Seminar: Das Deutsche Reich in der internationalen Politik 1871 bis 1933 Universität Osnabrück WS 2000/01
Es gibt keine Ostpolitik und keine Westpolitik, sondern nur eine Außenpolitik des Deutschen Reichs, die in der Hand des Reichsaußenministers liegt.
Stresemann, Februar 1928
Einleitung. 4
Die deutsch-russischen Beziehungen nach Rapallo (1922/1923) 5
Die militärischen Beziehungen zur Roten Armee: General von Seeckt. 6
Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen: Botschafter Brockdorff-Rantzau. 7
Das Krisenjahr 1923: Forcierung der Ostorientierung. 9
Die deutschen Rußlandpolitik zu Beginn der Ära Stresemann (1923/1924) 11
Die Neubestimmung der Rußlandpolitik: Stresemann und Brockdorff-Rantzau. 11
Die diplomatische Krise: Der Zwischenfall in der Berliner Handelsmission. 13
Die Militärbeziehungen: Ausbau zum Stabilitätsfaktor. 15
Die deutsche Rußlandpolitik im Zeichen von Locarno (1924-1926) 17
Die Kontroverse um die Rußlandpolitik: Widerstand Brockdorff-Rantzaus. 18
Auf dem Weg zum Berliner Vertrag. 20
Die Militärs: Verhandlungen mit der „sichersten Stütze“ 22
Res ümee. 26
Abk ürzungen. 28
Quellen und Literatur. 28
Zitat auf Seite 2: nicht abgesandter Brief Stresemanns an Fritz Matthäi, 23.9.1928, zit. nach: Hans W.
Gatzke Von Rapallo nach Berlin. Stresemann und die deutsche Rußlandpolitik, in: VfZG 4 (1956), S. 1-29,
hier 27.
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Für die Amtszeit Gustav Stresemanns von seinem Antritt als Kanzler im August 1923 bis zum Ende seiner sechsjährigen Tätigkeit als Außenminister im Oktober 1929 hat sich, wie verschieden auch die Motive und Leistungen seiner Politik in der Forschung beurteilt worden sind, 1 der Begriff der „Ära Stresemann" eingebürgert, der der maßgeblichen Bedeutung dieses Politikers für die Innen- als auch für die Außenpolitik des Deutschlands dieser Jahre Tribut zollt. 2 Mit seinem Amtsantritt begann das Ende der Nachkriegszeit: innenpolitisch eine Phase der Konsolidierung und relativen Stabilität der Weimarer Republik einleitend, außenpolitisch die Weichen stellend für die Rückkehr des Kriegsverlierers und Parias Deutschland in die Riege der europäischen Großmächte. 3 Daß Stresemann im politischen Ausgleich mit den Siegermächten und in der wirtschaftlichen Anlehnung an diese die unabdingbare Voraussetzung für letzteres begriff, bedingte den Richtungswechsel der Weimarer Außenpolitik hin zur konsequenten Priorität der Westorientierung. Diese wird auch deutlich mit Blick auf die Etappen deutscher Außenpolitik, die sich zuallererst mit dem Namen Stresemanns verbinden: Dawes-Plan, Locarno-Verträge, Völkerbundeintritt, Thoiry und Young-Plan. Nach Osten dagegen waren die Initiativen des Außenministers rarer gesät: Der 1925 geschlossene Handelsvertrag und der im darauffolgenden Jahr unterzeichnete Berliner Vertrag bleiben die bedeutendsten in Vertragsform gegossenen Ergebnisse der offiziellen deutschen Rußlandpolitik in der Ära Stresemann. 4 Auch wenn gleichwohl kein Zweifel daran besteht, daß es Stresemann war, der im Verbund mit der Führungsgruppe im Auswärtigen Amt die Entscheidungen in der deutschen Außenpolitik traf, 5 so würde man jedoch den Beziehungen zwischen Sowjetruß-land und dem Deutschen Reich in jenen Jahren nicht gerecht, unterließe man den Blick auf zwei wesentliche Akteure deutscher Rußlandpolitik: die Reichswehr unter General von Seeckt, dem Initiator der militärischen Kooperation mit der Roten Armee, und Graf Brockdorff-Rantzau, den ersten deutschen Botschafter in Moskau seit Kriegsende.
Ziel dieser Arbeit ist es, die rußlandpolitischen Konzepte und Ziele des Generals sowie des deutschen Botschafters mit denen der offiziellen deutschen Außenpolitik zu vergleichen und den Einfluß der rußlandpolitischen Aktivitäten der Reichswehrführung sowie Brockdorff-Rantzaus auf die deutsche Rußlandpolitik herauszustellen. Dabei soll
1 Vgl. dazu: Niedhart, 49f., der zugleich eine immer weniger kontrovers geführte Diskussion darum feststellt.
2 Krüger, Außenpolitik, 207; Niedhart, 17f.
3 Hildebrand, 444f.
4 Walsdorff, 29; Gatzke, Rapallo, 29.
5 Krüger, Struktur, 151f.; vgl. auch Einschätzung bei Gatzke, Rapallo, 27.
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die Zeit bis zur Unterzeichnung des Berliner Vertrags im April 1926 im Mittelpunkt stehen, mit dem zugleich der Zenit in den deutsch-russischen Beziehungen der Ära Stresemann überschritten war. 6 Die Analyse folgt im wesentlichen der Chronologie der Ereignisse, um die jeweiligen Aktivitäten der Akteure und die Interaktion zwischen ihnen zu verdeutlichen, wobei Einschnitte gesetzt werden beim Amtsantritt Stresemanns als Kanzler im August 1923 und der deutschen Völkerbundnote im September 1924. Es werden die im Anhang zitierten veröffentlichten Quellen und Quellensammlungen sowie die dort gelistete Sekundärliteratur herangezogen, wobei sich die Arbeit für die Rolle der Reichswehr vorwiegend auf die neueste Studie von Zeidler und für den deutschen Botschafter auf die 1998 erschienene Biographie von Scheidemann stützt.
Abseits aller Kontroversen um seine Bewertung in der Historiographie gilt der deutschrussische Vertrag von Rapallo ohne Zweifel als „einer der markantesten Einschnitte in der Weimarer Außenpolitik überhaupt“. 7 Er war das Ergebnis einer Rußlandpolitik, die von einer „kleinen verschworenen Kampfgemeinschaft inmitten der Masse von Uneingeweihten, Skeptikern oder Gegner“ verwirklicht wurde, zu der vornehmlich Reichskanzler Wirth und Freiherr von Maltzan, zunächst Leiter der Ostabteilung, dann bis 1924 Staatssekretär im Auswärtigen Amt, zählten. Über ein politisches, wirtschaftliches und militärisches Sonderverhältnis zu Sowjetrußland, das auf dem gemeinsamen Interesse an der Aushöhlung des Versailler Systems und gegenüber Polen basierte, erhofften sie sich die Erweiterung der außenpolitischen Handlungsfreiheit des Deutschen Reichs und die Verbesserung seiner Verhandlungsposition gegenüber den Siegermächten. 8
Hinsichtlich seines Inhalts und seiner konkreten Umsetzung war und blieb der Rapallo-Vertrag „eher Mythos als Realität“. 9 Die Ausgestaltung der deutsch-russischen
6 Nach 1926 setzte ein „allmählicher Verfall“ der deutsch-russischen Beziehungen ein, der mit der Weiterführung der Verständigungspolitik durch Stresemann in Thoiry, dem weiterhin bestehenden gegenseitigen Mißtrauen bezüglich eines möglichen Arrangements mit Polen, der Häufung der belastenden Zwischenfälle und der wirtschaftlichen Ernüchterung auf deutscher Seite einherging, Gatzke, Rapallo, 24-26.
7 Krüger, Außenpolitik, 151. Hermann Graml, Die Rapallo-Politik im Urteil der westdeutschen Forschung, in: VfZG 28 (1970), 366-391, betonte die revisionistische, antipolnische Stoßrichtung Rapallos, während Theodor Schieder, Die Entstehungsgeschichte des Rapallo-Vertrages, in: HZ 204 (1967), 545-609, ihn einen „Normalisierungs- und Liquidationsvertrag“ genannt hat. Baumgart, 252f., wie auch Hildebrand, 428f., sehen seine Bedeutung vorrangig in der gleichgewichtspolitischen Neugestaltung der internationalen Konstellation durch Überwindung der bündnispolitischen Isolierung des Deutschen Reichs.
8 Krüger, Außenpolitik, 166f., 174f.
9 Hildebrand, 425. Der Vertrag schrieb den gegenseitigen Verzicht auf Ansprüche aus dem Krieg bzw. den bolschewistischen Sozialisierungsmaßnahmen, die Meistbegünstigung im Wirt-
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Beziehungen auf seiner Basis ging mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen einher und wurde deutscherseits auf zwei Ebenen forciert, der wirtschaftlichen und der militärischen, ohne daß sich bündnispolitische oder militärische Übereinkünfte dahinter verbargen. 10
Die militärischen Beziehungen zur Roten Armee: General von Seeckt
General von Seeckt, „Initiator und aktivster Förderer“ 11 der bereits 1919 angelaufenen Kontakte der Reichswehr zur Roten Armee, befand sich seit 1920 als Chef der Heeresleitung an der Spitze der Reichswehrführung und verfügte über weitreichende Befugnisse, die er bald nach seiner Ernennung auf Kosten des Reichswehrministers noch erweitern konnte. 12 In dieser Position war es ihm seitdem - mit Rückdeckung Wirths und ohne Wissen des Reichspräsidenten - gelungen, mit einigem Erfolg seine eigene Rußlandpolitik zu betreiben. 13
Diese beruhte auf der früh gewonnenen Überzeugung, daß Deutschland „nur im festen Anschluß an Großrußland [...] die Aussicht auf Wiedergewinnung seiner Weltmachtstellung“ habe. 14 Denn „wenn Deutschland sich auf Rußlands Seite stellt, so ist es selbst unbesieglich [...] Stellt Deutschland sich gegen Rußland, so verliert es die einzige Zukunftshoffnung, die ihm nach dem Kriege bleibt.“ Auf der Seite der Entente könne es keine Zukunft finden und würde sich „in dem schweren Schicksal eines Helotenvolkes verzehren“. 15 Die Basis der Verbindung beider Mächte bestand für Seeckt in revisionistischen Ansprüchen gegenüber Polen, daß durch ein Bündnis mit Sowjetruß-land politisch und militärisch in die Zange genommen werden sollte. 16 Der General war zwar nicht an der Entstehung des Rapallo-Vertrages beteiligt gewesen, 17 begrüßte aber dessen Wirkung nach außen, insbesondere die Spekulationen über ein geheimes militärisches Abkommen, denn „zu einem Vertrag zu kommen, der uns Hülfe sichert, muß doch unser Ziel sein [...] aber bis es erreicht ist, muß uns der Schein helfen.“ 18 Dabei stellte sich der ideologische Gegensatz in der politischen Vorstellungswelt Seeckts unproblematisch dar: ob parlamentarische Republik oder bolschewistisches System, hinter jeder Staatsform stand letztlich ein nach Macht strebender National-
schaftsverkehrund die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen fest: Vertrag von Rapallo, 16.4.1922, in: Quellen, Nr. 51.
10 Krüger, Außenpolitik, 175; vgl. Seeckt an Oberst Hasse, 17.5.1922, in: Rabenau, 313.
11 Gorlow, 134; Gatzke, Collaboration, 595.
12 Carsten, 120f., 125.
13 Seeckt schuf 1921 die ‘Sondergruppe Rußland’ im Reichswehrministerium, die für alle Kontakte mit Moskau zuständig wurde, 1922 wurden Teile der deutschen Rüstungsindustrie nach Rußland verlagert. Zu den Anfängen detailliert: Zeidler, 47-59.
14 Aufzeichnung Seeckts, 4.2.1920, in: Rabenau, 318.
15 Aufzeichnung Seeckts, 26.7.1920, in: Quellen, Nr. 38.
16 Seeckt an Reichskanzler Wirth, 11.9.1922, in: Rabenau, 315f.
17 Ebd., 312.
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staat. 19 Eine Bolschewisierung des Reichs aufgrund einer außenpolitischen Verständigung mit Rußland fürchtete er, im Gegensatz zu Stresemann und auch Brockdorff-Rantzau, nicht. 20
Den entscheidenden Impuls erfuhren die deutsch-russischen Militärbeziehungen während des Jahres 1923, das mit der existenziellen Bedrohung des Reichs von außen zum „Katalysator der militärischen Beziehungen“ wurde. 21 Im Eindruck eines nahenden Krieges wurden im Verlaufe des ersten Halbjahres zwei deutsche Militärdelegationen zu Bündnissondierungen nach Moskau geschickt, die von sowjetischer Seite allerdings ernüchternd mit der Forderung nach deutschen Investitionen in die brachliegende russische Rüstungsindustrie beantwortet wurden. Anstatt eines Militärbündnisses wurden im Mai 1923 zwischen den Militärs Vorverträge über Rüstungsaufträge im Wert von 35 Millionen Goldmark abgeschlossen. 22 Dies korrespondierte mit dem zweiten Motiv der Reichswehr für eine militärische Kooperation: die Schaffung der Voraussetzungen für eine deutsche Rüstungsfähigkeit durch Rüstungsumlagerung und später vor allem durch Sicherung des Anschlusses an waffentechnologische Entwicklung und Ausbildung. 23
Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen: Botschafter Brockdorff-Rantzau
Graf Brockdorff-Rantzau, ehemals deutscher Außenminister in Versailles, hatte schon vor Antritt seines Postens in Moskau deutlich gemacht, daß er gewillt war, seinen Einfluß auf die Gesamtpolitik - gemäß seines Selbstverständnisses als ehemaliger Außenminister in der Position eines diplomatischen Vertreters - zu sichern, indem er seine Immediatstellung gegenüber dem Reichspräsidenten durchsetzte 24 und erklärte, die Aktivitäten der Reichswehr in Rußland künftig unter politische Aufsicht der deutschen Botschaft zu stellen. 25
18 Seeckt an Oberst Hasse, 17.5.1922, in: Rabenau, 313; vgl. Zeidler, 60.
19 Borowsky, 34f.; vgl. Seeckt, 4.2.1924, in: Rabenau, 394.
20 Seeckt an Reichskanzler Wirth, 11.9.1922, in: Rabenau, 317f.
21 Zeidler, 65, 67.
22 Ebd., 70-74. „Seeckt rechnete nun mehr [nach dem deutschen Zahlungsabgebot Anfang Mai
1923] sicher mit dem Krieg.“, Rabenau, 331.
23 Zeidler, 46; Baumgart, 254f.
24 Diese Stellung war im übrigen verfassungswidrig, Scheidemann, 551f., 576. Brockdorff-Rantzau hatte schon 1921 die Pflicht gefühlt, gegen die Auslieferung an die Westmächte „nötigenfalls eine eigene Politik zu machen“, Aufzeichnungen Brockdorff-Rantzaus über ein Gespräch mit Reichspräsident Ebert, 25.4.1921, in: ADAP, A Iv, Nr. 257. Um die Berufung Brockdorff-Rantzaus hatte es im Vorfeld heftige Auseinandersetzungen zwischen Wirth/ Seeckt einerseits und Brockdorff-Rantzau/Ebert andererseits gegeben, während derer die Militärs sogar Versuche unternahmen, ihn bei der russischen Seite zu diskreditieren: Aufzeichnungen Brockdorff-Rantzaus, 16.10.1922 und 14.9.1922 mit Anm. 2, in: ADAP, A VI, Nr. 199, 212; Scheidemann, 571-576; vgl. Zeidler, 63; Erdmann/Grieser, 411.
25 Aufzeichnung Brockdorff-Rantzaus, 3.8.1922, in: ADAP, A VI, Nr. 171; Brockdorff-Rantzau an Stresemann, 10.9.1923, in: Walsdorff, 201-204.
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Victoria Krummel, 2001, Ostpolitik contra Westorientierung - Deutsche Rußlandpolitik zwischen Stresemann, Seeckt und Graf Brockdorff-Rantzau, München, GRIN Verlag GmbH
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