Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einleitung 3
2. Überblick und Begriffsdefinition 4
3. Westliche Organisationen 6
3.1 Deutsche Gesellschaft für Sozialbeziehungen 7
3.2 Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und
Kriegsgesch ädigte 8
3.3 Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde 9
3.4 Bundesarbeitsgemeinschaft Jugendaufbauwerk 11
4. Organisationen der DDR 12
5. Einzelschicksale 13
6. Berufliche und soziale Integration 15
7. Fazit 17
Anhang 1: Flüchtlingsstatistik 18
Anhang 2: Notaufnahmegesetz 19
Anhang 3: Interview 20
Abk ürzungen 20
Quellen - und Literaturverzeichnis 21
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1. Einleitung
Mehrere zehntausend Menschen verließen noch nach dem Bau der Mauer, mit der die Grenze zwischen der DDR und der BRD noch undurchlässiger gemacht werden sollte, die DDR, um in der BRD zu leben. Für viele war dieser Schritt, die „Abstimmung mit den Füßen“, mit Hoffnungen und Erwartungen verbunden. Für die DDR bedeuteten diese Menschen einen Verlust, der vor allem in den letzten beiden Jahren einer der Gründe ihres „friedlichen Endes“ war. Wie sind diese Menschen im „Westen“ aufgenommen und integriert worden? „Für die westdeutschen Bürger, die im allgemeinen völlig uninteressiert sind, und die bestimmt auch durch ihr Buch nicht aufgeweckter werden - davon bin ich überzeugt - für die hat das doch wenig 1 Dieses Zitat mag stellvertretend für die Meinung einiger Ostdeutscher über die Sinn.“
Westdeutschen stehen. Mit ostdeutsch soll in dieser Arbeit das Gebiet der ehemaligen DDR gemeint sein, wie westdeutsch für das Gebiet der BRD vor 1990 steht. Im zweiten Kapitel wird zur Vermeidung von Missverständnissen auch der Begriff Integration für diese Hausarbeit definiert.
Als zeitlichen Rahmen habe ich mir als Startpunkt das Jahr 1961 ausgewählt. Der Bau der Mauer in diesem Jahr spielt in der Geschichte der Abwanderung aus der DDR eine herausragende Rolle. Mit dem Bau wurde die Zahl der Flüchtlinge erheblich reduziert. Der Hauptgrund für dieses Jahr als Beginn der Arbeit ist aber der, dass vorher die Organisation und der Ablauf der Zuwanderung oft unübersichtlich, wenn nicht sogar chaotisch verliefen. Der zweite Zeitpunkt, das Jahr 1990, markiert das Ende der DDR. Das bedeutet nicht, dass seitdem niemand mehr von Ost- nach Westdeutschland gezogen ist. Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich jedoch darnach so grundlegend mit der vorherigen Zeit, dass ein Vergleich kaum noch in diesem Rahmen möglich ist.
Als schwierig erwies es sich, geeignete Literatur zum Thema zu finden. Eines der brauchbarsten Werke ist das von Volker Ronge. 2 Nur selten hat sich bisher in der Geschichtswissenschaft jemand mit diesem neueren Thema und der Frage nach dem Erfolg der Integration nach 1961 beschäftigt. Von daher wird in dieser Arbeit möglicherweise nicht auf alle Fragen befriedigend eingegangen werden. Die vorhandene Literatur konzentriert sich auf das Vertriebenenproblem in ganz Osteuropa und die Zeit vor 1961. Hinzu kommt, dass die scheinbar eindeutigen Themenbereiche Zuwanderung, Auswanderer und Flüchtlinge oft pauschal zusammen und nicht getrennt behandelt werden. Die meisten Arbeiten, Werke und
1 Ahrends, Martin: Mein Leben, Teil zwei. Köln, 1989. S.9
2 Ronge, Volker: Von drüben nach hüben. DDR - Bürger im Westen. Wuppertal, 1985.
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Aufsätze zum Thema sind auch aus westdeutscher Sicht geschrieben worden. Eine besondere Bedeutung bekommen daher die individuellen Erinnerungen an die Anfängen im Westen, da hier auch einmal die andere Seite, die eigentlich Betroffenen, „ins Bild“ rücken. Aus empirischen Gründen wäre hier sicherlich eine ausführlichere Behandlung sinnvoll gewesen, was jedoch aus Zeitgründen nicht machbar ist.
2. Überblick und Begriffsdefinition
Zunächst einmal kann man sich überlegen, was der Begriff Integration eigentlich genau meint. 1899 wurde der Begriff mit „Vereinigung der materiellen und geistigen Elemente“ erläutert und auf den Zusammenhang zu Entwicklung, Auflösung und Auseinandergehen hingewiesen. 3 Versteht man unter Integration Zusammenschluss oder Verschmelzung einer zugewanderten in die vorherrschende Volksgruppe, dann muss man nur die Grenzen definieren, ab wann dieses Stadium erreicht ist. Soll sich jemand, der sein Heimatland aus politischen Gründen verlassen musste, überhaupt integrieren oder reicht es aus, wenn er sich anpasst und assimiliert? Es stellt sich die Frage, was das Aufnahmeland vom Zuwanderer wünscht und es drängt sich der Verdacht auf, dass sich beide Seiten mit einer Assimilation zufrieden geben und dabei übersehen, dass eine moralische Kluft damit womöglich nur überdeckt wird. Wie schnell so eine Kluft dann aufreißen kann, zeigt sich gerade in den Niederlanden. Sicherlich mag man jetzt entgegen ist der Abstand zwischen Ost- und Westdeutschen längst nicht so gravierend, aber das wirtschaftliche und soziale Gefälle ist nicht zu übersehen. Die Kölnische Rundschau schreibt dazu, dass sich „diese zwei 4 Für Bassam Tibi bedeutet Assimilation Gesellschaften nicht so ohne weiteres integrieren lassen“.
„Selbstaufgabe und totale Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft“; Integration dagegen beschränke sich auf die „staatsbürgerliche Zugehörigkeit“. 5 Zusammenfassend soll Integration die soziale Eingliederung eines Menschen in eine ihm fremde Gesellschaft bezeichnen. Eine Aspekterweiterung kommt aus der Soziologie: „Den Normalfall der Eingliederung eines Menschen in (s)eine soziale Umgebung und Gesellschaft bezeichnen Soziologen mit dem Begriff der „Sozialisation“. Darunter wird das Erlernen der in der jeweiligen Gesellschaft und Sozialeinheit üblichen Verhaltensnormen und -weisen verstanden, in 6 deren Kontext sich der einzelne dann „individuiert“.“
3 Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe und Ausdrücke. Berlin, 1899.
4 Kommentar in der Kölnischen Rundschau am 25.08.2004
5 Tibi, Bassam in: Mittendrin -statt nur dabei. Interview in der Frankfurter Rundschau, 24.11.2004. S.25
6 Ronge, Volker: Von drüben nach hüben... S. 51
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In meiner Arbeit bezeichne ich die Bewohner, die aus der DDR in die BRD aus- oder abwanderten, als Zuwanderer und nicht als illegale Grenzgänger, Übersiedler oder Flüchtlinge, da mir der Begriff als am verständlichsten erscheint und die anderen Begriffe am ehesten vereinen kann. Wenn nicht anders erwähnt sind Aussiedler dann Osteuropäer mit deutschen Vorfahren.
Die Aufnahme von Ostdeutschen (und anderen) ist im Grundgesetz festgeschrieben worden. In Artikel 116 Absatz 1 heißt es dort: „Deutscher im Sinne dieses Grundgesetzes ist vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem 7 Gebiet des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31. Dezember 1937 Aufnahme gefunden hat." Des Weiteren wurde 1950 das Notaufnahmegesetz verabschiedet, dass Einzelheiten regelte (siehe auch Kapitel 3 und Anhang 2).
Insgesamt kamen gut 3,8 Millionen Menschen zwischen 1949 und 1990 aus der DDR in die BRD. Über die genaue Zahl gibt es unterschiedliche Ansichten. Nach den Zahlen von Münz und Seifert kann für die Zeit von 1961 bis 1988 von etwa 600.000 Zuwanderern ausgegangen werden, von denen 34.000 freigekauft worden seien und bei etwa 215.000 sei über die Ausreise individuell verhandelt worden. 8 1989 sind nach dieser Quelle 390.000 und ein Jahr später 395.000 Personen ausgewandert, so dass es zwischen 1961 und 1990 ca. 1,3 Millionen Zuwanderer gab. Im gleichen Zeitraum passierten etwas mehr als 300.000 Zuwanderer das Notaufnahmelager in Berlin (siehe auch Kapitel 3.3). Da es sich hierbei um das Hauptaufnahmelager handelte, erscheint mir die Gesamtzahl von 1,3 Millionen etwas zu hoch. Zu den Zahlen merkt auch Heidemeyer kritisch an, dass die Erhebungen teilweise auf freiwilligen Angaben beruhten, zum Teil aber auch, wie in Berlin, normale Wanderungsbewegungen in die Statistiken einflossen oder einfach die Zahl der Aufnahmeanträge gezählt wurden. 9 Vor 1961 waren mehr als die Hälfte der Zuwanderer Jugendliche, also unter 25jährige, und zudem meist männlich. 10 Am 1. Januar 1979 existierten in Bayern 22 Übergangswohnheime und ein Lager, in denen neben Aussiedlern ganze 49 Zuwanderer untergebracht waren. 11
7 Verfassung für das Land Nordrhein-Westfalen. Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Hrsg.
Ministerium für Schule und Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen.
Düsseldorf, 1999.
8 Münz, Rainer; Seifert, Wolfgang und Ulrich, Ralf: Zuwanderung nach Deutschland. Strukturen, Wirkungen,
Perspektiven. Frankfurt/ New York, 1997. S. 31
9 vgl. Heidemeyer, Helge: Flucht und Zuwanderung aus der SBZ/DDR 1945/1949-1961. Die Flüchtlingspolitik
der BRD bis zum Bau der Berliner Mauer. Düsseldorf, 1994. S.39
10 Kraushaar, Wolfgang: Die Abhauer. Zur Rolle von DDR-Flüchtlingen in der 68er-Bewegung. In:
Timmermann, Heiner (Hg.): Die DDR in Deutschland. Berlin, 2001. S. 749
11 Kornrumpf, Martin: In Bayern angekommen. Die Eingliederung der Vertriebenen. Zahlen-Daten-Namen.
München, 1979. S. 268
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3. Westliche Organisationen
Ihre ersten Erfahrungen mit westdeutschen Organisationen konnten Flüchtlinge aus der DDR meist bereits gleich bei der Anreise besonders im Aufnahmelager machen. Den Rahmen für die Integration der Zuwanderer gab dabei die Politik vor. Gerade im Bereich der Aufnahme nach der Ankunft in der BRD zeigt sich, dass die Integrationspolitik durchaus mit der Ausländerpolitik verknüpft war, wie es auch Rita Süssmuth gefordert hat. 12 Grundlage für die Aufnahme der Zuwanderer war das Notaufnahmegesetz vom 22.August 1950, dass die allgemeine Zuwanderung einschränken, die aus der DDR jedoch nicht verhindern sollte 13 14 (Vertragstext siehe Anhang 2 am Ende der Arbeit). Auch wollte man die BRD vor zu großen finanziellen Belastungen schützen. Politiker appellieren an die Ostdeutschen, nur im Notfall zu kommen. 15 Im Notaufnahmegesetz wurden den Zuwanderern in §1 Absatz 2 die Freizügigkeit - ein Grundrecht - versagt bzw. eingeschränkt, wenn man wegen Gefahr für das eigene Leben geflohen war. 16 In einem mehrstufigen Aufnahmeverfahren entschieden Aufnahmeausschüsse unter Aufsicht des Ministeriums, ob Gründe für die Aufnahme vorlagen oder nicht. 17 Ein erster Schlüssel für die Verteilung der Zuwanderer auf die Bundesländer war 1949 in den sogenannten Uelzener Beschlüssen festgehalten worden. 18 Der Verteilungsschlüssel wurde bis 1961 mehrmals geändert. 19 Leistungen für die Zuwanderer wurden mit dem Bundesvertriebenengesetz von 1953 geregelt, mit dem auch die bisherigen Länderregelungen vereinheitlicht werden sollten. 20 Mit dem Gesetz sollte der Verlust der Existenz kompensiert werden, um die Startchancen zu verbessern. 21 Außerdem wurden die Zuwanderer in den Sozialversicherungsgesetzen berücksichtigt, wenngleich auch nicht jeder davon profitierte. 22 Des Weiteren wurden auch
12 Jugend, Beruf, Gesellschaft. Berichte und Informationen der Bundesarbeitsgemeinschaft Jugendaufbauwerk
(Hg.). Bonn, 1987. S. 28
13 Oltmer 2003, S. 39
14 Zur Entstehung des Notaufnahmegesetzes vgl. Heidemeyer, Helge: Flucht und Zuwanderung aus der
SBZ/DDR 1945/1949-1961. Die Flüchtlingspolitik der BRD ... S. 94-133; 160-167; 190-192
15 Fluchtziel Berlin. Die Geschichte des Notaufnahmelagers Berlin-Marienfelde. Hrsg. Erinnerungsstätte
Notaufnahmelager Marienfelde e.V. Berlin, 2000. S. 7
16 s. auch Heidemeyer, Helge: Das Notaufnahmeverfahren für die Zuwanderer aus der SBZ/DDR 1945/49-1961.
In: Oltmer, Jochen: Migration steuern und verwalten. Deutschland vom späten 19. Jahrhundert bis zur
Gegenwart. Reihe Schriften des Instituts für Migrationsforschung und interkulturelle Studien (IMIS) der
Universität Osnabrück. Göttingen, 2003. S. 323
17 Oltmer 2003, S. 39
18 Heidemeyer, Helge: Das Notaufnahmeverfahren für die Zuwanderer aus ... S. 327
19 ebd. S. 335
20 vgl. ebd. S.203f.
21 ebd. S.204
22 vgl. ebd. S.232f.
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Arbeit zitieren:
Nils Kickert, 2004, Die Integration von DDR-Bürgern in die BRD zwischen 1961 und 1990, München, GRIN Verlag GmbH
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