Inhaltsverzeichnis
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1. Der Predigtmontag - Erste Begegnung 3
2. Der Predigtdienstag - Text und HörerInnen 5
3. Der Predigtmittwoch - Exegese 7
4. Der Predigtdonnerstag - Theologie 12
5. Der Predigtfreitag - Meditation 16
6. Der Predigtsamstag - Schreiben und Gestalten 18
7. Der Predigtsonntag - Predigt 20
8. Der Montag danach - Kritische Reflexion 25
Literaturverzeichnis 27
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1. Der Predigtmontag - Erste Begegnung
Erste Gedanken und Assoziationen
Schon beim ersten Lesen von Jesaja 50, 4-9 werde ich in die starke Bewegung des Textes hineingezogen. Es ist ein Auf und Ab der Gefühle und Gedanken. Ein nicht enger zu denkendes Gottesverhältnis - jeden Morgen weckt er mir das Ohr! - wechselt ab mit der Schilderung von Geschmähtsein und großem Leiden, um dann doch wieder, trotz diesen Leidens, dieser Anfeindungen, zu der Enge und nicht zu zerstörenden Sicherheit der Gottesbeziehung zurückzukehren. Bei dieser Dynamik des Textes bleibt aber eines beständig - das ist das tiefe Vertrauen des Sprechers zu Gott. Die beiden Pole - Niedrigkeit auf der einen und Hoheit auf der anderen Seite - tiefstes Leiden und höchste Nähe und unerschütterliche Zuversicht auf Gottes Hilfe - machen mich nachdenklich, sie verwundern mich, geben Hoffnung. Woher nimmt die Person die Kraft zu diesem festen Vertrauen auf Gott trotz der Schläge, der Schande und der Schmerzen? Woher diese absolute Sicherheit - ich werde nicht zuschanden? Woher die absolute Sicherheit, dass Gott auf ihrer Seite steht? Auch andere Fragen tauchen auf: Wer ist dieses Ich? Wer spricht hier so völlig überzeugt von seiner unzertrennlichen Beziehung zu Gott? Wer sind die Müden, die die Person trösten soll? Wann ist die rechte Zeit, zu der die Müden Hilfe, Worte brauchen? Und: weshalb leidet diese Person? Unter wem leidet sie? Kein Wort wird darüber gesagt.
Mich erstaunt die Sicherheit und Souveränität, die diese Person ausstrahlt. Souverän erträgt sie das ihr zugefügte Leiden, ja, fast geht sie ihm aktiv entgegen. Aber ebenso souverän stellt sie sich über das Leiden - sie weiß, dass sie nicht zuschanden werden wird, weil Gott auf ihrer Seite steht. Souverän, beinahe schon zu selbstbewusst, zu arrogant, ruft sie ihre Gegner vor Gericht. Sie ist sich sicher, dass das Recht auf ihrer Seite ist. Vielleicht ist es keine Arroganz, sondern ein großes „Trotzdem ist Gott auf meiner Seite!“, ein „Trotzdem“ gegen das ungerechte Leiden, dem die Person ausgesetzt ist, ein „Trotzdem“, welches auch hart macht, als letzter Ausweg, um die Anfeindungen ertragen zu können. Verhärtung heißt aber auch, die Möglichkeit zur Kommunikation, zum Dialog mit seinen Gegnern zu verlieren. Menschen zeigen keine Gefühle, erscheinen gleichgültig, können nicht mehr auf andere eingehen, sind nicht mehr sensibel für deren Probleme und Sorgen. Aber spreche ich dies nicht aus der
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Sicht eines Menschen, der nicht leidet, der nicht solchen Schmerzen ausgesetzt ist? Ist es dann nicht zu einfach, Dialogfähigkeit zu fordern? Kann ich den Zustand der starken Schmerzen überhaupt nachvollziehen? Ist das Verhärten in solch einer Lage nicht vielleicht die einzige Möglichkeit, um keine Gegengewalt anzuwenden? Am Ende kündigt die Person souverän ihren Feinden, unter denen sie gelitten hat, an, dass diese untergehen werden. Es fällt mir schwer, damit umzugehen. Auf der einen Seite ärgert sie mich hier an dieser Stelle. Die Person hat es nicht nötig auf dieses Mittel zurückzugreifen, sie sollte doch über solchen Dingen stehen. Sie weiß sich doch vor Gott im Recht. Auf der anderen Seite erscheint mir die Rache aber auch verständlich. Es ist die Rache des gedemütigten Opfers. Und es ist eine Rache, die in Gottes Hand gelegt wird, weggenommen aus menschlicher Unberechenbarkeit. Der Text spricht vor allem die Sinne des Hörens und Sehens an. Die anderen - Fühlen, Riechen und Schmecken - stehen nur am Rande.
Ich höre und fühle einen neuen Morgen. Vögel wecken mich, die Sonne, ihre Strahlen wärmen mich. Aber auch der Wecker reißt mich manchmal aus dem Schlaf. Ich erinnere mich an Aufträge, ich höre Aufgaben, die ich erfüllen muss, die mir eine Last sind, denen ich nicht entgehen kann, andere, die mir Freude bereiten. Ich höre Schreie des Leidens, die voll Schmerz sind, voll Verzweiflung und voll Anklage. Schreie über Unrecht, welches Menschen von anderen Menschen zugefügt wird. Schreie der Opfer, denen kein Ausweg geblieben ist. Zugleich aber auch Schreie, die entschlossen sind, die ein entschiedenes „Trotzdem! Jetzt erst recht!“ ausdrücken.
Ich sehe die Opfer, die gedemütigten Menschen - im Krieg, in Gerichten, Menschen die verfolgt werden wegen ihrer politischen oder religiösen Überzeugungen. Ich sehe gebeugte, alte, müde und kranke Menschen, die auf ein Wort hoffen, auf Hilfe in ihrer speziellen Situation. Ich sehe harte, gezeichnete Gesichter, die Entbehrungen, Ängste, Bitterkeit und Enttäuschungen erahnen lassen. Augen, die erloschen sind, dann aber auch Augen, die eine sichere Zuversicht ausstrahlen, die voll Hoffnung sind inmitten von Schmerz und Ausweglosigkeit. Ich sehe Menschen, die furchtlos für eine neue Welt, für Gerechtigkeit und Frieden eintreten, in tiefem Vertrauen darauf, dass sie im Recht sind, dass Gott auf ihrer Seite ist. Ich sehe Auseinandersetzungen vor Gerichten, in denen beide Seiten auf ihr Recht pochen.
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Die anderen Texte des Gottesdienstes
Die zum Palmsonntag gehörenden Texte sind: das Evangelium Joh 12, 12-19, die Epistel Phil 2, 5-11, als Psalm Ps 69, 2-4.8-10.21b-22.30, der Wochenspruch Joh 3, 14f und das Wochenlied „Du großer Schmerzensmann“ (EG 87). Auf zwei Aspekte des Predigttextes fällt im Zusammenklang mit den anderen Texten ein neues Licht. Sie erhalten eine neue Deutung und Richtung. Zum einen wird das Leiden besonders im Psalm eindrücklicher geschildert. Die Schmerzen und die Ausweglosigkeit des leidenden Menschen werden in vielen Bildern beschrieben - das Wasser geht bis zur Kehle, im Schlamm versinken, die Augen sind trübe geworden. Im Philipperhymnus wird die Freiwilligkeit des Leidens unterstrichen, seine Folgen werden verschärft: das Leiden führt bis zum Tod. Auch im Wochenlied wird dies zum Ausdruck gebracht. Dort tritt noch der Aspekt des stellvertretenden Leidens und Todes hinzu - Jesus Christus ist für unsere Sünden in den Tod gegangen, damit wir leben können.
Nicht zu trennen davon ist der zweite Aspekt, die Deutung des „Ich“ aus dem Text auf Christus. Im Evangelium ist diese Deutung angelegt - Jesus, der in Jerusalem einzieht, begrüßt als neuer König, von allen verehrt und umjubelt, geht der Schmach und Schande und seinem Leiden entgegen. In der Epistel, im Wochenlied und Wochenspruch kommt diese Deutung klar zum Ausdruck. Damit ist eine Auslegung von Jes 50, 4-9 schon vorgegeben. Inwieweit diese Deutungen jedoch hilfreich sind für die Predigt und inwieweit ich ihnen folgen werde, muss sich in den folgenden Arbeitsschritten erweisen.
2. Der Predigtdienstag - Text und HörerInnen
Der Gottesdienst, in dem ich die Predigt halten werde, findet in einem von der Diakonie getragenen Altenheim in Hagenow / Mecklenburg-Vorpommern im Rahmen meines Gemeindepraktikums statt. Zu den regelmäßig am Freitagmorgen stattfindenden Gottesdiensten kommen meistens zwanzig bis dreißig Menschen, überwiegend BewohnerInnen des Heimes, nur in Ausnahmefällen MitarbeiterInnen. Den TeilnehmerInnen sind nach meinem Eindruck - ich war vor meiner Predigt einige Male dort im Gottesdienst - der vertraute Ablauf des Gottesdienstes, die Liturgie, bekannte Lieder, Psalmen und Gebete wichtiger als die Predigt. Einige können
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aufgrund von altersbedingten Krankheiten der Predigt nicht mehr folgen. Diese Situation erschwert es natürlich zu predigen, auch wenn die Gemeinde eine sehr spezifische ist, was das Halten einer Predigt eigentlich erleichtern sollte. Im Folgenden möchte ich mich nicht nur auf die Situation der spezifischen HörerInnen und die Gefühle und Gedanken beschränken, die der Predigttext bei ihnen auslösen könnte, um die Breite des Textes nicht von vornherein einzuengen. Wenn Menschen in Hagenow, in der ehemaligen DDR, diesen Text hören, so können die unterschiedlichsten Erfahrungen hervorbrechen. 1
Da ist eine Frau mittleren Alters, aufgewachsen in der DDR. In ihren Möglichkeiten ist sie immer beschnitten worden. Sie war kein Mitglied der Pioniere und der FDJ. Deshalb bekam sie keine Zulassung für die EOS und konnte deshalb natürlich auch nicht studieren. Sie war engagiert in der Kirche. Sie konnte davon nicht lassen, es war wie ein Getriebensein. Oft empfand sie es als eine Last, nicht aus der Kirche herauszukommen, anders sein zu müssen und einfach nicht loslassen zu können. Sie war Außenseiterin, wurde verlacht, oft wurde versucht, sie umzustimmen, sie von der Kirche „wegzubekehren“. Verzweiflung und ein Gefühl des Verlassenseins waren ihre ständigen Begleiter. Und dennoch war da das Paradox des Angetriebenseins, ein Trotzdem auch gegen ihren Willen, ein Nicht-anders-können. Immer wieder hörte sie in sich eine Stimme, die sie aufforderte, weiterzugehen, nicht aufzugeben. Sie war hin und her gerissen zwischen Klage und Weglaufen und der Aufgabe, die sie in sich spürte.
Da ist ein junger Mann, der keine Lehrstelle gefunden hat. er fühlt sich nutzlos und unerwünscht. Alle Wege und Möglichkeiten erscheinen ihm verschlossen. Er ist müde geworden, Bewerbungen zu schreiben nach zahlreichen Ablehnungen. Sein Selbstbewusstsein, sein Vertrauen in seine Fähigkeiten sind ihm verloren gegangen. Er lebt in den Tag hinein, ohne Hoffnung auf eine Zukunft. Resignation und Müdigkeit halten ihn gefangen. Er weiß nicht mehr weiter. Eine alte Frau. Unzählige Schläge haben sie getroffen in ihrem Leben. Geboren in Russland als Deutsche, früh sind ihre Eltern gestorben. Im Krieg als Kollaborateurin angesehen wurde sie in ein Lager verschleppt. Harte Arbeit bei niedrigsten Temperaturen, Hunger und Angst um ihr Leben bestimmen ihre nächsten Jahre. Dann wurde sie in Kasachstan angesiedelt, eine kurze ungestörte, vielleicht sogar glückliche
1 Die Menschen, von denen im Folgenden die Rede ist, sind nicht erfunden. Die Gedanken und Gefühle, die ich wiedergebe, beruhen auf Gesprächen, die ich während des Gemeindepraktikums geführt habe.
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Zeit. Schon bald ändert sich dies aber - sie ist nationalistischen Anfeindungen ausgesetzt - sie ist doch eine Fremde in ihrer neuen Heimat. Dann die Möglichkeit, in die BRD auszureisen. Es gelingt nach einem entwürdigenden Antragsprozess. Aber auch hier ist sie wieder eine Fremde, sie bekommt es zu spüren im Umgang der Einheimischen mit ihr. Ihre Verwandten, die mit ihr zusammen ausgereist sind, haben sie vergessen. Jetzt lebt sie im Altenheim, allein. Sie fühlt sich verstoßen und verlassen von den Menschen und auch von Gott. Sie ist verhärtet und verbittert. Manchmal geht sie zum Gottesdienst, um anzuklagen. Warum musste sie ihr ganzes Leben dieses Unrecht erleiden? Warum leben die Menschen, unter denen sie zu leiden hatte so gut? Steht Gott auf deren Seite? Aber neben der Anklage hofft sie auch auf ein Wort des Zuspruchs, auf ein Wort, welches sie aus ihrer Verzweiflung und Verlassenheit herausholt, sie wieder ein Stückchen aufrichtet. Da ist eine junge Frau. Sie fühlt sich unverstanden, in dem, was ihr wichtig ist, was sie denkt und fühlt. Die Welt um sie herum lebt anders. Sie verzweifelt daran, dass die Kirche hier in der ehemaligen DDR so eine kleine Minderheit darstellt und dass eine hoffnungsvolle Entwicklung nicht abzusehen ist. Viele Menschen reiben sich auf für die Sache der Kirche. Die Reaktionen und Erfolge sind spärlich. Sie verzweifelt an der Ohnmacht Gottes, fragt, warum er seine Kirche nicht unterstützt. Und sie fragt, warum in dieser Gesellschaft die VerliererInnen und Schwachen immer wieder von den Mächtigen und SiegerInnen niedergedrückt werden, wo da die Gerechtigkeit bleibt. Nicht zuletzt fragt sie, wo die Kirche in solchen Konflikten steht, warum sie sich oft so schwer tut, klare Worte für die Sache der Schwachen und Armen, zu sagen, für diejenigen, die Unrecht erleiden. Gott hat sich doch diesen Menschen zugewandt! Warum verkündet das die Kirche nicht in ihren Worten und in ihrem Handeln? Immer wieder wird sie von Resignation ergriffen. Oft ist sie müde und will nicht mehr weiterkämpfen.
All diese Erfahrungen lassen die Worte des Textes konkreter werden: Verdeutlichung der Leidenserfahrungen, der schwierigen Nähe Gottes, des Trotzdem, Erfahrungen der Ausweglosigkeit, des Schmerzes, des oft ungerechten Leidens, des Getriebenseins, Erfahrungen der zugesprochenen Hilfe und trotzdem des Schweigens. Sie lassen erahnen, wie wichtig den Menschen ein Zuspruch Gottes ist, sie schreien förmlich danach. Es kommt deshalb darauf an, diesen Menschen mit ihren Hintergründen und Erlebnissen neue Kraft und neuen Mut zuzusprechen, ein Wort zu sagen, welches sie
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Winfried Kändler, 2000, Predigtarbeit zu Jesaja 50, 4-9, Munich, GRIN Publishing GmbH
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