufgabe des Religionsunterrichts, aufzuzeigen welche Antworten das Christentum hat. (Kapitel 5)
1.3 Gang der Arbeit
Im ersten Teil werden grundlegende Begriffe, wie Religion, Kultur und Popkultur gefasst und in einen Zusammenhang gebracht. Im nächsten Schritt werden aktuelle Tendenzen der Institution Kirche und der Religiosität der Gesellschaft zugespitzt dargestellt. Die in diesem Teil beschriebenen Phänomene resultieren aus tiefgreifenden Veränderungsprozessen innerhalb der Moderne, die im weiteren Verlauf des Kapitels als Zustandsbeschreibung der Kultur der Moderne gefasst werden sollen.
Im Kapitel fünf und sechs stehen religiöse Phänomene innerhalb der populären Kultur und die daraus abzuleitenden Konsequenzen für das religiöse Lernen im Fokus.
1.4 Methodisches Vorgehen
Bei der vorliegenden Arbeit soll es sich um eine Zustandsbeschreibung der Gegenwart aus kulturwissenschaftlicher und religionspädagogischer Perspektive handeln. Ziel der Arbeit ist es soziologische, kulturwissenschaftliche, philosophische und theologische Gedanken als Grundlage für die Erarbeitung eine pädagogischen Ansatzes zum Umgang mit Religion innerhalb der Populärkultur zu liefen. Dabei geht es vorrangig um das Verstehen kultureller Phänomene. Der Begründer der Geisteswissenschaften Wilhelm Dilthey schrieb 1894: „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir.“ 7 Kulturelle Produkte sind Produkte des menschlichen Geistes. Sie lassen sich durch Deutung erschließen. Das heißt, eine Sache erhält Bedeutung und wird in einen Zusammenhang gestellt. Da aber ständig neue (Lebens)-Erfahrungen tagtäglich hinzu kommen, vollzieht sich das Verstehen in einer zirkulären Bewegung, dem „her- 6 Innerhalbdieser Arbeit als „subjektiv religiös-funktionale Äquivalente“ bezeichnet.
7 Dilthey, Wilhelm (1990): Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, S. 144.
2
meneutischen Zirkel“. Das Verstehen ist somit nie gänzlich abgeschlossen. Diese grundlegenden Gedanken der Geisteswissenschaft lassen sich auch auf Kultur übertragen. Da Menschen unterschiedliche Erfahrungshorizonte haben, gibt es auch unterschiedliche Deutungen kultureller Phänomene. Daher soll an dieser Stelle darauf verwiesen werden, dass es auch immer eine andere Verstehens- oder Lesart unserer Kultur geben kann.
3
2 Begrifflichkeiten
2.1 Religion
Täglich beten überall tausende Menschen auf der Welt in verschiedenen Sprachen, verehren Götter, Geisterwesen oder andere höhere Mächte und leben nach den Vorgaben ihrer Religion. 8 Religionen gibt es in allen Ländern und seit Beginn der Menschheit. Das beweisen archäologische Quellen, wie Grabbeigaben und Höhlenzeichnungen. Mit der Entwicklung der Schrift entstanden um 1500 bis 500 v. Chr. Religionen, die ein umfassendes System aus Lehren, Festen, Bräuchen und Symbolen entwickelt haben. 9
Was aber sind Religionen? Eine Definition zu geben ist schwierig. Jeder weiß irgendwie, was damit gemeint ist, so als ob es eine Art vorwissenschaftliches Verständnis gebe. 10 Dennoch soll an dieser Stelle der Versuch unternommen werden, den Begriff der Religion einzuengen und für die weitere Verwendung innerhalb dieser Arbeit abzugrenzen. Religion kann als „… Oberbegriff für die verschiedenen Vorstellungen der Menschheit bezogen auf die letzten Fragen des Menschen nach Herkunft und Ziel des Menschen sowie der Welt“ 11 gesehen werden. Das Wort „Religion“ stammt aus dem Lateinischen. Der römische Schriftsteller Cicero verwendete „religere“, wenn es um Handlungen bzw. dem regelmäßigen Verrichten von Handlungen ging. Beim Schriftsteller Laktanz hingegen, bedeutete „religio“ („religare“) die Rückbindung an Gott. Religion ist aber mehr als eine Rückbindung an Gott. Denn nach dem gerade genannten Verständnis würde immer ein Gott notwendig für eine Religion sein. Was ist aber mit Religionen, die keinen Gott haben? Der Urbuddhismus, eine Frühform des Buddhismus, würde demnach als eine „atheistische Religion“ gelten. Daher muss, das was unter Religion zu verstehen ist, noch weiter gefasst werden. 12 Eine Lösung scheint Paul Tillich zu haben. Er hat Religion als „… Ergriffensein von dem, was uns unbedingt angeht“ 13 beschrieben, als „ultimate concern“ 14 . Durch diese Vorstellung von Religion kann auch das, was Religion umfasst, weiter gefasst werden. Wenn aber Religion das Ergriffen- oder Berührtsein von etwas ist, also das, was mich unbedingt etwas angeht, dann kann alles zu Religion werden, Sport, Musik, Film, Werbung, Politik,
8 vgl. Preißler, Holger (1992): Religionen unserer Welt. Ihre Bedeutung in Geschiche, Kultur und Alltag. Leipzig: Militzke, S. 10.
9 vgl. Baumann, Ulrike Wermke Michael (2006): Religionsbuch. 9/10. Berlin: Cornelsen, S. 112-113.; vgl. auch Preißler (1992), S. 15.
10 Antes, Peter (2007): Religionen im Brennpunkt. Religionswissenschaftliche Beiträge 1976 - 2007. Stuttgart: Kohlhammer, S. 193f.
11 ebd., S. 190.
12 ebd., S. 190-192.
13 Tillich, Paul (1987): Systematische Theologie III. Berlin, New York: de Gruyter, S. 126.
14 Clayton, John (1987): Introducing Paul Tillich's Writing in the Philosophy of Religion, S. 10-28.
4
Kunst, Sekten, etc. Vielleicht hilft der Ansatz Ulrich Barths weiter. Für ihn ist Religion „…eine Grundform menschlicher Deutungskultur“ 15 , die das elementare Bedürfnis des Menschen nach Selbst- und Weltdeutung befriedigt. „Religion - ihrem allgemeinsten Wesen nachist Deutung der Welt im Horizont der Idee des Unbedingten.“ 16 Barth geht es also nicht nur um die Herstellung von Sinn, sondern um auch um die Unbedingtheit von Sinn. Das heißt, dass ich keine Leistung (Bedingung) erbringen muss, um Sinn zu erfahren. Religion ist also „…eine bestimmte Deutung und Auffassung des Lebens“ 17 und gehört zur „conditio humana“, also einer Bedingung des Menschseins. Über Religion lässt sich das menschliche Dasein deuten. 18 Joachim Kunstmann spricht nicht von Religion, sondern von religiösen Erfahrungen, die „…Ausdruck einer Erfahrung des Heiligen“ sind und den Menschen so ergreifen können, dass die Welt und das Leben in eine neue Perspektive rückt. 19 Religion ist eine bestimmte Einstellung bzw. Haltung gegenüber dem Leben, die nicht immer nur mit Gottesglaube gleichgesetzt werden kann, „… sondern zunächst ein Erschauern, in ihren reiferen Formen ein Erfasstwerden von der Heiligkeit und Unantastbarkeit des plötzlich gewahrten Lebens“ 20 . Aus diesem Blickwinkel hat Religion immer mit Lebenssteigerung undbewahrung, ja sogar gesteigerte Bejahung des Lebens zu tun. Religion kann auf zwei Ebenen eingeteilt werden:
Tabelle 2-1: Einteilung von Religion nach Kunstmann 21
Religion als „objektives kulturell sichtbares Phänomen“ gibt es eigentlich nicht, sondern es handelt sich eigentlich nur um sichtbare Phänomene der jeweiligen Religion, wie z.B. Symbole, Handlungen, Riten, Bauten oder auch Schriften.
Der deutsche Philosoph Friedrich Schleiermacher hat darauf verwiesen, dass jede heilige Schrift „… nur ein Mausoleum der Religion“ oder ein „Denkmal“ ist und, dass nicht derjenige, der an die heilige Schrift glaubt, „Religion“ hat, „…sondern der, welcher keiner bedarf, und wohl selbst eine machen könnte.“ 22
15 Barth, Ulrich (2002): Dimensionen des Religionsbegriffs, S. 39.
16 ebd., S. 77., vgl. dazu auch Kunstmann, Joachim (2010): Rückkehr der Religion. Glaube, Gott und Kirche neu verstehen. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, S. 24f.
17 ebd., S. 25.
18 vgl. Barth, Ulrich (1996): Was ist Religion?, S. 557.
19 vgl. Kunstmann (2010), S. 24.
20 ebd., S. 25. 21 vgl. ebd., S. 24.
22 Schleiermacher, Friedrich (1958): Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern. Hamburg: Meiner, S. 283.
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Weiterhin kann Religion in „kluge“ und „neurotische“ Religion sowie „lebens-steigernde“ und „lebens-einschränkende“ Religion differenziert werden. Kluge Religion ist selbstkritisch, d.h. sie stellt sich auch selbst in Frage und weiß „… zwischen den Trägern und Medien des Heiligen und dem Heiligen selbst“ 23 zu unterscheiden. Sie betrachtet Erscheinungen, die wir aus unserer Weltsicht als Wunder 24 oder übernatürliche Ereignisse einstufen würden, nicht als etwas besonders Religiöses, denn auch die Realität, wie wir sie kennen, ist göttlich. Darüber hinaus ist kluge Religion anti-totalitär, anti-autoritär und das Gegenteil von Ideologie. Sie ist gegenüber religiösen Wunschbildern, Verfestigungen sowie absoluten Werten kritisch. Auf unsere heutige Zeit übertragen, würde das zum Beispiel bedeuten, dass sie Werte, wie Macht- und Kapitalanhäufung, Erfolgsstreben oder Schönheitsidealen der Werbung und Industrie nicht einfach folgt, sondern sie hinterfragt.
Religion ist auch ein Bestandteil von Kultur. Kultur meint auch Pflege und Bewusstseinserweiterung des Geistes. Da kluge Religion Lebendigkeit des Lebens (Erfahrung des Heiligen, Wandlung, Heilung, Nächstenliebe, Mitleid, Liebe und Schöpfungsbewusstsein als Formen grundlegender Lebensbejahung) mit sich bringt, kann es bei einem Kulturverlust (und damit einhergehenden Religionsverlust) zu härteren Bedingungen innerhalb der Gesellschaft kommen. 25
Es gibt aber auch Fehlformen von Religion, die als „neurotische“ Religion, bzw. „lebenseinschränkende“ Religion bezeichnet werden können. Dazu zählen beispielsweise Fanatismus, Gewalt, Zwang, Verwechslung oder Identifikation der Medien des Heiligen mit dem Heiligen selbst. „Christlich glaubt man dann nicht an Gott, sondern an die Bibel, das Bekenntnis, die Kirche oder das Dogma.“ 26
Was im inneren eines Menschen vorgeht, können wir nicht beobachten, nur durch Kommunikation mit ihm erfahren. Der Kern der Religion ist eigentlich der innere Zustand, was man auch als Religiosität bezeichnen kann.
Die vorangegangenen Überlegungen zum Religionsbegriff haben gezeigt, dass eine Abgrenzung und genaue Definition von Religion schwierig ist. Dennoch sollen die genannten Überlegungen von Tillichs, Barths und Kunstmanns für die weitere Arbeit aufgegriffen werden.
23 Kunstmann (2010), S. 30.
24 „Das Wunder ist nicht Durchbrechung der Realität, sondern spiegelt eine Grunderfahrung, die aller Realität gilt.“ ebd., S. 31. Friedrich Schleiermacher sieht Wunder nur als den religiösen Namen für Begebenheiten an, denn „… auch die allernatürlichste und gewöhnlichste, sobald sie sich dazu eignet, daß die religiöse Ansicht von ihr die herrschende sein kann, ist ein Wunder.“ Schleiermacher (1958), S. 65f.
25 vgl. Kunstmann (2010), S. 32.
26 ebd., S. 35.
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2.2 Kultur und Populärkultur
Im folgenden Abschnitt soll aufgezeigt werden, dass Populärkultur uns ständig umgibt und weit gefasst werden kann. Zunächst soll aber ein grundlegendes Verständnis des Kulturbegriffs dargestellt werden.
Im Unterschied zum Tier hat der Mensch die Fähigkeit, seinem Verhalten und den Dingen seiner Lebenswelt, Bedeutung und Sinn beizumessen. Für ihn ist „… die Wirklichkeit statt einer Ansammlung von Sinnesdaten eine Welt von Objekten mit Sinn und Bedeutung.“ 27 Dadurch, dass der Mensch sich eine Welt über die Sinneseindrücke hinaus durch Zuweisung von Bedeutung, schaffen kann, ist das Handeln des Menschen kulturell bedingt. Wenn der Mensch dazu nicht in der Lage wäre, würde die Wirklichkeit für ihn ein Chaos von Sinneseindrücken bleiben. „Auf dieser unerklärlichen Fähigkeit beruht die Eigenart des Menschen als Kulturwesen.“ 28
Das Wort „Kultur“ ist dem lateinischen Wort „cultura“ entlehnt und geht auf das Verb „colore“ zurück. Damit wird einerseits „drehen, wenden, bebauen“ und andererseits „anbeten“ ver-standen. Bei beiden Wortbedeutungen geht es im Grund um die Pflege. Sowohl Ackerbau, als auch Götterverehrung waren Tätigkeiten, die Mensch und Tier voneinander unterschieden und somit von der Natur abgrenzten. 29
Die Übertragung vom Agrarischen auf das Geistige geht auf den römischen Philosophen Cicero zurück. Bei ihm wurde Kultur erstmals parallel zur Pflege des Geistes gesetzt („cultura animi“). Zwei Aspekte sind bei dieser Übertragung für unser heutiges Kulturverständnis von Bedeutung. Auf der einen Seite ist die Kultur das Ergebnis harter menschlicher Arbeit, die ohne Pflege auch wieder verfallen kann. Auf der anderen Seite sorgt die Kultur für Sittlichkeit. Nach Ciceros Auffassung scheint eine lasterhafte Kultur nicht vorstellbar. Kultur ist weisheit-
27 Tenbruck,Friedrich H. (1990): Repräsentative Kultur, S. 26.
28 ebd., S. 27.
29 Mit „wenden“ ist hier das Wenden der Ackerscholle gemeint.
7
liche, stoisch-moralische Bildung, die kein Selbstzweck ist. 30 Sie führt „… zur Verfeinerung des Menschenlebens und zur Gewinnung der Menschenwürde.“ 31 Der Aspekt der Selbstbestimmung wurde in der frühchristlichen Tradition und im Mittelalter in eine Gottbestimmung umgedeutet. „Unter ›cultura‹ wurde immer auch ›cultura Christi‹ bzw. ›cultura Christianae religionis‹ verstanden: Gott pflegt wie ein Ackermann den Menschen und seine Kultur.“ 32 Eine autonome Persönlichkeitsstruktur passte nicht in diese Epoche, in der nur die Verbesserung der sittlich-religiösen Persönlichkeit entscheidend war. Die Veredelung des Menschen und seiner Persönlichkeit durch Kultur war zweitrangig. 33 Erst mit dem Humanismus und der Renaissance wurden die Ideale der römisch-griechischen Antike wieder aufgegriffen. Der Kulturbegriff erhielt schließlich während der Aufklärung seine ursprünglich lateinische Doppelbedeutung zurück. Mitte des 18. Jahrhunderts bezeichnet das deutsche Wort „Kultur“ nun auch den Fachwirt der Land- und Forstwirtschaft und galt als grundsätzliches Unterscheidungskriterium zwischen Mensch und Tier. 34
„Einem - hypothetisch angenommenen - Naturzustand wird ein erstrebter Kulturzustand gegenübergestellt, wobei Kultur das menschliche Leben durch den Beistand, der Rührigkeit und die Erfindung der anderen Menschen über den bloßen Naturzustand hinaushebt.“ 35
Der Kulturbegriff ist heute der Allgemeinste innerhalb der Geisteswissenschaften. Da Kultur alles umfasst, was durch menschlichen Handel entsteht, ist es auch so schwierig, ja fast unmöglich, Kultur zu fassen. 36
Der deutsche Philosoph Johann Gottfried Herder schrieb vor über 200 Jahren in seiner Ab-handlung über die „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ 37 , dass Kultur unbestimmt und trügerisch sei. 1952 zählten Kroeber und Kluckhohn allein in der Kulturanthropologie und Kultursoziologie 164 verschiedene Definitionen. 38
„Kultur ist heute zu einem geradezu gnadenlos inflationär gebrauchten Begriff geworden: Alles ist oder hat Kultur (...) Man kann sich am Ende des 20. Jahrhunderts des Eindruckes nicht erwehren,
30 vgl. Klein, Armin (2009): Kulturpolitik. Eine Einführung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 36.; vgl. auch Schneider, Hans Julius ): 1 Einleitung: Ethisches Argumentieren, S. 26.
31 Klein (2009), S. 36.
32 ebd.
33 vgl. Pflaum, Michael (1967): Die Kultur-Zivilisations-Antithese im Deutschen, S. 288.
34 vgl. Klein (2009), S. 37. 35 ebd.
36 vgl. Tenbruck (1990), S. 27.
37 Herder, Johann Gottfried von, et al. (1965): Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Berlin: Aufbau-Verlag, S. 4.
38 vgl. Kroeber, Alfred Louis, et al. (1952): Culture. A critical review of concepts and definitions. Cambridge, Mass: Peabody Museums of American Archaeology and ethnology, S. 43-45.
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dass von der Unternehmung bis zum Pop, vom Essen bis zur Bürokratie, von der Politik bis zur Religion alles Kultur hat.“ 39
Neue Ansätze der Kulturwissenschaft gehen nicht mehr davon aus, dass Kultur eine integrative und stabilisierende Größe ist, sondern als ein umfassendes komplexes Konstruktions-, Erinnerungs- und Aneignungsgeschehen sowie als Handlungsfeld zu begreifen sei. Daher wird der Begriff auch eher in den Plural gesetzt und es wird von Kulturen gesprochen. 40 Dass diese Denkweise mit einer definitorischen Unschärfe einhergeht, wird akzeptiert. 41 Dies spiegelt sich auch in Begriffen, wie „… ‚Multikulturalität’, ‚Interkulturalität’, ‚Transkulturalität’, ‚Hybridität’, ‚Melange’, ‚Synkretismus’, ‚Kreolisierung’ und ‚mestizaje’“ 42 wieder. Kultur muss demnach als dynamischer Prozess verstanden werden, der auf der einen Seite zu immer „neuen“ Formen führt, auf der anderen Seite aber auch Angleichungstendenzen 43 zur Folge hat. Fest steht aber, dass es sich bei Kultur um kein geschlossenes oder erstarrtes bzw. verfestigtes System handelt. 44
Auf der Weltkulturkonferenz 1982 in Mexiko City wurde eine Erklärung verabschiedet, in der Kultur zum einen als die Gesamtheit der geistigen und materiellen Errungenschaften des menschlichen Verstandes zu verstehen sind und zum anderen als die gefühlsmäßig unterschiedlichen Merkmale einer Gruppe bzw. Gesellschaft gefasst werden können. Dazu gehören Lebensweisen, Grundrechte, Wertsysteme und Überzeugungen. Kultur verleiht dem Mensch die Fähigkeit, über sich selbst nachzudenken (Individualentwicklung), Werte zu unterscheiden und Entscheidungen zu treffen. 45
Was ist nun Populärkultur (kurz Popkultur 46 )? Der Begriff leitet sich vom lateinischen Wort „populus“ (Volk) ab, was soviel bedeutet wie „allgemein verständlich“, oder „beliebt“. 47 Seit Mitte der 1950er Jahre hat sich die populäre Kultur als eigener Kulturzweig, v.a. in den USA innerhalb der Popmusik entwickelt. Im Gegensatz zur Hochkultur 48 sind die Zugangs-
39 Karmasin,Helene (1997): Cultural theory. Ein neuer Ansatz für Kommunikation Marketing und Management. Wien: Linde, S. 21.
40 vgl. Nehring, Andreas (2008): Einleitung, S. 7.
41 vgl. ebd.
42 ebd.
43 Mit dem Angleichen von Kultur hat sich beispielsweise der amerikanische Soziologe George Ritzer in seinem Buch The Mc Donaldization of Society (Die Mc Donaldisierung der Gesellschaft) beschäftigt. vgl. Ritzer, George (2003): The McDonaldization of society. Thousand Oaks, Calif: Pine Forge Press.
44 vgl. Nehring (2008), S. 7.
45 vgl. Ministerium für Kultur der DDR (1983): Mondiacult Weltkonferenz der UNESCO über Kulturpolitik. Mexiko 1982. Berlin: Staatsverlag der DDR, S. 53.
46 Im Unterschied zur Langform „populäre Kultur“ wird Popkultur zumeist nur auf Phänomene seit den 1950ern angewendet. vgl. Schneider, Wolfgang, et al. (2009): Pocket Kultur. Kunst und Gesellschaft von A-Z. Bonn: BpB, S.
43.
47 vgl. ebd.
9
schwellen geringer. Für das Verständnis von Hochkultur brauchte man ein bestimmtes Hin-tergrundwissen, so dass sie vorrangig für ein gebildetes Publikum interessant war. Populärkulturelle Erzeugnisse hingegen weisen eine allgemeinverständliche und ansprechende Ästhetik, klare Rollen- und Identifikationsmuster und einfache Thematiken auf. 49 Allerdings ist die Differenzierung in Hoch- und Popkultur mittlerweile umstritten, da sich erstens die Grenzen zur Alltags- und Populärkultur immer mehr auflösen und zweitens der Begriff der „Hochkultur“ eine Wertung impliziert. Die Qualitätskriterien für Hochkultur sind lediglich der Geschmack einer gesellschaftlichen Elite, die denkt, beurteilen zu können, was „gute“ und damit wertvolle Kultur ist. 50
Der amerikanische Geschichtswissenschaftler Paul R. Gorman grenzt Populärkultur von der Massenkultur ab. Für ihn hat Massenkultur eine technische Ebene, die v.a. aus der Verbreitung durch die Massenmedien resultiert:
„As for definitions, I use the terms ‘popular arts’ and ‘popular culture’ in their literal sense, to refer to forms of expression that attract the largest audiences. ‘Mass culture’ is used as a more technical description, referring specifically to expression created for transmission through the mass media. These ‘mass’ forms may or may not prove to be ‘popular’.“ 51
Auch wird der Begriff der Massenkultur häufig verwendet, um auf Gefahren hinzuweisen, die mit „Massen“ einhergehen. Durch die Individualisierung und damit auch einhergehende Vereinsamung des Menschen weisen Theoretiker wie Wilhelm Röpke auf die Angreifbar-, Verführbarkeit und Manipulation des Menschen durch „Massenphänomene“ hin. 52 Im Gegensatz zur Massenkultur meint der Begriff „Breitenkultur“ künstlerisch-kreative Aktivitäten, die hauptsächlich der Freizeitbeschäftigung dienen und von vielen, also der Breite gepflegt werden. In Deutschland wird Breitenkultur häufig in Vereinen oder gemeinnützigen Einrichtungen betrieben. 53
Durch die technische Entwicklung im 20. Jh. sowie der politisch-ökonomische Ausgestaltung ist die populäre Kultur zum prägenden Bestandteil des modernen Lebens geworden. Träger
48 Wenn von Hochkultur die Rede ist, werden damit in der Regel besonders wertvoll Leistungen innerhalb der klassischen Künste bezeichnet. In der Regel bezieht sich der Begriff auf die Musik, bildende und darstellende Kunst sowie auf die Literatur.
49 vgl. Kunstmann, Joachim (2004): Religionspädagogik. Eine Einführung. Tübingen: Francke, S. 256.
50 vgl. Schneider et al. (2009), S. 20.
51 Gorman, Paul R (1996): Left intellectuals & popular culture in twentieth century America. Chapel Hill, NC: The Univ. of North Carolina Press, S. 7.
52 Röpke schreibt, dass Massenphänomen, wie „Radio, Zeitung, Kino, Massenausflüge, Massensport“ wirken „wie Rauschgifte“ und integrieren in eine neue Gemeinschaft. Es entstehen nach Röpke kulturell wertlose Formen oder im noch schlimmeren Fall, fanatische „Sozialreligionen“, die Zusammenhalt durch „Völkerhaß, Klassenhaß und Rassenhaß“ erzeugen. Röpke, Wilhelm (1958): Jenseits von Angebot und Nachfrage. Erlenbach-Zürich: Rentsch zit. n. Hecken, Thomas (2007): Theorien der Populärkultur. Dreißig Positionen von Schiller bis zu den Cultural Studies. Bielefeld: transcript, S. 182.
53 vgl. Schneider et al. (2009), S. 9.; vgl. auch Hornung, Dieter (2006): Breitenkultur statt Laienkultur.
10
dieser Kultur sind häufig Massenmedien (wie Publikationen, Radio, TV, Computer), alltägliche Gebrauchsgegenstände (wie Autos, Textilien) und sogar der Mensch selbst (z.B. durch Piercings, Tattoos oder Frisuren). Rund um die Popkultur hat sich eine regelrechte Industrie entwickelt, wie Medienunternehmen, Marketing- und Werbefirmen, Konsumkonzerne, Versandhäuser oder Softwareunternehmen. 54
Sie „…bringen einen unablässigen Strom von Produkten hervor, die den Inhalt der Populärkultur ausmachen: Romane, Filme, Nachrichten, digitale Bilder, Anzeigen, Sportarten, Musikgenres, Meinungen, Stars, Umfrageergebnisse, Kleidungsstücke, Ferienziele, Innenstädte, Unterhaltungsparks, Designobjekte usf.“ 55
Populärkultur weist durch ihre internationale Prägung und ständige Veränderung (Mode) keine Beständigkeit auf und ist daher auch so schwer zu fassen (vgl. auch Abbildung 2-1, S. 11).
54 vgl. Hecken (2007), S. 7. 55 ebd.
56 Browne, Ray B., et al. (1988): Symbiosis popular culture and other fields. Bowling Green, Ohio: Bowling Green State Univ. Popular Press, S. Cover.
11
Frühere Versuche der Begriffs- und Merkmalsbestimmung haben einen negativen Grundte-nor. Sie schreiben der Populärkultur Oberflächlichkeit und Künstlichkeit zu und verurteilen bzw. werten sie ab: „Populärkultur als Gegensatz, Abfall oder Widersacher der hohen Kultur, als Inbegriff gefährlichen Schunds oder, im etwas besseren Fall, herabgesunkenen, trivialisierten Kulturguts.“ 57
Erst seit den 1960er Jahren kam es zu einer stetigen Umwertung, da das Künstliche und Oberflächliche für eine ganze Reihe von Feuilletonisten, Akademikern und Rezipienten als positiv empfunden wurde.
Populärkultur wertneutral beschrieben, kann als eine Kultur alltäglicher Handlungen 58 , in der sich in der sich „high and low forms“ 59 miteinander kreuzen und darüber hinaus in eine Vielzahl „of forms, genres, audiences, tones, styles and purposes“ 60 aufgegliedert sind, verstanden werden. Die Populäre Kultur umfasst Werke, die als „cultural artifacts which reach and are recognized by a significant percentage of the population” 61 betrachtet werden können und in fast allen Bereichen des Lebens präsent sein. 62 Nach dieser Definition ist Populärkultur eine durchmischte Kultur, die in alle Lebensbereiche hineinwirkt und von einer großen Zahl von Menschen wahrgenommen wird. Daher ist sie auch eine demokratische Kultur, mit geringen, wenn nicht sogar ohne Zugangsschranken 63 , die für alle verständlich ist. 64 , als klassenübergreifende, herrschende Kultur der „Massendemokratie“ 65 und als „the whole swirl of a nation's various mixes of attitudes and actions“ 66 sowie als »the voice of the people«. 67 Sie ist unterhaltend im Sinne „ästhetischer Zweideutigkeit“, einem beständigen „Sowohl-als-Auch von Ernst und Unernst im Angebot, das das Artefakt macht und die Rezeption realisiert“. 68 Populäre Kultur kann als
57 Hecken (2007), S. 7.; vgl. auch Löwenthal, Leo (1950): Historical Perspectives of Popular Culture; vgl. auch Habermas, Jürgen (1987): Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt a. M: Suhrkamp, S. 574.
58 vgl. Miller, Toby, et al. (1998): Popular culture and everyday life. London: Sage. 59 During, Simon (2005): Cultural studies. A critical introduction. London: Routledge, S. 199. 60 ebd.
61 Lohof, Bruce A. (1973): Popular Culture: The Journal and the State of the Study, S. 458.
62 vgl. Browne, Ray B. (1988): Preface, S. VII.
63 Eigene Anmerkung: Auch Populärkultur hat Zugangsschranken in Form von Geld, aber diese sind im Vergleich zur elitären Kultur geringer, bzw. nicht durch den Staat subventioniert. Würde der Staat beispielsweise nicht die Hochkultur fördern, würde der Sitzplatz in der ersten Reihe eines städtischen Theaters um die 500 € kosten.
64 vgl. Nutz, Walter (1999): Trivialliteratur und Popularkultur. Vom Heftromanleser zum Fernsehzuschauer; eine literatursoziologische Analyse unter Einschluß der Trivialliteratur der DDR. Opladen: Westdt. Verlag, S. 322-324.; Im Rahmen der Arbeit ist allerdings zu prüfen, ob religiöse Inhalte wirklich von allen verstanden werden. 65 vgl. Maase, Kaspar (1997): Grenzenloses Vergnügen. Der Aufstieg der Massenkultur; 1850 - 1970. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag.
66 Browne, Ray B., et al. (1992): Non-Work Time and the Humanities.
67 Browne, Ray B. (1988): Popular Culture as the New Humanities, S. 1.
68 Hügel, Hans-Otto (2003): Handbuch Populäre Kultur. Begriffe Theorien und Diskussionen. Stuttgart, Weimar: Metzler, S. 17.
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„Prozess der kulturellen Regulierung und Veränderung des Alltags, der jederzeit von sozialen Subjekten und Gruppen angestoßen wird, indem sie sich die von der Kulturindustrie vorgegebenen Ressourcen im Horizont ihrer Interessen und Phantasien aneignen.“ 69
Auch ist die populäre Kultur zunehmend Objekt wissenschaftlicher Betrachtungen und wird mit Hilfe empirischer und hermeneutischer Methoden analysiert und interpretiert.
2.3 Zusammenhang zwischen Kultur und Religion
Im Folgenden soll auf den Zusammenhang zwischen Religion und Kultur eingegangen werden. Um darzustellen, dass Religion zum einen Kultur hervorbringt und umgekehrt Kultur auch Religion hervorbringt, soll der Ansatz des deutschen Soziologen und Philosophen Friedrich Tenbruck 70 zur Rate gezogen werden. Es liegt in der Natur des Menschen, Dingen Bedeutung beizumessen. Erschafft der Mensch etwas, tritt er in Interaktion mit anderen Menschen, dann weist er seinem Handeln Bedeutung bei. 71
Indem der Mensch über sich hinaus gehen kann, ist er zu schöpferischen Akten fähig. Aus diesen Kräften des Menschen erwächst Kultur. Auch Kultur umfasst alles, was durch menschliches Handeln hervorgebracht wird und enthält aus diesem Grund Bedeutung. 72 Da der Mensch alles Erklären und ihm Bedeutung beimessen muss, macht er es auch mit Phänomenen des Unerklärlichen. Dies kann zum Beispiel das Warum unseres Daseins, der Sinn des Lebens oder die Frage nach dem Ursprung aller Dinge sein.
Bis heute können beispielsweise die Naturwissenschaften das Geheimnis des Urknalls nicht vollständig lösen. Die Wissenschaftler konnten bisher nachweisen, dass der Ausgangspunkt des Urknalls eine Art von Licht in Form kleinster Teilchen gewesen ist. Daher ist erstaunlich, dass antike Kulturen schon vor mehreren tausend Jahren ähnliches in ihren Heiligen Schriften vermerkt haben. 73 Beispielsweise steht im Buch Genesis im Kapitel 1 „Es werde Licht. Und es wurde Licht.“ 74 Dieses Beispiel soll verdeutlichen, dass der Mensch zur Erklärung des Unerklärlichen Religionen und religiöse Sinnsysteme hervorgebracht hat. „Kulturen [sind] Ideen
69 Göttlich, Udo (2002): Wie repräsentativ kann populäre Kultur sein? Die Bedeutung der Cultural Studies für die Populärkulturanalyse, S. 46.
70 Tenbruck (1990).
71 An dieser Stelle sei auch auf dem symbolischen Interaktionismus nach George Herbert Mead und dessen Weiterentwicklung durch Herbert Blumer verwiesen werden. Der Symbolische Interaktionismus ist eine Handlungs-theorie, die sich mit zwischenmenschlicher Interaktion beschäftigt. Kommunikation bzw. Interaktion erfolgt auf symbolischer Ebene. Sie ist notwendig, um sozialen Objekten, Situationen und Beziehungen Bedeutung beizumessen. (vgl. Goffmann, Erving (2010): Der Hintergrund: Symbolischer Interaktionismus, S. 20.
72 Tenbruck (1990), S. 27.
73 Arick, Katharina, et al. (2011): Als Gott geboren wurde. Die Suche nach der Weltformel. Quarks & Co. WDR 10.05.2011. Regie: Ciril Vider. Abrufbar unter: http://www.wdr.de/tv/quarks
74 Einheitsübersetzung (1998): Die Bibel. Altes und Neues Testament. Freiburg: Herder.
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Arbeit zitieren:
M.A. Karin Aldinger, 2011, Populäre Kultur und Religion, München, GRIN Verlag GmbH
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