Seminar Politische Wissenschaft
500 Jahre Kolonialismus: Kolumbus, Caliban,
Kapitalismus, Globalisierung, Krieg
Verdeckter Rassismus in Südamerika
Argentinien, Brasilien, Chile
WS 2002/2003
Fach: Politische Wissenschaft
vorgelegt an der
Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen
Robert Mihelli
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 4
II. Der Rassismus 5
III. Südamerika 6
3.1. Argentinien - Die Farbe weiß 7
3.2. Brasilien - Der Geruch der Minderwertigkeit 11
3.3. Chile - Das aufgezwungene Eigentum 14
IV. Schlußwort 18
Literatur 21
Anhang 24
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Die Konnotationen der Menschenfeindlichkeit 6
Abbildung 2: Die Aufsplittung der argentinischen Population 8
Abbildung 3: Die Aufsplittung der brasilianischen Population 11
Abbildung 4: Die Aufsplittung der chilenischen Population 15
“Soziale Ungleichheit und rassistische Diskriminierung
gehören seit der Kolonialzeit zur
Harmonie des Kosmos.”
Eduardo Galeano, Die Füße nach oben, 2001.
I. Einleitung
Mit dem Anfang der Kolonisierung des südamerikanischen Kontinents Ende des fünfzehnten Jahrhunderts1 fing die Ära der intensiven, theoretischen Selektion der Bevölkerung an2; aus einer Idee der Abgrenzung oder Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen entstand eine komplexe und vielschichtige soziale Erscheinung, die sich über Jahrhunderte als Ideologie3 der Existenz einer überlegenen »Rasse« äußerte4, die bis heute geographisch entgrenzt und durch die Geschichte der Menschheit weit verbreitet wurde sowie zahlreiche Opfer forderte. Da sich mit dem Thema auch namhafte Wissenschaftler ernsthaft beschäftigt haben5, verführten deren irreführenden Aussagen die breite Masse, die Gründe für ihr Unheil suchten, zu der Rechtfertigung einen Einzelnen oder einen gesamten Personenkreis für das eigene Leid zu beschuldigen6. Auf der Grundlage vermeintlicher Rückführbarkeit auf gesicherte, naturwissenschaftliche Erkenntnisse und ihrer Beweisbarkeit verursachte dies intolerantes bis hin zu aggressivem Verhalten gegenüber "minderwertigen" Ethnien oder Hautfarben7. Deruruguayische Autor Galeano8 beschrieb Südamerika als einen “Kontinent mit offenen Blutadern” und die heutige »Rassenfrage« als zusätzliches realistisches, blutiges Erbe der conquista der europäischen Expansionspolitik9.
Kein anderes zusammenhängendes Gebiet erlebt eine vielfältigere Mischung von Ethnien und Hautfarben, aber trotzdem erkennt man auch hier die weltweit verbreitete und auf verschiedenste Merkmale des menschlichen Daseins ausgerichtete Sündenbockideologie. Doch scheinbar erfährt in Lateinamerika der Rassismus eine fast unisono artikulierte Negation, da sich die Bevölkerung als Einheit aus verschiedenen »Rassen« und Kolorite begreift10. Nur die Wirklichkeit des von Christopher Kolumbus 1492 "entdeckten" Kontinents ist weit von dem entfernt und wird in verschiedenen Ländern in diversen Formen beobachtet11. Darum beziehe ich mich nach der begrifflichen Erklärung des Rassismus in dieser Arbeit auf Argentinien, Brasilien und Chile und ergreife punktuell die Grundströmungen der rassistischen Überlegungen dieser Länder, um die mannigfalten Modalitäten des versteckten Rassismus in Lateinamerika zu beschreiben.
II. Der Rassismus
Für den Begriff »Rassismus« gibt es gegenwärtig keine eindeutige Erklärung; dieser Terminus umfasst mehrere definitorische Denkrichtungen verschiedenster Autoren12 und beschreibt im wesentlichen die Ausübung der Macht bestimmter Personen gegenüber anderen Individuen oder Gruppen aufgrund realer oder projizierter Unterschiede zur Rechtfertigung und Durchsetzung von Herrschaft und Begünstigungen. Eine bekannte jedoch nicht vollständige Begriffsbestimmung ist die Definition von Memmi13:
“Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Vorteil des Anklägers und zum Nachteil seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen14.”
Die häufigsten Determinanten dieser Ausgrenzungspolitik basieren auf der Hautfarbe, den körperlichen Merkmalen sowie auf der religiösen Zugehörigkeit15. Auffallend ist, dass Rassismus in fast allen Kulturen und auf allen Kontinenten gegenwärtig16 ist, und, wie in der Abbildung 1 erkennbar, sich fließend mit vielen Begriffen der Menschenfeindlichkeit austauscht und überschneidet.
[....]
1 Vgl. Galeano, Eduardo: Geburten. Erinnerung an das Feuer (1), Wuppertal, Hammer, 1998, S. 63 ff.
2 Vgl. Poliakov, Léon/ Delacampagne, Chistian/ Girard, Patrick: Über den Rassismus, Stuttgart, 1979, S. 59; oder vgl. Kappler, Manfred: Rassismus, Frankfurt am Main, 1994, S. 8 ff.
3 Mit dem Terminus Ideologie wird die Gesamtheit von Wertungen und Grundeinstellungen einer Gesellschaftsgruppe oder Bewegung dargestellt und ein absolutistisches Denksystem beschrieben. Oftmals stellt Ideologie auch einen Gegensatz zur Wahrheit dar und durch unterschiedliche Interessen oder Beeinflussung entsteht ein getrübtes, lebensfremdes Bild der Realität. Vgl. Heckmann, Friedrich: Ethnische Minderheiten, Volk und Nation, Stuttgart, 1992, S. 138 ff; oder vgl. Geiss, Imanuel: Geschichte des Rassimus, Frankfurt am Main, 1988, S. 15.
4 Der Begriff »Rasse« wird von mir im Folgenden in Anführungszeichen verwendet, weil bisher der analytische Gehalt noch nicht geklärt ist und die politischen Verflechtungen problematisch sind.
5 Vgl. Geiss, Imanuel: a.a.O., S. 68.
6 Vgl. Geiss, Imanuel: a.a.O., S. 107 ff.
7 Rassistisches Verhalten wurde sogar institutionalisiert. Beispiele für institutionalisierten Rassismus sind der Holocaust sowie das System der Apartheid. Vgl. Mosse, George L.: Rassismus, Königstein, 1978; oder vgl. Hagemann, Albrecht: Kleine Geschichte Südafrikas, München, 2001.
8 Vgl. Galeano, Eduardo: Die offenen Adern Lateinamerikas, Wuppertal, 1979.
9 Vgl. Galeano, Eduardo: a.a.O., S. 54 ff.
10 Vgl. Burdick, John: Der Mythos der Rassendemokratie; in: Dirmoser, Dietmar (Hrsg.): Die Wilden und die Barbarei. Lateinamerika - Analysen und Berichte, Band 16, München, Hamburg, 1992, S. 113 ff.
11 Vgl. Dirmoser, Dietmar (Hrsg.): Die Wilden und die Barbarei. Lateinamerika - Analysen und Berichte, Band 16, München, Hamburg, 1992.
12 Vgl. Jäggi, Christian J.: Rassismus, Zürich, Köln, 1992, S. 15.
13 In seinem Buch Rassismus springt Memmi mehrfach zwischen einer "engen" und "weiten" Definition, um sich schließlich für die engere zu entscheiden. Seine Argumentation ist, dass er am Biologischen (im Original: “tatsächlicher oder fiktiver biologischer Unterschiede”, S. 151) nicht das Wesentliche am Rassismus sieht. Diese allgemeine Definition, die in der Encyclopedia Universalis aufgenommen wurde, kompletiert er mit der Aussage, dass der Begriff “ausschließlich für den Rassismus im biologischen Wortsinn zu gebrauchen” sei (S. 121) und für alle übrigen Legitimationsideologien für Herrschaftsausübung und Ausgrenzung den Begriff “Heterophobie” zu verwenden ist. Vgl. Memmi, Albert: a.a.O..
14 Memmi, Albert: a.a.O., S. 103.
15 Vgl. Geiss, Imanuel: a.a.O., S. 20 ff.
16 Vgl. Jäggi, Christian J.: a.a.O., S. 131 ff.
Quote paper:
Robert Mihelli, 2003, Verdeckter Rassismus in Südamerika, Munich, GRIN Publishing GmbH
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DOI
Die Rolle des Interviewers in narrativen Interviews
Sociology - Methodology and Methods
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