Sind wir tatsächlich an einem Punkt der kapitalistischen Produktion angekommen, an dem offenbart wird, dass das Leben und der general intellect zur unmittelbaren Produktivkraft geworden sind und im Zuge dieses Erkennens das revolutionäre Potenzial der Produzenten nicht mehr zu leugnen ist?
Um dieser Frage nachzugehen, wird im ersten Teil kurz umrissen, von welchem Wandel der Arbeit Hardt und Negri ausgehen. Wesentlich sind dabei die Begriffe immaterielle und affektive Arbeit, sie werden anschließend erläutert. Ausgehend davon wird das Verhältnis von Leben und Arbeit, Ökonomie und Kultur aufgezeigt, mögliche Gefahren und Potenziale werden hier anhand von neuen Qualifikationsanforderungen und deren Auswirkungen angerissen. Abschließend wird der entscheidende Aspekt der Mehrwertgenerierung behandelt.
Da der Begriff general intellect nicht eindeutig ist, wird im zweiten Teil der Arbeit einerseits die postoperaistische Auslegung nachskizziert, andererseits mit der Hilfe von Haug der marxsche Hintergrund beleuchtet.
Revolutionäre Potenziale, die sich beispielsweise in der Verschiebung der Werterzeugung und des Kommandos, vor allem aber in der Hegemonie der immateriellen Arbeit ausdrücken, werden im dritten und letzten Teil dargelegt. Die Konstruktion eines neuen Proletariats steht am Ende dieses Kapitels. Im Fazit wird versucht, die postoperaistischen These an der Realität zu messen. Was spricht für und gegen die Annahme, dass wir uns in einer Zeit befinden, in der die Produktion vom general intellect bestimmt wird. Und resultieren daraus tatsächlich revolutionäre Potenziale?
Hardt und Negri konstruieren im Blick auf den general intellect ein revolutionäres Subjekt, die Multitude. Wie sie sich genau konstituiert und mit welchen Mitteln -sei es durch die posse oder das telos- sie die Macht erlangt, kann in dieser Arbeit leider nicht behandelt werden, da es den Rahmen sprengen würde.
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1. Wandel der Arbeit
Die kapitalistische Produktion hat in Zeiten der Modernisierung und Industrialisierung Veränderungen erfahren, die laut Hardt und Negri eine Neudefinition der Gesellschaft als Fabrik hervorbringen (Vgl.Michael Hardt/ Antonio Negri in: Empire Cambridge 2000, S.296). Der Prozess der Modernisierung und Ausbreitung der industriellen Produktion werde derzeit abgelöst von einem Prozess der Postmodernisierung oder Informatisierung, welcher widerum einen Wandel der Beschäftigung nach sich ziehe. Arbeit sei nun an ein hohes Maß von Mobilität und Flexibilität gebunden, Bildung, Kommunikation, Information und Affekt haben eine zentrale Bedeutung. Die Autoren verkünden dabei nicht die Abschaffung der industriellen Produktion, sondern die Rede ist vielmehr von einer Transformation und Steigerung der Produktivität, bei der produktive Ströme und Netzwerke hervorgehoben werden. Es handele sich bei diesem Prozess unbedingt um ein gobales Phänomen, der Verweis auf unterentwickelte oder beherrschte Länder zeige nur ein Nebeneinander der verschiedenen Formen, eine Koexistenz innerhalb der „Netzwerke des Weltmarkts (...) unter der Dominanz der informationellen Produktion und Dienstleistung“ (ebd. S.299). Insgesamt jedoch seien so die Umrisse einer neuen globalen Hierarchie der Produktion zu erkennen, sowie der Wandel von Arbeit und den Arbeitsprozessen. Dieser Wandel drückt sich vor allem in dem immer wachsenden Anteil der immateriellen Arbeit aus.
1.1 Immaterielle Arbeit
Maurizio Lazzarato verdeutlicht den Begriff immateriell, indem der zwei Aspekte der Arbeit betont. Einerseits haben neue Kommunikationsformen die Informatisierung derart vorangetrieben, dass von einer neuen Qualität gesprochen werden müsse, die sich in i mmaterieller Arbeit ausdrücke und zunehmend von Kooperation und Autonomie beseelt seien. Andererseits werde auch die kulturelle Seite der Arbeit zunehmend wichtiger, so würden Tätigkeiten aus den Bereichen der Kunst und Kultur in die Arbeit integriert. Intellektuelle Tätigkeiten würden zunehmend der Arbeit zugeordnet, sie konstituierten sich überwiegend durch ihre Selbstverwertung und nicht etwa nur durch die der kapitalistische Produktion. Die Diskrepanz zwischen manueller und intellektueller oder materieller und immaterieller Arbeit müsse überwunden werden, um neue produktive Tätigkeiten zu integrieren. (Vgl. Lazzarato in: Umherschweifende Produzenten, Immaterielle Arbeit und Subversion, Berlin 1998, S.40)
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Um zu verdeutlichen, dass der Anteil der immateriellen Arbeit in den einzelnen Arbeitsschritten sehr unterschiedlich hoch, jedoch nahezu überall zu finden ist, unterscheidet Robert Reich zwischen routinemäßigen Produktionsdiensten, er führt das Beispiel der Datenverarbeitung an, deren Arbeitsgegenstand ein immaterieller sei, und kundenbezogenen Diensten, deren immaterieller Anteil gering, aber wichtig sei, es gehe hier um Auftreten und Freundlichkeit, darum den anderen zufrieden zu stellen. Weiter grenzt er diese Tätigkeitsfelder von den symbolanalytische n Diensten ab, die beispielsweise in den Bereichen der Forschung oder des Managements geleistet werden, bei denen es um Wissen, know-how und um Erfahrung ginge, um Techniken des Umgangs mit Symbolen und Begriffen. Diese Wissensarbeiter seien im umfassenden Sinne immaterielle Arbeiter.(Vgl. Rober Reich in: Die neue Weltwirtschaft, Frankfurt/M; Berlin, 1993, S.195)
Immaterielle Arbeit erscheint in diesem Zusammenhang nicht als elitäre Besonderheit, sondern Reich macht deutlich, dass sie tatsächlich in immer mehr Produktionsprozessen anzusiedeln ist, auch wenn sich ihre Ausprägung jeweils sehr unterschiedlich darstellt. Davon ausgehend, macht es wenig Sinn, sie auf ein bestimmtes Gebiet der Produktion verweisen zu wollen, denn sie ist hoch flexibel und erscheint in den unterschiedlichsten Momenten der Arbeitsprozesse. Sie bezieht sich auf das gesamte Bassin der Arbeitskraft, auf den Gesamtarbeiter und erscheint in den unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen, informationell, affektiv, kommunikativ und kulturell, als eine mehr oder weniger relevante Komponente aller Arbeitsprozesse.
Auch Lazzarato geht von einem Produktionszyklus aus, dessen Ort die Gesellschaft ist, heute müssten intellektuelle, kulturelle und informationstechnische Fähigkeiten einhergehen m it Geschick, Kreativität, Imagination und technischen Fähigkeiten; darüber hinaus müssten unternehmerische Entscheidungen getroffen werden. Die Anforderungen an die Arbeitskraft haben sich gewandelt, sind allumfassend und ermöglichen so auch eine umfassende Produktivitätssteigerung, Grundlage dafür ist sicherlich der Eingriff auf das Leben und das Formen der Subjekte selbst. Da die Konstitution der immateriellen Arbeit vor dem Hintergrund der neuen Informations-und Kommunikationstechniken anzusiedeln ist, erscheint sie unmittelbar kollektiv, existiert in Netzwerken oder Strömen und das auf der Grundlage einer zu
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kontrollierenden Subjektbildung ohne herkömmliche Vermittlungsinstanzen (Vgl. Lazzarato, ebd., S.45ff).
Ein wesentlicher Aspekt der immateriellen Arbeit ist die affektive Arbeit. An ihrem Beispiel wird klar, was Immaterialität meint und wie groß ihr Einfluss auf die Produktion ist.
1.2 Affektive Arbeit
Wenn Hardt von immaterieller Arbeit spricht, ist für ihn der enorme Anteil der affektschaffenden Arbeit wesentlich. Diese affektive Arbeit beziehe sich auf die Herstellung von zwischenmenschlichen Kontakten und Interaktionen, sie produziere den „sozialen Kitt“ (Michael Hardt in: Affektive Arbeit, online:
nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/_2002/02/sub.01a.htm, S.5). In diesem Kontext bildet sich die affektive Arbeit im Dienstleistungsterrain als wichtiger Bestandteil der immateriellen Arbeit heraus, obwohl sie körperlich, also materiell ist. Entscheidend sei, dass ihre Produkte immateriell, nicht fassbar sind: „ein Gefühl des Behagens, des Wohlergehens, der Befriedigung, der Erregung oder der Leidenschaft, auch der Sinn für Verbundenheit oder Gemeinschaft.“(ebd.S.6) Es werden Gefühle produziert, die beispielweise Grundlage für kapitalintensive E ntscheidungen sein können, in der globalen Wirtschaft impliziert selbst das Moment der Korruption eine dominante Immanenz affektiver Arbeit. Insgesamt macht die affektive Seite der immateriellen Arbeit deutlich, dass es nicht nur um eine Erweiterung der Produktion im Kontext von Intelligenz und Kommunikation geht, sondern das soziale Netwerke und neue Formen von kollektiven Subjektivitäten und Gemeinschaften durch gesellschaftliche Arbeit entstehen können (Vgl. ebd. S.1). Kommunikation und Kooperation werden auch hier zum Treibstoff der Produktion und machen deutlich, dass Ökonomie und Privates zunehmend verschmelzen.
1.3 Arbeit und Leben
Nun, nachdem die Form der immateriellen Arbeit skizziert ist, erscheint die Trennung von Arbeit und Leben zumindest erschwert. Auch für Hardt ist die ökonomische Produktion mit den zwischenmenschlichen Beziehungen bereits verwachsen. Die
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Auswirkungen, die er sieht, sind eine Bereicherung der Produktion um die Komplexität der menschlichen Interaktion, sie vereinnahmt kommunikative und affektive Momente, welche erst einmal immer im Dienste des Kapitals stehen. Wenn das Kapital in dieser Weise Sozialität verwertet, deutet dies auf ein unerschöpfliches Potenzial hinsichtlich der Mehrwertgenerierung hin, welches in der affektiven Arbeit begründet liegt. Die Trennung von Ökonomie und Kultur wird im Zuge dieser Entwicklung abgebaut (Vgl.ebd. S.6).
Die Gefahren, die diese Verschmelzung birgt, stehen für Möller im Vordergrund. Sie befürchtet, dass die Veränderungen in der Produktion und der daraus resultierende Eingriff auf das Leben lediglich die Dominanz des Kapitals symbolisieren und kein emanzipatorisches oder revolutionäres Potenzial hervorbringen. „Immaterielle Arbeit heute produziert ein ideologisch- kulturelles Milieu, das die Verschmelzung von Produktion, Konsum, Arbeit und Leben im Interesse des Kapitals bewirken soll.“ (Carola Möller in:Immaterielle Arbeit - die neue Dominante in der Wertschöpfungskette aus: Das Argument 235/ 2000, S. 222) Arbeit und Leben seien vor diesem Horizont nicht mehr scharf zu trennen.
Auch das Verhältnis von Produktion und Konsumption wird durch immaterielle Arbeit verwandelt, sie transformiert die Kommunikationsformen in der Form, dass Arbeit und Konsum sich wechselseitig beeinflussen müssen. Lazzarato nimmt an, dass die immaterielle Arbeit dazu geführt habe, dass ihr Gebrauchswert nicht mit der Konsumption zerstört werde, sondern im Gegenteil das ideologische und kulturelle Milieu dadurch erweitert, verändert und erschaffen würde. Ein gesellschaftliches Verhältnis werde produziert, das Innovation, Produktion und Konsumption einschließe. Es würden nicht wie in der materiellen Produktion nur Waren erzeugt, sondern ein soziales Verhältnis, das gleichzeitig Kapitalverhältnis sei (Lazzarato, ebd. S48). Er bezeichnet schon damit die Problematik, die sich ergibt: einerseits wird die Soziabilität manipuliert, weil sie initiiert, verformt und integriert werden muss um der Marktideologie Folge zu leisten, andererseits soll sich dahinter bereits das revolutionäre Potenzial verstecken.
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Arbeit zitieren:
Yvonne Schäfer, 2004, Wird die kapitalistische Produktion vom general intellect bestimmt, München, GRIN Verlag GmbH
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