INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG 3
2. STIGMA 4
3. ASYLE. DIE MORALISCHE KARRIERE DES GEISTESKRANKEN 10
4.BEANTWORTUNG DER FRAGESTELLUNG 15
5. KRITIK AM BEGRIFF DES WEISEN 19
6. LITERATURVERZEICHNIS 20
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1. Einleitung
Erving Goffman schreibt in seinem Buch „Stigma“ über die Situation des Individuums, das von vollständiger sozialer Akzeptierung ausgeschlossen ist. Dabei wird unter einem Stigma eine besondere Andersartigkeit verstanden, sei sie körperlich, seelisch oder erblich bedingt.
Goffman untersuchte dabei verschiedene Personengruppen, die Stigmatisierte akzeptieren, z.B. solche, die selber stigmatisiert sind oder solche, die mit dem Stigmatisierten zusammenleben oder zusammen arbeiten.
Dabei stellt sich die Frage, inwiefern bei in eine Klinik eingewiesenen psychisch Kranken eine Stigmatisierung dieser durch das Krankenhauspersonal und durch andere psychisch Kranke erfolgt.
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2. Stigma
Nach Goffman kann diese Andersartigkeit, die zur Stigmatisierung führen kann, aus einer physischen Deformation, z.B. ein fehlendes Bein, einem individuellen Charakterfehler, z.B. psychische Krankheit, oder aus einem phylogenetischem Stigmata, das von Geschlecht zu Geschlecht weitergegeben wird, z.B. Rasse, bestehen. Das stigmatisierte Individuum wird mit negativen Attributen von der Gesellschaft versehen. Die Andersartigkeit wird dabei als Abweichung von normativen Erwartungen empfunden, wobei diejenigen, die nicht von den jeweiligen normativen Erwartungen abweichen, als die „Normalen“ bezeichnet werden.
Die Zuschreibung von Attributen ist abhängig von dem, was Goffman als virtuale soziale Identität und als aktuale soziale Identität unterscheidet. Bei der virtualen sozialen Identität erfolgt die Zuschreibung bezüglich einer bestimmten Personenkategorie, der ein bestimmtes Individuum zugeordnet wird, über vermutbare, nicht gesicherte Eigenschaften.
Die aktuale soziale Identität konstituiert sich im Gegensatz dazu aus den tatsächlich wahrgenommenen und somit gesicherten Attributen.
Stimmt die virtuale soziale Identität nicht mit der aktualen Identität überein, wird das Individuum umdefiniert und einer anderen Personenkategorie zugeordnet. Diejenigen, deren negative Attribute offensichtlich und von vorhinein bekannt sind, werden die Diskreditierten genannt, z.B. psychisch Kranke gegenüber dem Personal einer psychiatrischen Anstalt: „Wenn es eine Diskrepanz zwischen der aktualen sozialen Identität eines Individuums und seiner virtualen Identität gibt, ist es möglich, daß uns dieses Faktum bekannt ist, noch bevor wir Normale den Kontakt zu ihm aufnehmen, oder daß es ganz evident ist, wenn das Individuum sich uns vorstellt.“ 1 Diejenigen, deren negative Attribute nicht offensichtlich oder von vorhinein bekannt sind, werden die Diskreditierbaren genannt, z. B. psychisch Kranke gegenüber Fremden in der Öffentlichkeit: „Wenn jedoch ihre Andersartigkeit nicht unmittelbar offensichtlich und nicht von vornhinein bekannt ist (oder wenigstens ihr nichts darüber bekannt ist, daß sie den anderen bekannt ist), dann ist [wenn] sie tatsächlich eine
1 Goffman, Erving (1996) Stigma, S.56
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diskreditierbare, nicht eine diskreditierte Person.“ 2
Beim Stigmatisiertem wird die Grundvoraussetzung, daß das Individuum als geheiligt gewürdigt werden muß, nicht erfüllt. Das bedeutet, daß Beachtung, vollständige soziale Akzeptanz und Respekt, die der Stigmatisierte seinem Gegenüber zeigt, von diesem dem Stigmatisiertem gegenüber nicht erwidert wird. Dadurch ist die Reziprozität, die Wechselseitigkeit, gestört. Diese Reziprozität bleibt bei „teilnehmenden Anderen“ bestehen, die dem Stigmatisiertem Akzeptanz, Respekt und Beachtung entgegenbringen. Goffman unterscheidet dabei zwei Kategorien: einmal „Seinesgleichen“ und einmal „Weise“. Seinesgleichen sind solche, die sein Stigma teilen: „Da sie aus eigener Erfahrung wissen, was es bedeutet, dieses bestimmte Stigma zu haben, können einige von ihnen das Individuum mit den besonderen Berufstricks und einem Lamentierkreis versorgen, in den es sich zurückziehen kann zur moralischen Unterstützung und wegen des Behagens, sich zu Hause , entspannt, akzeptiert zu fühlen, als eine Person, die wirklich wie jede andere normale Person ist.“ 3 Da sie das gleiche Stigma besitzen, empfinden sie sich der gleichen Gruppe bzw. Stigmakategorie zugehörig. Die andere Kategorie, die der Weisen, akzeptiert Stigmatisierte und gibt diesen das Gefühl, normal zu sein: „Die „Weisen“, nämlich Personen, die normal sind, aber deren besondere Situation sie intim vertraut und mitfühlend mit dem geheimen Leben der Stigmatisierten gemacht hat und denen es geschieht, daß ihnen ein Maß von Akzeptierung, eine Art von Ehrenmitgliedschaft im Clan zugestanden wird. Weise Personen sind Grenzpersonen, vor denen das Individuum mit einem Fehler weder Scham zu fühlen noch Selbstkontrolle zu üben braucht, weil es weiß, daß es trotz seines Mangels als ein gewöhnlicher anderer gesehen wird.“ 4 Dabei unterscheidet Goffman zwei Typen von Weisen: „Ein erster Typus eines Weisen ist derjenige, dessen Weisheit daher kommt, daß er in einer Einrichtung arbeitet, die entweder den Bedürfnissen der Stigmatisierten einer bestimmten Art dient oder den Aktionen, die die Gesellschaft in Hinblick auf diese Personen unternimmt.“ 5 Durch den Kontakt im Berufsleben oder in der Alltagsstruktur werden die
2 Goffman, Erving (1996) Stigma, S.56
3 Goffman, Erving (1996) Stigma, S.31
4 Goffman, Erving (1996) Stigma, S.40
5 Goffman, Erving (1996) Stigma, S.42
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Stigmatisierten von den Weisen als Normale akzeptiert.
„Ein zweiter Typ einer weisen Person ist das Individuum, das durch die Sozialstruktur mit einem stigmatisiertem verbunden ist- eine Verbindung, die die größere Gesellschaft dazu führt, beide Individuen in gewisser Hinsicht als eins zu behandeln.“ 6 Bei Personen, die diskreditiert sind, besteht für diese Weisen die Gefahr, ebenfalls stigmatisiert zu werden, während für Weise, die mit Diskreditierbaren verbunden sind, nur die Möglichkeit der Stigmatisierung besteht. Wie das Stigma dahin tendiert, sich auch auf die nahen Beziehungen des Stigmatisierten auszuwirken, werden solche Beziehungen vermieden oder, falls sie schon bestehen, abgebrochen.
Stigmatisierte machen hinsichtlich ihrer Andersartigkeit ähnliche Lernerfahrungen und Veränderungen in der Selbstauffassung. Diesen Lernerfahrungen und Veränderungen in der Selbstauffassung folgen meist ähnliche persönliche Anpassungen. Diese schrittweisen Anpassungen bezeichnet Goffman als den „moralischen Werdegang“. Er unterscheidet zwei Phasen dieses Sozialisationsprozesses: „Eine Phase dieses Sozialisationsprozesses ist die, in welcher die stigmatisierte Person den Standpunkt der Normalen kennenlernt und in sich aufnimmt und hierbei den Identitätsglauben der weiteren Gesellschaft und eine allgemeine Vorstellung davon erwirbt, wie es sein würde, ein bestimmtes Stigma zu besitzen. Eine andere Phase ist die, in welcher sie lernt, daß sie ein bestimmtes Stigma besitzt, und diesmal im Detail die Konsequenz davon, es zu besitzen.“ 7 Diese zwei Anfangsphasen bewirken verschiedene Verhaltensmuster, die die Basis für die spätere Entwicklung darstellen. Goffman erwähnt hierbei vier solcher Verhaltensmuster: „Ein erstes Muster umfaßt diejenigen mit einem angeborenem Stigma, die gerade dann in ihre unvorteilhafte Situation sozialisiert werden, wenn sie die Standards, die sie nicht erreichen, kennenlernen und in sich aufnehmen.“ 8
Das zweite Verhaltensmuster beinhaltet diejenigen, die von Geburt an stigmatisiert sind, aber durch eine schützende Kapsel, z.B. die Familie, vor der moralischen Erfahrung durch die Öffentlichkeit geschützt werden. Die stigmatisierte Person wird dann lernen, „daß das „Eigene“, das es zu besitzen glaubte, das falsche war, und daß
6 Goffman, Erving (1996) Stigma, S.45
7 Goffman, Erving (1996) Stigma, S.45?
8 Goffman, Erving (1996) Stigma, S.45
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Quote paper:
Dr. Monique Zimmermann-Stenzel, 1997, Stigmatisierung psychisch Kranker, Munich, GRIN Publishing GmbH
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