2
EINLEITUNG 5
ÜBER DIE ZEIT: EINE EINFÜHRENDE SKIZZIERUNG DES PROBLEM-9
FELDES 9
1. WAS IST ZEIT ? 10
2. DAS PHÄNOMEN ZEIT: EINE OBJEKTBESCHREIBUNG 13
DER AUFBRUCH IN DIE MODERNE: DAS 19. JAHRHUNDERT UND SEINE
1. DIE INDUSTRIALISIERUNG VON RAUM UND ZEIT: DER BEGINN DES EISENBAHNZEITALTERS 26
2. DIE
PANORAMATISCHE
SICHTWEISE
ALS EIN
CHARAKTERISTIKUM
DES
19. JAHRHUNDERTS
3. PARIS
UND DIE
ÄRA HAUSSMANN
4. DIE ERFINDUNG DER FOTOGRAFIE UND DIE BEGRÜNDUNG EINER
5. DER SINN FÜRS ZUFÄLLIGE: JAPANISCHE FARBHOLZSCHNITTE
UND IHR
AUFKOMMEN
IN
EUROPA
DAS AUFKOMMEN
IN
EUROPA
HISTORISCHER ABRISS THEMENBEREICHE
UND
STILMERKMALE AUSWIRKUNGEN
AUF DIE EUROPÄISCHE
KUNST 58
6. RESÜMEE 60
ZEIT UND ZEITGESCHEHEN BEI CÉZANNE, RENOIR, MONET, DEGAS UND PISSARRO 65
1. PAUL CEZANNE: LA
FEMME A LA CAFETIERE
(FRAU
MIT
KAFFEEKANNE), 1890 - 95, PARIS , MUSEE
D’ORS AY
DAS MOTIV SICHTBARE ASPEKTE
DER
ZEIT UNSICHTBARE ASPEKTE
VON
ZEIT
UND
ZEITBEZOGENHEIT 67 RESÜMEE 79
2. PIERRE-AUGUSTE RENOIR: LE
DEJEUNER DES CANOTIERS
(DAS FRÜHSTÜCK
DER
BOOTSFAHRER),1881,WASHINGTON, THE PHILIPS COLLECTION
DAS MOTIV 84 ZEITGEIST
UND
ZEITGESCHEHEN 87 SICHTBARE ASPEKTE
DER
ZEIT 96
UNSICHTBARE ASPEKTE VON ZEIT UND ZEITBEZUG 99 RESÜMEE 107
CLAUDE MONET: LE PONT DE L’EUROPE (DIE EUROPABRÜCKE AM BAHNHOF SAINT-LAZARE),
3
ZEITGEIST UND ZEITGESCHEHEN 113 SICHTBARE ASPEKTE DER ZEIT 114 DARSTELLUNGSART UND ZEIT 116
SUBTILERE AUSPRÄGUNGEN VON ZEIT 120 RESÜMEE 122
EDGAR DEGAS : DIE BALLETTPROBE, 1874, GLASGOW, THE BURRELL COLLECTION
DAS MOTIV ZEITGEIST
UND
ZEITGESCHEHEN 127 SICHTBARE ASPEKTE
DER
ZEIT 133 DARSTELLUNGSART
UND
ZEIT 136 VERBORGENE ASPEKTE
DER
ZEIT 141 RESÜMEE 145
CAMILLE PISSARRO: MÄDCHEN
BEIM
GESCHIRRSPÜLEN,
UM
1882, CAMBRIDGE, FITZWILLIAM MUSEUM
DAS MOTIV 149
ZEITGEIST
UND
ZEITGESCHEHEN SICHTBARE ASPEKTE
DER
ZEIT
DIE DARSTELLUNGSART DIE ZEIT
IN DER
ZEIT RESÜMEE 164
ZUR REIHENFOLGE DER VORGESTELLTEN WERKE 166
ZEIT UND ZEITGESCHEHEN IM WERK PAUL CÉZANNES 172
1. STILLEBEN
MIT
ÄPFELN
UND
ORANGEN,1895-1900, PARIS , MUSÉE
D’ORSAY
DAS MOTIV 172 DARSTELLUNGSART
UND
ZEIT 173 VERBORGENE ASPEKTE
DER
ZEIT 182 RESÜMEE 187
2. DIE KARTENSPIELER, 1890-92, PARIS , MUSÉE D’ORSAY 191 DAS MOTIV 192 SICHTBARE ASPEKTE DER ZEIT 197 DARSTELLUNGSART UND ZEIT 198
SUBTILERE AUSPRÄGUNGEN VON ZEIT 203 RESÜMEE 205
3. DAS HAUS
DES
GEHÄNGTEN, 1873, PARIS , MUSÉE
D’ORSAY
210
DAS MOTIV
ZEITGEIST UND ZEITGESCHEHEN DARSTELLUNGSART UND ZEIT 219 DIE ZEIT IN DER ZEIT 222
ÄNDERUNGSDYNAMIK UND KOMPENSATORISCHE LANGSAMKEIT: DIE BEWAHRUNGSKULTUR IM TECHNISIERTEN ZEITALTER 225 ZUR AKTUALITÄT DIESES BILDES 228 RESÜMEE 230
KUNST WIRD NATUR UND NATUR WIRD ZUR KUNST. DIE EIGENART DER ZEITGESTALTUNG 233
ABSCHLIEßENDE BETRACHTUNGEN 237
4
ABGEKÜRZT ZITIERTE LITERATUR 249
5
Einleitung
Die Auseinandersetzung mit der impressionistischen Kunst führt beinahe zwangsläufig zur Beschäftigung mit dem Phänomen der Zeit. Trotzdem lässt sich nicht übersehen, dass der Komplexität dieses Themas in der kunstgeschichtlichen Literatur kaum Rechnung getragen wird. Zwar lassen sich ohne weiteres zahlreiche Hinweise auf die Zeitbezogenheit der impressionistischen Kunst finden; doch diese beziehen sich vorwiegend auf den Aspekt Vergänglichkeit und stellen somit die Negation von Zeit, d.h. Zeitlosigkeit im Sinne von nicht (mehr) vorhandener Zeit heraus. So wird in diesem Kontext die Darstellung des flüchtigen, vergänglichen Augenblicks als das Hauptanliegen impressionistischen Kunstschaffens genannt (Novotny, Rewald, Meyer). Eine Konsequenz hieraus war, dass sich das Interesse der bildnerischen Darstellung mehr und mehr vom Motiv entfernte und die Priorität beim Malvorgang selbst ansiedelte. Akzentverschiebungen dieser Art bedingen notwendig eine inhaltliche Revision, der sowohl die klassischen Themenbereiche wie Historie, Allegorie und Mythologie als auch sozialkritische oder idealisierende Darstellungen des aktuellen Zeitgeschehens zum Opfer fallen. Die Impressionisten wählten konsequenterweise thematisch unbedeutende Motive, denn der Inhalt des Bildes sollte nicht von der bravourösen Darstellungsart ablenken. Dies bedeutet allerdings nicht, dass das aktuelle Zeitgeschehen des 19. Jahrhunderts in der bildenden Kunst überhaupt nicht thematisiert wurde. Eine derartige Behauptung wäre grundsätzlich falsch, denn gerade in den Werken der Impressionisten, die sich vorwiegend auf die Darstellung von Vorstadtvergnügungen, kulturellen Veranstaltungen, Café- und Straßenszenen etc. konzentriert hatten, wird das Lebensgefühl und somit auch der Zeitgeist des 19. Jahrhunderts sehr gut dokumentiert.
Fehlender Zeitbezug bedeutet in diesem Kontext folglich keinen Mangel an Dokumentation, sondern ein Nichtwahrnehmen in dem Sinne, dass die Thematik der Zeit mehr oder weniger auf den flüchtigen Augenblick reduziert und das Motiv nicht als charakteristisches Merkmal seiner Zeit behandelt, sondern primär als Anlaß für die Wahl der stilistischen Mittel genommen wird. Diese wiederum - als rein ästhetische Bestandteile der künstlerischen Aussage - kümmern sich nicht
6
um Belange von Zeitbezogenheit oder Aktualität. Folglich findet sich in dieser Akzentverschiebung vom Motiv zum Malvorgang selbst eine Negation der Zeit. Dergestalt ignoriert, stellt sich der Zeitaspekt innerhalb der impressionistischen Kunst nur als negativer Befund dar. Folglich beziehen sich spezifische Fragestellungen der kunstgeschichtlichen Literatur vor allem auf die Ab- und Anwesenheit von Zeit und werden in der Regel im Sinne einer Nicht-Annahme ihres Vorhandenseins formuliert.
Ich konzentriere mich mit der vorliegenden Arbeit auf den positiven Befund. Aus diesem Grunde gilt mein Interesse nicht nur den sichtbaren Merkmalen von Zeit und Zeitbezug, sondern insbesondere auch den verborgenen Aspekten der Zeit. Das Ziel dieser Untersuchung ist es nicht, Zeit und Zeitbezug der vorgestellten Werke im kunsthistorischen Rückgriff auf die ikonographische Ausrichtung vorangegangener Epochen zu erklären und dergestalt ihre Modernität zu begründen. Die Zeitbezogenheit soll vielmehr aus der künstlerischen Reflexion des aktuellen Zeitgeschehens abgeleitet werden, d.h. es wird bei den Bildanalysen primär darum gehen, die wesentlichen Merkmale der impressionistischen Kunst herauszustellen und den Zeitgeist des 19. Jahrhunderts zu skizzieren. Die meinem Forschungsvorhaben zugrundeliegende Arbeitshypothese geht von einer grundsätzlichen Annahme von Zeit und Zeitbezug in den vorgestellten Werken aus. Deshalb werde ich die nachfolgend vorgestellten Werke nicht nur unter dem Aspekt der Ab- oder Anwesenheit von Zeit untersuchen und im ersten Falle einen vermeintlich negativen Befund als solchen nicht weiter thematisieren. Vielmehr werde ich mich mit meinen Untersuchungen insbesondere auch den sogenannten negativen Aspekten von Zeit widmen. Das bedeutet, dass ich mich nicht allein auf die Darstellungen von Handlungsabläufen und zeitgenössischen Motiven konzentriere und diese dann als Indikatoren für die Anwesenheit von Zeit und Zeitbezug benutze, sondern ich werde auch die weniger konkreten Ausprägungen von Zeit in meine Analysen einbeziehen. Dies sind vor allem ihre philosophischen und physikalischen Implikationen. Mein Arbeitsvorhaben zielt also darauf ab, die Aspekte von Zeit und Zeitlichkeit im Kontext ihrer interdisziplinären Bedeutungen zu erörtern.
Die positive Darstellung einer zunächst nur mittelbar wahrnehmbaren Gegebenheit erfordert ein Sichtbarmachen. Dieses geschieht durch Beschreibung
7
und Erklärung. Das explikationsbedürftige Potential ist die Zeit in ihrer interdisziplinären Bedeutung. Aus diesem Grunde werde ich in einer einleitenden Skizzierung des Problemfeldes die wesentlichen Merkmale der Zeit herausstellen. Zum einen, um aus der Vielfalt der interdisziplinären Erörterungen zum Thema Zeit ein Gemeinsames zu entwickeln, das in der kunstgeschichtlichen Analyse ein brauchbares Instrumentarium darstellt, zum anderen, um den Untersuchungsgegenstand selbst kenntlicher zu machen, denn ein Paradoxon der Zeit ist, dass sie Objekt und Subjekt zugleich ist. Da es im Rahmen dieser Untersuchung unerlässlich ist, auf die wesentlichsten Neuerungen des 19. Jahrhunderts Bezug zu nehmen, werde ich diese ebenfalls in einem einführenden Exkurs erläutern.
Im ersten Teil dieser Analyse werden Werke von Cézanne, Renoir, Monet, Degas und Pissarro vorgestellt. Bei der Thematisierung temporaler Strukturen geht es zunächst einmal um die motivische Nähe zum 19. Jahrhundert, d. h. es soll geklärt werden, inwieweit die dargestellten Situationen charakteristisch für ihre Zeit sind. Weitere Untersuchungsschritte befassen sich sowohl mit den sichtbaren als auch mit den Unsichtbaren Aspekten von Zeit. Während sich die Erstgenannten auf die Handlungszeit konzentrieren, geht es bei den Letzten zum einen um die Darstellungsart und deren Auswirkung auf die inhaltliche Interpretation, zum anderen um die Quantitäten der Zeitebenen, die in jedem der vorgestellten Werke repräsentiert sind.
Der zweite Teil dieser Untersuchung befaßt sich wesentlich mit der Darstellung der signifikanten Merkmale im Umgang mit Zeit bei Paul
Cézanne. Hierbei geht es hauptsächlich um die Aspekte „Die Zeit in der Zeit“ und „Zeitgeschehen“. Die diesem Untersuchungspunkt zugrundeliegenden Fragestellungen zielen zunächst zwar auch darauf ab, Indizien für die Anwesenheit von Zeit und Zeitbezogenheit zu finden. Sie sollen darüber hinaus jedoch auch erklären, worin die Modernität Cézannes besteht.
Während die Kriterien, die meine Option für Cézannes Bilder La femme à la cafetière, Stilleben mit Äpfeln und Orangen und Die Kartenspieler begünstigt hatten, vorwiegend persönlicher Natur waren, da mich diese Werke sowohl durch ihre motivische Ausrichtung als auch durch ihre klare und prägnante
8
Formensprache faszinieren, wurden die restlichen Werke eher themenspezifisch ausgewählt.
Das Auswahlkriterium hierbei war die Dokumentation charakteristischer Ereignisse des 19. Jahrhunderts. Neuerungen, die seit dem Beginn des Eisenbahnzeitalters in Frankreich im Jahre 1843 1 das Lebensgefühl und den Zeitgeist dieser Epoche prägten, waren die Mobilität und eine neue Freizeitkultur, die sich in den Werken der impressionistischen Kunst in einer Motivwahl zeigte, die vorwiegend die Distanz von der täglichen Arbeit thematisierte. Theaterbesuche, Ausflüge und Vorstadtvergnügungen wie Rudern und Segeln waren gängige Motive. Dieser Umstand begründete meine Option für die Bilder Le déjeuner des canotiers, Le pont de l’Europe und Die Ballettprobe. Selbstverständlich spielten auch bei dieser Auswahl subjektive Gründe eine Rolle, da insbesondere sowohl bei Degas als auch bei Monet zur ausgewählten Thematik serielle Darstellungen zur Verfügung stehen, so dass der Rückgriff auf die vorgestellten Werke nicht zwingend war.
Dasselbe trifft auch auf meine Auswahlkriterien für Pissarros: Mädchen beim Geschirrspülen zu. Allerdings hat mich zu dieser Bildauswahl auch eine partielle Analogie zu Cézannes La femme à la cafetière motiviert. Ein wesentliches Kriterium, das mich zu der Option für La maison du pendu, Auvers-sur-Oise veranlaßt hatte, ist die Tatsache, dass dieses Bild eines der bekanntesten Werke Cézannes aus dieser Zeit ist, das sowohl seine Annäherung an den Impressionismus als auch die Distanz zu ihm erkennen lässt.
1 vgl.: Schivelbusch 1995, S. 174
9
Über die Zeit: eine einführende Skizzierung des Problem-feldes
Die Auseinandersetzung mit dem Thema „Zeit“ ist ein komplexes Unterfangen, das alt und neu zugleich ist. Ihr aktueller Bezug manifestiert sich in jedem Blick auf die Uhr, der historische Bestand zeigt sich darin, dass sie bereits die Populationen frühzeitlicher Kulturen beschäftigte - wenn auch in einem für unser heutiges Zeitverständnis bescheidenen Rahmen. Sie fesselte das Denken der antiken Philosophie, indem sie um 500 v. Chr. mit den Diskussionen über Vergänglichkeit und Dauer die Hauptaspekte der Zeitproblematik erörtert hatte. Im Fortschreiten unserer kulturellen Entwicklung rückte die Frage nach der Zeit immer mehr in den Fokus des Interesses. Die Zeit ist inzwischen ein interdisziplinärer Forschungsgegenstand geworden, dessen Untersuchung immer komplexere Fragestellungen aufwirft. Fraser stellt dazu fest: „Das Unterfangen, die Zeit anzuhalten, war höchst gewinnträchtig und äußerst vergeblich. Denn indem Menschen sich um ein Verständnis für die Zeit bemühten, verstanden sie sich selbst und die Welt besser. Die neuen Einsichten fanden im Überlebenskampf Anwendung. Jeder Schritt auf dem Wege der Erkundung veränderte die Regeln, nach denen die Suche verlief; dadurch wurde die Aufgabe, die Zeit zu verstehen, immer gewaltiger. Jeder Erfolg offenbarte eine noch größere, unerschlossene Welt. In der Beschäftigung mit der Zeit kann es keinen festen Endpunkt geben, kein erreichbares Ziel, sondern nur Entdeckungen neuer Ausgangspunkte.“ 2
Das Rätsel der Zeit beschäftigt auch Elias, der sich über die Zeitproblematik folgende Gedanken macht:
„Unklar bleibt heute im großen und ganzen wohl noch immer der ontologische Status der Zeit. Man denkt über sie nach, aber weiß nicht recht, mit welcher Art von Gegenstand man es eigentlich zu tun hat. Ist Zeit ein Naturgegenstand ? Ein Aspekt von Naturvorgängen ? Ist sie ein Kulturobjekt ? Oder täuscht die substantivische Form des Wortes ‘Zeit’ vielleicht nur einen Gegenstandscharakter vor ? Was zeigen die Uhren eigentlich, wenn wir sagen, sie zeigen die Zeit an ?“ 3
2 Fraser 1993, S. 64
3 Elias 1984, S. XIX
10
Des weiteren stellt er fest:
„Physiker sagen bisweilen, daß sie die Zeit messen. Sie bedienen sich mathematischer Formeln, in denen das Maß der Zeit als benanntes Quantum eine Rolle spielt. Aber man kann die Zeit weder sehen noch fühlen, weder hören noch schmecken, noch riechen. Das ist eine Frage, die auf Antwort wartet. Wie kann man etwas messen, das man nicht mit Sinnen wahrzunehmen vermag ? Eine Stunde ist unsichtbar.“ 4
1. Was ist Zeit ?
Ist eine eindeutige Definition des Begriffes „Zeit“ aufgrund seiner interdisziplinären Anwendung schon schwierig genug, so wird dieser Umstand noch erschwert durch den zwiespältigen Charakter der Zeit: Einerseits scheint die Zeit ein immaterielles Etwas zu sein, das man weder sehen noch fühlen kann. Dennoch ist es meßbar und offensichtlich mit einer gewissen, obskuren Potenz ausgestattet. Die Zeit ist unsichtbar und haptisch nicht faßbar, sie ist geruchlos und unserer sinnlichen Wahrnehmung vollkommen unzugänglich. Trotzdem beeinflußt sie unser Handeln in einer Weise, in der es außer ihr keine andere Macht vermag. Was für ein Mysterium umgibt die Zeit ? „Kann Zeit Druck ausüben, den sogenannten Zeitdruck ? Ist sie ein konditionsstarkes Rennpferd, dem viele von uns mit den zivilisationseigenen Scheuklappen hinterherzuhetzen trachten ? Läuft sie auf der Nordhalbkugel und in Städten schneller als im Süden oder auf dem Lande ? Ist sie gar eine menschliche Erfindung ?“ 5
Die Zeit ist omnipräsent und omnipotent. Sie ist „überall, unteilbar und unzerstörbar.“ 6 Sie ist die unangefochtene Herrscherin hochdifferenzierter Industrienationen. Durch ihre bloße Existenz, symbolisiert durch die Zifferblätter der Uhren, ist sie die Schwungkraft des sozialen Lebens. Ein Blick auf die Uhr genügt und es wird mobil gemacht: Stechuhren markieren den Beginn der Arbeitszeit, Werksuhren das Ende der Schicht und Bahnhofsuhren mahnen zur Eile.
Mit der Omnipräsenz der Zeit einher geht die Omnipräsenz der Uhren : Sie sind in modernen Industrienationen allgegenwärtig und unverzichtbar geworden. Weis spricht in diesem Kontext auch von der „Uhrhörigkeit“ als einem Phänomen unserer Zeit:
4 ebd., S. VII
5 Weis 1996a, S. 11
6 Poser 1996, S. 38
11
„Viele schauen bei jedem erneuten Hinweis auf die Uhrzeit gleich auf ihre eigene Uhr, als wollten sie etwas mit prüfendem Blick kontrollieren. Das gilt selbst, wenn kein ‘Jahreswechsel’ mit dem erwähnten Zeitvergleich ansteht ... Die Uhr ist ein Kultgegenstand, den man als Mitglied der neuen Zeit-Religion gar nicht oft genug fasziniert und ergeben anschauen - oder soll ich sagen ‘gläubig konsultieren ?’ - kann. Dies ist das Jahrhundert der Zeitwahrnehmung, Zeitdebatten und Zeitkämpfe. Für viele ersetzt die Uhr mit ihren Auskünften die Rolle alter Propheten und Orakel.“ 7
Worüber debattiert man, wenn man sagt, man erörtere die Zeitproblematik ? Worum kämpft man, wenn man sagt, man kämpfe um die Zeit ? Welche geheimnisvolle Macht ist es, die einen nach einem Blick auf die Uhr in hektischen Aktionismus verfallen lässt ? Was ist Zeit ? Sie ist nach Weis für uns das Wichtigste. Sie verdeutlicht Leben :
„Leben, soweit uns irdisch bekannt, ist durch eine Kürze in der Zeit, durch Kommen und Gehen, Entstehen und Vergehen, Geburt und Tod gekennzeichnet ... Zeit ist Leben, Leben ist kurz, Zeit ist Frist ... Sonne und Erde, Vulkane und Bäume, Menschen und Eintagsfliegen, alles hat seine Lebenszeit.“ 8 Ist die Zeit also nichts weiter als ein Behältnis ? Ein Rahmen, innerhalb dessen bestimmte Ereignisse stattfinden ? Weshalb konnte sie dann in Jahrtausend langer Tradition das Denken der Menschheit fesseln ? Wieso konnte sie dann zu einem Gegenstand interdisziplinärer Forschung avancieren, wenn sich ihre Definition derart bescheiden ausnimmt ?
Ganz so einfach scheint es also nicht zu sein mit der Definition von Zeit. So wird die Zeit denn auch von Mainzer charakterisiert als ein „fach-übergreifender Begriff par excellence, für dessen adäquate Behandlung sich sowohl ein natur- als auch kulturwissenschaftlicher Reduktionismus verbietet.“ 9
Was macht die eindeutige Definition von Zeit so schwierig ?
Die Zeit wird nicht selten zur Diebesbeute und gerade denen gestohlen, die ohnehin nicht viel von ihr haben.
„Auch zählt sie anscheinend zu den verderblichen Gütern: Sie kann reifen, kommen und gehen; stets ist sie flüchtig und entschwindet ohne Wiederkehr. Einzig den Glücklichen mag sie, selten genug, für Augenblicke stillstehen und auch den Leidenden und Bekümmerten oft nicht vergehen. Gemeinhin aber wirkt sie segensreich - sie heilt Wunden, tröstet und bringt Rat.“ 10
7 Weis 1996b, S. 39
8 Weis 1996a, S. 16
9 Mainzer 1995, S. 7
10 Ströker 1996, S. 183
12
Mit derartigen Attributen ausgestattet, wirkt die Zeit wie ein „mysteriös wirkendes Agens“ 11 , eine omnipotente Entität, was nicht zuletzt auf die substantivische Form des Wortes „Zeit“ zurückzuführen ist. Dies erkannte auch Wittgenstein:
„All the facts that concern us (S.C. about time) lie open before us. But it is the use of the substantive time which mystifies us.“ 12
Die substantivische Form erinnert an ältere Sprachkonventionen, die dazu neigten, Abstraktionen zu personifizieren ( aus der Gerechtigkeit wurde die Göttin Justitia ) und andere Begriffe zu allegorisieren.
Redewendungen, wie etwa: „die Zeit läuft“, „die Zeit bestimmen“ oder „die Zeit messen“ erwecken den Eindruck, als sei die Zeit ein handelndes Etwas und ein bestimmbares Ding, das sich nur deshalb einer eindeutigen Definition entzieht, weil es mit den Sinnen nicht wahrnehmbar ist. Formulierungen dieser Art bekräftigen also immer wieder den Mythos der Zeit
„als etwas, das in irgendeinem Sinne da ist, existiert und als derart Vorhandenes von Menschen bestimmt oder gemessen werden kann, wenn man es auch nicht mit Sinnen wahrzunehmen vermag.“ 13
Gäbe es im Deutschen - analog zum Englischen - eine verbale Form des Zeitbegriffs, dann wäre der instrumentelle Charakter der Zeit unverkennbar. So aber vermittelt unser Sprachgebrauch den Eindruck, als sei die Zeit ein physikalisches Objekt. Spricht man beispielsweise davon, dass man die Zeit misst, dann kann es durchaus so aussehen, als sei die Zeit eine physikalische Gegebenheit wie etwa ein Fluß oder ein Berg, deren Maße man nehmen kann. Notwendig trägt der substantivische Gebrauch des Zeitbegriffs in diesem und in ähnlichen Fällen zu einer illusionistischen Betrachtung desselben bei. Die Verbform wäre geeigneter, um sich von derartigen Illusionen zu lösen. Gemäß ihrer grammatikalischen Bedeutung stellte sie heraus, dass es sich beim Zeitbestimmen oder Synchronisieren um eine Tätigkeit handelt: In diesem Falle um eine menschliche Tätigkeit mit dem Zweck des In-Beziehung-Setzens. Mit dem Gebrauch der Verbform erfährt der Zeitbegriff notwendig einen Bedeutungswandel: Zeit ist nun ein Symbol für eine Beziehung, die zwischen zwei
11 ebd. S. 183
12 Wittgenstein 1958, S. 6
13 Elias 1984, S. 8
13
oder mehreren Geschehensabläufen hergestellt wurde und von denen einer als Maßstab oder Bezugsrahmen standardisiert worden ist.
In unserem Sprachgebrauch ist jedoch die substantivische Form üblich. Mit ihr hat die Zeit im sozialen Kontext
„dieselbe merkwürdige Daseinsform wie andere soziale Gegebenheiten, auf die wir durch Substantive wie ‘Gesellschaft’, ‘Kultur’, ‘Kapital’, ‘Geld’ oder ‘Sprache’ hinweisen - Substantive, die sich auf etwas beziehen, was in einem nicht näher bestimmten Sinne außerhalb und getrennt von Menschen zu existieren scheint.“ 14
Substantive dieser Art beziehen sich auf Gegebenheiten, die eine Vielzahl interdependenter Individuen voraussetzen. Sie besitzen eine relative Autonomie und sind in der Lage, soziale Standards zu setzen, welche die individuellen Kompetenzbestrebungen zumindest partiell sabotieren können. Individuell haben Menschen daher oft den Eindruck, dass Begrifflichkeiten dieser Art generell von Menschen unabhängig seien, weil sie von ihnen als Individuen unabhängig sind. Vom gesellschaftlichen Leben abstrahierte Begriffe wie „Kultur“ und „Zeit“ sind vom einzelnen Menschen in ihrem Geltungsbereich unanfechtbar. Als etablierte soziale Standards haben sie einen normativen Charakter: Sie beeinflussen das Leben des Einzelnen und strukturieren das Leben der Gesellschaft. Derart mit Machtbefugnissen ausgestattet, wird ihr Bedeutungsgehalt oft überhöht und fast schon im Bereich des Mystischen angesiedelt:
„Besonders in urbanen Gesellschaften werden Uhren in einer Weise hergestellt und verwendet, die an die Herstellung und Verwendung von Masken in vielen prä-urbanen Gesellschaften erinnert: Man weiß, daß sie von Menschen gemacht sind, aber sie werden erlebt, als ob sie eine außermenschliche Existenz repräsentierten. Masken erscheinen als Verkörperungen von Geistern. Uhren erscheinen als Verkörperungen der ‘Zeit’; die Standardredewendung in bezug auf sie lautet: Sie zeigen die Zeit an. Die Frage ist: Was genau zeigen Uhren an ?“ 15
2. Das Phänomen Zeit: eine Objektbeschreibung
„Die wandelbare Konstellation auf dem Gesicht einer Uhr hat die Funktion, Menschen anzuzeigen, welche Position in dem Nacheinander des großen Geschehensflusses sie und andere gegenwärtig einnehmen, oder auch wie lange sie gebraucht haben, um von dort nach hier zu kommen. Die
14 ebd., S. 95
15 ebd. S. 95
14
menschengeschaffenen Symbole der sich wandelnden Zifferblätter von Uhren, die wechselnden Kalenderdaten sind die Zeit.“ 16
Die Zeit ist demzufolge keine Naturgewalt. Sie ist ein Kulturgut, dessen vordergründige Aufgabe offensichtlich die Orientierung ist. Sie ist das Gemeinsame in der Vielfalt von spezifischen Geschehensabläufen, das Menschen mit Hilfe von Uhren und Kalendern zu bestimmen suchen. Sie ist dennoch kein allgemeingültiger und eindeutiger Begriff. Die Schwierigkeit einer eindeutigen Definition von Zeit resultiert zum einen aus der Dimension ihrer kulturellen Bedeutung, die insbesondere in hochentwickelten Industrienationen enorm ist: Uhren als die symbolischen Repräsentationen der Zeit sind in unserem Kulturkreis allgegenwärtig. Omnipräsent und omnipotent mahnen sie zu Hast und Eile. Die Zeit übt Druck aus, den sogenannten Zeitdruck - obgleich sie nach Kant und Aristoteles an sich eigentlich nichts ist. 17 Dieses Paradoxon ist nicht unbedingt dazu angetan, die Definition von Zeit zu erleichtern. Eine weitere Schwierigkeit ist in der Komplexität des Themas selbst begründet: Temporale Perspektiven werden diskutiert in Bezug auf die philosophischen, sozialen, kulturellen, physikalischen, biologischen und historischen Aspekte des Lebens; die Zeit ist im Verlauf ihrer Entstehungsgeschichte zu einem Begriff mit einer multiplen Erscheinungsform geworden.
Dennoch gibt es ein einheitliches Prinzip, das sich hinter den vielfältigen Ausprägungen von Zeit und Zeitlichkeit erkennen lässt: Ihrer äußeren Erscheinung nach pluralisch, ist die Zeit in ihrem Innern einheitlich; sie zielt auf Synchronisation, also Vereinheitlichung ab. Dieses Ziel erreicht sie, indem sie sich als Orientierungshilfe gibt. 18
Zeit ist das grundlegende Kriterium zur Bestimmung aller Ereignisse, Prozesse und Objekte - ungeachtet aller Merkmale, die sie sonst noch besitzen mögen. Diese Definition von Zeit ist zum einen auf die kantische Interpretation des Zeitbegriffs zurückzuführen, die die Zeit als eine reine Form der sinnlichen Anschauung und als ein Prinzip der Erkenntnis vorstellt, zum anderen ist sie in der Annahme einer grundsätzlichen Prozesshaftigkeit aller Dinge begründet, die 1905 in der Speziellen Relativitätstheorie erörtert wurde und seitdem als
16 ebd., S. XXII
17 vgl.: Aristoteles 1978, S. 207; Kant 1992, S. 80f
18 vgl.: Elias 1984, S. XXIIf; Dux 1989, S. 60
15
richtungsweisend für die Bestimmung physikalischer Vorgänge gilt. 19 Ob es sich um lebende Organismen und ihre Interaktion in sozialen Beziehungen oder um unbelebte Materie handelt, ist völlig irrelevant, denn in allen Fällen liegen zeitlich strukturierte Prozesse vor. Prozeßhaftigkeit als ein grundlegendes Charakteristikum der unbelebten und belebten Natur wie auch ihrer soziologischen, psychologischen und mentalistischen Implikationen unterliegt den Gesetzmäßigkeiten des Phänomens „Zeit“, denn Prozeßhaftigkeit bedeutet Veränderung - somit Bewegung. Diese wiederum ist ein maßgebliches Kriterium zur Bestimmung und Wahrnehmung von Zeit: Zeit impliziert die Annahme von Bewegung, denn wenn alles stillstünde, könnte man nicht von Zeit sprechen. So wurde die Zeit bereits von Aristoteles als ein Maß der Bewegung vorgestellt. 20 Auch die platonische Schilderung der Entstehung der Zeit kann in diesem Sinne interpretiert werden: Zur Erzeugung der Zeit wurden die Sonne, der Mond und fünf Planeten als ein rotierendes Abbild der zeitlosen Ewigkeit geschaffen. Die Zeit entstand mit dem Himmel und war ablesbar an den Rotationsbewegungen des Planetensystems. Somit kann sie ebenfalls als ein Maß der Bewegung angesehen werden, auch wenn diese Interpretation die platonische Definition des Zeitbegriffs nur ansatzweise trifft. 21
Zeitbestimmung in ihrer ursprünglichen Form war ebenfalls an den Aktivitäten des Planetensystems orientiert. Auf- und Untergänge von bestimmten Planeten wurden als Parameter für die Zeitbestimmung benutzt; die Rotationsbewegungen der Himmelskörper symbolisierten bestimmte Zeiteinheiten. 22 Der Charakter der Zeitbestimmung war schon von seinen frühen Phasen an instrumentell. Zeitmessung war niemals Selbstzweck; ihre Funktion war es, den Menschen anzuzeigen, wann bestimmte soziale Aktivitäten ausgeführt werden sollten und wie lange sie dauern durften. 23
Das Bedürfnis nach einer Bestimmung der Zeit trat in frühen Populationen erstmals beim Übergang in die aktive Nahrungsmittelproduktion auf. Dies geschah ab ca. 7.000 v.Chr. durch die Entwicklung von Bauernkulturen im
19 vgl.: Fraser 1993, S. 282
20 vgl.: Aristoteles 1978, ,S .208
21 vgl.: Platon 1989, S. 160
22 vgl.: Weis 1996b, S. 30; Dossey 1987, S. 50; Mainzer 1995, S. 15f
23 vgl.: Elias 1984, S.14; Fraser 1993, S. 67
16
östlichen Mittelmeerraum. 24 Der Übergang in die aktive Nahrungsmittelproduktion mit Ackerbau und Viehzucht prägte neue Lebensformen mit einer entsprechenden Zeiteinteilung. Allerdings war von der Zeit als einem Kontinuum in dieser Phase der Evolution noch nicht die Rede. Die Zeit wurde punktuell wahrgenommen, als die rechte Zeit zur Ausführung bestimmter Aktivitäten. 25
Je komplexer und differenzierter Gesellschaften werden, um so notwendiger wird es, Zeitaspekte zu thematisieren. Gleichermaßen erhöhen sich mit der Komplexität sozialer Strukturen auch die Ansprüche an die Zeitbestimmung. Die Genese der Kultur impliziert folglich notwendig die Genese der Zeit. Mit der zunehmenden Urbanisierung und Kommerzialisierung erwerbsmäßiger Prozesse einher ging die Notwendigkeit, die steigende Zahl differenzierter sozialer Aktivitäten zu synchronisieren und über einen allgemein verbindlichen, gleichmäßig fortlaufenden Zeitraster als Bezugsrahmen für diese Tätigkeiten zu verfügen. Dieser entwickelte sich aus der Beobachtung regelmäßig wiederkehrender Naturereignisse, primär aus der Wahrnehmung beständig wiederkehrender Planetenkonstellationen. Aufgrund qualifizierter Beobachtungen lieferte die Astronomie im alten Ägypten die Grundlage für die temporale Orientierung und demzufolge für diesen Zeitraster, der mit seiner Einteilung des Jahres in 12 Monate zu je 30 Tagen bereits die Ausgangsbasis für alle späteren Kalenderreformen darstellte. So geht unser heutiger Kalender historisch auf die Naturbeobachtungen im alten Ägypten zurück. 26
Waren der Arbeitsrhythmus und die Arbeitsintensität in agrarischen Gesellschaften noch vom Ablauf der Jahreszeiten bestimmt worden, so wurden sie seit dem 14. Jahrhundert, als in den oberitalienischen Handelsstädten Turmuhren verwendet wurden, die den Fortgang der Zeit auch nachts durch Glockenschlag anzeigten, den abstrakten Kategorien einer mechanisierten Zeitvorstellung unterworfen. Mit dem Aufkommen dieses Uhrentypus entwickelte sich die Vorstellung von Zeitökonomie; Zeit war nicht unbegrenzt verfügbar, sie war flüchtig und musste entsprechend genutzt werden. Mit der Mechanisierung der Zeitmessung setzte folglich ein Autonomisierungsprozeß der Zeit ein: Die Zeit war nicht mehr länger
24 vgl.: Mainzer 1995, S. 15
25 vgl.: Weis 1996b, S. 29f
26 vgl.: Dossey 1987, S. 50; Mainzer 1995, S. 15ff; Weis 1996b, S. 21
17
nur Maßeinheit und Strukturierungselement von Handlungsabläufen; sie avancierte zum teleologischen Prinzip dieser Aktivitäten. 27
Als in der Mitte des 17. Jahrhunderts der holländische Wissenschaftler Christian Huygens die Pendeluhr erfand, trug diese Erfindung maßgeblich zu der modernen Vorstellung von der Kontinuität und Homogenität der Zeit bei, denn ein Nebenprodukt dieser Innovation war die Dichotomie des Zeitbegriffs. Mit der Entwicklung zuverlässiger Meßinstrumente erachtete der Mensch die zyklischen Naturprozesse zunehmend weniger als geeignete Mittel zu Zeitbestimmung; losgelöst von den konkreten Ereignissen naturaler Vorgaben entwickelte sich die lineare Zeit der Uhren. 28 Die Dichotomie des Zeitbegriffs, die die Zeit fortan in eine zyklische und eine lineare Zeit unterteilte, ist wesentlich auf Galilei (1564-1642) zurückzuführen, der den Gebrauch von mechanischen Uhren zur Bestimmung von rein physikalischen Vorgängen propagiert hatte. 29 Die zyklische Zeit galt als subjektiv, die lineare Zeit als objektiv. In der traditionellen Zeittheorie kam der objektiven Zeit ein Primat vor der subjektiven Zeit zu. 30
Vom entwicklungssoziologischen Standpunkt aus betrachtet, hängt der Dualismus des Zeitbegriffs eng mit dem Aufstieg der Wissenschaften zusammen. So wurde die physikalische Zeit letztlich immer mehr als der Prototyp der Zeit angesehen. 31 Eine Begründung für die Vormachtstellung, die die physikalische Zeit gegen Ende des 17. Jahrhunderts erlangt hatte, kann nach Elias darin gesehen werden, dass mit dem Aufstieg zu höheren Ebenen der begrifflichen Synthese oft die Ausgangsbasis in Vergessenheit gerät. Wird gewohnheitsmäßig mittels hochgradiger Abstraktionen kommuniziert, dann geschieht es leicht, dass die symbolische Repräsentation sinnlicher Details, auf die sich diese Abstraktionen beziehen, aus dem Blickfeld geraten . 32 Doch ohne umfangreiche Naturbeobachtungen hätte die mathematisierte Zeit der Physik nicht entstehen können. Sie ist letztlich auch nur eine symbolische Repräsentation naturaler Gegebenheiten. Die Ablösung der Zeit von ihrem Entstehungsprozeß transformierte sie von einem konkreten Objekt, nämlich dem Bezugsrahmen
27 vgl.: Dux 1989, S. 334f; Gurjewitsch 1978, S. 184; Münkler 1984, S. 28
28 vgl.: Dossey 1987, S. 51; Elias 1984, S. 6
29 vgl.: Elias 1984, S. 80
30 vgl.: Lüders 1995, S. 20
31 vgl.: Elias 1984, S. 94
32 vgl.: ebd.,S.166
18
einer bestimmten Handlung, zu einem Abstraktum, das mit universeller Gültigkeit den Zusammenhang aller Ereignisse erklärt. Die lineare oder objektive Zeit ist inzwischen in Hochkulturen zur Selbstverständlichkeit geworden. Als eine abstrakte Begrifflichkeit könnte man sie als die symbolische Repräsentation -oder, um Platons Sprachgebrauch zu folgen - als ewige Idee der konkreten Zeit definieren.
Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, entstand die Notwendigkeit zur Zeitbestimmung mit dem Übergang in die aktive Nahrungsmittelproduktion. Als sinnvoll strukturiertes Handeln für das Überleben frühzeitlicher Kulturen notwendig wurde, entstand das Bedürfnis nach Zeitmessung. Das Zeitbewußtsein in seiner ursprünglichen Form war demzufolge primär handlungsbezogen. Diese handlungsorientierte Zeitauffassung hielt sich bis ins frühe Mittelalter.
Der Komplexionsgrad frühmittelalterlicher Gesellschaften erforderte es noch nicht, die Zeit von der einzelnen Handlung zu abstrahieren und als eigenständige Begrifflichkeit zu behandeln. Die Zeit wurde gewöhnlich nach der Brenndauer eines Spans, einer Kerze oder des Öls in einem Heiligenlämpchen bemessen. Mönche orientierten sich beim Zeitbestimmen an der Zahl der Seiten, die sie gelesen hatten, oder an der Zahl der Psalmen, die sie zwischen zwei Himmelsbeobachtungen zu sprechen vermochten. Das ständige Bedürfnis, genau zu wissen, wie spät es ist, existierte für die Menschen des frühen Mittelalters noch nicht. Die Tage wurden in handlungsorientierte Abschnitte gegliedert. 33 Diesem Umstand ist es auch zuzuschreiben, dass die Zeit des frühen Mittelalters eine lokale Zeit war: Da jede Handlung mit einem Handlungsfeld verbunden ist, innerhalb dessen sie stattfindet, implizierte die handlungszentrierte Zeitauffassung des frühen Mittelalters per se den Verbund von Zeit und Raum. 34 Die Zeit hatte folglich nicht nur ihre eigene Handlung, sondern auch ihren eigenen Raum. Aus diesem Grunde war die Zeit des frühen Mittelalters - wie auch die des Altertumseine lokale Zeit.
Eine grundlegende Änderung erfuhr dieses handlungszentrierte Zeitverständnis seit dem Hochmittelalter, als sich ab dem ausgehenden 12. Jahrhundert durch die Institutionalisierung des Christentums als Kirche und die mit ihr verbundene
33 vgl.: Gurjewitsch 1978, S. 117f; Dux 1989, S. 317
34 vgl.: Mongardini 1986, S. 46
19
Öffentlichkeit der Religion das Primat der sakralen Zeit etablierte. Die liturgischen Interpretamente hatten eine eigene Zeitlichkeit; sie legten die heiligen Zeiten fest, die im Fluß der profanen Zeiten ein Kontinuum darstellten. Die Arbeit der Gottesdienstlichkeit war nach stringenten temporalen Ordnungsprinzipien organisiert worden, die sukzessive auch vom weltlichen Leben übernommen wurden. So wurde die Zeit des Klosters, die die Organisation des Tagesablaufes in Anlehnung an die aus der Antike übernommene Gliederung des Tages in „horae“ gestaltete und diese zur Grundlage ihrer Gebetszeiten machte, welche durch Glockengeläut angezeigt wurden, auch richtungsweisend für die Strukturierung des weltlichen Lebens. 35 Mit der Bedeutung, die nun die Begriffe „Disziplinierung“ und „Organisation“ erfuhren, wandelte sich auch die Bewertung von Zeit. Man könnte fast sagen, dass die rigorose Strukturierung, die das soziale Leben durch die fortschreitende Christianisierung seit dem Hochmittelalter sukzessive prägte, bereits erste Züge von dem trug, was man heute unter Zeitökonomie versteht.
Maßgeblicher für die Entwicklung unseres heutigen Verständnisses von Zeit waren jedoch die ab dem 9. Jahrhundert einsetzende Urbanisierung Europas und die mit ihr notwendig verbundene Kommerzialisierung erwerbsmäßiger Prozesse. Ist der Markt nicht mehr nur der Ort des Austauschs von Produkten, sondern Umschlagstelle einer gezielt auf ihn ausgerichteten Produktion, dann bildet die Arbeitszeit den wichtigsten wertbildenden Faktor. Dieser Umstand impliziert die Notwendigkeit der ökonomischen Wertbestimmung von Zeit. Das Aufkommen der Turmuhren zu Beginn des 14. Jahrhunderts markierte den Übergang in eine neue, ökonomisierte Zeit: Umfunktioniert zu einer Art „Werksglocke“, sollte der Schlag der Turmuhren dafür sorgen, dass möglichst viele Arbeiter tagtäglich zu einer bestimmten Zeit zur Arbeit kamen 36 - die Arbeitszeit wurde entqualifiziert, d.h. sie wurde von der konkreten Handlung abgekoppelt und galt nun als limitierbare Maßeinheit für eine zu erwartende Arbeitsleistung. Die Konsequenzen, die sich aus den mittelalterlichen Innovationen ergeben hatten, entwarfen ein Interpretationsmuster von Zeit, das mit unserem heutigen Zeitverständnis durchaus deckungsgleich ist. Wesentlich ist in diesem Kontext die Entkoppelung der Zeit von der Handlung zu nennen.
35 vgl.: Dux 1989, S. 320f; Nowotny 1995, S. 37
36 vgl.: Dux 1989, S. 332ff
20
Sinn und Zweck der zeitlichen Strukturierung ökonomischer und sozialer Prozesse ist es, eine Zeitlichkeit zu entwickeln, die kompatibel mit der Zeit der relevanten Bezugspersonen ist. Zeit ist in diesem Sinne eine Anschlußform, die sowohl den Arbeitnehmer an das Erwerbsleben anschließt, als auch das neugeborene Individuum an den soziokulturellen Kontext seiner vorgefundenen Umwelt.
Jeder Organismus besitzt aufgrund seiner endogenen Prozesse, die einer bestimmten Periodizität unterliegen, eine eigene Zeitlichkeit. Da jeder Organismus gleichermaßen ein integraler Bestandteil seiner Umwelt ist, unterliegt er auch deren Zeit. Für das Fortbestehen von Organismen ist es folglich notwendig, dass sie ihre Eigenzeiten mit den temporalen Strukturen ihrer Umwelt koordinieren. Die Zeit ist somit nach Dux eine Anschlußform, die ebenso unter realen Bedingungen der Außenwelt wie der Innenwelt steht, die es zu verarbeiten gilt. 37 Da der Mensch - im Gegensatz zum Instinkt geleiteten Tier - nicht an die Dynamik der äußeren Wirklichkeit, in die er hinein geboren wurde, angeschlossen ist, muss er diesen Anschluß zeitlich erst organisieren. Dies sogar in einem doppelten Sinne: als temporale Strukturierung seines eigenen Verhaltens und als zeitliche Organisation seiner Umwelt.
Das vordergründige Motiv, das diesen Prozeß initiiert, ist die Bedürfnisbefriedigung. Der anthropologische Aspekt des Zeitbegriffs muss also notwendig in Engführung mit dem Begriff „Handlung“ diskutiert werden; denn die Ausbildung kategorialer Zeitlichkeiten resultiert aus dem menschlichen Bestreben, die größtmögliche Befriedigung seiner Bedürfnisse zu erlangen. Notwendig hierfür ist die Adaptation der Eigenzeit des Organismus an die seiner Umwelt. Diese Anpassung ist das Resultat eines mentalen Prozesses. Somit ist auch die Zeit, als ein Organisationsmittel sinnvoll strukturierten Handelns, ein mentales Konstrukt. 38 Die Zeit ist also nicht nur eine Maßeinheit von Bewegungsabläufen, sie ist gleichermaßen auch das teleologische Prinzip dieser Bewegungen. Ihre Handlungsbezogenheit ist in diesem Sinne eine doppelte.
Die Handlungsgebundenheit der Zeit produziert notwendig eine pluralische Erscheinungsform von Zeit: Die enge Bindung des Zeitbegriffs an die Handlung
37 vgl.: ebd.,S.131
38 vgl.: Dux 1989, S. 46; Brück 1996, S. 207f
21
lässt so viele Zeiten wie Handlungen entstehen. In der ontogenetischen Entwicklung der Zeit ist diese noch eng an die Handlung gebunden. Ein Ausdruck dieses frühen, handlungsorientierten Zeitverständnisses ist die Vielfalt der Zeit: Auf diesem Niveau des Zeitbestimmens hat jedes Geschehen seine eigene Zeitlichkeit; die Zeit ist heterogen. 39
Mit der Anerkennung der Zeit als einer unabhängigen Konstante im Verlauf wiederholbarer und nicht wiederholbarer Ereignisse einher ging der Dualismus des Zeitbegriffs. Seit dem 17. Jahrhundert wurde die Zeit unterschieden in objektive und subjektive Zeit. Die objektive oder lineare Zeit wurde zu einem Begriff der Physik, die subjektive oder zyklische Zeit blieb weiterhin die Maßeinheit für naturale Prozesse, soziologische und individuelle Aktivitäten. Mit der Objektivierung der Zeit als homogenisierte Universalzeit hörte also die Handlungszeit nicht plötzlich auf zu existieren. Sie wurde lediglich als konkrete Zeit der allumfassenden physikalischen oder abstrakten Zeit einverleibt. Man könnte in diesem Kontext auch behaupten, dass mit der Dichotomie des Zeitbegriffs die Vorstellung von einer Art „Zeitschachtel“ entstanden ist: Zum einen gab es die allumfassende lineare Zeit, die unabhängig vom einzelnen Geschehen entstand und verging und zum anderen existierten die vielen zyklischen Zeiten, die abhängig von den einzelnen Geschehensabläufen waren. Handlungen ereignen sich vor dem Hintergrund der Geschichtszeit im Sinne eines aktuell existierenden Zeitraumes; Handlungszeit ist folglich ein Bestandteil der Chronologie. Da jede Handlung zwar ihre Eigenzeit hat, sich aber dennoch vor dem Hintergrund einer allumfassenden Zeit abspielt, ist jede Handlungszeit eine Zeit in der Zeit. 40
Zur Überwindung der handlungsorientierten Zeitmessung ist es notwendig, den Begriff der Handlungskompetenz von dem konkreten Ereignis zu lösen: Handlungen müssen in einer abstrakten Zeit, die außerhalb der Dauer eines konkreten Geschehens liegt, vorgestellt und miteinander koordiniert werden können. In der Formulierung eines abstrakten und von der konkreten Handlung abgelösten Begriffs von Zeit manifestiert sich das Ende der ontogenetischen Entwicklung der Zeit. 41 Zeit ist nun nicht länger die pluralische Erscheinungsfom
39 vgl.: Ströker 1996, S. 191
40 vgl.: Dux 1989, S. 139; Röttgers 1996, S. 214ff
41 vgl.: Dux 1989, S. 85f
22
multitemporaler Ereignisse; Zeit ist zur homogenisierten Universalzeit geworden, die die vielfältigen Eigenzeiten diverser Aktivitäten unter einen gemeinsamen Oberbegriff subsumiert.
Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, erfolgte durch das Aufkommen mechanischer Uhren eine Neubewertung der Zeit. Die Zeit wurde ökonomisiert und autonomisiert durch die Entkoppelung von der konkreten Handlung. Der Autonomisierungsprozeß der Zeit kulminierte in Newtons Zeittheorie, die die Zeit am Ende des 17. Jahrhunderts in eine absolute, universale Weltzeit und eine relative Zeit gliederte. 42 Die absolute Zeit war unabhängig vom einzelnen Geschehen; sie wurde mit dem Begriff „Dauer“ belegt. 43 Die relative Zeit galt als das Maß der Dauer. Newton unterschied also zwischen der meßbaren und beobachtbaren Zeit und der Zeit an sich. Die absolute Zeit wurde als gleichförmig fließend und homogen definiert. Sie besaß bei Newton eine exponierte Bedeutung , indem sie als normierende Instanz fungierte, die es gestattete, unabhängig von der Existenz beschleunigter oder gleichförmig bewegter Bezugssysteme, gleich große Zeitintervalle festzusetzen. In diesem Sinne war Newtons absolute Zeit vollkommen autonom.
Mit der Formulierung der „Speziellen Relativitätstheorie“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts verlor die objektive Zeit ihre autonome Struktur. Basierend auf Machs Einwänden, dass eine absolute Zeit, die für alle Zeitintervalle invariante Maße festlegt, nicht denkbar ist, da sich die Zeitmessung in der Physik niemals auf einen reinen Zeitfluß bezieht, sondern auf Vergleichen von Veränderungen basiert, erfuhr der Zeitbegriff in Einsteins Theorie eine Neuinterpretation: Die Zeit wurde nun als gleichbedeutend mit dem Ergebnis einer Meßoperation angesehen. In der „Speziellen Relativitätstheorie“ gibt es kein universell gültiges „Jetzt“ mehr für alle ruhenden oder gleichförmig bewegten Koordinatensysteme innerhalb des Universums. Die Zeit ist relativ und Relativität der Zeit besagt, dass jedes Koordinatensystem seine spezifische Eigenzeit besitzt und dass zu jeder Zeitbestimmung die Position im Raum gehört. Somit existiert - wie bereits in frühzeitlichen Kulturen - eine Vielfalt lokaler Zeiten. 44
42 vgl.: Müller 1986, S. 60ff
43 vgl.: Fraser 1993, S. 61; Newton 1963, S. 25
44 vgl.: Müller 1986, S.64ff
23
In der Annahme der Relativität von Zeit lässt sich ein gewisser Anachronismus erkennen, der das Zeitbewußtsein des 20. Jahrhunderts in wesentlichen Punkten in eins setzt mit dem des Altertums und des frühen Mittelalters. Insbesondere die Synthese von Zeit und Raum und die Anerkennung der Existenz vieler Lokalzeiten sind in diesem Kontext zu nennen. So lässt sich über die Auswirkungen der „Speziellen Relativitätstheorie“ auf das Verständnis von Zeit resümieren, dass sie nicht nur die prinzipielle Gültigkeit des frühzeitlichen Zeitbewußtseins manifestieren, sondern auch die aristotelische - und teilweise auch die platonische - Auffassung von Zeit als einem Maß von Bewegung bestätigen.
Wenn die transzendentale Idealität der Zeit nach Kant darin besteht, dass siewenn von den subjektiven Bedingungen der sinnlichen Anschauung abstrahiert wird - nichts ist, so ist die Annahme einer explizit wahrnehmungsgebundenen Existenz von Zeit nicht richtig. Zeit existiert, auch wenn wir nichts von ihr bemerken. Charakterisiert als das Maß von Bewegung ist sie omnipräsent. Dies in dem Sinne, dass Bewegung in jedem System - in unbelebter Materie ebenso wie in lebenden Organismen - in Form von Molekularbewegungen vorhanden ist: Zerfallserscheinungen wie beispielsweise Alterungsprozesse oder Korrosionen liegen immer Neuordnungen der Atome zugrunde somit Bewegungen, auch wenn wir diese nicht wahrnehmen können. Folglich kann auch dann von einer Anwesenheit von Zeit ausgegangen werden, wenn wir sie nicht bemerken.
Dadurch, dass sich in der Physik des 20. Jahrhunderts mit den erkennt-nistheoretischen Überlegungen Ernst Machs und deren Modifikation durch Albert Einstein die Grundannahme einer prinzipiellen Bewegung durchsetzte, kann mangemäß der Interpretation des Zeitbegriffs als einem Maß von Bewegung - auch von einer dauerhaften Anwesenheit von Zeit ausgehen. In diesem Sinne ist die Zeit dauerhaft und unvergänglich.
Wie bereits an anderer Stelle dargelegt, musste sich die Zeit von dem Verbund mit der einzelnen, konkreten Handlung lösen, um ein Synchronisationsmittel und eine Orientierungshilfe zielgerichteten Handelns werden zu können. Als das teleologische Prinzip von Handlung musste die Zeit von der konkreten Handlung entkoppelt und zu einem abstrakten Begriff werden, zu einem verbindlichen Integrationsmuster, das das soziale Leben strukturiert. Somit ist die Dauerhaftigkeit der Zeit eine doppelte, denn auch als Begriff eignet der Zeit die
24
Unvergänglichkeit. 45 Begriffe, wie Sprache, Wissenschaft, Kunst und Zeit werden nach Poser als „Waffen gegen die Vergänglichkeit“ benutzt: In ihrer Negation aller Zeitlichkeit bilden sie einen „ Restbestand platonischen Gedankengutes 46 “, wenn sie als beständige Identitäten im Sinne der ewigen Ideen aufgefaßt werden. Begriffe stellen in dem kontinuierlichen Wandel der äußeren Erscheinungen festgefügte Ordnungen und Orientierungsmuster dar. Sie sind symbolische Repräsentationen der Beständigkeit, denn sie bleiben als eine Idee des konkreten Gegenstandes erhalten, wenn dieser längst nicht mehr existiert.
So lässt sich in dem Versuch, aus den vielfältigen Aspekten temporaler Gegebenheiten ein einheitliches Interpretationsmuster von Zeit zu entwerfen, über die Zeit folgendes sagen: Die Zeit ist keine eigenständige Entität, sondern als abstrakte Begrifflichkeit ein Ordnungsprinzip mit universeller Gültigkeit. Sie ist, als ein grundlegendes Kriterium zur Bestimmung aller Ereignisse und Prozesse, unabhängig vom einzelnen Geschehen. Als ein Strukturierungselement gesellschaftlicher und ökonomischer Prozesse ist sie eine Anschlußform, die die unterschiedlichen Eigenzeiten individueller Aktivitäten koordiniert und mit den temporalen Gegebenheiten der Umwelt synchronisiert. In diesem Sinne ist die Zeit das teleologische Prinzip von Bewegung: Sie bestimmt den rechten Zeitpunkt zur Ausführung bestimmter Handlungsabläufe und legt fest, wie lange sie dauern dürfen.
Gleichermaßen ist die Zeit das Maß von Bewegung. Sie ist also autonom und abhängig zugleich.
Dieser Zwiespalt zeigt sich nicht nur hinsichtlich des handlungsbezogenen Aspekts von Zeit, die Doppelbödigkeit der Zeit ist durchgängig:
Zeit ist objektiv und subjektiv.
Zeit ist gleichermaßen Quantität und Qualität von Meßoperationen. Bewegungsabläufe indizieren die Anwesenheit von Zeit, denn ohne Bewegung gäbe es keinen Zeitverlauf. Als ein Maß von Bewegung misst die Zeit folglich das, wodurch sie definiert wird. Im Gegensatz zu dem Liter, der als eine Maßeinheit für Flüssigkeit lediglich die Quantität einer Meßoperation darstellt und demzufolge
45 vgl.: Poser 1996, S. 48; Fraser 1993, S. 32
46 Poser 1996, S. 46
25
auch ohne bestimmbares Objekt vorstellbar ist, wie auch die Flüssigkeit selbst durchaus ohne den Liter existieren kann, ist dies bei der Zeit nicht der Fall.
Zeit ist als zyklische Zeit sinnlich-konkret und als lineare Zeit nicht wahrnehmbar.
Zeit ist dauerhaft und vergänglich zugleich. Denn als ein Maß von Bewegung
entsteht und vergeht die Zeit mit der einzelnen Bewegung, während sie gleichzeitig bei einer grundsätzlichen Annahme von Bewegungen unvergänglich ist.
Rechnete man diese antagonistischen Charakterisierungen gegeneinander auf, dann käme man zu dem Resultat, dass die Zeit an sich wirklich nichts ist. Mit dieser Annahme folgte man der kantischen und der aristotelischen Interpretation des Zeitbegriffs, die die Zeit als nichts oder ein Nichtseiendes charakterisiert hatten.
Die Zeit ist in der Tat nichts hinsichtlich ihrer materiellen Beschaffenheit. Dennoch darf die Substanzlosigkeit nicht über die enorme Autorität des Phänomens Zeit hinweg täuschen. Als etablierter sozialer Standard hat die Zeit einen normativen Charakter: Sie beeinflußt sowohl das Leben des Einzelnen, als auch das der Gesellschaft. Derart mit Machtbefugnissen ausgestattet, kann man die Zeit als eine unsichtbare Autorität charakterisieren, deren Regiment sämtliche Bereiche des sozialen Lebens umfaßt.
26
Der Aufbruch in die Moderne: das 19. Jahrhundert und seine technischen und kulturellen Innovationen
1. Die Industrialisierung von Raum und Zeit: der Beginn des Eisenbahnzeitalters
Den Abschluß und Höhepunkt der industriellen Revolution, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit der Einführung von Maschinen in der englischen Tuchindustrie begonnen hatte bildete die Erfindung der Eisenbahn. Mit ihr wurden im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die Weichen für ein neues Zeitalter gestellt.
Die ersten Lokomotiven, die in England zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Eisenbahnzeitalter eingeleitet hatten, wurden von der Bevölkerung noch nicht als autonome Bewegungsapparaturen wahrgenommen. Statt dessen galten sie als auf Räder montierte Dampfmaschinen. Tatsächlich ist diese Bezeichnung nicht ganz unrichtig, denn vom technischen Standpunkt aus gesehen, ist die Lokomotive eine abgewandelte Version der Hochdruckdampfmaschine von Oliver Evans. Diese Maschine, die um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert entwickelt worden war, bildete den Abschluß und Höhepunkt in der Genese der Dampfmaschinen. 47
47 Dampfmaschinen gibt es seit dem 17.Jahrhundert. Die erste ökonomische Nutzung der Dampfkraft wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts durch Newcomens atmosphärische Dampfmaschine möglich.
Diese Maschine wurde im Kohlerevier von Newcastle eingesetzt, um das Wasser aus den Schächten zu pumpen. 1767 waren bereits 57 dieser Maschinen im Einsatz. 1780 wurden die Newcomen-Maschinen durch die Wattschen Niederdruck-Dampfmaschinen ersetzt. Die Entwicklung dieser Maschinen stellte insofern einen enormen technischen Fortschritt dar, als daß Dampfmaschinen nun erstmals zur gewerblichen Industrieproduktion außerhalb der Kohlereviere benutzt werden konnten.
Die Wattsche Dampfmaschine hatte einen wesentlich geringeren Brennstoffverbrauch als die Newcomen-Maschine bei gleichzeitig erheblich gesteigerter Leistung. Entscheidend für ihre industrielle Nutzung war jedoch ihre Fähigkeit, Rotationsbewegungen auszuführen.
Um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert wurde die Wattsche Niederdruckdampfmaschine durch die von Oliver Evans entwickelte Hochdruckdampfmaschine abgelöst. Der Vorteil dieser Maschine lag in einer nochmaligen Intensivierung der Arbeitsleistung, was auf die unmittelbare Wirkung des Dampf- druckes zurückzuführen war. Diese neue Hochdruckdampfmaschine war nicht
27
Die durch die Hochdrucktechnik erreichte Intensivierung - „ maximale Arbeitsleistung in minimaler Apparatur“ 48 - ermöglichte die bewegliche Verwendung der Dampfmaschine, das heißt ihre Nutzung als Lokomotive. Dies geschah seit Beginn des 19. Jahrhunderts im Kohlerevier von New-castle. Dort entstand zwischen den Gruben und dem River Tyne, auf dem die Kohle weiter transportiert wurde, ein dichtes Netz von Schienenwegen in Längen bis zu 10 Meilen.
Schienenwege in Bergstollen sind seit dem späten Mittelalter üblich. Die auf diesen Schienen verkehrenden Lorenzüge wurden zunächst von Pferden bewegt, seit Beginn des 19. Jahrhunderts verrichteten Lokomotiven diese Arbeit. Die Umstellung auf den mechanisierten Antrieb erfolgte aus rein ökonomischen Gründen, denn der Brennstoff Kohle war im Kohlerevier billiger als Futtermittel, die aus anderen Teilen des Landes herantransportiert werden mussten. Seit 1815 galt die Relation „ billige Kohle versus teure Futtermittel“ 49 auch für den Rest von England. Begünstigend für den Einsatz mechanischer Arbeitskraft im Bergbau war auch der Erlaß des von landwirtschaftlichen Interessen dominierten Parlaments, welches 1815 eine hohe Besteuerung des Importgetreides festgelegt hatte. Die hohen Getreidepreise wurden ab 1820 als Standardargument dafür benutzt, das gesamte Transportwesen auf die Eisenbahn auszurichten. Der Unterhalt eines Pferdes kostete nach damaligen Berechnungen soviel wie der Unterhalt von acht Arbeitern. Würde die eine Million Pferde, die in England zu Transportzwecken unterhalten werden musste, durch die Umstellung des Transportwesens überflüssig, argumentierten die Bahn-Befürworter, so setzte diese Einsparung zusätzliche Lebensmittel für acht Millionen Arbeiter frei. Die Quantität der Kohleförderung in England lieferte ein weiteres Argument für den Einsatz von Dampfmaschinen im Transportwesen: Kohle erschien als ein unendlich verfügbarer Brennstoff. Die Kohleproduktion in England betrug
1816 16 Mio. Tonnen
1836 36 Mio. Tonnen
1846 44 Mio. Tonnen
nur leistungsstärker als ihre Vorgängerinnen; sie war auch kleiner und hatte einen erheblich geringeren Brennstoffverbrauch. ( Vgl. Schivelbusch 1995, S. 9f)
48 Schivelbusch 1995, S. 11
28
1851 57 Mio. Tonnen.
Frankreich, das eine wesentlich geringere Produktionsrate aufzuweisen hatte, nämlich
1820 1 Mio. Tonnen
1837 2 Mio. Tonnen
5 Mio. Tonnen 50 1846
konnte sich aufgrund seiner ökonomischen Realitäten der englischen Argumentation nicht anschließen. Die Befürchtung, daß sich die fossilen Brennstoffe eines Tages verringern werden, während sich die animalische Arbeitskraft ewig reproduzieren lässt, ließ Frankreich zunächst mit Skepsis auf die Modernisierung des Transportwesens schauen.
Dennoch begann 1843 mit der Eröffnung der ersten großen Strecken das Eisenbahnzeitalter - oder die Industrialisierung von Raum und Zeit - auch in Frankreich. 51
Wie bereits erwähnt, wurden die ersten Lokomotiven noch nicht als autonome Bewegungsapparaturen wahrgenommen, sondern als Dampfmaschinen, die auf ein Fahrgestell montiert waren. Gleichermaßen wurde in den ersten Definitionen der Eisenbahn übereinstimmend auf die Unteilbarkeit von Fahrzeug und Maschine hingewiesen: Lokomotive und Schienenweg stellten ein maschinelles Ensemble dar. Dieser Eindruck des maschinelles Ensembles entstand dadurch, daß die ersten Eisenbahnen nicht auf glatten Schienen liefen: Sie bewegten sich mittels eines gezahnten Antriebrades über eine gezahnte Schiene. Nach diesem Prinzip wurden Lokomotiven und Schienen bis etwa 1825 gebaut. 52
Die Mechanisierung des Transportwesens schritt unaufhaltsam voran, so daß 1842 die Gründung einer Kooperationsstelle zur Abwicklung des immer bedeutsamer werdenden englischen Eisenbahnverkehrs erforderlich wurde:
49 Schivelbusch 1995, S. 11
50 vgl.: ebd., S. 12f
51 vgl.: ebd., S. 174
52 vgl.:ebd.,S. 21ff
29
„Die maschinelle Einheit, die Rad, Schiene, Schienenweg und Fahrzeug bilden, entfaltet sich zur Einheit des gesamten Schienennetzes. Dieses erscheint wie eine über das Land verteilte große Maschine.“ 53
Dieser Maschine wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts ganz allgemein nachgesagt, daß sie Raum und Zeit vernichte 54 , was wesentlich auf die enorm gesteigerte Geschwindigkeit zurückzuführen ist, die die Bahn im Gegensatz zu früheren Verkehrsmitteln erreichen konnte. Eine gegebene räumliche Distanz, deren Überwindung traditionell ein bestimmtes Zeitmaß erfordert hatte, war nun in einem Bruchteil dieser Zeit zu überwinden. Oder, um es anders zu formulieren, in derselben Zeit konnte nun ein Vielfaches der alten räumlichen Distanz überwunden werden. Unter verkehrsökonomischen Aspekten betrachtet, bedeutete dies eine Verkleinerung des Raumes.
Die Durchschnittsgeschwindigkeit der ersten Eisenbahnen in England betrug ca. 25 Meilen. Das war ungefähr das Dreifache der traditionellen Transportgeschwindigkeit. Folglich wurde eine gegebene Strecke in einem Drittel der gewohnten Zeit zurückgelegt oder zeitlich auf ein Drittel reduziert. Diese zeitliche Verkürzung ist in Texten des frühen 19. Jahrhunderts als Schrumpfung des Raumes vorgestellt worden. 55 Anläßlich der Eröffnung der Eisenbahnlinien von Paris nach Rouen und Orléans im Jahre 1843 äußerte Heinrich Heine seine Besorgnis über den Zusammenbruchs des traditionellen Raum-Zeit-Bewußtseins:
„Welche Veränderungen müssen jetzt eintreten in unsere Anschauungsweise und in unseren Vorstellungen! Sogar die Elementarbegriffe von Zeit und Raum sind schwankend geworden. Durch die Eisenbahnen wird der Raum getötet, und es bleibt uns nur noch die Zeit übrig ... In viereinhalb Stunden reist man jetzt nach Orléans, in ebensoviel Stunden nach Rouen. Was wird das erst geben, wenn die Linien nach Belgien und Deutschland ausgeführt und mit den dortigen Bahnen verbunden sein werden! Mir ist, als kämen die Berge und Wälder aller Länder auf Paris angerückt. Ich rieche schon den Duft der deutschen Linden; vor meiner Tür brandet die Nordsee.“ 56
Die seit dem frühen 19.Jahrhundert bestehende Annahme, daß durch die Mechanisierung des Transportwesens Zeit und Raum vernichtet würden, bezieht sich auf die reduzierte Wahrnehmbarkeit sowohl des Zwischenraumes als auch der Zwischenzeit, die zwischen Beginn und Ende einer Reise liegen. Als nicht mehr existent erlebt wurde das herkömmliche Raum-Zeit-Kontinuum: Auf der einen
53 ebd.,S. 32
54 vgl.: ebd.,S. 35
55 ebd.,S. 35f
30
Seite erschloß die Bahn neue Räume, die bislang nicht verfügbar waren, auf der anderen Seite geschah dies, indem Raum vernichtet wurde, nämlich der Raum dazwischen. Dieser Zwischenraum oder die Reisedauer, die im langsamintensiven traditionellen Reiseverkehr sehr bewußt wahrgenommen wurde, verschwand im Zeitalter der Eisenbahnen: „ Die Eisenbahn kennt nur noch Start und Ziel.“ 57
Indem der Raum zwischen Ausgangsbasis und Zielort der Reise dergestalt reduziert wurde, rückten diese Orte in der damaligen Vorstellung unmittelbar aneinander. Sie verloren ihr altes „Hier und Jetzt“, das durch den Zwischen-Raum definiert worden war. Gleichermaßen verloren die Ortschaften durch die Einbindung in das Eisenbahnnetz ihre Individualzeiten. Solange die Städte des frühen 19. Jahrhunderts durch die fehlende Einbindung in das Verkehrsnetz noch relativ isoliert waren, besaßen sie ihre individuelle Zeit. So war die Londoner Zeit beispielsweise vier Minuten früher als die Zeit in Cirencester und vierzehn Minuten eher als die in Bridgewater. Diese unterschiedlichen Lokalzeiten hatten solange nicht gestört, wie der Verkehr zwischen den Ortschaften traditionell vor sich gegangen war: Die temporalen Differenzen waren hinter der Langsamkeit des Transportwesens verschwunden. Die zeitliche Streckenverkürzung durch die Eisenbahn deckte diese temporalen Differenzen nun auf. Da durch die gleichzeitige Existenz verschiedener Lokalzeiten kein einheitlicher Fahrplan erstellt werden konnte, wurde eine Vereinheitlichung der Zeit notwendig. Diese wurde in England in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts von den einzelnen Bahngesellschaften vorgenommen. Jede Gesellschaft führte auf ihrer Strecke die vereinheitlichte Zeit ein. Als sogenannte „Eisenbahnzeit“ galt diese Zeit jedoch nur für den Bahnverkehr; die Ortschaften besaßen weiterhin ihre eigenen Zeiten. Je komplexer das Verkehrsnetz jedoch wurde, desto häufiger kam es zu Konfrontationen zwischen den jeweiligen Lokalzeiten mit der Eisenbahnzeit. Aus diesem Grunde wurde die Eisenbahnzeit 1880 allgemeine Standardzeit in ganz England; in Deutschland erfolgte diese Zeitumstellung im Jahre 1893. 58
56 zit. nach: ebd.,S. 38f
57 ebd.,S. 39
58 vgl.: ebd.,S. 39ff
31
Durch die Industrialisierung verlor das zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch weitgehend vom Mittelalter geprägte europäische Stadtbild seine herkömmliche Struktur. Die räumliche Geschlossenheit verschwand; mit der Entstehung spezialisierter Distrikte wie Wohn-, Geschäfts- und Industriebezirke entwickelten sich Stadtlandschaften. Wo diese Entwicklung nicht unmittelbar von der Eisenbahn verursacht worden war, wirkten zumindest die Begleitumstände des Bahnwesens als beschleunigende Faktoren dieser Tendenz. 59 Primär trat der Einfluß der Eisenbahn durch eine massive Steigerung des Straßenverkehrs in Erscheinung. Insbesondere die Straßen in der Umgebung der Bahnhöfe veränderten sich „ wie über Nacht.“ 60 Die ersten Hauptverkehrsstraßen entstanden notwendig zwischen Bahnhof und Stadtzentrum, weitere verbanden die verschiedenen Bahnhöfe einer Stadt miteinander. Der Reiseverkehr machte also nicht am Bahnhof Halt, sondern bahnte sich von dort aus seinen Weg durch die Stadt. Um dem erhöhten Verkehrsaufkommen adäquat begegnen zu können, wurden umfangreiche Modernisierungsmaßnahmen in allen europäischen Städten notwendig. Besonders intensiv wurde Paris modernisiert: Innerhalb von 17 Jahren änderte sich die Physiognomie des Stadtbildes vollständig.
Als Baron Georges Eugène Haussmann (1809-1891), der im Second Empire von Napoleon III. mit umfangreiche Modernisierungsmaßnahmen beauftragt wurde, 1853 seinen Dienst angetreten hatte, gab es noch keinen einheitlichen Straßenplan von Paris - es existierten lediglich Teilpläne von den einzelnen Quartiers. Folglich begann Haussmann seine Arbeit, die in der Zerstörung des historischen Stadtbildes kulminierte, mit der Vermessung der Stadt. Daraufhin wurde ein Gesamtstraßenplan angefertigt, in den die geplanten neuen Straßenzüge bereits eingetragen waren. Nachdem eine allgemeine Planierung von Paris stattgefunden hatte, entstanden die großen Boulevards und Avenuen. Der erste Boulevard, der in Paris entstand, ist der Boulevard de Strasbourg. Er beginnt am Gare de l’Est und verläuft „geradezu wie die Fortsetzung des Schienenstrangs, mathematisch exakt in derselben Achse liegend, nicht weniger linear.“ In dieser „ fast ästhetischen Deutlichkeit, als direkte Fortsetzung der Eisenbahnstrecke in der Stadt erkennbar“ 61 ist der Boulevard de Strasbourg einzigartig. Doch lassen sich auch die übrigen Straßendurchbrüche, die in der Ära
59 vgl.: ebd.,S. 159
60 ebd.,S. 159
61 ebd., S. 161
32
Haussmann ausgeführt wurden, als Ergänzungen des Eisenbahnverkehrs erkennen. Mit der Sanierung des historischen Paris für einen reibungslosen Verkehrsfluß widerfährt den Parisern nach Schivelbusch ein ähnliches Schicksal wie den ersten Eisenbahnreisenden:
„Wie diese, gewöhnt an die Raum-Zeit-Wahrnehmung des Reisens in der Kutsche, die Eisenbahnreise als Vernichtung von Raum und Zeit erleben, so erscheint das für den Verkehr umgestaltete Paris seinen Einwohnern vernichtet, und zwar doppelt, physisch demoliert und zerschlagen in seiner räumlichen und historischen Kontinuität.“ 62
Gleichzeitig mit der Umgestaltung des historischen Paris in eine Metropole der Boulevards und Avenuen zeichnete sich im Einzelhandel eine entsprechende Veränderung ab. Mit der Gründung des ersten Kaufhauses, Bon Marché, durch Aristude Boucicaut entstand im Jahre 1852 eine neue Form des Einzelhandels. 63 Die großen Kaufhäuser, die ab der Hälfte des 19. Jahrhunderts eingerichtet wurden, findet man ausnahmslos in den Avenuen und Boulevards, von denen sie ihre Kunden und Waren empfangen. Kaufhäuser waren also von Anfang an in den Verkehrsfluß integriert, beziehungsweise hätte sich die Kultur des Kaufhauses mit ihrer spezifischen Erscheinungsform und Funktionsweise ohne ein entwickeltes innerstädtisches Verkehrssystem nicht etablieren können: Kaufhäuser erzielen ihre Gewinne mit hohen Umsätzen bei relativ niedrigen Preisen. Aufgrund dieses Umstandes sind sie auf eine maximale Frequentierung angewiesen.
62 ebd., S. 163
63 vgl.: ebd., S. 165
33
2. Die panoramatische Sichtweise als ein Charakteristikum
des 19. Jahrhunderts
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Eisenbahn als ein Projektil und die Reise in ihr als ein „ Geschossenwerden durch die Landschaft“ erlebt, bei dem einem „Sehen und Hören vergeht.“ 64 Inwieweit die Fahrt in der Bahn dazu beigetragen hat, die Fähigkeit des Hörens zu verlieren, mag dahingestellt bleiben. Dass sie die traditionellen Sehgewohnheiten massiv beeinflusst hat, ist jedoch nicht von der Hand zu weisen. Durch die relativ hohe Geschwindigkeit der Eisenbahn, die ein Vielfaches des herkömmlichen Tranportmittels ausmachte, änderte sich die Wahrnehmung der durchreisten Landschaft - sie verflüchtigte sich hinter der schnellen Abfolge visueller Eindrücke. Dadurch wurden Differenzen indifferent, denn der Blick aus dem Abteilfenster konnte sich nicht mehr im Detail verfestigen, sondern verflüchtigte sich im Panorama.
1. Die verflüchtigte Landschaft:
Die Schwierigkeit, außer den gröbsten Umrissen überhaupt noch etwas in der durchreisten Landschaft zu erkennen, wird in fast allen frühen Beschreibungen von Bahnreisen thematisiert. Jacob Burckhard beschreibt den Verlust von Landschaft 1840 folgendermaßen: „ Die nächsten Gegenstände, Bäume, Hütten und dergleichen kann man gar nicht recht unterscheiden; so wie man sich danach umsehen will, sind sie schon lange vorbei.“ 65
Aufgrund der großen Geschwindigkeit, mit der eine Vielzahl visueller Eindrücke am Fenster des Eisenbahnabteils vorbeizieht, ist es unmöglich, Details auszumachen. Was sich dem Betrachter durchreister Landschaften darbietet, ist das Panorama, das sich in einer raschen Zusammendrängung wechselnder Bilder zeigt. Durch die Geschwindigkeit wird eine erhöhte Anzahl wechselnder Eindrücke produziert, die eine Wahrnehmung bleibender Eindrücke oder der Geringfügigkeit ihrer Differenzen erschwert oder gar verhindert. Was bleibt, ist der flüchtige
64 ebd., S. 53
65 zit. nach: ebd., S.54
34
Gesamteindruck, „ wo die vorüberjagenden Landschaften, ehe man noch irgendeine Physiognomie gefaßt, immer neue Gesichter schneiden.“ 66
2. Egalisierung als optische Implikation von Geschwindigkeit:
Der Blick aus dem Abteilfenster, der die rasch wechselnden Abfolgen visueller Eindrücke aufnimmt, muss, um diese permanente Reizüberflutung zu kompensieren, eine neue Fähigkeit entwickeln: „ Es ist die Fähigkeit, das Unterschiedene, wie es jenseits des Abteilfensters abrollt, unterschiedslos aufzunehmen.“ Diese neue Sichtweise, für die die Mobilität „die Grundlage der neuen Normalität.“ 67 geworden ist, haftet nicht mehr am Detail, sie verliert sich im Ganzen. Sie ist „flüchtig, impressionistisch, eben: panoramatisch.“ 68
Die panoramatische Sichtweise resultiert jedoch nicht nur aus der Beschleunigung durch die Mechanisierung des Transportwesens. Gleichermaßen begünstigend für ihre Etablierung ist auch die Umwandlung des herkömmlichen Detailgeschäfts ins Warenhaus. Schivelbusch stellt dazu fest:
„Im Übergang vom Detailgeschäft alten Typs zum Kaufhaus verändert sich die Wahrnehmung der Waren durch den Kunden in analoger Weise wie sich die Wahrnehmung der Reisenden im Übergang von der Kutsche zur Eisenbahn bzw. die Wahrnehmung der Pariser aufgrund der Haussmannisierung ihrer Stadt verändert. Im Kaufhaus entwickelt sich die Wahrnehmung, die wir panoramatisch nennen.“ 69
Dies ist - analog zu der geballten Vielfalt visueller Eindrücke, die sich dem Bahnreisenden durch das Abteilfenster bieten - primär auf die Reizüberflutung durch die präsentierte Warenmenge zurückzuführen. Wo im herkömmlichen Detailgeschäft Einheit geboten wurde, zeigt sich im Warenhaus die Vielfalt in simultaner Präsenz. Analog zur durchreisten Landschaft, wo Unterschiedliches zunehmend indifferent erlebt wird, verliert auch die Ware durch das Kaufhaus ihre „unmittelbar individuelle Präsenz und sinnliche Qualität.“ 70 Sie wird nicht mehr primär in ihrer Individualität wahrgenommen, sondern als Teil einer heterogenen Masse.
66 Eichendorff,Joseph, zit.nach: ebd., S.56
67 Schivelbusch 1995, S.59ff
68 ebd., S.166
69 ebd., S. 166
70 ebd., S. 167
35
Was für die simultane Vielfalt visueller Eindrücke gilt, trifft auch auf die Geschwindigkeit zu: Auch sie ist in den neuen Kaufhäusern anzutreffen. Ihre Waren haben nach Schivelbusch an derselben Verkehrbeschleunigung teil,
„welche die neue Wahrnehmungsweise in der Eisenbahn und auf den Boulevards hervorbrachte. Im Kaufhaus ist diese Verkehrsbeschleunigung der beschleunigte Warenumsatz.“ 71
An anderer Stelle fährt er fort:
„Ist die Verbindung mit dem Straßenverkehr notwendig, um die für den beschleunigten Warenumsatz notwendigen Käufer- und Warenmengen aufsaugen zu können, so basiert der Umsatz selber nicht weniger auf Bewegung. Es ist die von der Straße her einströmende Bewegung und zugleich eine neue Bewegung, in welche die Käufer aufgrund eines sorgfältig manipulierten Warenarrangements versetzt werden ... Aufgrund dieses Bewegungszustands des Käufers, der durch das Kaufhaus reist wie der Eisenbahnreisende durch die Landschaft, wirken die Waren in ihrer Gesamtheit auf ihn, als ein Ensemble von Gegenständen und Preisschildern, verschmolzen zu einem pointillistischen Gesamteindruck.“ 72
71 ebd., S.167
72 ebd., S. 168f
36
3. Paris und die Ära Haussmann
Als George-Eugène Haussmann (1809-1891) am 29.6.1853 zum Präfekten von Paris ernannt wurde, 73 war Paris war übervölkert und schmutzig: Es war „ häßlich, gemein, vulgär, chaotisch.“ 74 Es gab keine öffentlichen Märkte, keine Brunnen, keine regulären Hauptstraßen und keine Theater. Die von Haussmann vorgefundene Stadt war mittelalterlich strukturiert mit engen, dunklen Gassen und einem verfallenen Kern. Das gesamte Zentrum von Alt-Paris und die drei Arrondissements am linken Seine-Ufer wurden von dem Stadtrat Victor Considérant 1844 als eine einzige große Kloake beschrieben. Hinzu kam, daß Paris 1849 von der 2. großen Cholerawelle heimgesucht wurde. 75 Man musste nach Jordan „ also für Licht und Luft sorgen und die Stadt vom Würgegriff der mittelalterlichen Wucherungen befreien.“ Im Straßenbau wurde das Patentrezept gesehen; „er sollte für mehr Bewegungsfreiheit sorgen und Paris zugleich säubern und belüften.“ 76 Mit dieser Argumentation erlangten Straßen erstmals eine größere Relevanz als Bauwerke und diese Priorität beeinflußte alle weiteren Planungen.
Neben den Erfordernissen der Zeit, die, wie das verstärkte Verkehrsaufkommen und die unzureichenden hygienischen Zustände, per se eine Sanierung der Stadt notwendig machten, spielten auch politische Motive eine wesentliche Rolle bei der Umgestaltung der Stadt: Louis Napoléon brauchte dringend Prestigeobjekte, die sowohl die Stärke des neuen Regiemes symbolisieren, als auch Arbeitsplätze schaffen sollten. 77 Um diese Pläne zu realisieren, mussten zunächst einmal massive Enteignungen und Abrissarbeiten vorgenommen werden, die von Napoléon vollständig unterstützt wurden. 78 Haussmann musste in großem Umfang zerstören; er tat dies vor allem in der Altstadt. Das Resultat seiner Sanierungsmaßnahmen war „das extremste Beispiel einer Stadterneuerung durch
73 vgl.: Jordan 1996, S. 180
74 ebd., S. 35
75 vgl.: ebd., S. 205
76 ebd., S. 36
77 vgl.: ebd., S. 177
78 Zwischen 1852 und 1859 wurden 4.349 Häuser abgerissen; von diesen mussten 2.236 enteignet werden (vgl.Jordan 1996:279).
37
Abriß.“ 79 Zola schrieb über den Anblick von Paris, das während der Haussmannschen Aktivitäten voller Gerüste und aufgerissener Straßen war:
„Sieh nur dort bei den Hallen, da hat man Paris in vier Teile geschnitten ... Wenn das erste Verkehrsnetz fertig ist, fängt der richtige Tanz an. Das zweite Netz wird die Stadt überall durchlö chern. ... Vom Boulevard du Temple bis zur Barrière du Trône ein Einschnitt, dann auf dieser Seite wieder ein Einschnitt, von der Madeleine bis zur Ebene von Monceau. ... Paris wird mit Säbelhieben zerhackt, seine Adern geöffnet, und so ernährt es hunderttausend Erdarbeiter und Maurer.“ 80
Haussmanns Umgang mit der Île de la Cité wurde vielfach als „ mutmaßliche Zerstörung der Wiege von Paris“ 81 kritisiert: Von dem dicht bebauten mittelalterlichen Viertel, das auf kleinstem Raum Hunderte von Wohnungen und viele Kirchen vereinigt hatte, ließ Haussmann nur Notre-Dame, die Conciergerie 82 , den Palais de Justice und die Sainte Chapelle stehen. Den Modernisierungmaßnahmen auf der Île de la Cité fielen Wohnhäuser für beinahe 15.000 Menschen zum Opfer; Ende des 19. Jahrhunderts lebten nur noch 5.000 Menschen in der Altstadt. 83
„Aus dem mittelalterlichen Stadtkern war ein Rechts- und Behördenzentrum geworden. Einst Sitz der Könige und des Hofes, des Bischofs, der Kirchenhierarchie ... war die Île nun nicht einmal Museum, sondern eine Art Mischmasch, erdrückt von öffentlichen Gebäuden, die stilistisch, funktional und historisch nichts miteinander zu tun hatten. Notre-Dame bot sich dar wie eine zu bewundernde Statue, aber keine Stätte für den Gottesdienst. Die Sainte-Chapelle war in einem Hof des Palais de Justice versteckt, die alte Cité nicht mehr das Wahrzeichen von Paris ... Haussmanns Umgang mit der Île de la Cité traf einen empfindlichen Nerv der Moderne, und viele seiner Zeitgenossen schrien laut auf. Kein anderer Pariser Stadtteil war so altehrwürdig, und in keinem anderen wütete er so radikal mit seinen Abrissen.“ 84
Haussmanns Sanierung betraf nicht alle Stadtteile im selben Maße; ausgestattet mit einer tiefen Abneigung gegen den „Pariser Pöbel“ 85 vernachlässigte er den Ostteil von Paris und das linke Seine-Ufer, die Wohngegend der unterpriveligierten Gesellschaftsklasse. Er vertrieb die schmutzige Schwerindustrie aus der Stadt,
79 Jordan 1996, S. 218
80 zit. nach: Vallès-Bled 1997, S. 33f
81 Jordan 1996, S. S. 218
82 Bauzeit: Ende des 13. bis Anfang des 14. Jahrhunderts. Die Conciergerie war bis Ende des 14. Jahrhunderts Staatsgefängnis; während der Französichen Revolution beherbergte sie u. a. Marie Antoinette.
83 vgl.: Jordan 1996, S. 218
84 ebd., S. 219f
85 ebd., S. 266
38
entwurzelte die Armen und steckte das Geld in die Nobilitierung der Weltstadt. Haussmann
„krönte das neue Zentrum mit der prachtvollen Opéra, baute Luxushotels, lockte Warenhäuser auf seine schicken Boulevards, schuf teuren Wohnraum, mit einem Wort: machte die Stadt angenehm und behaglich für alle, die gut betucht waren.“ 86
Auch wenn Haussmanns Modernisierungsmaßnahmen primär mit dem Ausbau des Straßennetzes und der Kanalisation in Verbindung gebracht werden, so ist die Gestaltung von Parks und Plätzen gleichermaßen charakteristisch für diese Ära: 1850 hatte die Stadt 47 Hektar Parkanlagen, 1870 waren es 4.500. Des Weiteren erhielt die Stadt in der Ära Haussmann 18 neue Plätze. 87
Haussmanns Umbaumaßnahmen zielten darauf ab, der Hauptstadt des Second Empire ein Erscheinungsbild zu präsentieren, das sich durch geometrische Strenge, symmetrische Muster und geballte Gleichförmigkeit auszeichnet. Er verband die einzelnen Stadtteile miteinander, aber nicht - wie bis dahin üblichmit dem Stadtkern. Damit wurde jenes zentralisierte Ordnungsprinzip verworfen, das Paris jahrhundertelang geprägt hatte. Haussmann schuf zahlreiche Brennpunkte, die er durch die großen Boulevards zu einem Gesamtsystem verband. 88 Zum Stadtzentrum wurde die neue Oper erkoren. Allerdings wollte Haussmann dort keinesfalls alle Straßen zusammenlaufen lassen, dazu war Paris mittlerweile zu weitläufig geworden. Haussmanns Paris wurde optisch wie funktional fokussiert: Alle Aspekte des öffentlichen Lebens wurden durch entsprechende Bauwerke repräsentiert: Der Verkehr durch die Bahnhöfe, das Gewerbe durch das Tribunal de Commerce, die Stadtverwaltung durch das Hotel de Ville, die Kultur durch die Opéra und Alt-Paris durch Notre Dame. Diese Fixpunkte des öffentlichen Lebens waren gleichermaßen auch dezentrale Markierungspunkte der Stadtlandschaft.
Das zentrale Prinzip der haussmannschen Stadtsanierung war die Egalisierung:
„Sein Wunsch nach Gleichförmigkeit und seine systemische Auffassung der Stadt machten ihn argwöhnisch: So umgab er Garniers Opéra mit Gebäuden, die sie fast erdrückten und zwängte das außergewöhnlich formenreiche Bauwerk so in einen trostlosen Komplex aus Stein. Die großen vorgefundenen Bauwerke - wie Notre-
86 ebd.,S. 266
87 vgl.: ebd. ,S. 294
88 vgl.: ebd., S. 181
39
Dame, der Invalidendom oder der Louvre - ließ er von der Stadtlandschaft nicht beeinträchtigen, stellte sie sogar völlig frei, weil er sie für Monumente, für hervorzuhebende Schwerpunkte des Stadtreliefs hielt. Alle sonstigen Entwürfe bettete er in das engmaschige Stadtgeflecht ein. Der Einzelbau hatte ebenso wie das Familienhaus in seiner Stadt nichts zu suchen.“ 89
Seit Napoléon I. (1769-1821) wurden die französischen Architekten entweder an der École Politechnique oder an der École des Beaux-Arts ausgebildet. Haussmann favorisierte die Absolventen der École Politechnique, die sich durch einen funktional ausgerichteten Einheitsstil auszeichneten. 90
Haussmann wurde für seine Arbeiten am 7. Dezember 1862 von Napoléon III. mit dem Großkreuz, dem höchsten Rang der Ehrenlegion, ausgezeichnet. 91 Er hatte eine Stadt des Luxus, des Handels, des Bankwesens und der Eisenbahnen geschaffen. „Ihre typischen äußeren Kennzeichen waren der Boulevard und die Mobilität.“ 92
Obgleich das Kaufhaus als „ Symbiose aus Boulevard und Geschäft“ nicht direkt von Haussmann erfunden wurde, so hatte er mit seinen Avenuen und Boulevards die Voraussetzung dafür geschaffen. Die im Kaiserreich gegründeten Kaufhäuser: Au Bon Marché, Au Louvre, Galeries Lafayette, Printemps entstanden entlang der Grands Boulevards und Avenuen, von denen sie ihre Laufkundschaft empfingen. Diese Form des Einzelhandels fand sich damals nur in Paris; die anderen französischen Städte boten nicht genug Kaufkraft. Das Aufkommen der Kaufhäuser, die mit ihrer Verknüpfung von Unterhaltung und Kommerz „den Prototyp des eher egalitären Theaters“ 93 bildeten, hatte erheblich zum Ansehen der Boulevards und Avenuen beigetragen, da sie nun - neben allen anderen Vorz ügen - um eine ökonomische Komponente bereichert wurden.
Haussmanns Arbeit war solide und beständig: 1970 stammten noch ca. 60 % aller Pariser Bauten und Straßen aus der Ära Haussmann. 94
89 ebd., S. 185f
90 vgl.: ebd., S. 187
91 vgl.: ebd., S. 199
92 ebd., S. 188
93 ebd., S. 370
94 vgl.: ebd., S. 376
40
4. Die Erfindung der Fotografie und die Begründung einer
neuen Sichtweise
Die kulturelle Atmosphäre des 19. Jahrhunderts war maßgeblich geprägt durch die Erfahrung einer sich rapide wandelnden Wirklichkeit; technische Errungenschaften und städtebauliche Veränderungen zerstörten das alte betuliche Weltbild und setzten an dessen Stelle eine Realität, die sich durch Mobilität und Innovationsgeschwindigkeit auszeichnete. Die Tendenz zur permanenten Erneuerung machte natürlich nicht vor der bildenden Kunst halt; die klassischromantischen Kunstperioden verloren ihre Prägekraft und Vorbildlichkeit, es etablierte sich „ eine geschärfte Aufmerksamkeit für die ‘Prosa des Lebens’ 95 “. Im Naturalismus und Impressionismus erfuhr die prosaische Welt „ ihre Nobilitierung zum Kunstgegenstand“. 96 Das Genre - als bevorzugte Bildgattung des Naturalismus und Impressionismus - arbeitet nach Busch „ mit dem gebannten Augenblick“ 97 , hierin besteht die Analogie zur Fotografie, die - wie die Erfindung der Eisenbahn - als ein maßgebendes Ereignis des 19. Jahrhunderts angesehen werden kann.
1839 zum Patent angemeldet, gehen ihre Ursprünge ins 18. Jahrhundert zurück, denn die Idee, Bilder der Camera obscura 98 auf einem lichtempfindlichen Stoff einzufangen, wurde bereits 1793 von den Brüdern Claude und Nicéphore Niépce diskutiert. 99 Die theoretische Überlegung blieb jedoch vorerst ohne Folgen und wurde erst im Jahre 1816 wieder aufgegriffen. Den Anlaß dazu gab die Erfindung
95 Busch 1995, S. 127
96 ebd., S. 130
97 ebd., S. 141
98 Die Camera obscura, die den einfachsten Typ einer Kamera darstellt, ist ein Licht dichter Kasten mit einem winzigen Loch in der einen Wand, das als Blende fungiert und einer Mattscheibe auf der gegenüberliegenden Wand. Dort entsteht ein umgekehrtes, Seiten vertauschtes scharfes Abbild des reflektierten Motivs. Die Camera obscura ist schon seit dem Mittelalter bekannt. Ursprünglich wurde sie als Instrumentarium zur Sonnenbeobachtung genutzt, ab 1521 aber allgemein verwendet - vor allem als Zeichenhilfe für Künstler. Im Laufe der Zeit wurde die Camera obscura immer handlicher und präziser.
1685 war sie schließlich so weit perfektioniert, daß sie als Prototyp der Kamera des 19. Jahrhunderts angesehen werden konnte.(Vgl. Busch 1995:245f)
99 vgl.: Busch 1995, S. 179
Arbeit zitieren:
Dr. Sabrina Cercelovic, 1998, Auf den Spuren der Zeit. Eine analytische Betrachung temporaler Strukturen im Werk Paul Cézannes und seiner Zeitgenossen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Christian Schad und Otto Dix - Porträts in der Neuen Sachlichkeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Andreas Gursky - Realismus oder Abstraktion? Fünf Beispiele aus dem ak...
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Pablo Picassos "Les Demoiselles d`Avignon": Der Auftakt der ...
Hausarbeit, 17 Seiten
(Selbst)inszenierung im Vergleich: Cindy Sherman und Nan Goldin
Hausarbeit, 23 Seiten
Die Organische Form in der Malerei des Surrealismus
Hausarbeit (Hauptseminar), 35 Seiten
Porträts sind immer Porträts von Porträts: Francis Bacon: „Papst II“
Seminararbeit, 14 Seiten
Die Kunst des 19. Jahrhunderts als Weg in die Moderne
Kunst - Allgemeines, Kunsttheorie
Seminararbeit, 21 Seiten
Die Wahrheit, nicht der Traum - Französischer Realismus im 19. Jahrhun...
Hausarbeit, 14 Seiten
Sabrina Cercelovic hat den Text Auf den Spuren der Zeit. Eine analytische Betrachung temporaler Strukturen im Werk Paul Cézannes und seiner Zeitgenossen veröffentlicht
Sabrina Cercelovic hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare