Als einer der umstrittensten Dramatiker seiner Zeit galt der 1864 in Hannover geborene Benjamin Franklin Wedekind. Mit der Kritik in seinen Werken an der bürgerlichen Scheinmoral und Sexualfeindlichkeit sowie der Hinwendung zur freien Selbstentfaltung und der Emanzipation der Frau löste er wiederkehrend Skandale aus. Nicht nur die herrschende wilhelminische Zensur reagierte auf seine Schriften mit Beschlagnahmungen und Aufführungsverboten. Auch beim zeitgenössischen Publikum traf Wedekind auf Unverständnis und Ablehnung. Doch nach langen Kämpfen, Umschreibungen und Anpassungen gelangen ihm schließlich die Veröffentlichungen und Aufführungen seiner Dramen. Beispielsweise dauerte die Arbeit er an einem seiner Hauptwerke – der „Monstretragödie“ – fast zwanzig Jahre. Im Juli 1894 hatte Wedekind den „Urtext“ fertiggestellt, doch aufgrund von Bedenken seines Verlegers und sicheren Zensurmaßnahmen teilte Wedekind das Stück in zwei Dramen und 1895 erschienen die ersten drei Akte um einen neuen dritten Akt erweitert unter dem Namen Erdgeist im Verlag von Albert Langen.
In der vorliegenden Hausarbeit beschäftige ich mich mit dem später hinzugefügten Prolog zu diesem Erdgeist. Ich werde nachweisen, dass der Prolog trotz seiner späteren Entstehung programmatisch für den Erdgeist angelegt ist und die Handlung sowie die Figurencharakterisierung vorwegnimmt. Zuerst werde ich einige allgemeine Aufgaben eines Prologes besprechen und diese dann eingehend und ausführlicher am Beispiel des Erdgeist-Prologs hinsichtlich seiner Programmatik für das Stück untersuchen.
Als Schauplatz des Prologs hat Wedekind seine oft und gern verwendete Zirkusmetaphorik gewählt. Diese werde ich im Hinblick auf den Prolog näher erläutern - jedoch wird verständlicher Weise keine umfangreiche Darstellung angestrebt. Im Zusammenhang mit dem Prolog bietet sich auch eine Untersuchung der antinaturalistischen Theater- und Kunstauffassung Wedekinds an, dem soll knapp stattgegeben werden. Nur kurz sei an dieser Stelle auf den bedeutenden Einfluss Nietzsches und seines Zarathustra in Bezug auf die Entwicklung der Moral und der Ansichten Wedekinds hingewiesen, sowie die Parallelen zwischen Erdgeist und Goethes Faust sowie Schillers 'Kabale und Liebe' genannt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entstehungs- und Aufführungsgeschichte
3. Zu den Aufgaben eines Prologs
4. Der programmatische Charakter des Erdgeist-Prologs
4.1 Zirkus als Metaschauplatz
4.2 Charakterisierung der Figuren
4.2.1 Lulu
4.2.2 Schön
4.2.3 Alwa
4.2.4 Goll
4.2.5 Schwarz
4.3 Darstellung der Handlung
4.4 Publikumsansprache und Publikumseinstimmung
5. Anti-naturalistische Tendenzen des Prologs
6. Schluss
7. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den programmatischen Charakter des Prologs zu Frank Wedekinds Drama "Erdgeist" und analysiert, inwiefern dieser den zentralen Konflikt sowie die Figurencharakterisierung vorwegnimmt.
- Die Zirkusmetaphorik als zentrales Gestaltungselement des Prologs.
- Die allegorische Funktion der Figuren im Kontext der Zirkuswelt.
- Die Rolle des Prologs als Distanzierung vom naturalistischen Theater.
- Das Verhältnis zwischen dem dramatischen Geschehen und der Publikumseinstimmung.
Auszug aus dem Buch
4.1 Zirkus als Metaschauplatz
Als Schauplatz des Prologs fungiert der Zirkus. In Kiesers Aufsatz findet sich der Verweis, dass die Zirkusmetaphorik bei Wedekind biographisch bedingt sei und Wedekind bereits in jungen Jahren mit dem Zirkus wohlbekannt war: „Die alljährlichen Gastspiele des (damals noch winzigen) Familienunternehmens »Knie« sind Wedekind seit seinen Kindheitstagen vertraut.[...] In Zürich, wo Wedekind zahlreiche Zirkusvorstellungen besucht, sammelt er neue Erfahrungen und Erkenntnisse, aus denen sich die für sein Werk zentrale Metapher des Zirkus herauszubilden beginnt.“
Weiterhin bestätigt Kutscher für Wedekinds Pariser und Londoner Zeit eine anhaltende Zirkusbegeisterung: „Am meisten interessierte ihn das Ballett, der Zirkus und das Varieté. Immer wieder finden wir ihn in Cirque d’hiver, Circque d’été [...]. Hier sitzt er stets auf den ersten Plätzen, sodaß ihn die Künstler bald kennen.“ Er entwickelte und pflegte hier Freundschaften und Bekanntschaften mit Zirkusleuten wie z.B. Rudinoff, den er sehr bewunderte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik von Wedekinds Schaffen ein und definiert das Ziel der Arbeit, die Programmatik des Erdgeist-Prologs zu untersuchen.
2. Entstehungs- und Aufführungsgeschichte: Dieser Abschnitt behandelt die zeitliche Einordnung des Prologs und dessen Bedeutung für die spätere Rezeptions- und Aufführungsgeschichte des Dramas.
3. Zu den Aufgaben eines Prologs: Hier werden theoretische Grundlagen zu Funktionen und Ausprägungen von Prologen dargelegt, um diese als analytischen Rahmen zu nutzen.
4. Der programmatische Charakter des Erdgeist-Prologs: Das Hauptkapitel analysiert die spezifische Zirkusthematik, die Figuren, die Handlung und die Publikumsinteraktion innerhalb des Prologs.
5. Anti-naturalistische Tendenzen des Prologs: Dieses Kapitel arbeitet heraus, wie Wedekind sich durch den Prolog dezidiert vom naturalistischen Theater seiner Zeit abgrenzt.
6. Schluss: Die Zusammenfassung resümiert die Ergebnisse der Analyse und bestätigt die programmatische Funktion des Prologs für das Gesamtdrama.
7. Literatur: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Frank Wedekind, Erdgeist, Prolog, Zirkusmetaphorik, Naturalismus, Tierbändiger, Lulu, Allegorie, Theatergeschichte, Bühnenhandlung, Charakterisierung, Dramaturgie, Literaturwissenschaft, Epische Vorrede, Symbolik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Prolog von Frank Wedekinds "Erdgeist" hinsichtlich seines programmatischen Charakters für das gesamte Drama.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Zirkusmetaphorik, die Allegorisierung der Figuren sowie die Abgrenzung zum naturalistischen Theater.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist der Nachweis, dass der Prolog trotz seiner späteren Entstehung die Handlung und Figurencharakterisierung des Stücks programmatisch vorwegnimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die den Prolog anhand verschiedener Prologfunktionen sowie unter Einbeziehung von Sekundärliteratur untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Zirkuswelt als Metaschauplatz, der allegorischen Einführung der Figuren wie Lulu und Dr. Schön sowie der Publikumseinstimmung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Erdgeist, Zirkusmetaphorik, Naturalismus, Allegorie und programmatische Dramaturgie.
Welche Bedeutung kommt dem "Tierbändiger" im Prolog zu?
Der Tierbändiger fungiert als zentrale Figur des Prologs, die das Publikum in die Zirkuswelt einführt und die Figuren des Stücks allegorisch als Tiere präsentiert.
Wie unterscheidet sich Wedekinds Prolog von naturalistischen Vorbildern?
Während Naturalisten auf Mitleid setzen, forciert Wedekind durch das Zirkusmotiv eine distanzierte Rezipientenhaltung und lehnt den psychologischen Determinismus ab.
- Arbeit zitieren
- Anja Frentzel (Autor:in), 2003, Der programmatische Charakter des Prologs von Frank Wedekinds 'Erdgeist', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19195