1 Einleitung
Basam Tibi, der als Begründer der „Islamologie“, einer sozialwissenschaftlich ausgerichteten Islam- Forschung gilt, beschreibt in seinem Buch „Krieg der Zivilisationen“ den Konflikt der beiden größten Zivilisationen, dem Islam und dem Westen, der unsere heutige Zeit prägt. Detailliert beschreibt er, warum gerade zwischen diesen beiden Zivilisationen das Konfliktpotential so groß ist, dass es, wie sein Kollege Huntington ebenso feststellte, zum Krieg kommen könnte. Tibi distanziert sich jedoch im Laufe seines Buches deutlich von der These Huntingtons, dass es zum „Dritten Weltkrieg“ kommen wird, und kritisiert einige seiner Aussagen. Er bietet eine Alternative - den Dialog zwischen den Zivilisationen- an, der einen Zusammenprall größeren Ausmaßes verhindern soll. Im folgenden möchten wir Tibis Buch näher vorstellen
2 Tibis These
Die Globalisierung, die auf die europäische Expansion in den letzten Jahrhunderten zurückzuführen ist, führte dazu, dass sich im Sinne struktureller Vernetzungen, die Menschen
einander näher gekommen sind. Dieses „Schrumpfen der Welt“ 16 führte zur Übertragung westlicher Strukturen in Ökonomie und Politik, sowie zur Kommunikation und Transport auf den gesamten Globus. Da die westlichen Werte und Normen jedoch nicht universalisiert wurden, konnte –trotz des strukturellen Zusammenrückens der verschiedenen Kulturen- keine globale Zivilisation entstehen. Das neue Bewusstsein von der eigenen Zivilisation schafft Barrieren und trennt die Menschheit wieder. Tibi bezeichnet diese Tendenz, die parallel zur Globalisierung abläuft, als kulturelle Fragmentation. Die unterschiedlichen Weltanschauungen der Zivilisationen prallen aufeinander und kommen bei Konflikten
aggressiv zum Ausdruck. 17 Tibi, ebenso wie Huntington sprechen in diesem Zusammenhang vom „Krieg der Zivilisationen“.
Dabei vertreten beide die Meinung, dass „der zentrale Zivilisationskonflikt jener zwischen
dem Islam und dem Westen ist“. 18 Berücksichtigt man dabei die Migrationsschübe wird
16 Tibi, Bassam (2001) Krieg der Zivilisationen. Politik zwischen Vernunft und Fundamentalismus. 3. aktualisierte und
erweiterte Auflage. Wilhelm Heyne Verlag: München. S. XIX
17 Vgl. Tibi, 2001, S. 31/ 32
18 Tibi, 2001, S. 33
2
deutlich, dass dieser Zivilisationskonflikt nicht mehr nur zwischen Staaten unterschiedlicher
Zivilisationen stattfindet, sondern auch im Westen selbst. 19
2.1 Tibi- Huntington
Huntington stellt zivilisatorische Unterschiede fest und leitet auf dieser Grundlage einen
„deterministischen Zusammenprall der Zivilisationen ab“ 20 und prophezeit einen möglichen
„Dritten Weltkrieg zwischen den Zivilisationen“. 21 Tibi vertritt diese Meinung nicht. Im Gegensatz zu Huntington behauptet er, dass die
Fundamentalisten aller Zivilisationen ihre Weltanschauungen politisieren und somit einen Krieg der Zivilisationen ermöglichen, der jedoch verhindert werden kann, durch den
Kulturdialog. 22 „Im Gegensatz zu Huntington denke ich, daß diese Entewicklung durch eine
verantwortungsethische Politik abgewehrt werden kann.“ (Zitat Tibi) 23 Huntington spricht in diesem Zusammenhang von der „Verteidigung des Westens gegenüber
anderen Zivilisationen“ 24 , während Tibi die Vermittlung zwischen den beiden fordert.
3 Kritik Tibis an Huntington
Tibi und Huntington sind sich darin einig, dass es Konflikte zwischen Zivilisationen, vor allem dem Islam und dem Westen, gibt. Jedoch kritisiert Tibi Huntington darin, dass dieser
den Zusammenprall für unausweichlich hält und keine Lösungsvorschläge für den Umgang
mit dem festgestellten Konflikt anbietet. 25 Abweichend von ihm fordert Tibi als Alternative
zum Krieg den Dialog der Kulturen. 26 Huntington fürchtet ein, nach Meinung von Tibi völlig unrealistisches, islamisch- konfuzianisches Bündnis gegen die westliche Zivilisation. Dadurch, das es keine
gesamtasiatische Zivilisation gibt, wird es eine solche Allianz nicht geben. 27 Statt dessen geht der Trend dahin, dass sich Ostasien weiter entwickelt und demokratisiert, im Gegensatz zum
19 Vgl. Tibi, 2001, S. 27
20 Tibi, 2001, S. 41 21 Tibi, 2001, S. 33 22 Vgl. Tibi, 2001, S. 41 23 Tibi, 2001, S. 10 24 Tibi, 2001, S. XXIII 25 Vgl. Tibi, 2001, S. 39 26 Vgl. Tibi, 2001, S.40 27 Vgl. Tibi, 2001, S. 282/ 316
3
West- und Südasien, die derzeit durch Fundamentalismus beeinflusst werden, was die Kluft innerhalb Asiens vergrößert und somit ein Bündnis verhindert.
Tibi behauptet, Huntington hätte dies selber erkennen müssen, wenn er seiner eigenen
Forderung nachgekommen wäre, demzufolge der Westen mehr Wissen über andere Zivilisationen erwerben müsse. Seiner geforderten Erweiterung des eurozentrischen Horizonts
sei Huntington selber nicht nachgekommen, sondern statt dessen dem Eurozentrismus
verhaftet geblieben. 28 Dazu kommt noch, dass er, durch mangelndes Wissen über den Islam, Zivilisationen mit i hrer Politisierung durch den Fundamentalismus verwechselt. Er macht
keinen Unterschied zwischen Islam und Fundamentalismus. Dabei ist der Fundamentalismus die Politisierung der Weltanschauung einer religiös definierten Zivilisation und nicht die
jeweilige Zivilisation selbst. 29 Tibi kritisiert weiterhin, dass der „Dritte Weltkrieg zwischen Zivilisationen“ nicht ausgelöst werden kann, da Zivilisationen keine Armeen haben und folglich keinen Krieg im
ursprünglichen Sinn führen können. Der Islam als weltpolitischer Zivilisationsblock bleibt für
Tibi auch in Zukunft fraglich, da es bisher keine islamistische Internationale gibt. 30 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass beide Nahostexperten dasselbe Problem ansprechen,
jedoch zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen gelangen. 31
4 Gegenüberstellung der westlichen mit der islamischen
Weltanschauung
Die Religionen des Islams und des Westens möchten ihren Glauben verbreiten und zur
universell gültigen Quelle der Werte machen, welches nach Tibi zum weltanschaulichem
Krieg der Zivilisationen führt. 17 Der Islam und der Westen versuchen als einzige Zivilisationen unsere Welt, universelle Geltungsansprüche in ihren Weltanschauungen zu pflegen und prallen somit auf einander. Tibi fordert daher Toleranz der Re ligionen und das sowohl innerhalb des Glauben, wie zwischen Westchristen und Orthodoxen und zwischen
Schiiten und Sunniten im Islam, als auch zwischen den Andersgläubigen. Das Vorhandensein unterschiedlicher Weltanschauungen muss somit nicht unbedingt zum Konflikt führen. Tibi
macht aufmerksam, dass es gravierende Unterschiede in der Entwicklung gibt, dass Renaissance, Reformation, Aufklärung und die große Französische Revolution im
28 Vgl. Tibi, 2001, S. 33, 35/ 316
29 Vgl. Tibi, 2001, S. 33/ 34
30 Vgl. Tibi, 2001, S. 33/ 324
31 Vgl. Tibi, 2001, S. 328
17 Vgl. Tibi, 1995, S. 262
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Arbeit zitieren:
Susanne Lifka, 2003, Dialog der Kulturen, München, GRIN Verlag GmbH
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