Der Mann ohne Eigenschaften und das Irrationale
Musils Roman muß als einer der bedeutendsten der Moderne gelesen werden. Ob auch als einer der einflußreichsten, erscheint fraglich. Spätere literarische Traditionen der Nachkriegsliteratur erscheinen gegenüber diesem Werk als Anachronismen, weder in Form noch in Inhalt, wird vergleichbares angestrebt oder erreicht.
Jede literarische Bewegung ist eine Reaktion, sei es auf gesellschaftliche, politische, geistige Entwicklungen, sie ist aber auch Reaktion auf literarische Tradition, die Bewegung vielfach Gegenbewegung. So kann die literarische Moderne als Innovation verstanden werden, die sich vom tradierten Erzählen des poetischen Realismus abgrenzt. Zwar entziehen sich Begriffe wie Realismus und Moderne aufgrund ihrer Vielschichtigkeit einer eindeutigen Definition, doch konnotieren sie so Unterschiedliches, dass ihre Gegensätzlichkeit augenscheinlich wird. Das Rationale scheint eher Paradigma für die realistische Tradition zu sein, wenn Fiktion so realistisch ist, dass sie Wirklichkeit sein könnte, während das Irrationale mehr dem Modernen zukommt, wenn es um Darstellung des Unmöglichen, um Ablösung von überkommenen Formen geht.
Das Irrationale kann als vielfache Verweigerungshaltung verstanden werden. Gegen literarische, künstlerische Traditionen, gegen gesellschaftliche Normen und Konventionen, aber auch gegen philosophische Projekte und Grundhaltungen. Im positiven Sinne ist das Irrationale, das Intuitive, Inspirative, das jenseits von den Gesetzen von Vernunft und Logik -Produktive. Im negativen Sinne eben jenes unlogische, unvernünftige Prinzip, das dem Verstand unzugänglich, Widerspruch und Kritik hervorruft.
Es wäre zu beobachten, inwieweit das Irrationale in seinen vielfältigen Formen im modernen Roman erscheint. Hinweise darauf lassen sich durch Analyse von Form und Inhalt finden. Neben Gattung und Genre, ist es erhellend Erzählverhalten, Handlung, Figuren bis hin zum Titel zu untersuchen. Bereits die Angabe -Roman- die im Untertitel des ‚Mann ohne Eigenschaften‘ gemacht wird, erweist sich als Widerspruch. Einerseits bietet das Werk vom Umfang mehr als das Übliche, andererseits wird die Materialmenge nicht durch einen Handlungsstrang zusammengehalten, die erzählende geschlossene Form wird nicht erfüllt, der Roman ist Fragment geblieben. Zwar wird die Ausgangssituation des Bildungsromans, mit der Figur Ulrichs, die auf der Suche nach Sinn und Erfüllung ist, angedeutet, jedoch die Suche ist ziellos, eigentliche Bildung und Entwicklung findet nicht statt. Statt dessen wird gegen
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alle Konvention ein Ausweg im Tabubruch angedeutet, im Inzest Ulrichs mit seiner Schwester. Auch der Erzähler fungiert nicht mehr als den Roman tragende Instanz, sein Verhalten wandelt und wechselt, oft von Satz zu Satz. Schon im ersten Kapitel lassen sich die unterschiedlichsten Haltungen finden, der Perspektivenwechsel wird zum Erzählprinzip. Wird zunächst aus olympischer Sicht mit zunehmender Blickverengung eine Wetterbeschreibung geliefert, so wird die folgende Unfallszene aus der Sichtweise eines beteiligten Augenzeugen geschildert, während im folgenden der Erzähler seinen Bericht auf einer Metaebene bewertet. Musil bietet die Moderneerfahrung formal an indem er im Spiel mit Verengung und Erweiterung mit Wechsel und Verschiebung mit Innen- und Außenperspektive, Erzählen kontingent macht. Auch die im Roman übliche Funktion des ersten Kapitels, die Exposition, die Einführung des Protagonisten und die Darstellung der Konfliktsituation bleiben aus. Erst im fünften Kapitel wird Ulrich namentlich genannt, die Lektüre des ersten Kapitels läßt alle Fragen in Bezug auf Figuren und Handlung offen, die Überschrift wird zum irrationalen Programm „Woraus bemerkenswerter Weise nichts hervorgeht.“ Ein Paradoxon wird schon mit dem Titel geboten. Jedem Wesen werden Eigenschaften zugeschrieben. Dem Menschen insbesondere die Vernunft, die ihn als animal rationale vom Tier unterscheidet. Im Gegensatz zum Vernunftprinzip wird hier der Mensch als Wesen mit beharrlichen Eigenschaften in Frage gestellt. Die Erweiterung in einem der folgenden Kapitel „Ein Mann ohne Eigenschaften besteht aus Eigenschaften ohne Mann“ - als Eigenschaftsbündel gezeigt, so inkonsistent, das es nicht mehr als Person gefasst werden kann. Wenn schon der Mensch als solcher zur Disposition gestellt wird, schließt sich die Frage an, inwieweit die im Roman benutzten Figuren als autonome Subjekte verstanden werden. In Musils Tagebüchern findet sich hierzu der radikale Gedanke -Einen Menschen ganz aus Zitaten zusammenzusetzen- also die Aufgabe des Menschen als handelndes Wesen zugunsten eines Zitatenmosaiks. Ulrich selbst erfährt „das Zeitalter der großen Individualitäten geht zu Ende“ und steigert sich in einem Gespräch zu der Aussage, „daß unser Dasein ganz und gar aus Literatur bestehen sollte“. Vielleicht kann in diesem Sinne die philosophische Frage nach dem Individuum in literaturwissenschaftlicher Sicht zur Frage nach der universalen Intertextualität werden. Und so läßt sich die Figurenkonstellation in unterschiedliche Ebenen aufteilen. Wie jeder, so ist auch dieser Roman unter dem Einfluß des Zeitgeistes entstanden. Figuren verweisen auf reale Personen, wie etwa der Philosoph Meingast zu Ludwig Klages oder Ulrichs Freund Arnheim Ähnlichkeiten mit Walter Rathenau hat. Doch den Roman einzig als historischen Roman zu
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Arbeit zitieren:
Daniel Seibel, 2003, Der Mann ohne Eigenschaften und das Irrationale, München, GRIN Verlag GmbH
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