Abstract
This assignment deals with the gesture fist, which is supposed to be a recurrent gesture as it appears very often in specific contexts in our everyday conversations. For the analysis many videos where the gesture occurs were watched and analysed after the standards defined in the project “Towards a grammar of gesture” 1 . The videos were taken from TV-shows and political debates. It has been audited how the gesture changes in different contexts. Therefore the fist was analysed in three different contexts: description, appeal and expression. All these examples are visualized through pictures taken from the recordings.
The analysis is based on a theoretical background of historical classifications of gestures by Adam Kendon, David McNeill and Cornelia Müller and is modelled on foreign works on that topic by Müller and Silva Ladewig.
1 Einleitung
Wenn Menschen im Alltag miteinander kommunizieren, geschieht dies nicht nur durch Sprache, sondern auch mit dem Körper. Besonders auffällig sind hierbei die Bewegungen der Hände und Arme, welche als Gesten bezeichnet werden.
Als Kommunikationsmittel sind diese auch für die Sprachwissenschaft interessant, die sich seit einigen Jahren genauer mit dem Thema beschäftigt. Wichtige Punkte bei der Untersuchung von Gesten bilden hierbei die genaue Verbindung zur zeitgleich oder -nahe einhergehenden sprachlichen Äußerung, die Rolle von Gesten bei der Interaktion und Kommunikation und die Frage nach dem Ursprung der Sprache (vgl. Kendon 2004: 2ff.). In der Linguistik werden verschiedene Typen von gestischer Bedeutungskonstitution unterschieden (vgl. Müller 2010a: 39). Mit einem bestimmten Typ, nämlich dem der rekurrenten Gesten, möchte ich mich in meiner Arbeit genauer beschäftigen. Rekurrente Gesten weisen zwar eine stabile Form- und Bedeutungsbeziehung auf, haben aber nicht, wie zum Beispiel emblematische Gesten, Wortstatus (vgl. Ladewig 2010: 89). In meiner Arbeit habe ich die Faust als ein Beispiel für rekurrente Gesten gewählt. Ihre Rekurrenz beruht allerdings nur auf Vermutungen. Um sicher sagen zu können, ob die Faust tatsächlich eine rekurrente Geste ist, müsste viel mehr Datenmaterial gesichtet und ausgewertet werden, als es in dieser Arbeit getan werden kann. Meine Vermutungen beruhen auf Beobachtungen, die im
1 To know more about the project see: http://www.togog.org/index.html.
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Alltag gemacht wurden, wo uns die Geste in vielen verschiedenen Situationen begegnet. Doch was macht die Faust aus? Welche Funktionen kann sie erfüllen? In welchen Kontexten erscheint sie? Wie verändert sie sich? All dies möchte ich in meiner Arbeit empirisch untersuchen. Hierzu werde ich Videosequenzen auf die Geste, ihre Form und ihre Beziehung zur sprachlichen Äußerung hin untersuchen.
Zunächst werde ich einen kurzen Überblick über die Gestenforschung in der Linguistik geben. Dieser soll helfen zu verstehen, was der Begriff „Geste“ beinhaltet und welche Theorien und Methoden die Sprachwissenschaft entwickelt hat, um die Rolle der Gesten in Bezug auf Sprache und Kommunikation näher zu erforschen. Nach einer genaueren Beschreibung der Faust werde ich mein Vorgehen bei ihrer Analyse darstellen und meine Ergebnisse präsentieren. Hierbei orientiere ich mich an Cornelia Müllers Analyse zur Palm-up-open-hand (PUOH) und Palm-away-open-hand (PAOH) 2 , sowie an Silva Ladewigs Analyse zur cyclic gesture aus dem Jahre 2010, bei denen die rekurrenten Gesten in verschiedenen Kontexten untersucht wurden. Außerdem werde ich überprüfen, ob das von Karl Bühler entwickelte Organonmodell auch auf Gesten übertragbar ist. In meinem Fazit werde ich meine Befunde noch einmal zusammenfassen und einen Ausblick geben, in welche Richtungen zukünftige Untersuchungen der Faust gehen könnten.
2 Gesten in der Linguistik
2.1 Die Geschichte der Gestenforschung
Das Interesse an Gesten hat eine lange Tradition in der westlichen Kultur (vgl. Kendon 2004: 2). Schon bei Griechen und Römern wurde der gestische Ausdruck als ein wichtiges Mittel der Rhetorik und somit als Weg zur Macht angesehen. So wurden bestimmte Gesten regelrecht „geübt“, um mit ihrer Hilfe das Gesagte zu verstärken und somit die Zuhörer zu beeinflussen (vgl. Kendon 2004: 17).
Seit dem 18. Jahrhundert beschäftigen sich auch die Sprachwissenschaften genauer mit dem Thema. Zu dieser Zeit waren viele Forscher der Meinung, dass Gesten als Grundlage für unsere heutige Sprache dienten, eine Theorie, die bis jetzt noch nicht bewiesen werden konnte (vgl. Kendon 2004: 4). Anfang des 20. Jahrhunderts verlor diese Frage durch das Aufkommen
2 Hierzu der Text von Cornelia Müller „Wie Gesten bedeuten“ (2010a), S. 54ff.
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neuer Untersuchungsgebiete innerhalb der Gestenforschung jedoch ihre Sonderstellung (vgl. Kendon 2004: 63f.).
Durch die Einführung des Videogeräts eröffneten sich vollkommen neue Möglichkeiten und somit auch neue Fragestellungen. Mit diesem technischen Fortschritt gelang der Gestenforschung der große Durchbruch. Nun konnten neben den verbalen Äußerungen auch die sie begleitenden Körperbewegungen und Gesichtsausdrücke detailliert untersucht und beschrieben werden, was eine Voraussetzung für das wissenschaftliche Arbeiten ist. Neben der Frage nach dem Ursprung der Sprache gibt es heute also weitere Aspekte, die die intensive Auseinandersetzung der Wissenschaft mit Gesten fördern. So interessiert sich die Forschung immer mehr für die Untersuchung der gegenseitigen Beziehung von Sprache und Geste. Dadurch, dass die beiden Aktivitäten häufig gleichzeitig auftreten, besteht die Annahme, dass beide stark zusammenhängen und möglicherweise durch einen gemeinsamen Prozess geleitet werden, bzw. auf das selbe Ziel ausgerichtet sind (vgl. Kendon 2004: 2).
Ein weiterer Grund für das Interesse an der Gestenforschung ist die Erkenntnis, dass sichtbare Körperbewegungen, also auch Gesten, eine große Rolle beim Prozess der Interaktion und Kommunikation spielen. Im Wechsel mit Sprache, aber auch in Vereinigung mir ihr drücken sie Gedanken, Gefühle oder auch Intentionen des Sprechers aus (vgl. Ladewig 2010: 89). Es kann passieren, dass eine Äußerung für einen Zuhörer ohne die gestische Komponente nicht verständlich ist (vgl. Kendon 2004: 3).
Auch die intensivere Beschäftigung der Linguistik mit Zeichensprache führte zu neuen Themen in der Gestenforschung (vgl. Kendon 2004: 4). Eine klare Abgrenzung der beiden Gebiete wurde vorgenommen. Dabei wurde auch der Begriff der „Geste“ genauer definiert. Diesen möchte ich im folgenden Kapitel genauer darstellen.
2.2 Der Begriff „Geste“ in der Linguistik
Als Gesten werden die Bewegungen des Körpers bezeichnet, die ein Sprecher macht, um Informationen zu geben. Sie haben einen klaren Anfangs- und Endpunkt und stehen bis zu einem gewissen Maße unter der Kontrolle des Sprechers (vgl. Kendon 2004: 15). Ausgeschlossen werden dadurch Bewegungen, die ein praktisches Ziel verfolgen (also zum Beispiel Gegenstände platzieren) oder Bewegungen, die ein Sprecher nicht steuern kann (wie zum Beispiel husten).
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Als ein Mittel zur Kommunikation, sind Gesten von einem Sender an einen Empfänger gerichtet. Sie werden spontan von Sprechern in verschiedenen Situationen kreiert und variieren daher häufig. Auch wenn sie einigen Prinzipien folgen, gibt es kein festes Repertoire, aus dem ein Sender immer wieder wählt: „The important thing about gestures is that they are not fixed“ (McNeill 1992: 1).
Gesten stellen die verbildlichte Komponente zur Sprache dar (vgl. McNeill 1992: 1). Sie entstehen daher aus den persönlichen Vorstellungen des Senders, können also, wie McNeill es nennt, als „window into the mind“ (McNeill 1992: 11) gesehen werden. Dies zeigt sich vor allem in der „gestischen Mimesis“ (Müller 2010b), ein Prozess, den Müller als „kreative Abstraktion“ (Müller 2010b: 181) bezeichnet, bei dem der Sender die vorgestellten Gegenstände oder Handlungen auf ihre für ihn bedeutungstragenden Elemente hin erfasst und gestisch darstellt.
Genau wie Sprache haben Gesten viele unterschiedliche Funktionen. Sie können Gefühle und Stimmungen ausdrücken, auf Dinge in der Welt verweisen, Gegenstände genauer beschreiben und als Appell an den Gesprächspartner gelten. Außerdem sind sie maßgeblich an der Konstitution sozialer Rollen beteiligt, was sie zu „wesentliche[n, MA] Bestandteile[n, MA] menschlichen Sozialverhaltens“ (Müller 1998: 13) macht. Welche Funktion eine bestimmte Geste genau übernimmt, erschließt sich aus dem Kontext, in welchem sie verwendet wird. Adam Kendon bezeichnet Gesten als „partner with speech“ (Kendon 2004: 111). Er sieht Sprache und Gestik als zwei verschiedene Arten von „expressive resource“ (Kendon 2004: 111), die einem Sender verfügbar sind und die ein gemeinsames Produkt bilden, welches Kendon als „utterance“, also kommunikative Äußerung bezeichnet. Kommunikation besteht demnach sowohl aus Sprache, als auch aus Gestik. Dies impliziert ebenfalls, dass Gestik die Sprache nicht nur begleiten, sondern sie auch unterstützen oder sogar ersetzen kann. Besonders deutlich wird dies, wenn Gesten zum Beispiel bei Wort- und Konzeptsuchen unterstützen, wie es die cyclic gesture macht (vgl. Ladewig 2010: 100), oder wenn die Sprache sogar direkt auf sie hinweist, beispielsweise mit dem Wort „so“. Wenn ein Sprecher „so groß“ sagt, benötigt der Empfänger die gestische Komponente, um die kommunikative Aussage zu verstehen, der Sender lenkt die Aufmerksamkeit des Adressaten also gezielt auf seine Gesten.
Damit ein Empfänger eine Geste als solche erkennt, muss sie, wie oben schon erwähnt, einen klaren Anfangs- und Endpunkt besitzen (vgl. Kendon 2004: 15). Meist wird sie allerdings erst wahrgenommen, wenn sie ihren Höhepunkt (stroke) erreicht hat. An dieser Stelle sind die Form und die Dynamik der Geste am deutlichsten ausgeprägt. In dieser Phase liegt auch die
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Bedeutung der Geste. Meist wird der stroke parallel zu dem bedeutungstragenden Element der sprachlichen Äußerung vollzogen. Manchmal kann er aber auch von einem Pre- oder Poststroke hold begleitet werden, nämlich dann, wenn die Bedeutung der sprachlichen Komponente nicht parallel geäußert werden kann. Die Bewegung der Geste wird dabei für einen Moment „eingefroren“. Die möglichen holds bilden zusammen mit dem stroke den nucleus der Geste, also den bedeutungstragenden Kern.
Bevor die Hand allerdings einen stroke vollführen kann, muss sie sich erst aus ihrer Ruheposition in die Position bewegen, in der der stroke beginnt. Diese Phase, die sich preparation nennt, beweist, dass Gesten und Sprache tatsächlich füreinander bestimmt sind, und Gesten nicht nur die Sprache „nachahmen“. Die Hand bewegt sich schon in die Position, in der sich ihre Bedeutung zeitgleich mit der sprachlichen Äußerung zeigt, das heißt, dass die Geste schon auf die kommunikative Äußerung vorbereitet ist, bevor sich diese auch sprachlich entfaltet. Preparation und stroke bilden zusammen eine gesture phrase. Nachdem diese beendet ist, kann die Hand entweder zu einer neuen phrase ansetzen oder sich zurück in die Ruheposition begeben. Diese Phase nennt man dann retraction.
Notwendig für eine Geste ist allerdings nur die Phase des strokes. Alle anderen Phasen sind optional und finden sich nicht zwingend in jeder Geste (vgl. McNeill 1992: 83).
2.3 Zusammenfassung
Es wurde gezeigt, dass Gesten in ihrer Gliederung zeitlich genauestens mit der sprachlichen Äußerung abgestimmt sind. Dies deutet darauf hin, dass Sprache und Gestik in einem gemeinsamen Prozess entstehen, mit dem Ziel der kommunikativen Äußerung. Sie sind regelrecht füreinander geplant. Dass der Höhepunkt der Geste mit dem bedeutungstragenden Element der sprachlichen Äußerung einhergeht, ist also etwas, was ein Sprecher „erreicht“ (vgl. Kendon 2004: 127). So kann sich in einer Geste zum Beispiel auch die Intention eines Sprechers zeigen, indem bestimmte Sachverhalte gestisch besonders hervorgehoben werden (vgl. Kendon 2004: 7). Aus diesem Grund wird das zeitliche Verhältnis von Sprache und Geste einen wichtigen Punkt meiner Argumentation im Analyseteil bilden. In meinem nächsten Kapitel möchte ich genauer auf die verschiedenen Klassen und Typen von Gesten eingehen. Diese Unterscheidungen werde ich auch in meiner Analyse vornehmen, um die Geste mit verschiedenen Funktionen in unterschiedlichen Kontexten darstellen zu können.
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3 Verschiedene Typen von Gesten und gestischer Bedeutungskonstitution
3.1 Funktionale Klassifikation von Gesten nach Müller (1998)
In der Linguistik wurden verschiedene Modelle der Klassifizierung von Gesten entwickelt. Da ich mich in meiner Arbeit zunächst nur mit der Faust als redebezogene Geste beschäftigen werde, möchte ich in diesem Kapitel einen kurzen Überblick über das von Cornelia Müller entwickelte Modell geben, welches sich auf die Klassifikation dieser Sorte von Gesten spezialisiert. Redebezogene Gesten gehen meist zeitgleich oder -nahe einher mit bedeutsamen Wörtern in der sprachlichen Äußerung (vgl. Kendon 2004: 119).
Müllers Klassifikation von Gesten beruht auf deren unterschiedlichen Mitteilungsfunktionen. So unterscheidet sie zwischen drei Typen von Gesten: referentielle, performative und diskursive Gesten (vgl. Müller 1998: 110).
Referentielle Gesten werden spontan vom Sprecher kreiert und beziehen sich entweder auf einen konkreten oder abstrakten Sachverhalt (vgl. Müller 1998: 111). Konkreta bezeichnende Gesten können Gegenstände, Eigenschaften, Verhalten, Handlungen, Ereignisse oder relative Ortsangaben darstellen. So können sie zum Beispiel auf der einen Seite einen konkreten Gegenstand wie einen Bilderrahmen bezeichnen, auf der anderen Seite aber auch die konkrete Basis metaphorischer Begriffe, wie einen Theorierahmen, darstellen. Beide Gesten können in diesem Fall die gleiche Form haben, die metaphorische Qualität der Geste ist nur durch die sprachliche Metapher erkennbar (vgl. Müller 1998: 110f.).
Performative Gesten stellen Sprechhandlungen dar und vollziehen sie gestisch. Sie sind meist so sehr mit der Sprache verbunden, dass sie ohne sie keinen Sinn machen würden. Beispiele für performative Gesten wären Abwägen, Abwehren oder, wie im Analyseteil genauer beschrieben, der Faustschlag in die Luft (vgl. Müller 1998: 111).
Als letzten Typ beschreibt sie die diskursiven Gesten. Diese strukturieren und gliedern die verbale Äußerung. Sie können bestimmte Elemente der sprachlichen Äußerung hervorheben, zum Beispiel durch Taktstockgesten. Außerdem können sie durch die Wiederaufnahme einer beliebigen Geste Verbindungen herstellen oder auch mit beispielsweise Zählgesten die Äußerung gliedern (vgl. Müller 1998: 111).
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Arbeit zitieren:
Melissa Arnecke, 2011, Die "Faust" - Untersuchung einer rekurrenten Geste, München, GRIN Verlag GmbH
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