GLIEDERUNG
I. EINLEITUNG 3
II. FORCIEREN - EINE DEFINITION 4
II. I. DIE NORMALKONVENTION 5
II.II. FORCIEREN - DIE “HÄRTERE GANGART 6
II.III WIE KOMMT FORCIEREN ZUSTANDE? 7
III. IDEAL FORCIEREN IM WAHLKAMPF 8
EINE ANLEITUNG 8
III.I. GRUNDREGELN 9
III. II. FORCIERENDE TECHNIKEN IM POLITISCHEN STREITGESPRÄCH 10
III.III. REAKTIONEN AUF GEGNERISCHES FORCIEREN 15
IV. NACHWORT 18
LITERATURANGABE
I. EINLEITUNG
Die Analyse von Politik benötigt relativ viel Zeit und bringt relativ wenig Nutzen - der gewöhnliche Bürger muß sich um Arbeit, Freunde, Familie, Steuerabrechnungen uvm. kümmern und benötigt nebenbei auch noch Zeit für Sport, Hobbys und soziale Engagements; er hat dementsprechend vielleicht gerade mal die Zeit, sich im Autoradio die Fünf-Minuten-Nachrichten anzuhören.
Der normale Bürger entscheidet anhand der Informationsstücke, die ihm zufallen, welche politische Alternative ihm am besten zusagen würde. Solche Informationsstücke können Wahlkampfauftritte sein, denen meist erhöhte Aufmerksamkeit zuteil wird, da das Interesse des Volkes an Politik durch die anstehende Wahlentscheidung sensibilisiert wird - und meist auch, weil sie bisweilen unterhaltsame oder gar kabarettreife Elemente enthalten. Also sind die Auftritte eines politischen Kandidaten im Wahlkampf von extremer Wichtigkeit. Da der Kandidat oft “neu” im Licht der Öffentlichkeit steht, kann er auch meist nur aufgrund dieser Auftritte beurteilt werden. Also haben solche Informationen einen überwältigenden Effekt auf die Beurteilung des Charakters des Politikers durch die Wähler. Ein guter Auftritt eines Kandidaten, den der Bürger abends beim Durchschalten durch die Fernsehkanäle mitbekommt, kann bereits wahlentscheidend sein.
Meine Hausarbeit bezieht sich auf einen bestimmten Aspekt des Wahlkampfes, nämlich das öffentliche Streitgespräch mit einem politischen Gegner. Noch genauer gesagt: diese Hausarbeit soll eine Anleitung des Forcierens im öffentlichen Streitgespräch im Wahlkampf werden.
Ein Kandidat will im politischen Streitgespräch das Publikum, die Wähler, auf seine Seite ziehen, von der Richtigkeit seiner Person und / oder seiner Argumente zu überzeugen.
Eine Methode dazu ist, den politischen Gegner in seinem Ansehen und in dem Vertrauen in seine politische Fähigkeiten zu demontieren - allerdings ohne dabei selbst vom Zuschauer als Aggressor beurteilt zu werden. Ein offen aggressiver Sprecher läuft Gefahr, vom Publikum als Querulant oder unseriöser Störenfried angesehen zu werden.
Diese Hausarbeit behandelt das Forcieren im politischen Streitgespräch - aber nicht hin zu einem brachialen “Pressing”, sondern zu einer unterschwellig forcierenden Rhetorik innerhalb des feinfühligen Bereiches, der uns in unserer heutigen Gesellschaft nützen und weiterbringen kann.
II. FORCIEREN - EINE DEFINITION
Der Begriff “Forcieren” meint “Gesprächsaktivitäten eingeschränkter Kooperativität” 1 , wie sie in vielen Kommunikationssituationen - z.B. in strittigen Diskussionengeradezu die Normalform darstellen. Forcierende Aktivitäten laufen zumeist darauf hinaus, die eigenen Möglichkeiten zu erweitern und fremde zu verringern. Forcierende Kooperationsformen sind also als Aktionen zu bestimmen, die gegen die Unterstellung von Gemeinsamkeiten gerichtet sind. Denn Forcieren bedeutet, daß die Sprecher jeweils eigene Möglichkeiten auf Kosten des anderen ausnutzen und dessen Spielräume beschneiden, was klar als egoistisch zu verstehen ist: es dient dazu, die Beteiligungsbedingungen für die eigene Seite günstiger und für die andere Seite ungünstiger zu gestalten. Es ist ein Eingriff in das eigenständige Handeln des Adressaten und hat insofern Aspekte von Entmündigung. Im Kern ist das Ziel, das durch forcierende Aktivitäten erreicht werden soll, also eine gesteigerte Selbstbestimmung des Sprechers bei gleichzeitig dazu gesteigerter Fremdbestimmung des anderen.
Wer forcierende Aktivitäten anwendet, verletzt also die Regeln des Miteinanders, die sogenannte “Normalkonvention”.
Um uns mit diesem Thema genauer beschäftigen zu können, müssen wir diese Regeln zunächst einmal definieren:
1 = Kallmeyer / Schmitt 1996, S.20
II. I. DIE NORMALKONVENTION
Im allgemeinen empfinden wir eine auch in der inhaltlichen Gegnerschaft kooperative Ausdrucksform als “konstruktiv”.
Wir müssen ja kooperieren, da wir meist, wenn wir ein Ziel erreichen wollen, auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Kooperation ist zielbezogen zu definieren. In der Interaktion treffen Partner aufeinander, die jeweils ihre individuellen Ziele verfolgen, für deren Erreichbarkeit sie auf den anderen angewiesen sind. Diese individuellen Ziele können in unterschiedlichen Beziehungen zueinander stehen, sie können ganz oder partiell übereinstimmen, aber auch sich ausschließen (wenn z.B. nur einer auf Kosten des anderen gewinnen kann - und dieses ist der im Wahlkampf wohl am häufigsten anzutreffende Fall). Die Interaktion jedoch erfordert die Herstellung von Gemeinsamkeit, die Beteiligten müssen gemeinsame Zielsetzungen aushandeln und bestimmte Gemeinsamkeiten als
selbstverständliche Voraussetzungen unterstellen, wenn die Interaktion nicht zusammenbrechen soll. Bspw. wird in der Normalkonvention erwartet, daß die Diskutierenden ihren Partnern Gelegenheit geben, sich ungestört zu äußern, die Bereitschaft zeigen, diese Äußerungen aufnehmen und mitzugestalten und insgesamt kooperativ sind. Interaktion ist geprägt durch die wechselseitige Abhängigkeit der Beteiligten voneinander. Es handelt sich meist um eine sogenannte Interdependenz, bei der Ziele nicht identisch sind, aber jeweils nur unter Mitarbeit des anderen erreicht werden können.
Die gemeinsame Orientierung an grundlegenden Ordnungsstrukturen ist Ergebnis und Ausdruck einer elementaren Kooperation der Akteure. Sie schafft die notwendigen Voraussetzungen für das Zustandekommen bzw. das Gelingen von Kommunikation, unabhängig davon, wie stark die Sehweisen und Zielsetzungen der Beteiligten divergieren. Salopp gesagt: die Normalkonvention erwartet ein “Miteinander”, eine Zusammenarbeit.
II.II. FORCIEREN - DIE “HÄRTERE GANGART”
Forcieren dagegen stellt eine Systematisierung und Generalisierung von Beteiligungskonzepten der Unkooperativität, der mangelnden Fairness bzw. der bisweilen ungerechtfertigten “Härte” der Handlungsweise dar und hat insofern Eigenschaften aggressiven Verhaltens. Es bedeutet, daß die in ein Gespräch verwickelten Akteure bestimmte, durch die Regeln der Höflichkeit gebotene Rücksichten fallen lassen. (wobei wir im Wahlkampf oder generell in der Politik sowieso davon ausgehen können, daß dem Gegner weit weniger Höflichkeit entgegengebracht wird, als wir das aus dem normalen Leben gewohnt sind.) Allerdings bringt uns, wie bereits erwähnt, die “nackte” Aggression, bei der die Regeln der Gesellschaft eindeutig verletzt werden, keinesfalls ans Ziel, ebensowenig Kommunikationsformen an der Grenze zur Handgreiflichkeit wie Sich-Anschreien.
Die Anstrengungen eines Sprechers, “gesellschaftsfähig” zu bleiben, bringen ihn dazu, seine Absichten u.U. auch raffiniert einzukleiden. Zum Kernbereich jener Spielweise des Forcierens, die uns nützt und die ich hier erläutern will, gehört vielmehr eine verdeckte Aggression im Umgang miteinander, also eher das Signalisieren von Gereiztheit als der Wutausbruch.
Ich will auf den folgenden Seiten einige der Grundtechniken dieser Art von Rhetorik vorstellen.
Denn unsere Gesellschaft wird als “Mediengesellschaft” bezeichnet. In einer solchen Mediengesellschaft muß es Ziel derjenigen sein, die sich die Unterstützung anderer sichern wollen, sich nicht als Tyrann darzustellen, was zu einem Sympathieverlust führen würde. Unsere heutigen Führungskräfte, seien das Politiker, Wirtschaftsbosse, Gewerkschaftsvorsitzende, führende Vertreter Organisierter Interessen usw., müssen um die Unterstützung der Wähler oder Aktionäre oder der Presse und der Öffentlichkeit werben, sie müssen sympathisch und ihr Anliegen sinnvoll erscheinen.
Natürlich wollen wir forcieren, aber dies stets in einer feinfühligen Art und Weise, unterschwellig. Hierbei kommt uns zur Hilfe, daß aufgrund des kontextrelativen Charakters des Forcierens die Kooperationsweise - deren inhaltlich spezifische
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Florian Scharr, 2000, Forcieren im Wahlkampf, Munich, GRIN Publishing GmbH
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