Inhaltsverzeichnis
Vorüberlegungen 4
1. Aggression 5
1.1 Definitionsproblematik 5
1.2 Begriffsklärungen 6
1.2.1 Aggression 6
1.2.2 Aggressivität 7
1.2.3 Gewalt 8
1.2.4 Bezug zum Handlungsfeld Sport- insbesondere des Fußballs 9
1.3 Aggressionstheorien 12
Vorüberlegungen 12
1.3.1 Triebtheoretische Ansätze 13
1.3.2 Frustrations Aggressionstheorie 15
1.3.3 Lerntheoretische Ansätze 17
1.3.4 Multikausale Ansätze 19
1.4 Differenzierungsmöglichkeiten von Aggressionen 22
1.4.1 Arten von Aggression (inhaltlich-motivational) 22
1.4.2 Formen von Aggression (äußerlich-formal) 23
1.4.3 Möglichkeiten der Differenzierung aggressiver Handlungen
im Fußball 25
1.4.3.1 Das Foul als Indikator 27
1.5 Katharsis Hypothese 30
1.5.1 allgemeine Überlegungen 31
1.5.2 Katharsis durch Sport 33
2
2. Aggression in Schulen 36
Vorüberlegungen 36
2.1 Begriffsklärung 37
2.2 Bedingungsfaktoren aggressiven Schülerverhaltens 39
2.3 Typendifferenzierung 41
3. Soziales Lernen und Fairnesserziehung im Sportunterricht der
Regelschule - unter besonderer Berücksichtigung des
Sportspiels Fußball 43
3.1 Begriffsklärungen und Inhalte 43
3.1.1 Soziales Lernen 43
3.1.2 Fairness 44
3.1.2.1 Möglichkeiten der Differenzierung 50
3.2 Pädagogische Konsequenzen der Bedingungsfaktoren
aggressiven Schülerverhaltens 53
3.3 Möglichkeiten zur Fairnesserziehung im Sportunterricht der
Regelschule 57
Fazit 60
Literaturverzeichnis 62
3
Vorüberlegungen
Dass durch individuelle oder gesellschaftliche sportliche Betätigung ein reicher Schatz an Erfahrungen und ein gewisses seelisches Wohlbefinden für jeden Einzel- nen möglich ist, scheint schon seit langem ein Aushängeschild der Körperertüchti- gung.
Dass der Sport auch in jedem Falle die Möglichkeit bietet, seinen eigenen indi- viduellen Vorstellungen entsprechende Sportarten zu betreiben, und durch positiv wirkende psychische und physische Interaktionen, jeden Einzelnen zu integrieren versteht, geht mit Vorherigem durchaus einher.
Man weiß, dass die Liste an positiven Faktoren des Sportes durchaus Blätter füllen könnte, aber man weiß auch, dass er gegenüber dem Alltag in unserer Gesell- schaft einen entscheidenden Vorteil in sich trägt. Denn wenn oben bereits erwähnte körperliche oder verbale Interaktionen den Sport bestimmen, ist dieser in ein strenges Reglement eingefasst. Diese sportartspezifisch manifestierten Regeln gewähren, dass alle am Spiel beteiligten Parteien gleiche Bedingungen vorfinden, um erstens eine Chancengleichheit zwischen ihnen herzustellen, zweitens aber auch, und das stellt den Bezug zur vorliegenden Arbeit dar, immer wieder auftretende Aggressionen so- fort negativ sanktionieren zu können, um entsprechende Eskalierungen nachhaltig zu unterbinden. Eine Regeltreue gibt es in unserer Gesellschaft nur bedingt. Deshalb sind moralische Werte, wie eine gewisse Fairness zwischen den Menschen unab- dingbar.
Im Rahmen dieser Arbeit werden die gerade angesprochenen Themenfelder Aggression und Fairness bearbeitet. Dabei wird anfangs eine theoretische Grundlage zu den Aggressionen geschaffen, die nach meiner Ansicht notwendig ist, um später gezielt auf das Handlungsfeld des Fußballs eingehen zu können. Involviert sind hier- bei Ausführungen zu Formen und Arten aggressiver Handlungen, sowie eine speziel- le Analyse des vermeidlichen Indikators aggressiver Verhaltensweisen im Sport, des sogenannten ´Foulspiels´. Nach Ausführungen zur Katharsis-Hypothese wird sich dann der Thematik ´Aggression in Schulen´ gewidmet, um abschließend praxisnahe Beispiele zur notwendigen Fairnesserziehung in Regelschulen zu liefern.
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1. Aggression
1.1 Definitionsproblematik
Die Diskussionen um den Begriff der Aggression verlaufen nicht erst seit ges- tern äußerst kontrovers. Seit vielen Jahrzehnten versuchen sich Wissenschaftler und Gelehrte einer gemeinsamen Definition dieses schwammigen Begriffes anzunähern. Allein unter dem Aspekt, dass sich in sämtlicher Literatur zu diesem Thema weit mehr als eine Theorie über die Entstehung von Aggressionen wieder finden lassen, kann darauf geschlossen werden, dass die Forscher auch in Fragen der Definition aus verschiedenen Richtungen auf eine allgemeine und operationalisierbar erscheinende Begriffsbestimmung eingehen.
Bis heute ist es also nicht gelungen eine einheitliche und befriedigende Klä- rung des Inhaltes vorzunehmen. Da es mir aber wichtig erscheint, den bloßen Cha- rakter entsprechender Aggressionen zu verstehen, bevor man auf verschiedene Be- reiche eingeht, in denen sie - in meinem Fall der Mannschaftssport Fußball - eine Rolle spielen, werde ich in kommendem Abschnitt meiner Arbeit die mir am wich- tigsten und allgemein konsensfähigsten Definitionsansätze aufzeigen. Zudem scheint es mir auch bedeutend, die Begrifflichkeit ´Aggression´ von dem vermeidlichen Vor- läufer ´Aggressivität´ zu trennen und danach das Wesen einer Gewalttat darzustellen und mit einer aggressiven Handlung zu vergleichen, da die Begriffe ´Gewalt´ und auch ´Aggression´ in ihrem Bedeutungsgehalt sehr vielschichtig und inkonsistent sind und auch oft in der Alttagssprache verwendet und in Verbindung gebracht wer- den. Nach diesen allgemeinen Definitionsansätzen und als Abschluss des Punktes 1.2 werde ich die Begriffe jeweils im Handlungsfeld des Fußballs aufgreifen und von- einander abzugrenzen.
Der Thematik der Autoaggression werde ich mich in dieser Arbeit nicht stel- len, da sie mir im Hinblick auf Aggressionen im Fußball und Möglichkeiten der Fairnesserziehung im Sportunterricht als eher unwichtig erscheint.
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1.2 Begriffsklärungen
1.2.1 Aggression
Bevor ich auf die verschiedenen Definitionsversuche eingehen werde, sollte vorab geklärt sein, wo und in welcher Sprache der Begriff ´Aggression´ seinen Ur- sprung hat, da eine Begriffsetymologie oft schon den richtigen Weg zu einer Defini- tion in sich trägt.
Die Herkunft des Wortes ´Aggression´ ist im Lateinischen zu finden, hier aber noch in verwandter Form, als Verb ´aggredior´. Der Inhalt liegt aber noch nicht im Zusammenhang mit einer Schädigung eines Individuums oder ganz allgemein eines Objektes, wie oft ein aggressives Verhalten definiert wird, sondern eigentlich nur in einem Annähern an eine andere Person. Erst in abgeleiteten und verwandten Sub- stantiven kann man Inhalte, wie ´zielgerichtetes Angreifen´ oder ´Anlaufen´ ableiten (vgl. LENZEN, Bd. 1, 20).
Wie bereits erwähnt, gibt es unterschiedliche Sichtweisen, von denen aus auf eine aggressive Handlung geblickt werden kann. NOLTING ist der Ansicht, dass man als erstes eine Trennung von einer weiten und einer engen Definition treffen sollte. Der weite Aggressionsbegriff geht von der eben schon geschilderten ursprüng- lichen Bedeutung aus, der also Aggression mit jeder Form von Aktivität gleichsetzt. Aus diesem Blickwinkel kann ich den Aggressionsbegriff natürlich nicht durchleuch- ten, da in Hinsicht auf das eigentliche Thema dieser Arbeit, die gesamten Spielhand- lungen im Fußball wohl als aggressiv bezeichnet werden könnten, und somit der Charakter dieser Sportart verfälscht dargestellt würde. Im Gegensatz zu der Weiten, versucht NOLTING durch eine enge Definition die Aggression von anderen Verhal- tensweisen klar abzugrenzen. Das heißt, dass er eine aggressive Handlung in enger Sichtweise, ähnlich wie andere Autoren, mit einer Schädigung oder zumindest einer Intention dazu in Verbindung bringt. (vgl. NOLTING 1997, 22-26) Andere Autoren, wie MERZ, oder SELG teilen die Ansicht, dass „... jene Ver- haltensweisen, mit denen die direkte oder indirekte Schädigung eines Individuums, meist eines Artgenossen, intendiert wird...“ (MERZ in GERISCH 2002, 176), als Aggression zu bezeichnen ist. Er geht also wie DANN (1972) davon aus, dass selbst die bloße Absicht jemanden zu schädigen, schon mit einer Aggression zu beschrei- ben ist. Drei Jahre später wurde MERZ´ s, von ihm selbst als „... vorläufige Definiti- on...“ (2002, 176) beschriebene Begriffsbestimmung von SELG konkretisiert: „Eine
6
Aggression besteht in einem gegen einen Organismus oder ein Organismussurrogat gerichteten Austeilen schädigender Reize (´schädigen´ meint beschädigen, verletzen, zerstören und vernichten; es impliziert aber auch wie ´iniuriam facere´ oder ´to inju- re´ schmerzzuführende, störende, Ärger erregende und beleidigende Verhaltenswei- sen, welche der direkten Verhaltensbeobachtung schwer zugänglich sind); eine Ag- gression kann offen (körperlich, verbal) oder verdeckt (phantasiert), sie kann positiv (von der Kultur gebilligt oder negativ (missbilligt) sein.“ (SELG in GERISCH 2002, 176) Der von SELG benutzte Begriff eines ´Organismussurrogats´ meint nichts ande- res, als ein Organismusersatz oder ein Ersatzmittel (vgl. DROSKOWSKY/BAER 1994, 1324). Das heißt, dass eine aggressive Handlung nicht immer direkt, sondern auch indirekt gegen ein Objekt gerichtet sein kann.
Dem Problem, einer vermeidlich fahrlässigen bzw. unabsichtlichen Verletzung oder Schädigung haben sich DOLLARD, DOOB, MILLER, MOWRER, und SEARS gewidmet. Der Schluss zu dem sie gekommen sind ist, dass eine Aggression als eine Handlung definiert wird, „... deren Zielreaktion die Verletzung eines Organismus (oder Organismus-Ersatzes) ist...“ (DOLLARD et al. 1994, 19). Weiter heißt es : „Eine Person kann eine andere durch bloßen Zufall verletzen. Solche Handlungen gelten nicht als Aggressionen, da sie keine Zielreaktionen sind.“ (DOLLARD et al. 1994, 19) Für viele Autoren bestimmt also die Handlungsintention, ob ein Geschehen aggressiver Natur ist, oder eventuell auch nicht.
Natürlich gibt es im großen Felde der Aggressionsforscher, viele Autoren, die gleiche, ähnliche oder auch andere Definitionsansätze versucht haben empirisch zu belegen, aber ich denke, dass die von mir aufgeführten Anstöße zur Begriffsklärung als Grundlage für das weitere Verwenden des Aggressionsbegriffes, die Wichtigsten und Konsensfähigsten sind.
1.2.2 Aggressivität
Um eine Gleichmachung der beiden Begrifflichkeiten `Aggression´ und ´Aggressivität´ zu vermeiden und sie im Vorhinein gleich voneinander abzugrenzen, ist es unumgänglich gewisse inhaltliche Unterschiede aufzuzeigen. GERISCH weist daraufhin, dass unter Aggression „... aggressives Handeln verstanden wird. Aggres- sivität bezeichnet dagegen die Disposition zur Aggression, d.h. eine innere Bereit-
7
schaft zum aggressiven Handeln im Sinne eines relativ stabilen (nicht unmittelbar beobachtbaren) Persönlichkeitsmerkmals.“ (2002, 178) GERISCH geht deshalb auch mit SCHMIDT konform, der Aggressivität mit einer Bereitschaft erklärt, in einem relativ lang überdauernden Zeitraum aggressiv zu agieren (vgl. SCHMIDT in
GERISCH 2002, 178-179). In anderer Literatur wird sie auch ganz allgemein als „...
charakteristisches Merkmal des Dominanzstrebens oder auch des Leistungsstre- bens...“ bezeichnet (LEXIKON DER PSYCHOLOGIE 1980, 36). Damit grenzt sich `Aggressivität´ von dem negativen Image ab, welches es mit einer Haltung des mut- willigen Verletzens oder Schädigens anderer in Verbindung bringt.
1.2.3 Gewalt
Für ein weiteres, im allgemeinen Sprachgebrauch genutztes Synonym für Ag- gressionen, steht der Terminus `Gewalt`. Das diese Begriffe in einem gewissen Zu- sammenhang stehen scheint klar, aber wie dies aus wissenschaftlichen Gesichtspunk- ten der Fall ist, beschreibt NOLTING in seinem Werk `Lernfall Aggression´ sehr einleuchtend. Er meint, dass Gewalttaten in der Regel eher massivere, insbesondere physische Formen von Aggressionen darstellen. Damit geht er mit HACKER’ s auf- geführten Thesen zur Gewalt einher. Er schreibt: „Nackte Gewalt ist die sichtbare, ungebundene, „freie“ Erscheinungsform von Aggression. Nicht alle Aggression ist Gewalt, aber alle Gewalt ist Aggression.“ (HACKER 1971, 15) Also ist, so gibt
HACKER damit an, Gewalt eine Form von Aggression. In nachfolgender Abb. 1
benutzt NOLTING den Begriff einer strukturellen Gewalt und grenzt ihn von einer Personalen ab.
Aggression
Abb. 1: Schema zum Verhältnis der Begriffe Aggression und Gewalt (Nolting 1997, 26)
8
Den Unterschied sieht er darin, dass die Schädigung bei einer strukturellen Gewalt „... nicht durch aktives, zielgerichtetes Verhalten sichtbarer Akteure herbei geführt...“ (NOLTING 1997, 26) wird, sondern eher von einer im System liegenden Ungerechtigkeit, also einer Macht, die nicht direkt am Geschehen ist, wie Staats- männer, Regierungssysteme u.s.w. Er gibt weiter an, dass diese strukturelle Gewalt deshalb nichts mit entsprechenden Aggressionen zu tun hat. Eine personale Gewalttat hingegen entsteht immer aus einer Aggression heraus.
Natürlich wäre es auch äußerst interessant, der Frage nachzugehen, in welcher Form sich das Wesen einer personalen Gewalt an und in deutschen Fußballstadien wiederfinden läst und wie man diese bekämpfen könnte. Doch würde dies den Rah- men des jetzt schon sehr komplexen Themenfeldes dieser Arbeit sprengen, und wäre auch für den strukturellen Ablaufplan, der letztlich zur Fairnesserziehung im Sport- unterricht der Regelschule führen wird, nicht sinnvoll und kann deshalb auch keine Berücksichtigung finden.
1.2.4 Bezug zum Handlungsfeld Sport – insbesondere des Fußballs
Da Definitionen nicht nur der allgemeinen Verständigung dienen, sondern auch als Grundlage für ein weiteres Arbeiten mit den entsprechenden Begriffen, werde ich in diesem Abschnitt untersuchen, wo diese drei zuvor dargestellten Begriffe im Sport und speziell im Fußball ihren Platz finden.
Aber wie bereits im allgemeinen Teil der Definitionsproblematik angeklungen ist, gibt es keine einheitliche Begriffsbestimmung von ´Aggression´. „Es gibt nur nützliche und vorläufige Umschreibungen bzw. Akzentuierungen, die den Weg für verschiedene operationale Definitionen offen halten.“ (SELG in GERISCH 2002, 199) Aggressionen werden, aufgrund ihres negativen Images, oft als abstrakte Ver- haltensweisen dargestellt, obwohl sie in äußerst natürlichen Determinanten ihren Ursprung haben. Das soziale Bezugsfeld beispielsweise, entsprechend verfolgte Ziele oder situative Faktoren, wie das Verlieren eines Zweikampfes oder das Hinnehmen eines Gegentores, sind Gründe für entsprechend aggressive Verhaltensweisen im Sport. Darauf wird aber im Punkt 1.3 1 detaillierter eingegangen. In nachfolgenden
1 Aggressionstheorien
9
Zeilen werde ich einen kurzen Exkurs in die Entstehungsgeschichte bzw. in eine Ent- stehungstheorie des Sportes durchführen, da sie nach meiner Ansicht wichtige Defi- nitionsansätze verschiedener Autoren begründen könnte.
Eine Annahme erklärt die Entstehung des sportlichen Wettkampfes mit der intraspezifischen Aggression, die einen Instinkt darstellt, der schon seit der Entste- hung des Menschen in unseren Genen liegt. Diese Aggression gegenüber unseren Artgenossen hat einen besonderen Wert, da sie gewährleistet, dass sich stärkere Indi- viduen und Gruppen gegen schwächere durchsetzen, immer ein ausreichend großes Revier zur Verfügung haben und dadurch eine gewisse Rangordnung im Gefüge ent- steht. Der Grund dafür, dass diese Machtkämpfe fast nie tödlich enden, sind laut
WIEMANN spezielle Hemmungsmechanismen, die durch „... artspezifische Demuts-
und Beschwichtigungssignale (des Schwächeren) eine Hemmung der Aggression des Stärkeren auslösen.“ (WIEMANN in ZIMMERMANN 1975, 43) Da aber die Ent- wicklung der Waffen in einer so hohen Geschwindigkeit vonstatten ging, dass „... eine genetisch fixierte Adaption in keiner Weise Schritt halten konnte, blieb nur die Möglichkeit zur konsequenten Reglementierung der Kampfhandlungen...“ (WIEMANN in ZIMMERMANN 1975, 43). Da aber im Bezug des Rangkampfes psychische Fähigkeiten die Körperlichen im Laufe der Zeit ablösten, mussten Ag- gressionen, die innerhalb einer Gruppe entstanden, auf andere Weise abgebaut wer- den. Daraus folgend entstand der sportliche Wettkampf in seiner Urform (vgl.
WIEMANN in ZIMMERMANN 1975, 42-43).
Analog zu dieser Entstehungstheorie sagt DENKER, „... jede Art von Sport in unserer Gesellschaft ist auch eine Form von Aggression...“ (DENKER in GERISCH 2002, 200). Auch FÜRNTRATT sieht ein wettkämpferisches Verhalten, und damit auch das Fußballspiel, immer auch als Aggression, weil in diesem Wettkampf immer ein Schädigen oder Schwächen des entsprechenden Gegners impliziert ist. Er führt aber weiterhin an, dass diese Aggressionen innerhalb der verschiedenen Sportarten jeweils in anderer Form erscheinen (vgl. FÜRNTRATT in GERISCH 2002, 200). Auch NAUL/VOIGT sehen den sportlichen Wettkampf als Handlungsfeld, dass von aggressivem Verhalten geprägt ist. Sie benutzen den von PILZ et. al. ange- führten Begriff des ´Dominanzverhaltens´ und binden ihn in ihren Ansatz zur Beg- riffsbestimmung ein. So ist Aggression im Sport laut ihnen ein „...`ritualisiertes (durch die Spielregeln eingeschränktes – d. Verf.) Dominanzverhalten`...“, dass in- nerhalb dessen in verschiedenen Formen unterschieden wird (NAUL/VOIGT in
10
GERISCH 2002, 201). So scheint nach vorderen Zeilen geklärt, dass laut
NAUL/VOIGT und FÜRNTRATT nicht der Sport als Ganzes aggressive Handlun- gen in all ihren Formen beinhaltet, sondern nur der sportliche Wettkampf, der durch Regeln und Normen eingeschränkt, bei den Akteuren ein ständiges Dominanzstreben entstehen lässt, und dass durch dieses, ein entsprechender Triumph über den jeweili- gen Gegner angestrebt wird.
Verständlich ist, dass ich nicht mit DENKER´ s oder NAUL/VOIGT´ s Defini- tionsversuchen arbeiten kann, da so der komplette Wettkampfsport Fußball als reine Aggression verstanden werden müsste. Deshalb beziehe ich mich im Hinblick auf das Ziel dieser Arbeit im großen und ganzen auf GABLER, der von den bisher auf- geführten Ansätzen abgeht. Er ist der Ansicht, dass Aktionen im Sport dann als ag- gressiv zu bezeichnen sind, wenn sie außerhalb von sportlichen Normen und Werten, eine absichtliche Schädigung des Gegners vorsehen (vgl. GABLER in GERISCH 2002, 203). Ob auf verbaler oder körperlicher Ebene, sei irrelevant. Als Aggressio- nen werde ich diese Handlungen bezeichnen, welche in instrumenteller, reaktiver oder feindseliger Form 2 den Gegner, den Lehrer, die Zuschauer, den Schiedsrichter oder sogar den Mitspieler schädigen. Die Intention dazu sei mit inbegriffen.
In welcher Form sich Aggressivität von ihrem Verwandten Aggression ab- grenzt, habe ich bereits im Punkt 1.2.2 3 geklärt. In Bezug auf den Sport, ins besonde- re des Fußballs heißt dies also, dass eine überdauernde Bereitschaft aggressiv zu handeln (Aggressivität) in jedem Wettkampfspiel zu finden und auch unumgänglich ist, um eigene Ziele zu erreichen und den jeweiligen Gegner entsprechend zu domi- nieren. Ein absichtliches Verletzen durch Fouls oder andere regelwidrige Handlun- gen sind deshalb nicht in einer gewissen Aggressivität impliziert. Aber in welcher Form Aggression und Aggressivität im Fußball auftreten, durch welche Regeln ver- sucht wird, sie auch und vor allem im Sportunterricht im Rahmen der Fairness zu halten, oder ob der Fußballsport sogar Möglichkeiten sozialen Lernens bietet um Respekt, Toleranz und Verständnis seinen Mitmenschen gegenüber in den Alltag zu übertragen, werde ich an anderer Stelle dieser Arbeit thematisieren.
2 Näheres dazu in 1.4.1 (Arten von Aggression)
3 „Disposition zur Aggression, d.h. eine innere Bereitschaft zum aggressiven Handeln im Sinne eines
relativ stabilen (nicht unmittelbar beobachtbaren) Persönlichkeitsmerkmals.“ (GERISCH 2002, 178)
11
1.3 Aggressionstheorien
Vorüberlegungen
Nachdem nun deutlich geworden ist, was man unter ´Aggression´ versteht, wie sie sich von ihren Verwandten ´Gewalt´ und ´Aggressivität´ abgrenzt und welchen Standpunkt verschiedene bedeutende Autoren und Forscher zu diesem Thema ein- nehmen, sollte nun noch zum weiteren Verständnis erläutert werden, wie das Ag- gressionsverhalten mit der Natur des Menschen in Verbindung steht, beziehungswei- se welche Theorien zur Entstehung von Aggressionen im Laufe der Zeit entstanden. Analog zu der gerade aufgezeigten Definitionsproblematik, gibt es auch zu dieser Thematik die unterschiedlichsten Erklärungsversuche.
Seit rund 100 Jahren gibt es diese Theorien zur Entstehung von Aggressionen nun schon, und im Laufe der Zeit haben sich im Hinblick auf die verschiedenen Wis- senschaften, welche sich mit der Problematik beschäftigen, verschiedene Felder ge- bildet. Auf der einen Seite stehen die Verfechter der Trieb- und Instinkttheorien, welche anfangs aus psychoanalytischer und später auch aus ethologischer Sicht ver- suchten, auf das Thema einzugehen. Auf einer anderen Seite stehen jene, welche die von BANDURA maßgeblich geprägten lerntheoretischen Ansätze verfechten. Die Frustrations-Aggressions-Hypothese findet sich ihrem Inhalt entsprechend so ziem- lich zwischen diesen beiden wieder und nimmt dementsprechend eine gewisse Son- derstellung ein. Entstehen Aggressionen also nun, weil sie einem Trieb zugrunde liegen, der zur Abreaktion drängt und anschließend wieder neu entsteht? Entstehen sie als Reaktion auf bestimmte Erfahrungen? Ist der Mensch dazu befähigt Aggressi- onen zu erlernen bzw. daraus zu lernen (vgl. DANN 1972, 9)? Oder sind multikausa- le Beziehungen der Schlüssel zur Entstehung aggressiven Verhaltens?
In kommendem Abschnitt werde ich also die mir am wichtigsten scheinenden Theorien zu Ursachen und Bedingungen aggressiven Verhaltens darstellen, diese dann in 1.3.4 (Multikausale Ansätze) in Verbindung bringen und abschließend Schlussfolgerungen erarbeiten, die mir als relevant für die Sportpädagogik erschei- nen.
12
1.3.1 Triebtheoretische Ansätze
Bevor ich auf die zwei wichtigsten Vertreter der Triebtheorien eingehen werde, sollte vorerst eine Basis geschaffen werden und geklärt sein, wie generell Triebe de- finiert werden. Ein Trieb ist ein, im allgemeinen „... seelischer und/oder körperlicher Antrieb, der als dranghaft erlebt wird und auch ohne Vermittlung des Bewusstseins entstehen kann.“ (LEXIKON DER PSYCHOLOGIE 2001, 346) Es ist quasi ein psy- chisch und physisch begründetes Bedürfnis, das auf Befriedigung drängt.
W. McDOUGAL hat in seiner Instinktlehre 18 Grundtriebe unterschieden, welche sogar das Atmen, die Furcht und das Entleeren mit einschloss. Ein Aggressionstrieb ist demzufolge ein Trieb, der zu aggressiven Handlungen führt bzw. sich in diesen äußert. (vgl. LEXIKON DER PSYCHOLOGIE 2001, 346) Die Trieb/Instinkttheorie, die davon ausgeht, dass sich Energien, in dem Fall Aggressionsenergien, immer wieder neu bilden und entladen werden müssen, wurde erstmals 1908 von A. ADLER postuliert, der dazumal noch zum Kreise der Psycho- analytiker um S. FREUD gehörte. Letzterer hat im Laufe seiner Theoriebildung un- terschiedliche Vorstellungen zur Aggression entwickelt. 1920 war er es dann, der in seinen Aufzeichnungen erstmals von zwei sich gegenüberstehenden Triebsystemen sprach - Eros (Lebenstrieb) und Thantos (Todestrieb). Auslöser in diesem System ist der Todestrieb, der ganz allgemein das Lebendige zum Toten machen, und somit einen spannungslosen Zustand erreichen will. Da aber ein schneller Triumph des Thantos die Selbstvernichtung des Menschen bedeutet, verhindert dies wiederum der Gegenspieler Eros, was den Todestrieb nach außen, quasi an ein anderes Objekt lenkt und sich letztlich in unserem aggressiven Handeln zeigt (vgl. LEXIKON DER
PSYCHOLOGIE 2000, 346-347).
GERISCH (2002) verweißt auf GRAUMANN, der aussagt, dass Untersuchun-
gen, die diesen Aggressions- bzw. sogar Todestrieb nachweisen könnten, nicht durchzuführen seien, da noch andere Bedingungen (Geschlecht oder Hormonspiegel) in Dominanz- und Kampfsituationen eine Rolle spielen. Und weil diese immer wie- der als Beobachtungsgrundlage dienen, sind Ergebnisse, die daraus geschlossen wer- den, nicht beweisbar. Damit scheint klar, dass jede Rückführung von aggressiven Handlungen auf einen angeborenen Aggressionstrieb reine Spekulation bleibt und damit Aggressionen nur bedingt auf FREUD’ s Theorien zurück zu führen sind.
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Arbeit zitieren:
Steffen Knäbe, 2003, Aggression im Fußball und Fairnesserziehung im Sportunterricht der Regelschule, München, GRIN Verlag GmbH
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