Antworten anthroposophischer Heilpädagogik auf ethische Fragestellungen im Kontext medizinischen
daß meine Handlungen immer mehr der Idee ähnlich werden,
die ich mir von der Vollkommenheit gemacht habe,
daß ich täglich mehr Leichtigkeit fühle, das zu tun, was ich für recht halte,
deren Verderben ich so tief eingesehen habe, erklären?
Für mich nun einmal nicht. Ich erinnere mich kaum eines Gebotes;
nichts erscheint mir in Gestalt eines Gesetzes;
es ist ein Trieb der mich leitet, der mich immer recht führet;
ich folge mit Freiheit meinen Gesinnungen,
und weiß so wenig von Einschränkungen wie von Reue.
Gott sei Dank, daß ich erkenne, wem ich dieses Glück schuldig bin,
auf mein eigenes Können und Vermögen stolz zu werden,
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und gesellschaftlichen Handelns aus utilitaristischer Sichtweise
Gliederung
1. Vorwort 5
2. Einleitung 5
3. Methodische Vorgehensweise - Hermeneutik 9
4. Begriffsfindung 13
5. Gesellschaftliche Überlegungen und der Begriff der Wissenschaft 16
5.1 Prägende Aspekte des Denkens im angehenden 21.Jahrhundert:
Individualisierung, Flexibilität und Utilitarismus 19
5.2 Zum Begriff der Geisteswissenschaft aus anthroposophischer
Sichtweise 22
6. Anthroposophisches Menschenbild als Grundlage pädagogischen
Handelns 23
6.1 Der Mensch aus Sicht der Anthroposophie 26
6.2 Viergliederung des menschlichen Organismus 29
6.3 Menschliche Entwicklung in Jahrsiebten 32
6.4 Die Idee der Reinkarnation in der anthroposophischen
Erkenntnistheorie 35
6.5 Zum Zusammenhang von Reinkarnation und Karma 38
6.6 Die zwölf Sinne 39
6.7 Begabung und Behinderung aus Sicht der Anthroposophie 43
6.8 Anthroposophische Erklärungsansätze für ausgesuchte
Behinderungsformen 45
7. Basis für ethische Begründungen im Kontext aktueller Diskussionen
der Biogenetik und Implikation rechtlicher Rahmenbedingungen: 50
7.1 Pränataldiagnostik 51
7.2 Präimplantationsdiagnostik 56
7.3 Leidargumentation und gesellschaftlicher Einfluss 59
7.4 Pränataldiagnostik und Schwangerschaftsabbruch: Der Paragraph
218 und die medizinische Indikation als Möglichkeit selektiven
Aborts. 61
7.5 Zum Zusammenhang aktueller medizinischer Haltung und Eugenik: 66
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und gesellschaftlichen Handelns aus utilitaristischer Sichtweise
7.6 Exkurs: Zum Person-Begriff der Bioethik: Peter Singer 67
7.7 Zur Problematik des Person-Begriffs 69
8. Begründung einer Ethik aus anthroposophischem Menschenbild 72
9. Schnittstellen zu einer Ethik aus sonderpädagogischer Sicht. Ein
kritisches Resumée 77
10. Literaturverzeichnis 82
11. Internetquellen: 87
12. Abbildungsverzeichnis 89
13. Abkürzungsverzeichnis 89
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1. Vorwort
Die anthroposophische Heilpädagogik nimmt im Rahmen des Studiums der Sondererziehung und Rehabilitation von Menschen mit Erschwerungen an Teilhabeprozessen durch k örperliche Behinderungen oder chronische E rkrankungen an der Universität zu Köln einen geringen Rahmen ein, obwohl ihre Einflüsse auf die Fachrichtung nicht unbeachtet bleiben können. Nicht zuletzt hängt dieses Faktum sicherlich mit der zumindest teilweise empfundenen Isolierung der Anthroposophen von der staatlich geförderten Wissenschaft ab. Verschiedene Kontakte innerhalb meiner Studienzeit zu Menschen, die im anthroposophisch orientierten Umfeld pädagogisch oder heilpädagogisch tätig sind und ein wachsendes Interesse, das einer zunächst sehr kritischen Einstellung entsprang, sich aber im Laufe der näheren Beschäftigung mit der Thematik und einem gewachsenen Maß an Einblick in das anthroposophische Menschenbild gewandelt hat, hin zu einer positiven Meinung gegenüber dieser Form der Betrachtung des Menschens und einer sich daraus begründenden Pädagogik, sind der Antrieb für mich gewesen, sich mit einer Thematik wie dieser im Rahmen der schriftlichen Hausarbeit zu befassen. Die Beschäftigung mit einem Menschenbild, wie beispielsweise dem innerhalb der Anthroposophie, führt stets zu ethischen Fragestellungen. Vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse und einem sich wandelnden Bild von Behinderung war gerade die Frage nach Antworten aus anthroposophischer Sichtweise für mich von Bedeutung.
2. Einleitung
Das Echo um die Diskussion des Imports embryonaler Stammzellen ist weitestgehend verklungen. Talkshows und Öffentlichkeit beschäftigen sich e rneut mit anderen Problemen täglicher Innenpolitik oder den globalen Themen der Außenpolitik. Das kurzzeitig gesellschaftlich intensiv und kontrovers diskutierte Thema, das den Blick öffnete für den weiteren Kontext biogenetischen Handelns, ist wieder zum Thema der Fachwelt g eworden und aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit geraten. Die hinter der Diskussion stehende wissenschaftliche Meinung, die Grundlage nicht nur für die Stammzellenforschung, sondern für das Gesamtfeld biotechnologischer Forschung ist, menschliches Leben verbessern zu können und Krankheiten und Behinde-
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rung grundsätzlich vermeidbar zu machen, stellt eine Möglichkeit dar, die erst bei näherer Befragung ihre ethischen Konsequenzen zeigt. Jedoch offenbart schon das rapide Wachstum der Biotechnologiebranche und der wachsende ökonomische Einfluss deutlich, dass nicht allein Heilung und medizinisches Handeln auf Grundlage des hippokratischen Eides die Triebfeder biotechnologischen Fortschritts darstellen können.
Im transportierten biologisch-pragmatischen Menschenbild, welches vermittelt, menschliches Leben sei primär bestimmt durch biologische Voraussetzungen, zeigt sich eine neue Qualität zwischenmenschlicher Beziehung, welches schon darin ihren Ausdruck findet, dass die biotechnologische Forschung horrende staatlich ökonomische Zuwendung erfährt, während die sozialen S icherungssysteme, zu Lasten der Menschenwürde, einer rigiden Sparpolitik unterworfen werden. Der Frauenarzt MARIS kommt zu der These: „Der biotechnische Reichtum zeigt in beschämender Weise unsere ethische Armut. Aber niemand bemerkt es - vielleicht, weil es so viele Ethik-Kommissionen gibt, oder weil so inflationär mit Begriffen wie Menschenwürde, Respekt vor dem Leben, Achtung vor der Schöpfung argumentiert wird?“ (MARIS, 2002, keine Seitenangabe) Den tradierten moralischen christlichen Instanzen kommt die Aufgabe zu, den Werteverfall gegenüber menschlicher Würde und dem uneingeschränkten Lebensrecht zu verteidigen. Doch schon die ambivalente Haltung in der Frage des Schwangerschaftsabbruchs zeigt, wie wenig moralischen Einfluss die christliche Denktradition noch hat, und welchen Einfluss das aufgezeichnete Menschenbild ausübt. Utilitaristischökonomische Argumente hinsichtlich der gesellschaftlichen Verwertbarkeit von Menschen die eine, unterschiedlich definierte, Norm nicht erfüllen, e rschweren vor dem Hintergrund der globalen sozioökonomischen Krise eine kritische Haltung und eine klare Aussage gegenüber jeder Form menschlichen Lebens zusätzlich. Gegen die Gefährdung der Menschenwürde und der Frage nach der Unantastbarkeit menschlichen Lebens vermag die Politik, so scheint es zumindest, lediglich noch Ethik-Kommissionen einzusetzen, deren Aufgabe es ist, ‚Mindest-Würde’ zu definieren, die dann gesetzlich festgehalten werden kann und die den kleinsten gemeinsamen Nenner ethischer Positionen darstellt.
Die deutliche Herausforderung liegt daher darin, klare ethische Grundlinien aufzeigen, die über tägliches moralisches Handeln hinausgehen und eine
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stabile längerfristige Basis für Handeln aufzeigen, das konsequent die Würde und die Unantastbarkeit jedes Menschen garantiert und die ihre Legitimation nicht aus einer nicht nachvollziehbaren moralischen Autorität, sondern aus der rationalen Reflexion über den Wert des Menschen schließt, die konsequent den Individualismus betont.
Der Sonder- und Heilpädagogik kommt daher eine besondere Aufgabe zu, die es nicht nur rechtfertigt, sich mit ethischen Themen im Rahmen des Studiums und im weiteren Berufsleben zu beschäftigen, sondern die grundlegend für die tägliche Arbeit ist und aufgrund dessen besonders reflektiert werden sollte. Diese Aufgabe muss sein, „die moderne Leistungsgesellschaft mit ihren eigenen und vielleicht eigenartigen Wertschätzungen kritisch zu hinterfragen und ihren Beitrag zu leisten, Handeln und Handlungsfähigkeit des Menschen in einer erschwerten Lebenslage zu erweitern und damit seine Selbstbestimmung und Autonomie zu fördern.“ (BUNDSCHUH, 2002, S.99). Dieser Aufgabe der Sonderpädagogik, als angewandte und praxisorientierte Disziplin, kommt ihre besondere Bedeutung zu und die Thematisierung und Reflexion von Menschen in Problemsituationen, um diese abzuwenden und Erleichterung im Leben zu schaffen, ist essentielle Legitimation der Wissenschaft Sonder- und Heilpädagogik. (vgl. ebd.)
Die vorliegende Arbeit soll ihren kleinen Teil zu dieser Aufgabe beitragen, in dem sie weitere anthropologische Antworten aus einer anderen, nämlich der anthroposophischen Perspektive, auf ethische Fragestellungen aufzeigt. Eine solche Perspektive vermag in einem Menschenbild, welches nicht nur den biologischen, sondern auch den biographischen Anteil menschlicher Existenz konsequent betrachtet, den Menschen nicht nur rational als biologisches Verstandwesen zu erfassen, sondern als Einheit aus biologischer Körperlichkeit und geistig-seelischem Ich-Wesen.
Ethische Fragestellungen stehen im Zusammenhang von B ehinderung in enger Verbindung mit den Begriffen Erziehung und Bildung, die den Hinter-grund für schulisches Lernen bilden. Diesen Wert zu erhalten und somit das Bildungsrecht für Menschen mit Einschränkungen in Teilhabeprozessen durch Behinderungen zu sichern, welches in hochgradig enger Verbindung steht mit dem Lebensrecht behinderten Lebens, muss auch weiterhin entscheidende Aufgabe heilpädagogischen Handelns sein. FORNEFELD drückt
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diesen Zusammenhang und seine Gefährdungen durch moderne gesellschaftliche Diskurseinflüsse aus wenn sie anführt: „Erziehung bleibt im Kern also immer ein ethisches Geschehen, auch wenn das in unserer modernen, wertveränderten Gesellschaft so nicht mehr gesehen wird“ (FORNEFELD, 2001, S.141):
„Erziehung ist also viel mehr als die bloße Vermittlung von Kompetenzen und Fertigkeiten, mehr als die bloße Anwendung sonderpädagogischer Konzepte und Methoden. Es geht in ihr um mehr als nur um die Gewährung von Freiräumen für behinderte Menschen. E rziehung und Bildung müssen der Selbstgestaltung des Menschen dienen.“ (FORNEFELD, 2001, S.141)
Der moderne wertverändernde Gesellschaftsentwurf, der von der Autorin angeführt wird, ist gekennzeichnet durch Individualismus, individuelle Freiheiten und innere Unabhängigkeiten. Die mit diesen Schlagworten einhergehenden Veränderungen für die Gesamtgesellschaft aber auch für den Einzelnen sind gravierend und erfordern sowohl einen großen gesellschaftlichen Diskurs über den Wert des Menschen als auch die notwendige Reflexion über ethische Grundwerte in jedem einzelnen Menschen. Ein Ereignis in der jüngeren Geschichte hat mit einem solchen Schlag so weltumfassend verdeutlicht, dass jedoch völlige Individualität, ein „Abmelden“ aus dem Gang der Menschheitsgeschichte nicht möglich ist. Der Terrorakt vom 11.September 2001, der das World Trade Center in New York zerstörte und das Pentagon in Washington schwer beschädigte, mag vielleicht dazu beitragen, dass eine neue Qualität von Mitverantwortung abseits demokratischer Institutionen sich im Einzelnen manifestiert und zu einer selbstverant-worteten, lebensbejahenden, situativen Ethik führt (vgl. GLÖCKLER, 2002, S.9ff.).
Die vorliegende Arbeit versucht einen weitgehend fachrichtungsübergreifenden Beitrag zu leisten und geht lediglich in einigen gesonderten Unterkapiteln auf die besonderen Fragestellungen ein, die sich für die Pädagogik und Rehabilitation für Menschen mit Erschwerungen in Teilhabeprozessen durch körperliche Beeinträchtigungen und chronischen E rkrankungen ergeben. Sie folgt damit der Entwicklung der Diskussion, die sich in der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und in der Salamanca-Erklärung der UNESCO ( Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation) widerspiegelt.
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„Die Pädagogik für besondere Bedürfnisse verkörpert die bewährten Prinzipien einer guten Pädagogik, aus der alle Kinder Nutzen ziehen können. Sie geht davon aus, daß menschliche Unterschiede normal sind, daß das Lernen daher an die Bedürfnisse des Kindes angepaßt werden muß und sich nicht umgekehrt das Kind nach vorbestimmten Annahmen über das Tempo und die Art des Lernprozesses richten soll.“ (UNESCO, Salamanca-Resolution, 1994)
Der Übergang von einer Sonder-Pädagogik im Sinne einer Sonderschulpädagogik zu einer Pädagogik für Menschen mit besonderem individuellen Förderbedarf spiegelt sich auch in aktuellen Wandlungen des Selbstverständnisses der Heilpädagogisch-Rehabilitationswissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln wieder.
„Die Relevanz der sonderpädagogischen Lehrerausbildung verdeutlicht der aktuelle und zukünftige Bedarf sonderpädagogischer Fachkräfte. [...] Dazu gehört auch, Perspektiven für eine zukünftige Umstrukturierung und Neuorientierung im Hinblick auf eine fachrichtungsübergreifende Ausbildung und eine vorrangige Orientierung an den verschiedenen Förderschwerpunkten zu entwickeln.“ (HRF, Fakultätsbericht, 2000)
„Die Standard Rules und die Salamanca Resolution verstärken mit ihren Perspektiven diese Sicht. Die Heilpädagogische Fakultät ist offen, sich mit diesen Erkenntnissen ernsthaft auseinanderzusetzen. Sie nimmt Abstand von behinderungsspezifischen Zuschreibungen und verpflichtet sich der Aufgabe einer Pädagogik für Menschen mit besonderen Lern- Entwicklungs- und Lebensbedürfnissen. Diese Orientierungsgröße liegt allen Lebensphasen zugrunde.“ (HRF, Innovationsprofil, 2000)
Um diesem umfassenden Verständnis von Behinderung gerecht zu werden und n icht zu weiterer Stigmatisierung beizutragen, die meines Erachtens durch eine spezielle Sonderpädagogik gegenüber einer holistischen Sichtweise des Phänomens Behinderung entsteht, wird die Arbeit Behinderung umfassender skizzieren als lediglich vom Gesichtspunkt einer körperlichen Beeinträchtigung her.
3. Methodische Vorgehensweise - Hermeneutik
Erziehungswissenschaft als Theorie der Erziehungswirklichkeit ist als Wissenschaft nur möglich, wenn sie den vorgegebenen erzieherischen Lebens-, Wirkungs- und Handlungsrahmen im Hinblick auf ihre Zusammenhänge und Strukturen methodisch klar vergegenwärtigen kann. Aus diesem Grunde werde ich im Folgenden auf die Methodologie der vorliegenden Arbeit eingehen. Unter Methodologie im wissenschaftlichen Sinn wird die Beschäftigung mit Problemen und Möglichkeiten von verschiedenen Zugangsweisen
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oder Wegen der Problemfindung einer wissenschaftlichen Disziplin verstanden. Hierbei lassen sich in der Erziehungswissenschaft mehrere methodische Ansätze erkennen. Auf den in dieser Arbeit verwendeten Ansatz, die Hermeneutik, wird im Folgenden eingegangen werden.
Der Begriff Hermeneutik stammt aus dem Griechischen. Das Verb „hermeneúein“ bedeutet in etwa soviel wie aussagen, auslegen und übersetzen. In den sich zwar unterscheidenden Bedeutungen wird aber deren eigene Intention klar, die Bedeutung von Hermeneutik als Technik der Auslegung und Deutung, als Möglichkeit des Verstehens und Verstehen-Könnens, als Vermittlung aber auch von Verstehen. DANNER bezeichnet aus diesem Grund die Hermeneutik als „Kunst der Auslegung“ (vgl. ders., 1998, S. 31). Er betont jedoch, dass der Begriff der Kunst nicht im heutigen Sinn verbunden mit jener ihr inneliegenden Subjektivität zu verstehen sei, sondern vom griechischen Terminus der techné hermeneutiké her, der diese mehr als handwerkliches Können, als Kunstfertigkeit versteht (vgl. DANNER, 1998, S. 32). In der Auslegung ist jedoch nicht gemeint, dass der Forschende eine E rkenntnis nur weitergibt, sondern, dass er in diesem methodischen Verfahren selber zu einem tieferen Verständnis kommt (vgl. KLAFKI, 2001, S. 127). Der Begriff Hermeneutik bedeutet demzufolge die doppelte Auslegung der „Auslegungskunst selbst“ und die „Theorie der Auslegung“ (DANNER, 1998, S.32). Hermeneutik als Auslegungskunst bezieht sich im allgemeinen Verständnis auf mehrere Bereiche. Sie ist mehr als reine Textauslegung, obwohl dieser ein großer Stellenwert beigemessen wird. Hermeneutisches Verstehen bezieht sich auf eine Reihe von menschlichen Bereichen, das heißt im Allgemeinen auf die Produkte menschlichen Handelns. Diese weite Definition hat ihre Ursprünge in verschiedenen historischen Strömungen: Der philologisch-historischen Hermeneutik, der theologischen Hermeneutik und der juristischen Hermeneutik. Während die philologisch-historische Hermeneutik die engste Verknüpfung zu reiner Textauslegung im engeren Sinne hat, beschäftigt sich die theologische Hermeneutik mit dem Verständnis und der Auslegung biblischer Texte. Die juristische Hermeneutik hingegen befasst sich mit der Auslegung und Anwendung von Gesetzestexten im konkreten Einzelfall.
Als „Kunstlehre des Verstehens“ verstanden unternahm erst F.E.D. Schleiermacher (1768-1834) den Versuch eine Allgemeine Hermeneutik zu entwi-
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ckeln, die hinter die spezifischen, speziellen Hermeneutiken und deren Vielzahl von Regeln zurückging. (vgl. ebd.). Weiterentwicklungen erfolgten durch W.Dilthey (1833-1911) und später H.G.Gadamer (1900-2002) (vgl. ders., 1998, S. 33). Den Kernpunkt der hermeneutischen Methode bildet der Begriff des Verstehens. Im Unterschied zur alltäglichen Begriffsfüllung, die Verstehen als unmittelbar und unreflektiert sieht, ist Verstehen in der Hermeneutik ein Vorgang, der sich in seiner Struktur, in seiner Leistungsfähigkeit und seiner Komplexität zeigen soll (vgl. ders., 1998, S. 35). Der hier angedeutete Unterschied macht deutlich, dass es neben elementarem Verstehen, also dem, was der Mensch in seiner Umwelt unreflektiert erfasst, noch ein weiteres, das höhere Verstehen geben muss, welches sich um bewusstes und reflektierendes Verstehen bemüht. Das höhere Verstehen baut auf dem elementaren Verstehen auf und „stellt einen individuellen oder einen allgemeinmenschlichen Lebenszusammenhang her.“ (ders, 1998, S. 45). Im Weiteren lassen sich die beiden Begriffe „Verstehen“ und „Erklären“ unterscheiden:
„Verstehen ist das Erkennen von etwas als etwas (Menschliches) und gleichzeitig das Erfassen seiner Bedeutung: Irgendwelche Laute erkenne ich als Worte und erfasse deren Bedeutung.
Erklären dagegen ist das Herleiten von Tat-sachen aus Ur-sachen, das Ableiten einer Gegebenheit von einem Prinzip: Die Fallgesetze erklären das Fallen eines Steines.“ (ders., 1998, S. 36)
Die Unterscheidung zwischen Verstehen und Erklären wird als begriffliches Instrumentarium benutzt um Sachverhalte zu verdeutlichen. Verstehen ist die Frage nach dem was jemand tut oder als was es erscheint und nicht nach dem, warum er es tut oder warum etwas so ist, wie es ist, denn diese Frage bezieht sich auf das Erklären. Des weiteren ist die Beachtung der Unterscheidung hermeneutischen Verstehens gegenüber dem Begriff des psychologischen Verstehens von Bedeutung, welche in diesem Zitat verdeutlicht wird:
„Hermeneutisches Verstehen ist in erster Linie Sinn-Verstehen. Psychologisches Einfühlen, Sich-hineinversetzen in den anderen macht darum nicht das gesamte hermeneutische Verstehen aus, es kann als Sonderfall von Verstehen begriffen werden.“ (DANNER, 1998, S. 44)
Somit richtet sich Verstehen immer auf menschliche Handlungen in sprachlicher oder nichtsprachlicher Form, auf Sinn-Verstehen, welches für die Hermeneutik von größerer Bedeutung ist als psychologisches Verstehen. G enauso steht höheres Verstehen über elementarem Verstehen.
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Um das Zustandekommen von höherem Verstehen aus elementarem Verstehen zu beschreiben wird der hermeneutische Zirkel angewandt, der als eine der bekanntesten M ethoden hermeneutischen Arbeitens gilt. Dieses Modell, das hermeneutisches Arbeiten erklären will, enthält ein Paradoxon: Das, was verstanden werden soll, muss schon vorher irgendwie verstanden worden sein. Um an diese Aussage zu gelangen muss erkannt werden, dass das Erreichen höheren Verstehens nicht geradlinig, also von einer Erkenntnis zu der nächsten, sondern eher in einer Kreisbewegung verläuft. Dieses
wodurch der Hermeneutische Zirkel mehr als lediglich eine bloße Addition verschiedener Elemente darstellt.
Die Hermeneutik als Methode für die Erarbeitung dieser Arbeit ergibt sich aus der vorgegebenen Themenstellung. Die Problematik, sich mit einem bestimmten Menschenbild unter besonderen Fragestellungen zu befassen verlangt eine Auseinandersetzung mit Ansichten und Aussagen verschiedenster Autoren. Eine immer tiefere Diskussion eröffnet die Möglichkeit, über ein wachsendes höheres Verständnis verschiedener anthropologischer Grundannahmen Erklärungen im Sinne des oben vorgestellten Prinzips des hermeneutischen Zirkels zu erlangen. Die einzelnen Aspekte sollen deshalb nicht unverbunden nebeneinander stehen bleiben, sondern im Verlauf der Arbeit vertieft und im a bschließenden Kapitel „Schnittstellen zu einer Ethik aus sonderpädagogischer Sicht. Ein kritisches Resumée“ miteinander in Beziehung gesetzt werden um eben Verbindungen aufzuzeigen.
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4. Begriffsfindung
Der Titel der vorliegenden Arbeit lautet „Antworten anthroposophischer Heilpädagogik auf ethische Fragestellungen im Kontext medizinischen und g esellschaftlichen Handelns aus utilitaristischer Sichtweise“. Um sich dem Themenkomplex nähern zu können, ist es u nabdingbar, sich den Begriffen der Anthroposophie, anthroposophischer Heilpädagogik, dem Begriff der Heilpädagogik und dem des Utilitarismus zu nähern. Natürlich werden die Komplexe an dieser Stelle nur angeschnitten werden können, ihre kurze Darstellung ist jedoch von Relevanz für das Verständnis der weiteren Arbeit.
Heilpädagogik bezeichnet die Theorie und Praxis die sich auf die Erziehung, den Unterricht und die Therapie von Menschen bezieht, die aufgrund individueller und sozialer Lern- und Entwicklungsbehindernissen auf besondere Unterstützung und Hilfe angewiesen sind, um ein menschenwürdiges Leben führen zu können (vgl. SPECK, 1998, S. 71). Obgleich der Begriff schon im 19. Jahrhundert verwendet wurde, wird er heute wieder präferiert gegenüber den Begriffen der Sonderpädagogik, Behindertenpädagogik oder Rehabilitationspädagogik, die, mit etwas unterschiedlicher Akzentuierung, Synonyme darstellen. SPECK weist auf die Veränderung des Begriffsverständnisses und deren aktueller Zielsetzung als ganzheitliche, systemische Wissenschaftsdisziplin hin:
„Der Inhalt von Heilpädagogik ist ausgesprochen pädagogisch bestimmt: Er weist auf eine pädagogisch-normative Aufgabenstellung und Zielsetzung hin, nämlich auf das, was werden soll und kann, und nicht auf das, was faktisch behindert ist (Behinderungspädagogik). Das Präfix „Heil“ wird im Sinne eines ganzheitlichen, auf personales und soziales Ganzwerden (Integration) ausgerichteten Ansatzes verstanden.“ (SPECK, 1998, S. 72)
Das Wort Anthroposophie setzt sich zusammen aus den Wörtern ánthropos (griechisch: Mensch) und sophia (griechisch: Weisheit). Die von Rudolf Steiner (1861-1925) entwickelte Lehre strebt danach, menschliche Erkenntnisfähigkeit zu entwickeln und diesen zur Erkenntnis des Geistigen im Mensch und seiner Umwelt zu führen. Wichtiges Merkmal der anthropologischen Grundlagen der Anthroposophie ist zudem die Anerkennung der Idee von Reinkarnation und Karma. Die anthroposophische Lehre hat Einflüsse entwickelt auf Medizin, Landwirtschaft, Pädagogik und Heilpädagogik, Kunst und Architektur. Entscheidend für die Anthroposophie ist die Frage, wie ein Verständnis der menschlichen Freiheit und ihrer Bedeutung im gesamten
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Kosmos gewonnen werden kann (vgl. HEISTERKAMP, 2000, S.11). Dabei baut sie auf Methoden der stufenweisen Bewusstseinserweiterung auf. Die rein naturwissenschaftlichen Methoden zur Beschreibung von Erkenntnissen führen anthroposophischem Gedanken nach zu einer Grenze, die eine weitere Erkenntnis von geistig erfahrbaren Wahrnehmungen darstellen. Die Anthroposophie d agegen versucht, bei dem denkenden Selbstbewusstsein nicht stehen zu bleiben, s ondern verhilft dazu, durch innere Entwicklung, innere Seelenübung den Menschen zu einer holistischen Wahrnehmung zu führen (vgl. STEINER, 1995, S.33). Der häufig verwendete Begriff der „Lehre“ (s.o.) wird von Anthroposophen kritisch betrachtet, da er von einer subjektiven Einstellung gegenüber der Anthroposophie ausgeht. Diese Subjektivität aber ist nicht entscheidend für Ideen, die sich an Tatsachen orientieren, wie Anthroposophen stets vermitteln. (vgl. HEISTERKAMP, 2000, S.12) Diese Tatsachen können erschlossen werden durch den sukzessiven Ausbau der eigenen Fähigkeiten zur Wahrnehmung übersinnlicher Phänomene. Die Anthroposophie sieht sich als Wissenschaft, die über kognitive Leistung zu wissenschaftlichen Ergebnissen kommt. Der anthroposophische Wissenschaftsbegriff, auf den im Weiteren noch eingegangen werden soll, unterscheidet sich hinsichtlich seiner Überprüfbarkeit jedoch drastisch von natur-und geisteswissenschaftlich anerkannten Methoden. Entscheidend für die Anthroposophie ist deren praktischer Charakter, der sich niedergeschlagen hat in pädagogischer Arbeit an den Waldorfschulen, in heilpädagogischer Arbeit in der Camphill-Bewegung, in der Medizin durch die starken Einflüsse der Anthroposophie auf die Homöopathie und die damit zusammenhängende Pharmazie, in der Landwirtschaft durch die Methoden des biologischdynamischen Landbaus, in Therapieformen und auch im wirtschaftlichen Bereich durch Gründung mehrerer Banken, die der Idee Steiners von einer dreigeteilten Sozialordnung folgen, die die Spannungen zwischen wirtschaftlichem, kulturellem und sozialen Leben beseitigen soll.
Die Anthroposophische Heilpädagogik baut vor allem auf den im Jahre 1924 von Rudolf Steiner gehaltenen „Heilpädagogischen Kurs“ und auf die weiteren Untersuchungen, besonders der Sinnentwicklung und Sinnerfahrung, Karl Königs (1902-1966) auf. Der Heilpädagogische Kurs stellt eine Reihe von Vorträgen dar, die Rudolf Steiner in seinem letzten Lebensjahr vor einer kleinen Gruppe von Menschen hielt, die selber praktische pädagogische
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oder medizinische Erfahrungen im Umgang mit Menschen mit Behinderungen hatten. Auf Basis der anthroposophischen Menschenkunde versucht die anthroposophische Heilpädagogik den behinderten Menschen in seiner Gesamtkonstitution aus Körper, Seele u nd Geist zu betrachten. Um Verständnis für die pädagogischen, medizinischen und therapeutischen Vorschläge zum Umgang mit Menschen mit Behinderung zu haben, ist eine Grundkenntnis der anthroposophischen Menschenkunde notwendig. Die anthroposophische Heilpädagogik ist besonders verknüpft mit der Idee der Viergliederung des Menschen und den Ideen von Reinkarnation und Karma, die im Folgenden noch dezidierter beschrieben werden sollen.
Unter Utilitarismus wird eine Theorie der Ethik, des Rechtes und der Sozialphilosophie beschrieben, die jenes Handeln als ethisch begründet, welches Glück oder Nutzen für die meisten Menschen bringt. Der Utilitarismus, eine im 17. und 18. Jahrhundert entstandene Ethik; gehört zu den folgenorientierten Ethiktypen, die im U nterschied zu prinzipienorientierten Ethiktypen, moralisches Handeln lediglich aus den Folgen des praktischen Handelns b eschreibt und Argumente der Verpflichtung gegenüber abstrakten moralischen Prinzipien nicht berücksichtigt (vgl. HAEBERLIN, 2002, S. 71). ANSTÖTZ beschreibt den Utilitarismus als eine rationale Ethik, für die Kritik, Logik und empirischer Bezug eine entscheidende B edeutung haben und begründet aus diesem Grunde die seines Erachtens daraus erwachsene größere Nähe zur wissenschaftlichen Erkenntnis (vgl. ders., 1990, S.30). In dieser Auseinandersetzung mit dem Utilitarismus ist in der jüngeren Vergangenheit der „Präferenz-Utilitarismus“ entstanden, der, geprägt vor allem durch den australischen Bioethiker Peter Singer und im deutschen Sprachraum durch Anstötz, Aussagen macht, über den Anspruch der Optimierung des individuellen Glücks von Menschen oder der Verweigerung dieser Optimierung bei Nichterfüllung eines Minimalmaßes an Intelligenz, Explorationsdrang, Selbstbewusstsein, Zeitgefühl und sprachlicher Kommunikationsfähigkeit (vgl. HAEBERLIN, 2002, S.71). Diese Ethikformulierung und die daraus erwachsenden theoretischen Konsequenzen führten zu großer Empörung im Bereich der Heilpädagogik, hatten sie doch extreme Auswirkungen auf die Einstellung und Haltungsweisen gegenüber Menschen mit schwersten Behinderungsformen, denen über Singers Definition der Personenstatus und hieraus folgend das Lebensrecht aberkannt wird.
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In der Auseinandersetzung mit den Thesen Singers und mit den Möglichkeiten und Herausforderungen medizinischen Fortschritts entwickelt sich innerhalb der Heilpädagogik immer mehr die Überzeugung, ethische Fragestellungen zu Kernfragen der Heilpädagogik zu machen: „Sicher kann die Beschäftigung mit so wichtigen ethischen Fragen kein Randthema mehr sein. In systematischer Perspektive bildet eine Ethik für die Behindertenpädagogik sogar das Kernstück der Disziplin. Sie bezeichnet eine Art Grundgedankengang, der die sonderpädagogischen Einzeldisziplinen in Ihrer Vielfalt zusammen halten soll.“ (ANTOR/BLEIDICK, 2000, S.10)
Die Heilpädagogik tut sich nicht leicht mit der Durchsetzung einer Ethik in der Gesellschaft, die sich klar für ein absolutes Lebens- und Bildungsrecht eines jeden Menschens ausspricht. Eine solche Ethik muss sich auf Werte aufbauen, die letztendlich nicht rational und empirisch begründbar sind und muss Argumente für die Würde und die Partnerqualität jedes Menschen in jeglicher Lebenssituation liefern (vgl. BUNDSCHUH/ HEIMLICH/ KRAWITZ, 2002, S. 74).
5. Gesellschaftliche Überlegungen und der Begriff der Wissenschaft
Der Begriff der Wissenschaftlichkeit ist eng verbunden mit den prägenden gesellschaftlichen Voraussetzungen, die unsere Zeit prägen. Ebenso konnten sich die Faktoren, die eben unsere Zeit ausmachen, die Individualisierung, der Materialismus, individuelle Freiheiten und innere Unabhängigkeiten erst durch die emanzipatorische Wirkung einer objektiven Wissenschaftlichkeit entwickeln. Wissenschaftlichkeit als Zivilisationshaltung ist eigentlicher Auslöser von Individualismus durch die radikale Reflexion menschlicher Subjektivität und äußerlicher institutioneller und ideologischer Einflüsse und Machtfaktoren (vgl. HEISTERKAMP, 2000, S.15f.). Dieser Entwicklung wird aus anthroposophischer Sicht viel Wert beigemessen, trägt sie doch den Wert mit sich, dem Einzelnen, dem Individuum den höchsten Wert
beizumessen und wird so zu einer spirituellen Grundvoraussetzung, der Einsicht der Absolutheit des Menschen und im Kern jeden Menschens das Ewige, Unsterbliche, Göttliche zu sehen (vgl. HEISTERKAMP, 2000, S. 85). Dem Gewinn an Freiheit, den jedes Individuum erreicht, der nahezu völligen Unabhängigkeit des Urteilsvermögen, steht allerdings der Verlust des Wertes des Menschen entgegen: Ein Trend zur Geringschätzung menschlichen Lebens, hin zum Verfall der Wertschätzung des Menschen für die Welten-
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entwicklung. Beginnend bei der Ablehnung des geozentrischen Weltbildes über die subjektivistische Erkenntniskritik Kants bis hin zum Darwinismus unserer Tage findet ein den Menschen abwertender Prozess statt (vgl. ders., 2000, S. 99).
„Rückblickend zeigt sich, daß die langfristigen Konsequenzen sowohl der kopernikanischen als auch der kantischen Revolution ambivalent waren - sie wirkten ebenso befreiend wie herabsetzend. Beide öffneten das menschliche Bewußtsein zwar für eine neue und abenteuerliche Wirklichkeit, aber ebenso beraubten sie den Menschen seiner Stellung im Mittelpunkt und der Möglichkeit einer wahren Erkenntnis des Kosmos.“ (TARNAS, 1997, S. 439)
Der Mensch geht aus diesem historisch-gesellschaftlichem Prozess als durch Zufall und Auslese im Zuge der Evolution entstandenes Produkt her-vor, handlungsgetrieben durch biochemische Prozesse, geprägt durch die Prinzipien der Mutation, der Anpassung und des Überlebenskampfes, ausgestattet mit entstandener Intelligenz und herausgewachsen aus seiner natürlichen Umwelt, in der er selber zum Störfaktor wird und für die er mehr und mehr zum Risikofaktor Nummer eins heranwächst. (vgl. HEISTER-KAMP, 2000, S.99)
Andere weitgehend anerkannte Theorien beschreiben die Entwicklung des Menschen, seinen Lebensweg, als geprägt, von vornherein bestimmt durch seine Erbanlagen. Der Determinismus dieser Annahme versucht gleichzeitig, ihn als Angehörigen seiner Gattung zu kennzeichnen, macht jedoch diese auch verantwortlich für seine höchst individuellen Eigenschaften (vgl. ebd.).
Zum Dritten wird in unserer von Wissenschafts- und Erkenntnisdrang g eprägten Zeit das aktuelle Empfinden, das gesamte Handeln des Menschen, das Erleben der Innenwelt und das Verhalten zurückgeführt lediglich auf elektrochemische Prozesse in seinem Organismus, die ihm in ihrem innersten Wesen nicht zugänglich sind. Seele und Geist gelten als Konglomerat, das dem Zusammenwirken von Synapsenschaltungen und Botenstoffen zu verdanken ist. Diese naturwissenschaftliche Erklärungen schreiben dem Gehirn die Regelung und Verursachung der menschlichen Innerlichkeit zu. Bewusstseinsphänomene sind dieser Schlussfolgerung nach zweitrangig (vgl. HEISTERKAMP, 2000, S.99f.).
Allen diesen Erklärungsansätzen folgend, die alle wissenschaftlich belegbar sind, bliebe die Freiheit des Menschen eine Illusion, ein unrealistisches Konstrukt. Die Wissenschaft, die uns innerlich befreit hat von allen autoritären
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Antworten anthroposophischer Heilpädagogik auf ethische Fragestellungen im Kontext medizinischen
Zwängen, beraubt den Menschen seiner menschlichen Würde. Diese g esamte Einschätzung zeigt eine Kritik an dem Begriff der Wissenschaftlichkeit auf, der vor allem durch naturwissenschaftliches Denken geprägt ist und der schon von Steiner als Intellektualismus kritisiert wird.
Schon am Begriff der Wissenschaftlichkeit aus heutiger Sicht jedoch lässt sich aufzuzeigen, wie eng bereits der Begriff verbunden ist mit ethischen Handlungsfragen beispielsweise im Bereich der Medizin und welchen Einfluss utilitaristisches Denken, im Sinne einer Machbarkeitsethik, gewinnt gegenüber prinzipienorientierter Ethik, die auf abstrakte Moralbegriffe aufbaut.
„In der Gegenwart zeigt sich - beispielsweise an den mit der Biotechnologie verbundenen Grenzfragen - immer wieder, daß der Seite der Wissenschaft gegenüber einer nur gefühlsmäßigen Ethik in der Regel mehr Gewicht beigemessen wird. Ethische Argumente greifen zumeist erst, wenn sie auf entsprechenden Tatsachen - hier in der Regel Mißerfolge und Fehlentwicklungen der Wissenschaft - verweisen können.“ (Heisterkamp, 2000, S.15)
Zu ähnlichen Aussagen kommen auch ANTOR und BLEIDICK, die einen Verlust von ethischen Maßstäben unter der Bedingung radikal gewachsener technischer Möglichkeiten und radikal geschrumpfter metaphysischer Fundamente (vgl. jene., 2001, S. 159) sehen.
Eine weitere Dimension kommt dadurch hinzu, dass die technischen Entwicklungen abgesichert werden durch eine Wissenschaft, die sich selbst als wertfrei und objektiv beschreibt und ethische Aspekte zugunsten freier G ewissensentscheidungen, die innerhalb d es Individualismus zustande kommen, wertet. Ethikkommissionen können vor diesem Hintergrund lediglich noch j enes Handeln als ethisch beschreiben, was erlaubt und ethisch ist, anstatt Grundkategorien für ethisches Handeln zu finden (vgl. DEBUS, 2002, S. 20).
Die einleitenden Gedanken zum Menschenbild in der gegenwärtigen Zeit mögen düster klingen, einen pessimistisch geprägten Entwurf skizzieren, sind jedoch Aussagen zu einem sich auflösenden Menschenbildkonstrukt, welches sich erschließt aus rein naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und dem Zwang zur Individualisierung, der entscheidendes Merkmal unserer Zeit ist.
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Arbeit zitieren:
Carsten Meyer, 2003, Antworten anthroposophischer Heilpädagogik auf ethische Fragestellungen im Kontext medizinischen und gesellschaftlichen Handelns aus utilitaristischer Sichtweise, München, GRIN Verlag GmbH
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