Übersicht
I. Einleitung 8
II. Transformation 13
1. DDR-Gesellschaft: Definitionsversuche 14
2. Transformationsgesellschaft 19
III. Identität 25
1. Identitätsbegriff 25
2. Kennzeichen ostdeutscher Identität 28
3. Fazit 57
IV. Heimat 59
1. Der Heimatbegriff 59
2. Heimat und Identität 70
3. Heimat und Ostdeutschland 75
V. Interviews 86
1. InterviewpartnerInnen 87
2. Methode: Qualitatives Interview 88
3. Auswertung 97
4. Fazit 129
VI. Schlußbetrachtung 131
VII. Literaturverzeichnis 137
Inhaltsverzeichnis 3
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 8
Forschungsliteratur 9
Fragestellung 10
Aufbau der Arbeit 11
II. Transformation. 13
1. DDR-Gesellschaft: Definitionsversuche 14
1.1. Organisationsgesellschaft DDR. 17
2. Transformationsgesellschaft 19
2.1. Theorie der Transformation. 19
2.2. Spezifika des Transformationsprozesses
in der Noch- bzw. Ex-DDR 21
2.3. Konsequenzen für die individuelle Ebene 23
III. Identität. 25
1. Identitätsbegriff 25
1.1. Kollektive Identität. 26
1.2. Zusammenfassung 28
2. Kennzeichen ostdeutscher Identität 28
2.1. Hauptursache Sozialisation 31
2.1.1. Idealismus/Hang zum Fundamentalen versus
Abkehr von der Politik 31
2.1.2. Gleichheits- und Gerechtigkeitsvorstellungen 34
2.1.3. Versorgungsmentalität/Sicherheitsbedürfnis. 36
2.1.4. Kollektivorientierung/Bedeutung sozialer Beziehungen. 37
2.1.5. Fehlende 68er, bürgerliche “Selbstfindung 39
Konfliktscheu. 39
Anderes Körpererleben. 40
Tradiertes Deutsch- und Preußentum. 40
2.1.6. Bedeut ung der Arbeit 41
Inhaltsverzeichnis 4
2.2. Hauptursache Situation. 42
2.2.1. Kritik an der Sozialisationshypothese 43
2.2.2. Kennzeichen der Situation. 44
Ökonomische und institutionelle Ebene. 44
Ökonomisches Kapital 44
Institutionelle Ebene 45
Kulturelle und symbolische Ebene 46
Diskursive Ebene/Modus der Kommunikation 47
2.2.3. Reaktionen der Ostdeutschen. 49
Abgrenzung /Distinktion. 49
Neubewertung der Vergangenheit 51
- Aufwertung vergangener Verhältnisse. 51
- Wiederaneignung der Vergangenheit/ Ostalgie 52
Distanz zu bestehenden Verhältnissen/Werten/Institutionen. 53
Exkurs : Phänomen PDS, MDR. 54
Abgrenzungsdilemma 55
2.3. Nebeneinander/Wechselwirkung der Faktoren 55
3. Fazit. 57
IV. Heimat 59
1. Der Heimatbegriff. 59
1.1. Zur Etymologie des Wortes “Heimat 60
1.2. Begriffsgeschichte 60
1.3. Aspekte des neuen Heimatbegriffes 62
1.3.1. Subjektivität von Heimat 62
1.3.2. Heimat als psychisches Grundbedürfnis 63
1.3.3. Heimat als reale Lebens- und Umwelt 63
1.3.4. Verschiedene Dimensionen von Heimat 63
Bedeutungsdimensionen allgemein 64
Die räumliche Dimension. 64
Die zeitliche Dimension 64
Die soziale und affektive Dimension 65
Die kulturelle Dimension. 65
Bedeutungsdimensionen subjektiver Heimatkonzepte 66
Biographischer Erfahrungsraum Heimat. 66
Heimat in aktuellen Beziehungen. 66
Heimat als Ideal, Entwurf, Utopie 66
Heimat als Gefühl. 67
1.3.5. Verhältnis individueller und kollektiver
Heimatvorstellungen 67
Inhaltsverzeichnis 5
1.3.6. Heimat und Fremde 68
1.3.7. Heimat und Freiheit 68
1.3.8. Heimat als Verlusterfahrung. 69
1.4. Zusammenfassung 69
2. Heimat und Identität 70
2.1. Grundsätzliche Zusammenhänge zwischen Heimat und Identität. 71
2.2. Wechselwirkungen zwischen Heimat und Identität 72
Exkurs : Moderne und Heimat (- losigkeit) 73
Gesellschaftliche Prozesse. 73
Selbst ohne Ort. 74
Ort ohne Selbst. 74
Neue Heimatbezüge. 74
3. Heimat und Ostdeutschland 75
3.1. Ursache Transformationssituation. 76
3.1.1. Kennzeichen. 76
3.1.2. Postsozialistische Transformation als
Fremdheitsverh ältnis 77
3.2. “Zu bunt, zu laut, zu schnell - Alltägliche
Fremdheitserfahrungen. 78
Eigene fremde Heimat. 79
Das fremde Neue 79
3.3. Reaktionen. 80
3.3.1. Bedeutung der Dingwelt 80
3.3.2. Umgang mit Objekten des DDR-Alltags 81
3.3.3. Die Renaissance ostdeutscher Markenprodukte 82
3.4. Ambivalenzen der Heimat. 83
V. Interviews. 86
1. InterviewpartnerInnen. 87
2. Methode: Qualitatives Interview. 88
2.1. Das qualitative Interview. 88
2.2. Interviewleitfaden. 89
2.2.1. Themenkomplex “Heimat 89
2.2.2. Themenkomplex “Identität 92
Inhaltsverzeichnis 6
2.3. Zur Auswertung der Interviews 94
2.3.1 Dimensionen. 95
3. Auswertung 97
3.1. Vorbemerkungen. 97
3.2. Die interviewten Personen. 98
3.3. Die Situation des Interviews. 100
3.4. Auswertung des Interviewmaterials 100
3.4.1. Themenschwerpunkt “Identität 101
Zuschreibungen /konstatierte Gemeinsamkeiten 101
Spontane Zuschreibungen. 101
G ängige Kategorisierungen 103
- Idealismus/Hang zum Fundamentalen 103
- Gleichheits- und Gerechtigkeitsvorstellungen 103
- Versorgungsmentalität 104
- Kollektivorientierung/Bedeutung sozialer Beziehungen. 104
- Fehlende 68er. 105
Ostdeutsches “Wir-Gefühl in Abgrenzung zu Westdeutschen. 105
Charakteristika der “Wir-Gruppe 106
Zuschreibungen für Westdeutsche/Westdeutschland. 107
- Distinktionsbestrebungen 108
- Stagnation 108
- Soziale Kälte 109
- “Kapitalistische Mentalität. 109
- Positives 110
Bewertung der Vergangenheit 110
Beziehungsnetz /Schattenwirtschaft 111
Arbeitseinstellung. 111
Einsch ätzung gegenwärtiger Verhältnisse. 112
Kritische Distanz zu bestehenden Strukturen 112
- Haltungen zur praktizierten Demokratie 112
- Kritik an kapitalistischen Strukturen 114
- Enttäuschte Hoffnungen der “Frühwende 115
Bewu ßte Hochschätzung des neuen Systems. 115
3.4.2. Themenschwerpunkt “Heimat 116
Subjektive Heimatvorstellungen 116
Heimat vor dem Umbruch. 117
Heimat DDR 117
- Alltag und Alltagskultur 118
- “Sozialistische Heimat DDR. 120
Ambivalenzen bezüglich der “Heimat DDR 121
Heimat nach dem Umbruch. 122
Empfindungen des Verlustes 122
- “Spezielle Verluste. 122
- “Tragische Verbindung von System und Systemkritik 123
Inhaltsverzeichnis 7
Fremdheitserfahrungen. 124
- Eigene fremde Heimat. 124
- Das fremde Neue 125
3.4.3. Themenschwerpunkt “Wechselwirkungen zwischen Heimat und
Identität”......................................................................................... 127
Verunsicherungen im Alltag. 127
“Tiefere Verunsicherungen. 128
4. Fazit. 129
VI. Schlußbetrachtung 131
Ostdeutsche Identität 131
Heimat 132
Ausblick. 134
VII. Literaturverzeichnis 136
I. Einleitung 8
Zehn Jahre nach dem Beginn der Umwandlungen in der und (später) der DDR bewahrheitet sich dieser Satz mehr und mehr.
Auch für mich persönlich. In den ersten Jahren nach der Wende war die Zeit in der DDR eben nicht mehr als “vergangen”. Sie war uninteressant. Was beschäftigte, war verbunden mit all dem, was “das Neue” brachte. Die Nähe und zunehmende Verbindung von Ost und West in Berlin und in meiner Lebenswelt sowie die nicht abnehmende Präsenz des Themas in Öffentlichkeit und Medien jedoch richteten meine Aufmerksamkeit mehr und mehr auf die Unterschiede zwischen Ost und West und daraus folgende gesellschaftliche Dynamiken und Erscheinungen. Immer wieder begegneten mir starre Kategorisierungen und Vorurteile sowohl von östlicher als auch von westlicher Seite, die die Frage weckten, was mich eigentlich - bezüglich beider Seiten - verbindet bzw. unterscheidet.
Die eigene Erfahrung bestätigte einerseits die Auffassung, daß es trotz individueller Differenzen in beiden Bevölkerungsteilen - infolge der Prägung durch differente Gesellschaftssysteme - signifikante Unterschiede (im Bezug auf Mentalität und Einstellungen) gibt. Andererseits hinderten mich zahlreich erfahrene Ausnahmen und Gegenbeispiele aus meiner unmittelbaren Lebens- und Erlebniswelt daran, diese Zuschreibungen zu verallgemeinern bzw. in ihrer oft klischeehaften Form zu akzeptieren.
Solche Ambivalenz 1 verlangt naturgemäß nach genauerer Bestimmung. Wer waren und sind die Ostdeutschen? Was war die DDR für sie? Was also ist ver-lorengegangen?
Dies bedeutet zurück zu schauen und auch zu fragen, warum die Erinnerung so oft zur Verklärung wird.
“Nur was nicht mehr da ist, fehlt” 2 heißt es in einem Artikel über Heimat. Fehlt das, was nicht mehr da ist nur, weil es eben nicht mehr da ist oder wird der
1 zwischen der Tendenz zur Kategorisierung einerseits und völliger Relativierung der Unter-
schiede andererseits
2 Kronsbein 1999, S. 14
I. Einleitung 9
Verlust so stark empfunden, weil das Vergangene tatsächlich mehr bedeutet als zunächst angenommen, weil es vielleicht auch “Heimat” war? Diesen Fragen soll sich in der vorliegenden Arbeit angenähert werden.
Die Betrachtung d es “Forschungsgegenstandes Ostdeutschland” findet also nicht aus einer unabhängigen oder einer Außenperspektive statt. Mein Standpunkt läßt sich beschreiben mit den Worten Ch. Dieckmanns: “Ich schreibe aus Verbundenheit mit meinem Gegenstand, dem Osten Deutschlands. Mich bindet Herkunft. Mich treibt Erinnerung. Ich bin nicht befangen, ich bin gefangen. (...) Ich will, daß meine Welt geschrieben stehe.” 3
Diese Position birgt zwar den Vorteil der “(...) ehemals teilnehmenden Beobachtung (...)” 4 , erschwert jedoch möglicherweise eine wissenschaftlichsoziologische, die nötige Distanz zum Gegenstand wahrende Analyse. Dennoch wird in der vorliegenden Arbeit eine solche Betrachtungsweise versucht.
Forschungsliteratur
Der Großteil der Literatur zum Thema der Transformation Ostdeutschlands besteht aus einerseits theoretisch weniger interessierten Auslegungen umfangreichen demoskopischen Materials und andererseits eher datenfernen, essayistischen Abhandlungen, die sich mit deutsch-deutschen Befindlichkeiten beschä ftigen. Die in weit geringerer Zahl vorhandenen qualitativen Untersuchungen wurzeln zumeist im Bereich der Biographieforschung. Hier sollen nun Verbindungen hergestellt und Überschneidungen bezüglich der Themenschwerpunkte dieser Arbeit erschlossen werden. Zum Thema Heimat findet sich in erster Linie Literatur, die sich mit landschaftlichen und historischen Aspekten konkreter, geographisch abgrenzbarer Heimaten beschäftigt.
Ein wesentlich geringerer Teil nähert sich dem Gegenstand aus ethnologischer, anthropologischer, soziologischer oder psychologischer Perspektive.
3 Dieckmann 1998, S. 15
4 Pietsch/Petzold 1993, S. 5
I. Einleitung 10
Die Herstellung eines Zusammenhangs zwischen “Heimat” und “Ostdeutsch-land” wurde innerhalb des wissenschaftlichen Diskurs, so weit zu überblicken, bisher nicht vorgenommen.
Fragestellung
Im Mittelpunkt steht die Frage, worin die Identität Ostdeutscher besteht und ob mit dem Zusammenbruch “des Systems” für sie Heimat verloren gegangen ist. Sprich: ob es spezifisch ostdeutsche Zeichen für Heimat gab und ob diese heute noch “sprechen” oder “schweigen”, d.h. ob sie für die Menschen noch funktionieren oder nicht. Schließlich ergibt sich daraus die Problematik der Auswirkungen jener “Bewegungen der Heimat” auf die Identität. Diese Fragestellung steht im Zusammenhang mit verschiedenen Annahmen, welche als Leitgedanken die vorliegende Arbeit durchziehen und als Thesen formuliert den Ausführungen vorangestellt werden sollen.
Thesen
1. Aufgrund von Gleichartigkeiten bzw. Ähnlichkeiten des Erfahrungszusammenhanges und der Lebensgeschichten Ostdeutscher ist eine Art kollektiver Identität entstanden.
2. Durch die gemeinsame Erfahrung der Sozialisation in der DDR-Gesellschaft haben sich über den regionalen und familialen Aspekt hinaus spezifisch ostdeutsche Elemente von Heimat herausgebildet.
2a. Mit dem Zusammenbruch dieser Gesellschaft ist den Ostdeutschen auch Heimat verlorengegangen.
3. Im Zusammenhang mit dem Transformationsprozeß stehende Verluste an heimatlichen Elementen haben Verunsicherungen der Identität zur Folge.
4. Die Besinnung auf Heimat wird besonders bedeutsam in Zeiten verunsicherter Identität.
4a. Je unsicherer dabei die Identität, desto idealisierter die Heimat.
5. Hinter den Schwierigkeiten Ostdeutscher mit dem “neuen System” steckt mehr als die bloße unmittelbare soziale bzw. materielle Verunsicherung;
I. Einleitung 11
die Sozialisation in einem nicht-kapitalistischen Gesellschaftssystem hat Einstellungen und Wertorientierungen hervorgebracht, die den in West-deutschland selbstverständlichen Prämissen des kapitalistischen Systems zum Teil entgegenstehen.
Von zentralem Interesse ist dabei der Umgang Ostdeutscher mit Erfahrungen der Vergangenheit und der Gegenwart vor allem auf der Ebene des Alltags. Abhandlungen zum Herrschaftssystem der DDR interessieren dabei nur soweit, wie sie dem Verständnis gesellschaftlicher Prägungen und Prozesse dienen 5 . Das Leben des Menschen vollzieht sich selten im Gleichtakt mit großen politischen Ereignissen und Veränderungen und läßt sich deshalb auch schwer in deren Chronologie pressen. Hier soll es in erster Linie um Reaktionen der Menschen auf die Veränderungen gehen und um deren Auswirkungen auf die Lebenswelten der Einzelnen.
Mit dem Fokus auf der Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft wird hier ein soziologischer Ansatz gewählt, obgleich die Beschäftigung mit Fragen der Identität häufig aus sozialpsychologischer Perspektive stattfindet. Diese Sicht wird in dieser Arbeit jedoch nur am Rande Erwähnung finden, da sie sich wenig zur Analyse gesellschaftlicher Zusammenhänge und Prozesse eignet.
Aufbau der Arbeit
Das erste Kapitel beschäftigt sich einleitend mit dem Prozeß der Transformation der ehemaligen DDR als jenem gesellschaftlichen Vorgang, der sowohl Hintergrund als auch Ausgangspunkt der zu betrachtenden Dynamiken und Erscheinungen ist.
Um “Identität” als einem der zentralen Termini geht es dann im zweiten Kapitel. Dort werden Kennzeichen der ostdeutschen Identität herausgearbeitet, wie sie sich in der entspreche nden Fachliteratur und auch in anderen Publikationen darstellen.
Auf den Aspekt “Heimat” wird im dritten Hauptabschnitt eingegangen, der mit einer detaillierten Analyse des allgemein unscharfen Begriffes beginnt, die
I. Einleitung 12
Voraussetzung seiner Anwendung im wissenschaftlichen Kontext ist. Weiterhin geht es um Wechselwirkungen zwischen Faktoren der Heimat und Fragen der Identität sowie um den Bezug der herausgearbeiteten Aspekte zum “For-schungsgegenstand Ostdeutschland”.
Die Arbeit soll, um eine Verbindung zu den subjektiven Lebenswelten der den Wandlungen Ausgesetzten herzustellen, mit einigen qualitativen Interviews abgeschlossen werden, die dazu dienen, die vorangegangenen theoretischen Ausführungen zu Identität und Heimat im Transformationsprozeß resümierend zu illustrieren und möglicherweise auch zu konterkarieren. Sie stehen als “(...) Erzählungen von endlich Einzelnen, die nicht mehr an Geschichte reklamieren, als ihnen selber widerfuhr.” 6 Weder können noch sollen sie damit Repräsentativität beanspruchen, sondern vielmehr ein Stück der ostdeutschen Gesellschaft “von innen” verstehen helfen.
5 Eine definitive Trennung zwischen Staat und Gesellschaft, zwischen Politik und Alltag ist
dabei weder möglich noch nötig.
6 Dieckmann 1998, S. 18
II. Transformation 13
Die Beschäftigung mit ostdeutscher Identität kann nicht ohne Betrachtung der gesellschaftlichen Bedingungen stattfinden, unter denen sie entstand bzw. thematisiert und diskutiert wird. Deshalb soll zunächst auf die Situation der Trans-formation und die Dynamiken der Transformationsgesellschaft eingegangen werden.
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach dem “Ausgangspunkt” der Transformation, d.h. zum einen nach grundlegenden Strukturlinien der DDR-Gesellschaft und zum anderen nach den Ursachen ihres Zusammenbruchs. 7 Diese beiden Aspekte sind in den Ausführungen schwer zu trennen, da die sozialwissenschaftliche Erklärung des Zusammenbruchs der ehemaligen DDR ein bestimmtes Gesellschaftsbild voraussetzt und umgekehrt die Analyse der DDR-Gesellschaft immer ausgehend von ihrem Untergang stattfindet. Der Schwerpunkt der Betrachtungen liegt hier jedoch auf den die DDR-Gesellschaft kennzeichnenden Merkmalen, da erwähnte Ursachen für die Umwälzungen hier nicht ausführlicher thematisiert werden können. In der sozialwissenschaftlichen Literatur finden sich verschiedenste Interpretations- und Definitionsangebote, über die hier ein kurzer Überblick ermöglicht werden soll, da die Wahl der Perspektive als Bedingungsrahmen für alle weiteren Deutungsversuche von großem Gewicht ist. Auf gesellschaftliche Mechanismen, die sich typischerweise auf die alltäglichen sozialen Beziehungen auswirkten, wird hier nur einleitend eingegangen. 8 Anschließend sollen Kennzeichen und Probleme der Transformation betrachtet werden, die schließlich Fragen nach einer ostdeutschen Identität aufwerfen.
7 Die Frage nach einer angemessenen Bezeichnung der Ereignisse um 1989 ist strittig. Die
Palette reicht von Zusammenbruch über Umbruch, Umwandlung und Umwälzung bis hin zu
Revolution. Dies ist sicher eine Frage der Perspektive. Einerseits war das “System DDR”
mit allen dazugehörigen staatlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Institutionen
spätestens 1990 in keiner Weise mehr funktionsfähig; es war zusammengebrochen. Betrach-
tet man hingegen die politischen und sozialen Verhältnisse, kann man auch von deren Revo-
lutionierung, also deren grundsätzlicher Umwälzung sprechen. Deshalb werden die Be-
zeichnungen im Folgenden dem jeweiligen Kontext entsprechend variiert.
8 weitere Ausführungen dazu im Kapitel III, Abschnitt 2. Kennzeichen ostdeutscher Identität
II. Transformation 14
1. DDR-Gesellschaft: Definitionsversuche
Bezogen auf das System des Realsozialismus in der DDR stößt man in der Fachliteratur auf ebenso viele Definitionen der Gesellschaft wie auf Erklärungen für ihren Zusammenbruch. Die verschiedenen Deutungen folgen im Bezug auf beide Aspekte (wie hat die DDR funktioniert und was war ihr Problem?) jeweils dem gleichen Muster, das heißt die herausgestellten Charakteristika der Gesellschaft erweisen sich am Ende oft auch als Ursache ihres Untergangs.
Hans Joas und Martin Kohli bieten eine Typologie der kontroversen Deutungen der Ereignisse um 1989 an, die verschiedene Ansätze nach den Hauptdeterminanten der gesellschaftlichen Prozesse unterscheidet. 9 Dabei werden sieben Varianten 10 voneinander abgegrenzt, die von der Mikro- zur Makrodimension reichen.
Eine erste begreift die psychische Disposition der DDR-Bevölkerung, die in vierzig Jahren entstandene Mentalität als zentral sowohl im Bezug auf das Funktionieren der Gesellschaft, als auch auf ihr Ende. Dieser Theorie zufolge korrespondierten bei der Masse der Bevölkerung eine äußerliche Anpassung mit einem innerlichen Rückzug ins Private. Die “Verohnmächtigung der Subjekte” 11 griff dabei nachhaltig in die Psyche der DDR-Bürger ein, bis es schließlich zu einem “Gefühlsstau” 12 kam, der sich ab einem bestimmten Punkt Bahn brach. Hierher gehört der Begriff der durch Innerlichkeit, Anpassung, Autoritarismus und fehlende Öffentlichkeit gekennzeichneten “Nischengesell- schaft” 13 .
Beim zweiten Typus wird der Legitimationsglaube der Bevölkerung gegenüber dem Regime als wichtige Voraussetzung für das Funktionieren des Systems und der Verfall dieser Legitimität im Laufe der 80er Jahre als Hauptursache des Systemkollaps` in den Vordergrund gerückt. Die Parteispitze in der DDR (im Gegensatz zu der anderer realsozialistischer Staaten) verstand es länger,
9 Joas/ Kohli (Hrsg.) 1993, S. 12ff.
10 Diese Unterscheidung dient vor allem analytischen Zwecken. Nur wenige Autoren beziehen
sich ausschließlich auf einen Typus.
11 Thomas zitiert nach Zapf 1993, S. 35
12 Maaz 1991
Obwohl sich Maaz weniger zu den Ursachen des Zusammenbruchs äußert, kann er doch als
typischer Vertreter dieser psychologischen Sichtweise bezeichnet werden.
13 Hier zitiert nach Meuschel 1993, S. 104
II. Transformation 15
die Gesellschaft auf ideologischem Wege zu integrieren und damit Legitimität zu stiften. Deren Verfall schließlich wurde beschleunigt durch das zunehmende Gefühl einer “generellen ‚Inauthentizität‘” der Gesellschaft, welches entstand aus der Erfahrung einer “inoffiziellen Sozialstruktur” (Herausbildung von Statusgruppen unter dem Deckmantel sozialer Gleichheit) und eines “unausgedrückten Systems sozialer Ungleichheit” 14 (System der “ Beziehungen”, oft auch “Schattenwirtschaft” genannt). Angesichts des hierarchischen Systems der Privilegien und deren ideologischer Legitimationsmuster im Zusammenhang mit einer allgemeinen gesellschaftlichen Innovationsunfähigkeit wird der Sozialismus auch oft als “Ständegesellschaft” 15 bezeichnet. Mit Betonung der Bedeutung ideologischer Selbstthematisierung wendet Heinz Bude den Begriff der “tragischen Gesellschaft” 16 an, die sich durch die Dominanz der Vergangenheit 17 und eine Moralisierung der Zukunft auszeichnet. Der dritte Erklärungstypus bezieht sich ausschließlich auf den Zusammenbruch des Systems. Dessen Ursache wird in einer wechselseitigen Dynamik zwischen Auswanderungs- und Bürgerbewegung gesehen.
Spezifika und Defizite der politischen Organisation von Gesellschaft und Staat der DDR bilden den Kern des am weitesten verbreiteten, vierten Ansatzes. Dieser bezieht sich vor allem auf Aspekte der Differenzierung und Systemoffenheit. Als Grundproblem wird die durch die Vorherrschaft der Partei und die entsprechende ideologische Durchdringung verursachte Entdifferenzierung der Gesellschaft angesehen, welche die eigenständige Entwicklung politischer, wirtschaftlicher und kultureller Systeme entsprechend ihrer jeweiligen “Rationalitätskriterien” verhinderte. 18 “Die SED-Führung nahm eine Ebenenverwischung vor und richtete die gesamte Gesellschaft als ihre Organisation ein (..)” 19 lautet die These von Detlef Pollack, der die DDR denn auch als “Organi- sationsgesellschaft” bezeichnet.In Anspielung auf die sich auf die Sozialstruktur auswirkende (und mit dem Prinzip der Gleichheit begründete) Einebnung
Der Terminus der Nischengesellschaft wird von verschiedensten Autoren als eigenständiger
Begriff gebraucht.
14 Alle drei Termini: Bude 1993, S. 276
15 vgl. z.B. Meuschel 1993 oder Zapf 1993
16 Bude 1993, S. 268
17 hier der Antifaschismus als ständig präsentes, konstitutives Moment der Gesellschaft
18 vgl. hierzu im Folgenden: Joas/Kohli 1993, S. 22, Meuschel 1993, S.93ff und Lötsch 1993,
S.117
19 Pollack 1990, S. 294
II. Transformation 16
materieller Unterschiede findet sich auch häufiger der Begriff der “klassenlo- sen” bzw.“nivellierten Gesellschaft” 20 .
Der fünfte Typus bezieht sich ausschließlich auf den Untergang des Systems 21 , wofür hauptsächlich ökonomische Ursachen verantwortlich gemacht werden. Ein sechster Ansatz betont die Einbindung aller Gesellschaften in ein “Schema globaler Evolution” 22 , wonach sich auf längere Sicht alles im Zuge fortschreitender Modernisierung entwickelt, weshalb der Umbruch in den sozialistischen Ländern als bloße Korrektur eines Irrwegs erscheint. 23 In diesem Zusammenhang steht die Bezeichnung einer l eistungsschwachen, “ semimoderne[n] Mischgesellschaft” 24 .
Schließlich findet sich noch eine siebte Erklärung, die vor allem den Einfluß externer Faktoren wie die Prozesse von “Glasnost” und “Perestroika” in der Sowjetunion für den Zusammenbruch verantwortlich macht.
Erklärungs- und Definitionsangebote für die DDR-Gesellschaft gibt es also viele und verschiedenste. Sie reichen von der Psychoanalyse bis hin zu globalen Dimensionen gesellschaftlicher Entwicklung. Dennoch ist im vorangega ngenen Absatz die Flut von Attributionen für die Gesellschaft der DDR nicht vollständig erfaßt. Die meisten hier nicht aufgeführten Bezeichnungen nehmen Bezug auf spezielle Aspekte des Systems 25 und sind deshalb an dieser Stelle uninteressant.
Die Vielfältigkeit der Deutungsmuster legt nahe, daß es wenig sinnvoll ist, auf einen Ansatz und seine Ausschließlichkeit zu setzen. Besonders der vergleichende Rückgriff auf existierende oder historische andere Gesellschaften birgt die Gefahr, Eigenheiten und charakteristische Dynamiken der betrachteten Gesellschaft in dafür nicht vorgesehene Schemata zu pressen und damit inadäquat zu beschreiben.
Das oben bereits erwähnte Konzept der Organisationsgesellschaft jedoch vermeidet diesen Rückgriff und soll unter anderem auch deshalb zur einleitenden
20 beide Begriffe u.a. bei Meuschel 1993, S. 93 und Lötsch 1993, S. 117
21 Was ebenso für die zwei folgenden gilt, die hier der Vollständigkeit halber noch kurz aufge-
führt werden.
22 Joas/Kohli 1993, S. 17
23 repräsentativ für diese Sichtweise: Jürgen Habermas` “Die nachholende Revolution”, 1990,
Frankfurt/M.
24 Peter Pawlowsky und Michael Schlese, zitiert nach Zapf 1993, S. 35
II. Transformation 17
Beschreibung fundamentaler Grundtendenzen und Strukturen der DDR-Gesellschaft herangezogen werden, weil es Mechanismen mit Hilfe organisationssoziologischer Unterscheidungen plausibel zu machen versteht und damit eindimensionale Definitionen überschreitet. Es soll hier nicht als Basis aller folgenden Ausführungen, sondern lediglich als “favorisiertes” Modell zur Grobbeschreibung des Systems der DDR präsentiert werden, wobei dessen prägende Auswirkungen auf Mentalitäten an dieser Stelle noch keine Relevanz haben.
1.1. Organisationsgesellschaft DDR 26
Wie oben bereits erwähnt, war die Gesellschaftsstruktur der DDR gekennzeichnet durch die Gegenläufigkeit zweier Prozesse. Einerseits waren Tendenzen der in industrialisierten Gesellschaften notwendig stattfindenden Differenzierung zwischen gesellschaftlichen Teilbereichen wie Wirtschaft, Politik, Markt, Recht etc. zu beobachten, deren Unabhängigkeit aber andererseits durch politisch induzierte Entdifferenzierungsprozesse wieder aufgehoben wurde. 27 Die SED mußte für ihre Homogenisierungsbestrebungen alle Subsysteme der Gesellschaft der politischen Herrschaft unterstellen. Sie konstituierte die g esamte DDR “ (...) als ihre Organisation (..)” 28 , indem sie mit Hilfe unüberwindbarer Staatsgrenzen ein Gebiet markierte, “(...) von dem dann behauptet (...) [wurde], daß alle, die sich auf ihm befinden, Mitglieder dieser Gesellschaft (...) [seien].” 29 Das Funktionieren einer auf diese Art organisierten Gesellschaft verlangt aufgrund der Künstlichkeit ihrer Konstruktion nach Abschottung. 30
25 z.B. den der Arbeit, woraus sich dann ein Begriff wie “Arbeitsgesellschaft” von Frank Ad-
ler ableiten läßt; zitiert nach Zapf 1993, S. 36
26 Die Idee der Organisationsgesellschaft nach Pollack basiert auf der Systemtheorie von
Luhmann, auf die in diesem Zusammenhang lediglich heuristisch zurückgegriffen wird.
Weder sollen dabei die Gü ltigkeit der Systemtheorie illustriert, noch sämtliche systemtheo-
retische Analysemöglichkeiten zur Anwendung gebracht werden. Sie dient allein dem bes-seren Verständnis grundlegender Konstruktionsprinzipien der DDR-Gesellschaft aus sozio-
logischer Perspektive.
27 vgl. Pollack 1990, S. 294
28 A.a.O.
29 Baecker 1998, S.74
30 wobei, so Baecker, kaum eine Kommunikation sich an diese territorialen Grenzen hält
II. Transformation 18
Wichtige Kennzeichen einer Organisation sind “ ein bestimmtes Programm, eine bestimmte Struktur und ein bestimmtes Personal (...)” 31 , die beim Eintritt in die Organisation akzeptiert werden. Anhand von Austritten kann die Organisation ihre Entscheidungen überprüfen und eventuell korrigieren. Das Aufkündigen der Mitgliedschaft durch Verlassen des Landes war den BürgerInnen der DDR bekanntermaßen nicht möglich, womit zugleich - so Pollack - die prinzipielle Bedingung der internen Artikulation von Widerspruch fehlte. Die Meinung der SED konnte nur aufgrund der Abwanderungsblockade dominieren (Motto: wer profitieren will, muß mitmachen). 32 Die Partei stand also von Anfang an an der Spitze der “‘Organisation DDR‘” 33 und entschied eigenständig über Programm, Struktur und Personal, wobei es keine Instanz gab, die sie dazu zwingen konnte, ihre Umwelt (Interessen und Bedürfnisse der Bevölkerung) wahrzunehmen und mit einzubeziehen. Dies wiederum bremste gesellschaftliche Entwicklungen und leistete dem Prozeß der Entdifferenzierung Vorschub.
Die bereits erwähnte Tatsache, daß die SED-Spitze während der ganzen Zeit ihrer Herrschaft gesellschaftliche Teilbereiche als Subsysteme und die Bürger als Mitglieder betrachtete, schloß mit ein, daß deren sämtliche Handlungen als Entscheidungen für oder gegen das System aufgefaßt wurden. Alle Sphären der Gesellschaft (Wirtschaft, Recht, Politik, Erziehung und Kunst) waren dieser Erkennungsregel unterworfen, da man mit allen Handlungen in diesen Bereichen Aussagen über “(...) die Stellung zu Programmen der DDR-Organisation und damit über Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu ihrer Gesellschaft (..)” 34 traf. Diese “Doppelbehandlung aller Kommunikation” sicherte die Orga-
31 Luhmann,Niklas: Organisation und Entscheidung, in: Soziologische Aufklärung: Soziales
System, Gesellschaft, Organisation. Band 3, Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 335-389,
zitiert nach Pollack 1990, S. 294
32 Diese Behauptung Pollacks steht damit, worauf er selbst verweist, in völligem Gegensatz
zur oft zitierten und unterstützten These Alfred Hirschmanns (in: Abwanderung und Wider-
spruch: Reaktionen auf Leistungsabfall bei Unternehmen, Organisationen und Staaten. Tü-
bingen: Mohr, 1974), wonach gerade die Beschränkung der Abwanderungsmöglichkeiten
zur Entwicklung des internen Widerspruchs führt. Bezogen auf das System der DDR sind
Abwanderung (“exit”) und Widerspruch (“voice”) hier also nicht als Alternativen, sondern
als sich ergänzende Größen zu verstehen, d.h. interner Widerspruch kann sich erst entfalten,
wenn gleichzeitig die Möglich der Abwanderung gegeben ist, was mit Blick auf die ge-
schichtlichen Ereignisse durchaus plausibel erscheint.
33 Pollack 1990, S. 295
34 Baecker 1998, S. 75
Handlungsentscheidungen solcher Art konnten z.B. sein, wessen Politik man unterstützte
oder nicht, welche Themen man in Dramen oder auf Bildern behandelte, wessen Bücher
man las, welche Konzerte man besuchte etc.
II. Transformation 19
nisationsspitze dadurch ab, “daß jede beliebige gesellschaftliche Kommunikation Konsequenzen in Bereichen haben konnte, die mit ihr nichts zu tun hatten.” 35 Die dadurch erzeugte Unsicherheit war in der DDR-Gesellschaft fest verankert.
Obwohl die Tendenz zur Differenzierung sich immer wieder durchsetzte und veränderungswillige Kräfte aus allen gesellschaftlichen Bereichen von Zeit zu Zeit ihre Stimme erhoben, war die Spitze des Systems im Interesse der Eige nerhaltung stets bestrebt, diese auszubremsen. Auf die Dauer aber gerieten politisch- ideologische Vorgaben immer stärker in Konflikt zur Verschiedenheit individueller Interessen, was zu einem Bruch in der Gesellschaft führte, der sich entlang der Linie zwischen Herrschenden und Beherrschten abzeichnete. Er nahm “(...) wie in allen Gesellschaften sowjetischen Typs - die Gestalt der Dichotomie zwischen ‚Gesellschaft‘ und ‚Staat‘, zwischen ‚Sie‘ und ‚Wir‘ an.” 36
2. Transformationsgesellschaft
Nach dem Zusammenbruch der DDR bilden sich nun neue Koordinaten und Mechanismen heraus, die eine Gesellschaft im Übergang - die Transformations gesellschaft - charakterisieren.
Im Folgenden soll kurz ein theoretischer Rahmen für das Konzept der Trans-formation geschaffen werden. Anschließend stehen die Spezifika dieses Prozesses in der Noch- bzw. Ex-DDR im Mittelpunkt der Betrachtungen und schließlich die Hauptkonsequenzen des Umbruchs für die von ihm direkt betroffenen Individuen.
2.1. Theorie der Transformation
Folgt man dem Großteil der Forschungsliteratur zum Thema, besteht das Transformationsproblem in der Umwandlung des Ausgangszustandes der sozialistischen Gesellschaft in den Endzustand der kapitalistischen Gesellschaft.
35 beide Zitate a.a.O.
36 Meuschel 1993, S. 98
II. Transformation 20
Dieses Verständnis der Vorgänge weist, so Dirk Baecker 37 , starke Parallelen zum einfachen Transformationsbegriff der Kybernetik 38 auf, welcher Ausgangszustände, Endzustände, Übersetzungsvorgänge und Operatoren dieser Übersetzung unterscheidet. Bei näherer Betrachtung jedoch lassen sich die gesellschaftlichen Vorgänge nicht zufriedenstellend auf diese einfache Unterscheidung anwenden. Allein die Tatsache, daß kapitalistische Institutionen nicht ohne entsprechende strukturelle und kulturelle Voraussetzungen in den Osten exportiert werden können, macht eine Weiterentwicklung des Transformationsbegriffes notwendig. Hierzu kann ein erneuter Rückgriff auf den oben erwähnten kybernetischen Begriff hilfreich sein, da dieser eine weitere Differenzierung, nämlich die zwischen einer “geschlossenen” und einer “offenen” 39 Transformation anbietet.
Bei der geschlossenen Transformation lassen sich alle Elemente des Aus-gangszustandes in Elemente des Endzustandes übersetzen. Bei der zweiten, der offenen Variante, erscheint die Transformation als Prozeß mit zwei Seiten. Auf der Innenseite findet wie vorgesehen die Umwandlung der Elemente des Aus-gangszustandes in ihnen entsprechende Elemente des Endzustandes statt. Die Außenseite erfaßt dagegen jene Momente, für die es in dieser Übersetzungslogik keinen Platz gibt. Hierher gehören Erscheinungen, die durch den Prozeß selbst hervorgerufen werden und auf ihn zurückwirken. Ein Beispiel wären die nicht vorhersehbaren Wechselwirkungen zwischen den Ausführenden (Opera-toren) und jenen, an denen die Umwandlungen vorgenommen werden (Ope-randen). Die Regeln der Übersetzung hängen damit nicht allein davon ab, “(...) was sich ein Operator vorstellt, sondern auch von dem, was ein Operand mit sich machen läßt.” 40
Somit steht nicht mehr nur die Operation selbst, sondern ihre Bewältigung durch die Gesellschaft zur Debatte, welche wiederum auf den Fortgang des Prozesses zurückwirkt. Baecker bezeichnet die Transformation denn auch als “(...) Spezialfall von Rekursivität, in der alle Elemente, die einen Prozeß bestimmen, von diesem Prozeß selbst hervorgebracht werden.” 41 Durch diese
37 vgl. Baecker 1998, S. 39
(welches den folgenden Ausführungen dieses Absatzes zugrunde liegt )
38 Baecker bezieht sich dazu auf: W. Ross Ashby 1974, Einführung in die Kybernetik. Frank-
furt/M. Suhrkamp
39 A.a.O., S. 45
40 A.a.O., S. 51
41 A.a.O., S. 52, (Hervorhebungen im Original)
II. Transformation 21
Rekursivität entfällt die Möglichkeit, Zustände und Regeln der Transformation von außen eindeutig zu bestimmen. Umwandlungsprozesse können somit zwar intendiert, nicht aber wirklich gesteuert werden. In diesem Sinne kann auch nicht mehr die Rede von Ausga ng- und Endzuständen sein, sondern nur “(...) von den Zuständen der Transformation (...)” 42 . Durch solcherlei Eigenschaften gekennzeichnet muß die Transformation sozialer Systeme als “nicht-trivial” 43 bezeichnet werden.
Durch diese Komplexitätssteigerung, also die Bezugnahme des Prozesses auf sich selbst (kann seine eigenen Voraussetzungen schaffen, stabilisieren oder unterminieren), tritt die Unterscheidung zwischen sozialistischer und kapitalistischer Gesellschaft als zu verlassendem oder anzustrebendem Zustand bzw. als Rahmen der Vorgänge in den Hintergrund, da der Ausgang des Geschehens offen bleiben muß. Die Transformation findet in eine und in einer “(...) dritten, weitgehend unbekannten (...)” 44 Gesellschaft statt, die ihre Formen und Begriffe im Laufe des Prozesses sucht und herausbildet. Dabei kann auch im Westen nicht mehr ohne weiteres auf den Erhalt alter Selbstverständlichkeiten gebaut werden.
2.2. Spezifika des Transformationsprozesses in der Noch- bzw. Ex-DDR
Als eine der Hauptursachen diverser Probleme des Transformationsprozesses in Ostdeutschland erscheint die gröbliche Unterschätzung seiner eben b eschriebenen Komplexität.
Vergleicht man die Situation in der ehemaligen DDR mit der anderer, sich im Wandel befindlicher osteuropäischer Staaten, erscheint diese als beispielhaftes Ergebnis einer erfolgssicheren Transformationsstrategie. Innerhalb kürzester Zeit wurde ein Set erprobter ökonomischer und politischer Institutionen in Kraft gesetzt, was eine schnelle Erfüllung der Konsumwünsche brachte und
42 Baecker 1998, S. 53
43 Diese hier von Baecker gewählte Bezeichnung bezieht sich auf v. Förster 1993, der triviale
Maschinen, die einen bestimmten Input immer in denselben Output übersetzen und damit
historisch unabhängig, analytisch bestimm- und vorhersagbar sind, von nicht-trivialen Ma-
schinen unterscheidet, die dementsprechend in historischer Abhängigkeit unbestimm- und
unvorhersagbar funktionieren, was auch auf den Transformationsprozeß in Ostdeutschland
zutrifft.
44 Baecker 1998, S. 104
II. Transformation 22
den DDR-BürgerInnen durch die Anwesenheit externer Akteure die Last nahm, eigene demokratische und rechtsstaatliche Institutionen sowie “(...) den Ordnungsrahmen der sozialen Marktwirtschaft aus eigener Kraft schaffen (..)” 45 zu müssen. Die Anwendungsfelder brauchten für sämtliche Teilbereiche der Gesellschaft nicht mehr neu erfunden, sondern lediglich organisiert werden. Dieser Sonderstatus Ostdeutschlands in den Transformationsprozessen Osteuropas ist jedoch nicht durchweg als privilegiert anzusehen, da er bei genauerer Betrachtung auch spezielle Risiken und Nachteile mit sich bringt. Die fehlende Last der Institutionengründung mit allmächtigen externen Akteuren und einmaligen Ressourcen im Hintergrund verleitet zu der am Beginn dieses Abschnittes erwähnten Unterschätzung der Komplexität des Transformationsprozesses. Es besteht ein Glaube an die alleinige Wirkungskraft übertragener Gesetze und Vorschriften, wonach sich die Transformatio n der DDR mit der Inkraftsetzung bewährter Ordnungsprinzipien der sozialen Marktwirtschaft von selbst vollziehe. Wiesenthal bezeichnet dies als das “legalistische Mißverständnis” 46 , welches übersieht, daß zu einer funktionierenden Marktwirtschaft auch die kontextuelle Einbettung der Institutionen gehört, das heißt entsprechendes Interaktionswissen, das auf Erfahrung aufbaut. Bezogen auf die politische Transformation entspricht diesem Mißverständnis die Auffassung, daß die staatliche Vereinigung und die direkte Übertragung entsprechender Institutionen komplexe Konzepte überflüssig mache, sich die Transformation der DDR also automatisch bei ihrer Integration in die Bundesrepublik vollzieht. Wenn dann “(...) mit den Institutionen auch gleich die Akteure importiert werden (...)” 47 ergibt sich auf längere Sicht für die Bevölk erung des zu transformierenden Gebietes eine “Repräsentanzkrise” 48 , d.h. relativ wenige Vertreter der eigenen Gruppe haben wichtige gesellschaftliche und wirtschaftliche Positionen inne.
Dank der schnellen Wirtschaftsintegration erfolgte auch dieser institutionelle Übergang (Übertragung des Systems westdeutscher Verbände und Parteien, denen in Ostdeutschland ein gewachsener Unterbau informeller sozialer und kultureller Strukturen fehlt) in hohem Tempo, wobei der Verlauf bzw. Ausgang
45 Wiesenthal 1992, S. 163
46 A.a.O., S. 172
47 Baecker 1998, S. 42
II. Transformation 23
des Prozesses nicht abhing von einer kontroversen Debatte über die Gestalt einer postsozialistischen Gesellschaft, wie sie in anderen osteuropäischen Staaten stattfand. Für diese fehlende Diskussion in der Noch-DDR lassen sich neben der hier beschriebenen Wirkung des “strategischen Deutungsangebotes der westdeutschen Politik” 49 weitere Ursachen ergänzen: eine über Jahre erworbene, auf Zuteilungen wartende Passivmentalität, die Möglichkeit der temporären oder permanenten Abwanderung nach Westdeutschland sowie die Schwäche der intellektuellen Eliten der DDR, deren “relative Wirkungslosigkeit” sich aus ihrer Position als “(...) linksorientierte Idealisten mit hohen moralischen Ansprüchen und einem antiinstitutionellen, antimodernen Affekt (..)” 50 erklärt.
In der Hoffnung auf geringste Transaktionskosten wurde die bundesrepublikanische Machtverteilung von den ostdeutschen Wählern bestätigt mit der Konsequenz einer ungewöhnlich großen Distanz zwischen dem Parteiensystem und den Präferenzen seiner Wählerschaft. Die Tatsache, daß Interpretationshoheit und Initiative außerhalb des Transformationsgebietes liegen, verweist auf das “Akteursdefizit”, welches einen Mangel “(...) an authentischen Repräsentanten ‚einheimischer‘ Transformationsinteressen (..)” 51 bezeichnet. Die Dominanz importierter Interessendeutungen westdeutscher Verbände und Parteien b ezeichnet Wiesenthal als einem “Subjektverlust” 52 der ostdeutschen Transformationsgesellschaft.
2.3. Konsequenzen für die individuelle Ebene
Der Wandel von Institutionen und die Entwicklung von Individuen sind Prozesse, die zeitlich und strukturell je eigenen Gesetzen folgen. Institutionelle Wandlungsprozesse erscheinen daher im Leben der Einzelnen oft als schicksalhaft. Findet der Übergang zudem sehr abrupt und in der oben beschriebenen paternalistischen Form 53 statt, kann es zu “Erscheinungen politischer ‚Ent-
48 Wiesenthal1992, S. 175
49 A.a.O., S. 177
50 Pollack 1990, S. 298
51 beide Zitate: Wiesenthal 1992, S. 178
52 A.a.O., S. 175
53 Wobei hier mit Wolfgang Schluchter (1996) relativierend darauf hingewiesen sei, daß An-
passung auch immer Aneignung bedeutet, weshalb sich beim Installieren der Institutionen
durchaus ostdeutsche Prägungen herausbildeten.
II. Transformation 24
fremdung‘” 54 kommen, die sich in einer wachsenden Distanz der Individuen zu politischen Institutionen, dem Verlust des Glaubens an die Möglichkeit der Vertretung eigener Interessen und in extrem identitätsbezogenen, verzerrten Situationseinschätzungen niederschlagen können.
Die Neugestaltung bedeutete für viele denn zunächst auch Zerstörung. Politische und moralische Wert- und Orientierungsgrundlagen kollabierten, was für viele einen folgenreichen Eingriff in ihre Biographien und Lebenspläne bedeutete oder gar einer “Ungültigkeitserklärung” vertrauter Lebensumstände gleichkam. Neu geltende Orientierungs- und Wertmaßstäbe wie Pluralismus, Marktwirtschaft und Demokratie gingen oft mit einer Relativierung oder auch Infragestellung langjährig erarbeiteter Positionen einher. Gesicherte Arbeits- und Kommunikationsstrukturen fielen in sich zusammen, was gleichzeitig völlig neue Voraussetzungen auch für die Gestaltung sozialer Beziehungen im Beruf nach sich zog. 55 Der “(...) andere Vernetzungsmodus von Professionen und Gesellschaft (...)” erschien aus westlicher Sicht häufig “(...) nur noch als mangelnde Professionalität (...)” 56 . Selbst die so häufig als ostdeutsches Charakteristikum angeführte Einrichtung von Nischen funktionierte nicht mehr wie eh und je, sondern mußte sich plötzlich an völlig neuen Grenzen und Bezugspunkten orientieren.
Dieser Zusammenbruch der alten Orientierungsstruktur bedeutete nicht zuletzt den Verlust von Entscheidungshilfen zur Regulation des eigenen Verhaltens. Michael und Sabine Häder sprechen angesichts tiefgreifender gesellschaftlicher Wandlungen in Ostdeutschland gar von einem “sekundäre[n] Sozialisationsprozeß” 57 , der im Gegensatz zu einer Primärsozialisation auf Menschen mit bereits ausgeprägter, eigener Identität trifft.
54 Wiesenthal 1992, S. 180
55 Stichworte: Aufgabe der Kollektivität, Ende pauschaler sozialer Absicherung, Einbuße der
Arbeitsplatzgarantie
56 Baecker 1998, S. 133
57 Häder/ Häder 1995, S. 338 (mit dem Hinweis, daß dieser Prozeß sozialstrukturell und de-
mographisch stark differenziert verläuft)
III. Identität 25
Geleitet von der Frage nach dem Wesen ostdeutscher Identität soll im folge nden Kapitel eine Annäherung an verschiedene Seiten des Gegenstandes versucht werden.
Am Beginn steht dabei die Klärung der Prämissen zur Betrachtung der Identität Ostdeutscher im Transformationsprozeß. Hierher gehören sowohl Versuche der näheren Bestimmung des Identitätsbegriffs als auch Konzepte für das Spezifikum der kollektiven Identität.
Im zweiten Abschnitt dann sollen Kennzeichen ostdeutscher Identität herausgearbeitet werden, wie sie sich aus den Perspektiven unterschiedlicher Konstrukteure darstellen. Abschließend wird ein Fazit gezogen.
1. Identitätsbegriff
Mit Blick auf die sozialwissenschaftliche Identitätsforschung muß zunächst festgestellt werden, daß eine allgemein akzeptierte Definition von Identität nicht existiert. Diesbezüglich besteht “(...) ein hoher Grad an Dunkelheit und Problemverwirrung (...)” 58 . Somit finden sich verschiedene Arten der Verwendung des Begriffes.
Der sozialpsychologische Ansatz betrachtet Identität als Ergebnis eines Prozesses der Selbstdefinition. Sie entsteht im Austausch mit der sozialen Umwelt und ist deshalb eine Kombination von sich wechselseitig bedingenden Merkmalen und Rollenerwartungen. Gleichzeitig fungiert Identität als Ordnungsrahmen zur Koordination des Verhaltens und kann deshalb auch die “Summe unseres Orientierungswissens” 59 beschreiben.
Ein anderer Aspekt wird von dem Ansatz der Selbstkonzeptforschung betont, der Identität als Syntheseleistung eines Individuums betrachtet, die neue Erfa h- 58 Henrich1979, S. 133ff.
59 Thomas/ Weidenfeld 1999, S. 432
III. Identität 26
rungen erfolgreich (d.h. unter Bewahrung des Gefühls von persönlicher Konsistenz und Kontinuität) in den Bestand alter Erfahrungen integriert. 60 Frey und Haußer greifen in ihrer Definition diesen Aspekt der Integration von Erfahrung auf. “Die Verarbeitung von äußerer, innerer, aktueller und gespeicherter Erfahrung (...)” als Leistung des Bewußtseins läßt Identität somit aus der Innenperspektive zur “Selbst-Erfahrung” 61 werden. Diese findet aber i mmer auf der Folie sozialer Realität statt, d.h. sie antizipiert und reagiert auf von der Außenwelt vorgenommene Einschätzungen, was die untrennbare Verbindung von Innen- und Außenperspektive verdeutlicht. Identität dreht sich i mmer um die Beziehung zwischen dem “Selbst als Aktor” und dem “Selbst als Objekt”, das heißt sie wird bestimmt durch die Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft und ist deshalb empirisch auch schwer zugänglich.
1.1. Kollektive Identität
Sind jedoch nicht nur einzelne Personen sondern Gruppen Gegenstand der Identifizierung, rückt die kollektive Identität in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Sie kann zum einen als “Teilidentität” 62 eines Individuums, welches situationsabhängig unterschiedlichen Gruppen angehört und zugleich als Bedingung für eine gelungene Ausbildung der individuellen Identität 63 betrachtet werden. Daß die Identitätsbildung eines Einzelnen immer auch über die Zugehörigkeit zu Gruppen vermittelt wird und die Schaffung einer künstlichen Umwelt durch die Grenzziehung zu anderen Gruppen dafür wesentlich ist, kann als Grundannahme sozialwissenschaftlicher Identitätsforschung gelten.
Die Verbindung von sozialen Kategorien und individuellem Verhalten (durch Identitätsbildungsprozesse) ist auch Gegenstand der Theorie der sozialen Identität von Tajfel, die sich weniger für das Individuum in der Gruppe, als vielmehr für die “Gruppe im Individuum” 64 interessiert. Unter Aufrechterhaltung der oben erwähnten Prämisse (soziale Zugehörigkeit als zentrales Element des Selbstkonzepts eines Individuums) wird hier davon ausgegangen, daß Men- 60 beispielhafthierfür: A. Mummendey 1979
61 beide Zitate: Frey/Haußer 1987, S. 4
62 A.a.O., S. 16
63 vgl. dazu Habermas 1990, S. 93
64 Tajfel 1995, S. 23 (Hervorhebung von D.D.)
III. Identität 27
schen nach einer “positive[n] soziale Identität” 65 streben. Dies geschieht durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die über Vergleiche versucht, sich vorteilhaft von anderen Gruppen abzuheben, wobei immer auch Stereotype produziert werden.
Menschen formieren sich zu Gruppen zunächst über beliebige Gemeinsamkeiten. Solidarität unter den Gruppenmitgliedern entsteht, wenn diesen Gemeinsamkeiten die gleiche Wichtigkeit zugemessen wird. Die Relevanz der Zugehörigkeit zu einer Gruppe verstärkt sich, wenn sie für die Einzelnen auch in Alltagssituationen von großer Bedeutung ist. 66
Ebenso wichtig sind Gleichartigkeiten des Erfahrungszusammenhangs und der Lebensgeschichte bezogen auf Vergangenheit und Gegenwart. Aber auch gemeinsame Erwartungen an die Zukunft gehören zur kollektiven Identitätsbildung. 67
Erinnerte Geschichte als Konstitutionsbedingung kollektiver Identität spielt dabei eine besondere Rolle. Klaus Eder konstatiert, daß diese Erinnerungen selektiver Art sind, vergangene Ereignisse also erst durch die rückblickende Auswahl in einen Sinnzusammenhang gebracht, gewissermaßen “historiographisiert” werden (so wie auf der individuellen Ebene eine “Biographisierung” stattfindet). 68 Dieses Auswählende im Erinnern macht eine verstärkte Kommunikation von Geschichte notwendig und bedeutet zugleich eine vermehrte Kommunikation über Identität. Damit muß kollektive Identität als kontingent aufgefaßt werden, also als etwas, was immer auch anders aussehen könnte. Ihr Gehalt ist abhängig von gesellschaftlichen Konstruktionsleistungen und Ausei-nandersetzungen.
Schließlich gilt sowohl für die individuelle als auch kollektive Dimension die unumstrittene Feststellung, daß Identität erst in Zeiten ihrer Verunsicherung, also einer nicht mehr gegebenen Selbstverständlichkeit, thematisiert wird. 69
65 Rippl 1995, S. 25
66 vgl. Rippl 1995, S. 33
67 Geschichte, Gegenwart und Zukunft sind nach Thomas/Weidenfeld (1999, S. 431) Komp o-
nenten jeder Form von Identität, wobei Geschichte identitätsstiftend wirkt durch das Ve r-
hältnis zur Vergangenheit, Gegenwart durch die aktuelle politische und soziale Ortsbestim-
mung und Zukunft durch die Antizipation künftigen Handelns und Ergehens
68 vgl. Eder 1990, S. 351ff.
69 vgl. hierzu z.B. Thomas/Weidenfeld 1999, S. 431 oder v. Krockow 1985, S. 144
III. Identität 28
1.2. Zusammenfassung
Identität entsteht durch im Austausch mit der Umwelt gemachte Erfahrungen, die zum Zweck der Selbstdefinition verarbeitet und verallgemeinert, d.h. von der konkreten Situation abstrahiert werden und damit als Orientierungswissen fungieren.
Individuelle Identität ist geprägt von Gemeinschaftserfahrungen, die als sich wechselseitig beeinflussende “Schichten der Identität” 70 nebeneinander stehen. Kollektive Identität ist somit zugleich Teil und Bedingung individueller Identität, wobei Innen- und Außenperspektive schwer zu trennen sind. Sie wird außerdem durch Gemeinsamkeiten im Bezug auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bestimmt. Dabei ist die Kontinuität des Selbsterlebens von großer Bedeutung.
Identität ist immer Ergebnis von Kommunikationsvorgängen und wird vor allem dann thematisiert, wenn nicht mehr selbstverständlich auf sie zurückgegriffen werden kann.
2. Kennzeichen ostdeutscher Identität
Diese Definition kollektiver Identität soll den folgenden Ausführungen zugrunde liegen, womit alle oben beschriebenen Aspekte auch für die Gruppenidentität der Ostdeutschen relevant sind.
Eine Voraussetzung für die Beschäftigung mit kollektiver Identität ist das Bewußtsein von der Ambivalenz eines solcherart generalisierenden Ansatzes, die in der Spanne zwischen Ich- und Wir-Identitäten liegt. Verallgemeinernde Selbst- oder Fremdzuschreibungen sind immer zu einem gewissen Grad problematisch, weil die Ostdeutschen dabei als homogenes Kollektiv gefaßt und somit trennende Aspekte in der Ost-Ost-Dimension ausgeblendet werden. Im Zuge der folgenden Betrachtungen sollen jedoch nicht ostdeutsche Differenzen, sondern gerade die Verallgemeinerung durch Zuschreibungen und deren Implikationen bzw. Funktionen thematisiert werden. Bei der Beantwortung der in der Transformationsliteratur umstrittenen Frage, ob die ostdeutsche Identität als reines Nachwendephänomen oder als “Erbe” 71
70 Thomas/Weidenfeld 1999, S. 431
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Dolores Domke, 2000, Die Bedeutung von Heimat für die Identität Ostdeutscher im Transformationsprozess, München, GRIN Verlag GmbH
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