01 Wenn man sich am Abend endgültig entschlossen zu haben scheint, zu Hause zu bleiben, 02 < …> den Hausrock angezogen hat, 03 < …> nach dem Nachtmahl beim erleuchteten Tische sitzt u. jene Arbeit oder jenes Spiel vorgenommen hat,
05 wenn 06 07 wenn man 08
09 wenn und 10 wenn man nun trotz alledem in einem plötzlichen Unbehagen aufsteht, 11 < …> den Rock wechselt, 12 < …> sofort straßenmäßig angezogen erscheint, 13 < …> weggehen zu müssen erklärt, 14 < …> es nach kurzem Abschied auch tut, 15 < …>
16 17 wenn man 18 19 20 21 wenn man 22 wenn man mit größerer als der gewöhnlichen Bedeutung erkennt,
23 24 25 wenn man s o die langen Gassen hinläuft, -26 dann ist man für diesen Abend gänzlich aus seiner Familie ausgetreten,
30 Verstärkt wird alles noch,
31 wenn man zu dieser späten Abendzeit einen Freund aufsucht. 32 um nachzusehen, wie es ihm geht.
Ich beginne nun mit der Analyse der so entstandenen Textabschnitte. Auffällig ist schon die Erzählform dieser ‚Betrachtung’. Anscheinend hat der Narrator die Er-Erzählform gewählt, d.h. der Erzähler berichtet nicht von sich selbst, sondern von einer anderen Person, die als 3. Pers. Sg. erscheint. Normalerweise träte das Subjekt dann als Er auf. Hier aber spricht stattdessen vierzehnmal ein „man“. Dieses Indefinitpronomen, das nur im Singular vorkommt, „umfasst“ lt. Duden „singularische und pluralische Vorstellungen und reicht von der Vertretung des eigenen Ich bis zu der der gesamten Menschheit.“ 8 Schon Rudolf G. Binding hat „das Wörtlein man … von jeher ein vortreffliches Versteck für alle Sünden des Ich“ 8 genannt, und auch Binder meint, es solle bei Kafka oft einen „persönlichen Bezug … kaschieren.“ 9 Wenn das so wäre, verbärge sich hinter der Er- die Ich-Erzählform; ich komme an anderer Stelle noch einmal auf diesen Punkt zurück.
Das Erzählverhalten lässt sich eindeutig bestimmen. Da es keinen allwissenden, auktorialen Erzähler gibt, der die erzählte Welt betritt, der sich als Aussagesubjekt ins Spiel bringt und, sich aus dem Erzählzusammenhang lösend, mit einem Kommentar eingreift oder, wie es Stanzel bildlich formuliert hat, der erzählten Welt einen Besuch abstattet, liegt hier ein personales Erzählverhalten vor. Der Erzähler tritt hinter die Figuren zurück und sieht die erzählte Welt mit deren Augen.
2
Die erzählte Wirklichkeit besteht (nach Stanzel, Kayser und Vogt) aus erzählter Zeit, erzähltem Ort, erzähltem Geschehen und erzählten Figuren. Die Dauer des fiktiven Geschehens wird in der ersten und der letzten Zeile (meiner Zeilenzählung) genannt: „am Abend“ (Z. 1) und „späte[n] Abendzeit“ (Z. 31). Es ist ein bestimmter Abend, wohl nach 21 Uhr, da „das Haustor“ bereits „versperrt ist.“ (Z. 10) Im alten Prag wird die Haustür im Winter um 21 Uhr geschlossen, im Sommer eine Stunde später. 10 Die erzählte Zeit wird noch näher bestimmt: es ist „nach dem Nachtmahl“, man sitzt unter der Lampe am Tisch und beschäftigt sich mit diesem oder jenem (Z. 3). Er erzählte Ort ist wohl Prag, ansonsten wird er lediglich durch die Figurenrede konturiert. Die erzählte Figur des „man“ sagt aber nur wenig über ihr Zuhause, sie erwähnt ein Zimmer, das verlassen wird, ein Treppenhaus mit Haustor, findet sich später auf der Gasse wieder und spricht dann, hypothetisch, von „langen Gassen“ (Z. 25).
Aufschlussreich ist, wie das „man“ als erzählte Figur der erzählten Wirklichkeit spricht. Die Figurenrede ist keine gesprochene, sondern eine stumme Rede im Indikativ Präsens. Da von den vier Möglichkeiten der nicht gesprochenen die erlebte Rede und psycho-narration an das Präteritum gebunden und die Äußerungen des Protagonisten auch nicht asyntaktisch und damit stream of consciousness sind, bleibt eigentlich nur der innere Monolog übrig. Der ist definiert als die Gedankenwiedergabe einer wachen, nicht schlafenden oder träumenden erzählten Figur, er erscheint ohne Inquit-Formel und ohne ein Verbum dicendi, sentiendi oder vivendi. Allerdings verlangt die Regel 11 für den inneren Monolog die 1. Pers. Ind. Präs. Ich behaupte nun, hinter dem „man“ verstecke sich ein „ich“ (vgl. Anm. 8 und 9), und übergehe die Ungereimtheit der 1. und 3. Person bei übereinstimmendem Modus und Tempus derart, dass ich formuliere, es handele sich um eine Gedankenwiedergabe der als „,man“ auftretenden erzählten Figur. Das mag etwas gewagt klingen, aber tatsächlich gibt es bei den Deutungsversuchen des „Plötzlichen Spaziergangs“ in der Fachliteratur keine klare Festlegung auf die gesprochene oder eine Art der stummen Rede. Ich fühle mich aber bei meiner Sicht bestätigt durch den Wuppertaler Germanisten Rüdiger Zymner, der in dem Kafka-Handbuch des Metzlerverlags dem „systematischen und historischen Zusammenhang von Denkbild, Parabel und Aphorismus“ ein besonderes Kapitel gewidmet hat. 12 In dem Abschnitt „Kafkas Denkbilder“ kommt er zu dem Ergebnis, die Texte in dem Band „Betrachtung“ seien Denkbilder, da „man von monologischer Gedankenrede sprechen“ könne. 13
Man könnte auch sagen, die erzählte Figur führt einen sich über alle Zeilen erstreckenden Monolog. Diese nicht ausgesprochenen Gedanken entwickeln sich in drei Phasen. Zunächst scheint der Abend zu Hause in gewohnten Bahnen mit eingeübten Beschäftigungen zu verlaufen. Allerdings findet der Protagonist, er habe „schon so lange bei Tische stillgehalten“ (Z. 7), dass er ein plötzliches „Unbehagen“ (Z. 10) angesichts des gewohnheitsgemäßen Verlaufes empfindet. Die zweite Phase sehe ich von Z. 10 bis Z. 24 gegeben. Die erzählte Figur steht plötzlich auf, legt den Schlafrock ab und erklärt, „straßenmäßig angezogen“ (Z. 12), „weggehen zu müssen.“ (Z. 13) Allerdings sagt der Text nichts über das das „Unbehagen“ auslösende Moment, ebenso wenig ist die zwingende Notwendigkeit des „müssen“ erklärt. Jedenfalls fällt der „Abschied“ (Z. 14) kurz aus, und die schnell zugeschlagene „Wohnungstür“ (Z. 16) schneidet das erwartete Gespräch über das Fortgehen ab, wohl weil der Protagonist ahnt, dass er „Ärger … hinterlassen“ habe. Die Z. 17 verlagert den erzählten Ort auf die „Gasse“, hier enthüllen die nächsten Zeilen etwas
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Arbeit zitieren:
M.A. Gerd Berner, 2012, Franz Kafka, Der plötzliche Spaziergang - Versuch einer Interpretation, München, GRIN Verlag GmbH
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