Inhaltsverzeichnis
Einleitung Seite 1
1. Der Leser Freud als Privatperson Seite 1
2. Der Leser Freud als Vorkämpfer der Psychoanalyse Seite 8
3. Der Leser Freud als Teilnehmer in der Diskussion um
Psychiatrie und Dichtung Seite 10
Zusammenfassung Seite 13
Literaturverzeichnis Seite 14
Einleitung Die folgende Arbeit beschäftigt sich im wesentlichen mit der Leseweise des Menschen und Psychoanalytikers Sigmund Freud in Bezug auf Wilhelm Jensens Novelle Gradiva (Ein pompejanisches Phantasiestück). Sowohl als Vorkämpfer der Psychoanalyse als auch als individuelle Persönlichkeit hatte Sigmund Freud einen ganz bestimmten Hintergrund für seine Leseweise und Auffassung der Novelle, die sich dann auch in seiner Studie Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva“ niederschlug. Dieser Hintergrund, vor allem die Frage, worin für Freud das Interesse an der Novelle und die Motivationsgründe für eine psychoanalytische Interpretation dergleichen lagen, soll im Folgenden beleuchtet werden. Was sprach den Leser Freud persönlich an, und welche Möglichkeiten sah er durch die Arbeit mit der Novelle für die Psychoanalyse?
1. Der Leser Freud als Privatperson
In verschiedener Hinsicht kann angenommen werden, dass W. Jensens Novelle einen persönlichen Wiedererkennungswert für den Leser Sigmund Freud hatte. In der Hauptperson, dem Archäologen Norbert Hanold, ist beispielsweise Freuds eigenes Interesse für Archäologie wiederzufinden. In einem Brief an Stefan Zweig schrieb Freud, er habe „mehr Archäologie als Psychologie gelesen“ 1 , außerdem besaß er eine umfangreiche Antiquitätensammlung, die von Heinz und Carina Weiß für einen Artikel im Jahrbuch der Psychoanalyse im einzelnen untersucht und als der „Spiegel seiner Vorliebe für alles Prähistorische im Menschen“ 2 bezeichnet wurde. Sein archäologisches Interesse war sogar so groß, dass es bedeutenden Einfluss auf seinen schriftlichen Sprachgebrauch hatte. Wie Walter Schönau feststellt, wird in Freuds wissenschaftlicher Prosa „die Bilderwelt der Archäologie [...], verglichen mit allen anderen Bildsphären, am reichsten entfaltet.“ 3 Vor dem Hintergrund, dass Freud mit Metaphern und Symbolen aus dem Bereich der Archäologie sehr gut vertraut war, da er solche selbst aufgrund eines starken persönlichen Interesses an Archäologie oft in seiner eigenen Prosa verwendete, wird also auch sein
Interesse an der Gradiva und an einer Deutung der Novelle, die hauptsächlich in Pompeji, dem „Mekka der Altertumsforscher“ 4 spielt, verständlich.
Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen der Hauptperson der Novelle und deren Leser Sigmund Freud ist die Reiselust. So wie Norbert Hanold in der Gradiva einen merkwürdigen Drang verspürt, nach Italien zu reisen, zieht es auch Freud Zeit seines Lebens immer wieder in den Süden, besonders nach Rom, wobei sowohl Hanolds Reise nach Pompeji, als auch Freuds „Sehnsucht, nach Rom zu kommen“ 5 , die lange unbefriedigt blieb, verborgene Motive zugrunde liegen. Erst als sich Norbert Hanold bereits in Pompeji befindet, wird ihm plötzlich bewusst, dass er
ohne selbst von dem Antrieb in seinem Innern zu wissen, deshalb nach Italien und ohne Aufenthalt von Rom und Neapel bis Pompeji weitergefahren [sei], um danach zu suchen, ob er hier Spuren von ihr [der Gradiva] auffinden könne. 6
Entsprechend fand Freud, der seine Romsehnsucht in der Traumdeutung selbst analysierte, heraus, dass sein „Wunsch, nach Rom zu kommen, für das Traumleben zum Deckmantel und Symbol für mehrere andere heiß ersehnte Wünsche geworden“ 7 war. Es scheint sich also, wie aus dieser Feststellung Freuds hervorgeht, hinter dessen Romsehnsucht ein ganzer Komplex anderer Sehnsüchte und Wünsche verborgen zu haben, für die Rom nur ein Symbol war. Was sich hinter diesem Rom- Symbol verbarg, soll nun im Folgenden ansatzweise untersucht werden.
Ernest Jones, ein Biograph und langjähriger Kollege Freuds, stellt dessen Verhältnis zu Rom als ambivalent dar, indem er hervorhebt, dass Rom für Freud immer zwei verschiedene Aspekte hatte: einerseits das antike Rom, das ihn faszinierte und zu dem er sich hingezogen fühlte, und andererseits das christliche Rom als Quelle des Antisemitismus, das er hasste und fürchtete. 8 Dieser zweite, verhasste Aspekt Roms war, so Jones, der „Feind“ zwischen Freud und „dem geliebten Objekt“ Rom, der „erst überwunden werden“ 9 musste, also u.a. ein Grund dafür, warum Freud
seinen Plan, nach Rom zu reisen, immer wieder aufgeschoben hatte. Auch Walter Schönau weist auf diese Ambivalenz in Freuds Verhältnis zu Rom hin, die sich für ihn anhand einer Textstelle aus der von Freud 1929 verfassten Schrift Das Unbehagen in der Kultur zeigt. Dort zieht Freud nämlich zur Erläuterung seiner Annahme, dass alle vergangenen Sinneseindrücke im Seelenleben eines Menschen erhalten bleiben, einen seitenlangen Vergleich mit der baulichen Vergangenheit Roms herbei, bezeichnet dies jedoch anschließend als „müßige Spielerei“ 10 und kommt schließlich zu der Erkenntnis, dass „die Stadt von vorneherein für einen solchen Vergleich mit einem seelischen Organismus ungeeignet“ 11 sei. Freuds ambivalente Einstellung dieses Vergleiches gegenüber, die sich in „der Diskrepanz zwischen der liebevollen Schilderung der baulichen Geschichte Roms einerseits und ihrer Entwertung [...] andererseits“ 12 zeigt, ist nach Schönau Ausdruck für Freuds ebenso ambivalente Einstellung Rom gegenüber 13 . Eine tiefere Begründung dafür, dass Freud auf seinen Italienreisen sein Ziel Rom zunächst nicht erreichte, sondern nur bis zu dem Ort Trasimeno gelangte, sieht Ernest Jones in Freuds Identifizierung mit dem semitischen Helden Hannibal, der ebenfalls nicht nach Rom gekommen, sondern bei Trasimeno stehen geblieben war. Freud selbst deutete seine Hemmung, weiter nach Rom zu reisen, ganz genauso, wie aus einem Brief, den er 1897 an seinen damaligen Freund Wilhelm Fließ schrieb, hervorgeht:
Meine Romsehnsucht ist übrigens tief neurotisch. Sie knüpft an die Gymnasialschwärmerei für den semitischen Heros Hannibal an und ich bin wirklich heuer so wenig wie er vom Trasimener See nach Rom gekommen. 14 Der Entstehung dieser Schwärmerei legt Freud in der Traumdeutung ein für ihn entscheidendes Kindheitserlebnis zugrunde, nämlich ein Gespräch mit seinem Vater, in dem er erfuhr, wie sich sein jüdischer Vater von einem Christen hatte beleidigen lassen, ohne etwas zu erwidern oder sich zu
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Nora Pröfrock, 2002, Freud als Leser von W. Jensens "Gradiva", Munich, GRIN Publishing GmbH
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