Inhalt
1. EINSTELLUNG ZUR INDIGENEN HERKUNFT UND GESCHICHTSBILD 4
1. 1. Der erste Eindruck. 4
1. 2. Anfragen 4
1. 2. 1. Mythologisierung der Geschichte 5
1. 2. 2. Attraktion Indio. 5
1. 3. Zwischenbilanz: Der Schein trügt 6
2. DIE SPRACHEN MEXIKOS: 6
2. 1. Übersicht. 7
2. 2. Bemerkungen zur Verschriftung der indigenen Sprachen 9
Exkurs : Literatur in indigenen Sprachen. 9
3. ANMERKUNGEN ZUR ERFORSCHUNG DER INDIGENEN SPRACHEN 10
4. DIE SITUATION DES SPANISCHEN. 10
4. 1. Die Durchsetzung des Spanischen nach der Kolonialzeit. 11
4. 2. Besonderheiten des mexikanischen Spanisch 12
4. 2. 1. fervefa - qué es? - Unterschiede zum Standardkastillisch 12
4. 2. 2. Indigenismen im mexikanischen Spanisch. 13
4. 3. so nah an den USA : die Rolle des Englischen. 13
4. 4. Ergebnis: Die umzingelte Sprache. 13
LITERATURVERZEICHNIS 15
3
1. Einstellung zur indigenen Herkunft und Geschichtsbild
1. 1. Der erste Eindruck
Als Besucher Mexikos nimmt man zuerst einmal eine sehr starke Verbindung zur indigenen Kultur und Herkunft Mexikos wahr. Hinweise und Symbole, die darauf verweisen finden sich auf den wichtigsten Manifestationen der staatlichen Identität:
• Als ein deutliches Zeichen dafür ist die mexikanische Nationalflagge sichtbar, auf der die Gründungssage von Tenochtitlán, dem Ursprung der heutigen Ciudad de México zu sehen ist.
• Die Gründungssage Tenochtitláns und Tempel der alten indianischen Kulturen sind neben revolutionären Motiven auch die Hauptdarstellungen auf dem größten Mosaik der Welt, das sich auf dem Gebäude der Hauptbibliothek der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) befindet.
• Das Museo Nacional de Antropología beschreibt die Geschichte der Menschen auf diesem Teil des amerikanischen Kontinentes vom Übergang über die Behringstraße bis in die Indiohütten im Grenzgebiet zu Guatemala, von denen betont wird, daß sie noch heute so bewohnt werden, wie sie ausgestellt sind.
• Auch im spirituellen Zentrum der mexikanischen Identität, der Basílica de Guadalupe wird man in dieser Hinsicht fündig. Nicht nur, daß bei der Darstellung der Erscheinungsgeschichte immer wieder darauf Wert gelegt wird, daß die Gottesmutter als Mestizin (oder in manchen Versionen sogar als Indigena) erschienen ist; der Glockenturm vor dem Neubau der Basilika zeigt den aztekischen Kalender.
Der indianische Ursprung scheint den Mexikanern auf den ersten Blick also tatsächlich besonders wichtig zu sein. Und er ist es auch bis zu einem gewissen Grad. Wer sich in die südlichen mexikanischen Staaten (Oaxaca, Chiapas) begibt, der wird sogar sehr oft meinen, das zu beobachten.
1. 2. Anfragen
Über die sichtbaren Referenzen zu den indigenen Wurzeln des mexikanischen Volkes lassen sich aber im wesentlichen zwei relativierende Beobachtungen machen:
4
1. 2. 1. Mythologisierung der Geschichte
Die verschiedenen Referenzen auf die indianische Herkunft der Mexikaner werden in einer sehr idealisierten Weise dargestellt. Im wesentlichen trifft die Kritik des mexikanischen Geschichtsbildes durch Octavio Paz zu, an die ich hier anknüpfen möchte, da sie die Erfahrungen mit dem Umgang mit Geschichte wiederspiegelt. Paz schreibt im einleitenden Kapitel seines Buches ”Sor Juana Inés de la Cruz o las trampas de la fé” über das weitverbreitete mexikanische Geschichtsbild: ”México nace con el estado azteca o aun antes; pierde su
independencia en el siglo XVI y la recobra en 1821. Según esta idea,
entre el México azteca y el moderno no solo hay continuidad sino
identidad;” 1
Dieses Geschichtsbild wird in den Darstellungen vermittelt. Für Paz ist es zwischen Mythos und Negation anzusiedeln. Die Kritik von Ocatavio Paz hat für unsere Fragestellung eine besondere Bedeutung, da die im Geschichtsbild ausgeblendete Phase, nämlich die 300 Jahre, während derer Mexiko als Vizekönigreich Neuspanien in den Karten verzeichnet war (und sogar selbst Kolonialherrscherfunktionennämlich die Verwaltung der Philippinischen Inseln - übernommen hatte) gleichzeitig genau jene Phase der Geschichte sind, in der die dominante Sprache, nämlich das Spanische, in die Region gebracht wurde. Es muß also der Verdacht angemeldet werden, daß zwischen der Bewertung indigener Kulturen im offiziellen Geschichtsbild und der Sprachpolitik ein wesentlicher Unterschied besteht. Wie kann es sonst sein, daß eine Sprache zur dominanten und unhinterfragbaren Nationalsprache wird, die aus einer Periode der Geschichte kommt, über die nicht so bald ein Mexikaner ein Wort verliert, die Sprachen der so wichtigen indigenen Kulturen aber kontinuierlich zurückgedrängt werden?
1. 2. 2. Attraktion Indio
Indianische Kulturen sind Anziehungspunkt und Attraktion für den Tourismus. Dieses Phänomen ist hinlänglich bekannt und ähnliches ist überall auf der Welt, wo es Tourismus gibt, beobachtbar. Sprachenpolitisch von Interesse ist dabei die Rolle der indigenen Sprachen im öffentlichen Leben. Während man nach Beschriftungen und Informationen in Indianersprachen in den öffentlichen Bereichen meist vergeblich sucht, wird man in den Geländen der noch erhaltenen Ruinen der Tempel der
1 Paz, Octavio: Sor Juana Inés de la Cruz o las trampas de la fé, México, 6 1998.
5
indigenen Kulturen sehr schnell fündig: Hier werden die langen Informationstexte (zumeist auf Steintafeln) auch in einer indigenen Sprache wiedergegeben. Diese Bemühung des Instituto Nacional de Antropología e Historia (INAH) dient sicherlich auch der Information der indigenen Besucher 2 , steht aber trotzdem sehr stark unter dem Verdacht, ein Tourismusgag zu sein. Denn von denselben indigenen Besuchern verlangt man, daß sie alle wichtigen Informationen im öffentlichen Leben in spanischer Sprache lesen und verstehen können. 3 Um wirkliche Nähe zur indigenen Sprache dürfte es sich also kaum handeln.
1. 3. Zwischenbilanz: Der Schein trügt
Die Befassung mit der indianischen Vergangenheit in Mexiko hat sehr unklare Vorzeichen. Die Kolonialzeit als Auslöser für die Sprachsituation wie auch als Grundlage für die mestizische Identität wird ausgeblendet oder zumindest unterbelichtet. Dort, wo die Umsetzung des Selbstverständnisses der mexikanischen Identität auch auf sprachlicher Ebene geschieht, findet das hauptsächlich für Touristen statt.
Zwischen den prähispanischen Kulturen und ihren noch übrigen Nachkommen steht nicht nur die Zeit des Vizekönigreiches, sondern auch die Linse des Geschichtsrückblickes, die sie als lange Vergangenheit fast schon in das Reich des Mythos verdrängt, vergleichbar mit dem ”Goldenen Zeitalter” Ovids. Das ist zwar ein äußerst positiver (weil verklärter) Blick auf die indigenen Zeiten Mexikos, aber eben ein Blick auf eine Vergangenheit. Und Vergangenheit ist Erinnerung, und Erinnerungen müssen doch auf die Gegenwart keine (politischen) Auswirkungen haben, oder?
2. Die Sprachen Mexikos:
Mexiko ist heute das größte spanischsprachige Land. Bei der Volkszählung 1990 zählte man 81.249.645 Einwohner 4 . Gleichzeitig gibt es in Mexiko eine große Zahl von autochtonen Indianersprachen, deren Zahl sich nach offiziellen Angaben auf 56 beläuft. Diese Sprachen werden von den Angehörigen der indigenen Volksgruppen
2 Um der Bevölkerung den Besuch der Stätten zu ermöglichen werden diese ja an Sonn- und
Feiertagen gratis zugänglich gemacht.
3 Eine ähnliche Beobachtung kann auch in den Medien gemacht werden, wie Karen Zidek im zweiten
Teil der Arbeit zeigen wird.
6
Arbeit zitieren:
Ralph Regenfelder, 1998, Viel tut sich - nichts passiert! - Zur Sprachensituation in Mexiko, München, GRIN Verlag GmbH
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