Inhalt
Einleitung 3
I. Mesalliance und Konvenienzehe 3
II. Das Problem der undurchlässigen Ständegesellschaft 5
II.1 Die Fehleinschätzung George Dandins 5
II.2 Die Behandlung des unterprivilegierten Bauern durch die
Sotonville 6
II.3 Ohnmächtige Auflehnung und ironische Überlegenheit 7
III. Die Hahnreithematik 9
III.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Molières George
Dandin und der tradierten Hahnreikomödie 9
III.2 Die prozesshafte Aufklärung von George Dandins Ehrverletzung
und deren Folgen 10
III.3 Die von Angélique propagierte neue Eheauffassung 13
III.4 Die Ursachen der ehelichen Krise im Hause Dandin 15
III.5 George Dandins bürgerliche Borniertheit und sein
Festgefahrensein als ausschlaggebende Faktoren für seine
Niederlage 16
Schlussbetrachtungen 18
IV. Literaturverzeichnis 20
2
Einleitung
Grundlage für Molières Komödie: George Dandin ou le mari confondu, bildet das von Molière bereits schon einmal in einer seiner frühen Komödien, der Jalousie du Barbouillé, verarbeitete Hahnreimotiv. Ein Ehemann versucht auf vergebliche Weise seine Frau eines besonders schweren Falles der Untreue zu überführen. Im Unterschied zum tradierten Hahnreimotiv, sind jedoch in der hier zu besprechenden Komödie die Ehepartner von unterschiedlicher sozialer Herkunft, was - wie noch zu zeigen sein wird - erhebliche Probleme mit sich bringt. 1 Molière kombiniert in George Dandin ou le mari confondu das Motiv der Hahnreischaft mit einem sozialen Phänomen des Ancien Regime, nämlich dem der undurchlässigen Ständegesellschaft. George Dandin, ein glücklos seinen sozialen Stand verlassender, reich gewordener und verbürgerlichter Bauer, wird durch seine Heirat mit der adligen Angélique de Sotenville zum betrogenen Ehemann und befindet sich damit in einer zweifach problematischen Situation. Allein steht er zwei Fronten gegenüber, zum einem der des Adels, welche in der Komödie durch die Eltern Sotenville und den gentilhomme Clitandre repräsentiert werden, und zum anderen der seiner Frau, Angélique de Sotonville. 2
1. Mesalliance und Konvenienzehe
George Dandin geht aus Standesdünkel eine Verbindung mit der aus verarmtem Provinzadel stammenden Angélique de Sotonville ein, wodurch er für seine Kinder den Anspruch erwirbt, adlige Namen zu führen. 3 Die hier beschriebene Verbindung ist nach der Gesellschaftsordnung des Ancien Regime als eine klare Mesalliance zu betrachten, da die Ehepartner
1 Vgl. Brigitte Schneider - Pachaly: Der betrogene Ehemann, Konstanz und Wandlung eines literarischen Motivs in Frankreich und Italien bis zum 17. Jahrhundert, Diss. Freiburg im Breisgau, 1970, S. 327.
2 Vgl. Renate Baader: ’George Dandin’ oder die Krise des Komischen. In: Molière. Hrsg. v. Renate Baader. Darmstadt, 1980, S. 440.
3 George Dandin heiratet in eine Familie ein „où le ventre anoblit“. Die aus der Beziehung entstehenden Kinder werden Adlige sein und ihm somit entrissen, da George Dandin aufgrund seiner sozialen Inferiorität nie père, sondern allenfalls géniteur d’enfants sein wird. Dadurch wird der Name Dandin mit ihm aussterben.
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unterschiedlichen sozialen Ständen angehören. Auch die Vererbung eines adligen Titels über die Linie der Frau stimmt nicht mit den für das 17. Jahrhundert geltenden Gesellschaftsregeln überein. Nach Pierre Goubert konnte ein Adelsprädikat nur über die Linie des Mannes an dessen Nachkommen vererbt werden: „[…] seul l’homme transmet la noblesse; la femme est indifférente: simple «vase», elle ne transmet que la qualité de son mari, non la sienne. Comme l’écrivit un jour Valéry, «noblesse, c’est liqueur séminale».“ 4 Um Angélique überhaupt ehelichen zu können, schließt George Dandin mit den Eltern seiner Frau eine Art Vertrag ab, welc her der Komödienhandlung vorausgeht. Die Zahlung eines Geldbetrages an die wirtschaftlich schlecht gestellten Eltern der Braut, lässt diese, zumindest was die Heirat angeht, alle Klassengrenzen vergessen, so dass der eben schon angesprochenen Mesalliance nichts mehr im Wege steht. Was hier vorliegt, ist eine im 17. Jahrhundert weit verbreitete und unter den herrschenden Klassen gängige Verheiratungspraxis, die man auch als Konvenienzehe bezeichnet. In der Regel wählten die Eltern für ihre Sprösslinge den passenden Partner aus, wobei darauf geachtet wurde, dass dieser den jeweiligen Familien- bzw. Standesinteressen angemessen war. Das zu verheiratende Kind hatte somit bei der Wahl des Ehepartners herzlich wenig Einfluss, und von einer heute als selbstverständ lich geltenden Heirat aus Liebe konnte also keine Rede sein. Das Glücklichsein der Partner in der Ehe war im 17. Jahrhundert von absoluter Bedeutungslosigkeit. Eigentlicher Sinn der ehelichen Verbindung war nach Bourdaloue die Fortpflanzung und die Erziehung der gemeinsamen Kinder. Demnach kann die Konvenienzehe auch als bloße Interessengemeinschaft angesehen werden, in der die Ehepartner wohl oder übel miteinander auskommen mussten. 5
4 Pierre Goubert: L’Ancien Régime, Tome I, La société, (Collection “U“), Paris 1969, S. 152.
5 Vgl. Horst - Werner Nöckler: Zu den Auffassungen über Gattenwahl und Ehe in der französischen und englischen Literatur des 18. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung von Robert Challes „Illustres Françaises“. In: Neue Beiträge zur Literaturwissenschaft, Hrsg. v. Werner Krauss, Walter Dietze, Berlin, 1964, Bd. 21: Neue Beiträge zur Literatur der Aufklärung, S. 107ff..
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2. Das Problem der undurchlässigen Ständegesellschaft
2.1. Die Fehleinschätzung George Dandins
Bei seiner Heirat mit Angélique de Sotenville begeht der Bauer Dandin den entscheidenden Fehler, zu glauben, auf diese Weise könne er die bestehende ständische Gliederung des Ancien Regime durchbrechen. Das er sich damit gewaltig verschätzt hat, erfährt der Leser bereits im ersten Monolog des Stückes, wenn George Dandin sich beklagt:„[…] que mon marriage est une leçon bien parlante à tous les paysans qui veulent s’élever au-dessus de leur condition, et s’allier, comme j’ai fait, à la maison d’un gentilhomme !“ 6 Dandin muss auf schmerzliche Weise erfahren, dass die gesellschaftliche Zugehörigkeit und die damit verbundene gesellschaftliche Akzeptanz nicht einzig und allein vom Willen des Individuums nach gesellschaftlichem Aufstieg abhängig sind. Nachdem er in I.2 durch Zufall von Lubin, dem geschwätzigen Diener des Clitandre, von einem tête-à-tête seiner Frau mit eben diesem erfährt, beklagt er sich in einem weiteren Monolog über seine soziale Unterlegenheit gegenüber seiner Frau, die ihm trotz der offenkundig vorliegenden Ehrverletzung die Hände bindet: „Voilà ce que c’est d’avoir voulu épouser une Demoiselle: l’on vous accomode de toutes pièces, sans que vous puissiez vous venger, et la gentilhommerie vous tient les bras liés.“(I.3;S.193) Er bedauert seine Heirat mit Angélique zutiefst und schimpft über sich selbst, dass er nicht eine Frau aus seinem eigenen Stand geheiratet hat. 7 In einem solchen Falle hätte er ein Problem der Ehrverletzung leicht auf eigene Weise lösen können:
L’égalité de condition laisse du moins à l’honneur d’un mari la liberté de ressentiment, et si c’était une paysanne, vous auriez maintenant toutes vos coudées franches à vous en faire la justice à bon coups de baton. Mais il vous ennuyait d’être maître chez vous.(I.3; S. 193).
6 vorliegende Textausgabe: Molière: George Dandin. In: Oeuvres complètes. Tome Second. Éditions Garnier Frères. Paris, 1962, S.190.
Im Folgenden werden Zitate aus dem oben genannten Primärtext mit Akt- und Seitenangaben der Einfachheit halber in runden Klammern hinter den jeweiligen Belegstellen aufgeführt.
7 „[...] j’aurais bien mieux fait, tout riche que je suis, de m’allier en bonne et franche paysannerie que de prendre une femme qui se tient au-dessus de moi, s’offence à porter mon nom, et pense qu’avec tout mon bien je n’ai pas assez acheté la qualité de son mari.“(I.1; S. 190).
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Stattdessen sieht er sich nun gezwungen, sich bei den Eltern Sotonville über das ihn entehrende Verhalten ihrer Tochter zu beschweren, da er mit eigenen Mitteln den vorliegenden Ehekonflikt nicht lösen kann. So eröffnet er den Sotenville: „[…] je suis mal satisfait de mon marriage“(I.4;S.195). Mit Hilfe von ökonomischem Vokabular analysiert er sodann die ungleiche Verteilung von Gewinn und Einbußen, die das „Geschäft“ der Heirat mit Angélique für beide Parteien hervorbrachte 8 :
Et quels avantages, Madame, puisque Madame y a ? l’aventure n’a pas été mauvaise pour vous, car sans moi vos affaires, avec votre permission, étaient fort délabrées, et mon argent a servi a reboucher d’assez bons trous; mais moi, de quoi y ai je profité, je vous prie, que d’un allongement de nom, et au lieu de George Dandin, d’avoir reçu par vous le titre de «Monsieur de la Dandinière»? (I.4;S.195).
Im weiteren Verlauf der Komödie muss Dandin erkennen, welch schwerer Irrtum es doch von ihm war, zu glauben, sich durch das Einheiraten in eine höhere Klasse mit den Angehörigen dieser Klasse gleichberechtigt auf eine Stufe stellen zu können. Dreimal wird sich aristokratische Prätention gegenüber der vom Publikum bezeugbaren Wahrheit des Bürgers Dandin durchsetzen und somit das Recht auf Seiten des sich durch Lügen behauptenden und auf seine „honnêtété“ pochenden Adels stehen. Der ökonomisch überlegene Bürger wird sogar dazu gezwungen, sich bei den Übeltätern aus höherem Stand entschuldigen zu müssen, obwohl seine Verdächtigungen gegenüber diesen nur allzu berechtigt sind.
2.2 Die Behandlung des unterprivilegierten Bauern durch die Sotonville
Wie bereits zu Beginn erwähnt, steht George Dandin ganz allein gegenüber einer geschlossenen Front, die ihm ständig seine gesellschaftliche Inferiorität ins Gedächtnis ruft. 9 Dies geschieht dadurch, das man ihn ständig unterbricht, wenn er etwas sagen bzw. sich rechtfertigen möchte 10 oder durch Belehrungen
8 Vgl. Baader, 1980, S.441.
9 Vgl. Baader, 1980, S.442.
10 so zum Beispiel in I.4:
Dandin: „Aussi en ai-je du sujet, et…“ / Mme de S.: „Mon Dieu ! notre gendre, que vous avez peu de civilité de ne pas saluer les gens quand vous les approchez !“ Dandin: „[…] c’est que j’ai d’autres choses en tête, et…“ / Mme de S.: „Encore ! Est-il possible,….“ (I.4;S.193)
Dandin: „[…] que j’ai lieu de…“ / M. de S.: „Doucement, mon gendre. […]“
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Arbeit zitieren:
Volker Joachim Wallerang, 2003, Ständeproblematik in Molières Komödie George Dandin où le mari confondu, München, GRIN Verlag GmbH
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