Inhaltsverzeichnis 2
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung 4
2 Wie die Welt in den Kopf kommt - psychologisch-physiologische
Aspekte der Wahrnehmung 8
2.1 Neurone und Synapsen 9
2.2 Wege der Wahrnehmung 12
2.2.1 Visuelle Wahrnehmung - Sehen 12
2.2.2 Akustische Wahrnehmung - Hören 14
2.2.3 Haptische Wahrnehmung - Fühlen 16
2.3 Die Einheit der Wahrnehmung - Kohärenz 18
2.4 Pädagogische Perspektiven 20
2.4.1 Lerntypen 20
2.4.2 Lernbiografien und Lebenslanges Lernen 21
3 Was der Kopf mit der Welt macht - Lernen und Gedächtnis 25
3.1 Belohnungssystem „Dopamin“ 26
3.2 Synaptische Langzeitpotenzierung/ -hemmung 30
3.3 Hippocampus 36
4 Zusammenschau: Wie lernt der Mensch? 39
5 Bedingungen und Voraussetzungen des Lernens Erwachsener
heute - Zwei Zeitdiagnosen 42
5.1 Biografische Zeitdiagnose 42
5.2 Gesellschaftliche Zeitdiagnose 43
6 Der didaktische Entwurf des Konstruktivismus 45
6.1 Grundzüge der Entwicklung erwachsenenpädagogischer Didaktik seit 1970 nach
Rolf ARNOLD 45
6.2 Schlüsselqualifikationen in der Erwerbsarbeit 47
6.3 Konstruktivistische Didaktik - eine Bestandsaufnahme 50
6.3.1 Erkenntnistheoretische Aspekte 50
6.4 Grundpositionen konstruktivistischer Didaktik nach K. Reich 52
6.4.1 Konstruktion von Wirklichkeit 54
6 4 2 Re-Konstruktin von Wirklichkeit 54
Inhaltsverzeichnis 3
6.4.3 De-Konstruktion von Wirklichkeit 55
6.4.4 Einige Grundannahmen über das konstruktive Lernen 56
6.5 Didaktische Perspektiven nach H. Siebert - Vernetztes Lernen 57
6.5.1 Psychologik - elementare Erfahrungen und Zugänge. 57
6.5.2 Sachlogik - elementare Strukturen und Wahrheiten 58
6.5.3 Handlungslogik - elementare Lern- und Handlungswege 59
6.6 Zusammenfassung 59
7 Zwischenbilanzen 63
7.1 Neurobiologische Anmerkungen zum Konstruktivismus-Begriff nach W. SINGER 63
7.2 Wissenschaftstheoretische Vorbemerkungen - eine Auswahl 65
8 Informelles Lernen als Grundform des lebenslangen Lernens
Erwachsener 72
8.1 Das Paradigma des lebenslangen Lernens - eine Annäherung 72
8.2 Das Informelle Lernen als Grundform des Lebenslangen Lernens 74
8.3 Neues Lernen - Neue Lernorte? Ästhetik als pädagogische Tugend 78
9 Die Lernarchitektur der Stadtbücherei Münster 82
9.1 Die Entwicklung der Typologien von Bibliotheken in der Geschichte der Renaissance
bis heute 82
9.2 Die Stadtbücherei Münster 87
9.2.1 Die Bücherei im städtebaulichen Kontext 88
9.2.2 Das äußere Erscheinungsbild 90
9.2.3 Das innere Erscheinungsbild 92
9.3 Die Stadtbücherei im Dialog zwischen pädagogischen und narrativen
Programmen 95
9.4 Zusammenfassung 100
10 Schluss 102
Anhang 105
Grafiken, Grundrisse, Fotografien 106
Literaturverzeichnis 113
Schriftart: Arial Schriftgröße: 12 cpi.
Diese Arbeit berücksichtigt die Regeln der neuen Rechtschreibung (Stand: 01/2004)
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden Funktions- und Rollenbezeichnungen,
soweit es geht, in grammatikalisch neutraler Form aufgeführt. Da das nicht immer
gelingen kann, mögen sich die Lesenden auch im jeweils komplementären Genus
wiederfinden
Erster Teil Kopflandschaften Seite 4
1. Einführung
Kopflandschaften. „Welch ein Lodern, Flackern, Flimmern. Schwarz fesselt Rot, Braun mischt sich ein, Weiß drängt dazwischen: Farbgewitter. Kopf-Landschaften.“ 1 Manfred FISCHER hat sie gemalt. Expressive Portraits, die aus dem Gewitter der Farben hervortreten oder sich hinter den groben Pinselstrichen verbergen. Gesichter, die keine bestimmte Person abbilden wollen, sondern nur menschliche Antlitze andeuten. Portraits, die durch die Einzigartigkeit der Materialoberfläche (handgeschöpftes Büttenpapier) und die Einzigartigkeit der Pinselstriche eine ganz und gar unkonkrete Individualität entwickeln.
FISCHERs Kopflandschaften sind Anregung, Motivation und Roter Fa-
den der Abschlussarbeit zur Diplomprüfung, die hier vorliegt. Wie das Thema einer musikalischen Fuge werden ausgewählte Portraits im Laufe der Arbeit auftauchen, um die verschiedenen Kapitel zu umfassen und zu illustrieren oder gar um exemplarisch in den jeweiligen Kontext eingear- beitet zu werden. Denn in allen drei Teilen geht es um Variationen des Begriffs „Kopflandschaften“:
In den vergangenen Jahren zeichnet sich ein Wandel in den erwachsenenpädagogischen Diskursen ab: Das Informelle Lernen als selbstgesteuerter und lebenslanger Prozess gewinnt neben den formalen, also institutionell organisierten Lernformen an Bedeutung und scheint in den vielfältigen Bildungsbiografien Erwachsener wesentlicher Bestandteil zu sein. Ein Ausgangspunkt informellen Lernens sind die neurobiologischen Mechanismen im menschlichen Gehirn, die Lernvorgänge steuern, Wissen im Gedächtnis organisieren, ja Lernen erst ermöglichen und von Moment zu Moment, von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter regelrecht erzwingen. Ob wir wollen oder nicht: Wir lernen ständig, machen neue Erfahrungen und gleichen neue Erkenntnisse mit bereits vorhandenen Erkenntnissen ab, um adäquate Handlungsstrategien zu entwickeln. „Schickt die Erziehungswissenschaftler ins Laboratorium und die Neurowissenschaftler in die Bibliotheken!“ postulierte unlängst Prof. Nils BIRBAUMER, Neurowissenschaftler in Tübingen, auf der Tagung „Wie lernt der Mensch“ 2001 in
1 Vgl. FISCHER. M., HOPPE, R., Kleiner Gesang für die Farben, Heidelberg 1997. © Marius Stelzer
Erster Teil Kopflandschaften Seite 5
Bonn 2 und intendiert eine Annäherung der scheinbar gegensätzlichen Disziplinen der Neurowissenschaften und Erziehungswissenschaften. Diese Arbeit nimmt sich dieser Anforderung als Herausforderung an und wagt einen Dialog zwischen diesen beiden Disziplinen.
Demnach stehen im ersten Teil der Arbeit die neuronalen Netzwerke im menschlichen Gehirn im Vordergrund, mittels denen die individuellen Umweltwahrnehmungen verarbeitet und interpretiert werden. Wie funktioniert menschliches Lernen? Was ist das für eine neurologische Architektur, eine Kopf-Landschaft, in der Lernen geschieht? Was bedeutet der Begriff „Neuronale Plastizität“ in diesem Zusammenhang? Und welche Mechanismen sind für die Lernmotivation zuständig? Diese Fragen werden zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Arbeit in der Fachwelt eingehend und kontrovers diskutiert. In diesem ersten Teil soll eine Übersicht mittels aktueller Lehrbücher und Aufsätze namhafter Forscher bzw. Forschungsinstitute geschaffen werden - es geht sozusagen wirklich ins Labor, indem neben den Informationen aus der Fachliteratur auch Forschungsexperimente und deren Auswertungsdaten eine Rolle spielen. 3 Mit zahlreichen Beispielen werden die doch sehr abstrakt-fachlichen Darstellungen konkretisiert und anschaulich.
Der zweite Teil der Arbeit mit dem Titel „Lernarchitekturen“ ist der pädagogisch-theoretische Teil der Arbeit. Ausgehend von den neurophysiologischen Befunden des ersten Teils wird auf diesen Seiten geklärt, wie didaktische Entwürfe des Konstruktivismus mit den neurologischen Architekturen des menschlichen Gehirns korrespondieren. Welche Konsequenzen hat das Wissen um die wesentlichen Lernvorgänge im Gehirn für didaktisches Handeln in der Erwachsenenbildung? Wie lassen sich Bezugslinien zeichnen zwischen den Architekturen neurologischer Art und erwachsenenpädagogischen Lernarchitekturen? Da diese Bezüge nicht isoliert befragt werden können, ist ein kurzer Rückblick in die Geschichte der Erwachsenenbildung an dieser Stelle sinnvoll. Ein weiteres kurzes
2 Wie lernt der Mensch? Lernen im Spannungsfeld von Neurobiologie und Erziehungswissenschaften, am 18.
Oktober 2001 in Bonn.
3 Das „Labor“ im Falle dieser Arbeit ist die Zweigbibliothek Medizin der Universität Münster, in der die - neben
der Lehrbuchsammlung in der Zentralbibliothek - gängigen Bücher in aktueller Auflage ausleihbar waren. © Marius Stelzer
Erster Teil Kopflandschaften Seite 6
Schlaglicht auf das Themenfeld „Qualifikationen und Kompetenzen“ erhellt ebenfalls die darauf folgenden Darstellungen ausgewählter didaktischer Entwürfe. Die Zwischenbilanzen im siebten Kapitel stellen eine Retrospektive auf die erste Variation der Kopflandschaften dar, sollen aber auch Anknüpfungspunkte bieten für den dritten Teil der Arbeit. Dieser dritte Teil der Arbeit, „Suggestive Innenwelten“ genannt, umfasst in einem ersten Schwerpunkt das Paradigma des lebenslange Lernens bzw. des informellen Lernens als Grundform des lebenslangen Lernens. Diese Untersuchungsgegenstände erwachsen inhaltlich aus den bis dato gewonnen Kenntnissen der Arbeit und focussieren in Engführung auf raumdidaktisch-ästhetische Sachverhalte das praktisch-pädagogische Sujet „Stadtbücherei Münster“. Diese Lernarchitektur - von einer Kritikerin als „suggestive Innenwelt“ bezeichnet - wird im zweiten Schwerpunkt umschrieben und hinsichtlich der Ermöglichungskompetenz zum informellen Lernen hin befragt.
Der Untertitel dieser Arbeit beinhaltet den deutlichen Nachsatz „Ein Dialog“. Damit sollen der inhaltliche Anspruch und die Arbeitsweise skizziert werden. Diese Arbeit umfasst eine Vielzahl komplexer Themenfelder. Diese verständlich und angemessen darzustellen und zu verknüpfen kann nur in einem Dialog geschehen. Damit verbunden ist die Auflage bzw. Einschränkung, dass, wie so typisch bei Dialogen, sowohl Auslassungen und Fortfälle hinzunehmen sind, vor allem aber die substantiellen Inhalte der einzelnen Bereiche dargestellt werden können. Die eigentliche Idealform dieser Arbeit wäre ein Hypertextformat, in dem der Lesende aus den Daten seinen individuellen Dialog am Computerbildschirm erstellen kann. Im Papierformat ist dies leider kaum möglich. Der Einsatz von Transparentpapier jeweils vor den drei Themenbereichen soll verdeutlichen, dass die Ausführungen nicht so sehr hierarchisch aufeinander aufbauen, sondern transparent und vernetzt gelesen werden wollen. Diese Lesehilfe ist vor allem dem Verständnis des letzten, neunten Kapitels dienlich, in dem einzelne Textstellen inhaltlich und dialogisch miteinander „verlinkt“ werden.
© Marius Stelzer
Erster Teil Kopflandschaften Seite 7
Wo es dem unmittelbaren Verständnis dient sind kleiner Grafiken unmittelbar in den Text eingebaut worden. Größere Tafeln mit Übersichtsgrafiken (die Architekturen der Sinnesorgane, Grundrisse und Abbildungen der Stadtbücherei Münster) sind der Arbeit hinten an gestellt. Der wissenschaftliche Apparat richtet sich eher bedingt an das amerikanische System. Klammervermerke mit Autoren- und Seitenhinweisen werden gemieden. Zitate von und Verweise auf andere Autoren werden in Fußnoten aufgeführt. Dem besseren Verständnis wegen werden Autoren einmalig genannt um in darauffolgenden Anmerkungen mit Namen und Kurztitel aufgeführt zu werden. Es werden also keine Jahreszahlen mit Buchstabenindex (z.B. „MEIER 2002b“) verwendet. Diese Zitation mag Vorteile haben, ich finde diese Klammervermerke eher störend und bevorzuge, wichtige Informationen in Fußnoten zu vermerken. Zudem scheint mir die gewählte Arbeitsweise im Kontext dieser Arbeit eher logisch zu sein.
Martin BUßMEIER aus Borken und Stefan SÜHLING aus Münster untersuchten das Manuskript auf sachlogische Stringenz. Iris SCHULTE-WÖHRMANN aus Münster übernahm die Durchsicht auf Rechtschreib- und Grammatikfehler. Allen drei gebührt für ihre umsichtige Arbeit ein herzliches Dankeschön.
© Marius Stelzer
Erster Teil Kopflandschaften Seite 8
2. Wie die Welt in den Kopf kommt - psychologisch- Aspekte der Wahrnehmung
Das Sinnliche kommt über die Sinne in den Sinn - ein Wortspiel, das treffend den Prozess der menschlichen Wahrnehmung darstellt. Sinnlich sind die Reize der Umwelt, die wir mit Hilfe unserer fünf Sinne Sehen, Hören, Tasten, Riechen und Schmecken mittels der entsprechenden Sinnesorgane wahrnehmen. 1 Die Wahrnehmung an sich geschieht in spezialisierten Regionen des Gehirns. Dort wird aus den Informationen, die die Sinnesorgane erreichen und weitergeleitet werden, die Umwelt rekonstruiert.
Ziel der menschlichen Wahrnehmung ist das Sich-Zurechtfinden in der Umwelt. Sie dient der Erfassung des Raumes, um sich aufrecht zu bewegen. Sie dient zudem der Erfassung von Gegenständen, Nahrungsmitteln, Ereignisse, Oberflächen in ihrer Bedeutung und Relevanz für das individuelle Handeln. Ferner zielt Wahrnehmung auf die Aufnahme sozialer Kontakte mittels sprachlicher Kommunikation ab. Diese Fertigkeiten gehören zur Grundausstattung eines Menschen. Hinzu kommt der Erwerb fakultativer Fertigkeiten bezüglich des sozialen Lebens, der Arbeitswelt, Sport und Spiel. Die Wahrnehmungsleistungen beim Erwerb dieser Fertigkeiten sind noch komplexer als die zuvor genannten Lebensbereiche, wie das Erlernen eines Musikinstrumentes, einer Fremdsprache, Lernen von Spielregeln oder „einfach“ das Binden der Schnürsenkel oder Fahrradfahren. „Die Wahrnehmung ist in den größeren Rahmen des menschlichen Erkennens, Verhaltens und Handelns eingeordnet.“ 2 Die Informationsverarbeitung geschieht dabei in einem Kreisprozess aus „Informationsaufnahme, Kognitive Verarbeitung, Zielbildung für das Handeln auf Grund emotionaler und motivationaler Bedingungen und das Agieren und Handeln in der Umwelt. Anlässe für Wahrnehmungen können sich von allen Punkten dieses Kreisprozesses aus ergeben. Wich-
1 Vgl. Wahrnehmungspsychologe (hg.
2 2002, S. 3ff.
2 GOLDSTEIN, Wahrnehmungspsychologie, S. 13. © Marius Stelzer
Erster Teil Kopflandschaften Seite 9
tig ist, dass die Informationsaufnahme aktiv erfolgt und der Beobachter auf Teile des Wahrnehmungsvorganges reflexiv einwirken kann.“ 3 In diesem zweiten Kapitel werden die wesentlichen für die Wahrnehmung zuständigen sensorischen Systeme dargestellt. 4 Diesen Ausführungen vorangestellt ist eine Beschreibung der Funktionsweise der Nervenzellen (Neuronen und entsprechende neuronale Bahnen) sowie der neuronalen Schaltstellen, den Synapsen. 5
2.1 Neurone und Synapsen
„Neurone lassen sich als komplexe informationsverarbeitende Einheiten auffassen“ stellt der Psychologe R. MAUSFELD (Kiel) klar. 6 Neben Muskelzellen, Leberzellen und andere Zelltypen mehr sind Neuronen lebenswichtige Zellen, die zunächst auch aus den üblichen Zellbestandteilen (Zellkern mit DNA; Mitochondrien, Golgi-Apparat, etc.) bestehen; darüber hinaus für die Weiterleitung bioelektrischer Impulse spezialisiert sind. Neurone bestehen wesentlich aus Zellzentrum, Dendriten, Axom und Synapsen (vgl. nachstehende Abb.) 7 .
3 GOLDSTEIN, Wahrnehmungspsychologie, ebd..
4 Ausgenommen sind Geruchssinn und Geschmackssinn. Natürlich tragen diese beiden Sinne zu einer ganz- Wahrnehmung einer Umweltinformation bei, eine Darstellung dieser Systeme im gewählten Themen- würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Hingewiesen werden soll auf die entsprechenden
Ausführungen in den aufgeführten Lehrbüchern.
5 In diesem und dem nachfolgenden Kapitel dominieren naturwissenschaftliche Topoi. Sie sind aber gemäß
dem eingangs erwähnten Postulat „Schickt die Erziehungswissenschaftler in’s Labor“ unverzichtbar für ein
Verständnis der wesentlichen Wahrnehmungs- und Lernmechanismen aus pädagogischer Sicht. Notwendige
wissenschaftliche Details werden mit einbezogen, ansonsten werden die einzelnen Darstellungen recht verein- dargestellt, ohne aber den wissenschaftlichen Anspruch zu vernachlässigen.
6 Vgl. hierzu und im folgenden: MAUSFELD, R., Allgemeine Sinnesphysiologie, in: DUDEL, J., MENZEL, R.,
SCHMIDT, R.-F. (Hgg.), Neurowissenschaft. Vom Molekül zur Kognition, Heidelberg 2 2001, S. 279-293, hier: S.
283.
7 Abbildungsnachweis: http://www.ims.uni-stuttgart.de/phonetik/joerg/sgtutorial/graphic/neuron.gif,
Zugriff am 4. August 2003. © Marius Stelzer
Erster Teil Kopflandschaften Seite 10
Die Dendriten des ersten, präsynaptischen Neurons „empfangen“ einen elektrischen Reiz, der bei einem bestimmten Schwellenwert als elektrische Erregung innerhalb des Neurons weitergeleitet wird. Dieses Aktionspotenzial (AP) wird pro Zelle immer voll ausgebildet und über das Axom und die daran befindlichen Dendriten und Synapsen zum nächsten, postsynaptischen Neuron weitergeleitet. Bleibt die elektrische Erregung unter einem bestimmten Schwellenwert kommt überhaupt kein AP zustande. J. DUDEL umschreibt dieses Prinzip als „Alles-oder-Nichts“-Prinzip. 8 Das Geschehen im Axom ist immer gleich, wobei die Geschwindigkeit der Weiterleitung von der Dicke abhängig ist. 9 Zudem bewirken die Einschnürungen am Axom, so genannte „Rangvier’sche Knoten“, positiv die Stabilität der Weiterleitung. Die Weiterleitung eines AP beruht auf einer elektrische Störung des Ionenhaushaltes in und um der Neuronenmembran (vornehmlich Kaliumionen K+ und Natriumionen NA+ und Chloridionen CL-). „Ein an einer Stelle einer Nervenzelle ausgelöstes AP depolarisiert elektronisch einen benachbarte, unerregte Membranstelle; das elektronische Potential erreicht die Schwelle und löst ein weiteres AP aus“. 10 Diese Störung ist regenrerativ; das Neuron kehrt selbstständig zum Ruhezustand zurück. Neurone und neuronale Verflechtungen sind daher als dynamische, metastabile Systeme zu verstehen, die selbstregulierend sind. 11
Neurone sind in der Länge begrenzt und müssen daher elektrische Impulse über eine Lücke, dem synaptischen Spalt, zur nächsten Zelle weiterleiten. Dies geschieht an Synapsen. 12 Das ankommende AP der präsynaptischen Zelle bewirkt eine Ausschüttung von Trägerstoffen, Neurotransmitter genannt. Diese chemischen Substanzen (Acetylcholin, Glutamat oder Dopamin) gelangen zur Membran des postsynaptischen Neurons, werden dort durch Rezeptormoleküle gebunden, die daraufhin den postsynaptischen Strom fließen lassen, also ein neues AP auslösen. In
8 Vgl. hierzu DUDEL, J., Erregungsbildung und -leitung im Nervensystem, in: DERS., Neurowissenschaft, S. 87-
9 In einem motorischen Axom mit einem Faserdurchmesser von 13 Mikrometern 70-120 m/s.
10 DUDEL, Neurowissenschaft, S. 109.
11 Im späteren Verlauf dieser Arbeit wird der Begriff „autopoiesis“ fallen; vielleicht liegt hier ein Ursprung dieses
Begriffs.
12 Vgl, hierzu und im folgenden: DUDEL, J., Synaptische Erregung und Hemmung, in: DERS., Neurowissenschaft,
S. 115-144. © Marius Stelzer
Erster Teil Kopflandschaften Seite 11
diesen Lücken kann der bioelektrische Impuls abgeschwächt werden, da Antagonisten, also wirkliche Gegenspieler, die freigesetzten Transmitter an sich binden oder aber die postsynaptischen Rezeptoren besetzen und blockieren. Agonisten hingegen können den Impuls verstärken. Das grundlegende Prinzip der Transmitterbewegung im synaptischen Spalt wird in folgender Abbildung sehr deutlich: 13
Das ankommende Aktionspotenzial bewirkt eine Ausschüttung des Transmitterstoffes aus dem synaptischen Bläschen. Diese diffundieren nach Membranverschmelzung durch den synaptischen Spalt und lagern an den Rezeptoren auf der postsynaptischen Membran an, worauf - wie schon beschrieben - ein weiteres AP ausgelöst wird. Synapsen haben eine Ventilfunktion, d.h. der Weg der Informationsübermittlung ist nur in eine Richtung, der postsynaptischen Seite möglich. In der Regel sind Synapsen plastisch, d.h. lernfähig. Sie übertragen bei häufiger Nutzung „besser“ als bei seltener Beanspruchung. Zudem sind sie Wirkstellen zahlreicher Pharmaprodukte wie Narkosemittel, Psychopharmaka oder Suchtmittel, da gezielt in den Chemiehaushalt im synaptischen Spalt, also an den Rezeptoren oder mittels Eingabe von Blockade-Stoffen eingegriffen werden kann. 14
13 Abbildungsnachweis:
http://www.scheffel.og.bw.schule.de/faecher/science/biologie/nervenphysiologie/7synapse/erreg2.gif, Zugriff am
05. August 2003.
14 Vgl. hierzu BIRBAUMER, N., SCHMIDT, R., Biologische Psychologie, Berlin u.a. 5 2003, S. 121. © Marius Stelzer
Erster Teil Kopflandschaften Seite 12
2.2 Wege der Wahrnehmung
Neurone und Synapsen sind wesentliche Wege zur Informationsübermittlung sinnlicher Wahrnehmungsreize. Wie die wichtigsten Wahrnehmungsmechanismen funktionieren und aus den möglichen Umweltinfor-
mationen neuronal verarbeitbare bioelektrische Impulse erzeugen, wird in diesem Abschnitt dargestellt.
2.2.1 Visuelle Wahrnehmung - Sehen
Der Prozess des Sehens ist einer der wohl kompliziertesten Vorgänge im menschlichen Körper, aber auch einer der beeindruckendsten. Wer einmal mit verbundenen Augen - nur angewiesen auf die anderen Sinneseine Welt erkundet hat oder im absoluten Dunkeln wandelte, weiß eine hundertprozentige Sehkraft zu schätzen.
Die visuelle Wahrnehmung ist ein Prozesskomplex aus physikalischen und bioelektrischen Mechanismen. 15 Um diesen Prozess zu skizzieren soll das Bild Manfred FISCHERs hinzugezogen werden, das für die Illustration dieses Kapitels ausgewählt wurde. Ein Bild, das wie die anderen Titelabbildungen dieser Arbeit schemenhaft ein Portrait darstellt, gezeichnet aus grauen, schwarzen und eher erdfarbenene Tönen. Die eigentlichen Konturen des Portraits werden durch einen signifikanten roten Farbsprengel gestört. Dieses Rot scheint die einzig wirklich vorhandene Farbe zu sein, sie sticht regelrecht ins Auge, fällt neben den eher tristen grau-braunen Farbtönen auf und scheint daher für die Erklärung der visuellen Wahrnehmung sehr geeignet.
Dass diese Pinselstriche als rotfarbene erkennbar sind, ist der Effekt des vorhin schon angedeuteten Wahrnehmungsweges: Aus dem gesamten Wellenspektrum des Lichts kann der Mensch die Wellen zwischen Ultraviolett und Infrarot wahrnehmen, also die langwelligen roten Lichtbestandteile über Orange, Gelb, Grün, Indigo, Blau und violett. Dies entspricht dem Spektrum von ca. 760 nm bis 380 nm. 16 Welche Farbe wir wahrnehmen hängt von den Oberflächeneigenschaften des
15 Vgl. Hierzu EYSEL, U., Sehen, in: SCHMIDT, R. F., SCHAIBLE, H.-G., (Hgg.), Neuro- und Sinnesphysiologie,
Heidelberg 2001, S. 274-316, hier besonders Kap. 1-4, und: KIRSCHFELD, K., Photorezeption (periphere Sehor- in: DUDEL, Neurowissenschaft, S. 385-405.
© Marius Stelzer
Erster Teil Kopflandschaften Seite 13
Gegenstandes ab. In unserem Fall absorbiert die „rote“ Farbe alle Lichtbestandteile außer die des roten Wellenbereiches. Diese werden reflektiert und können so wahrgenommen werden. Am Auge als Sehorgan kommt also keine „Farbe“ an, sondern Lichtwellen mit Wellenlängen im Bereich 600-760 nm (dies entspricht den „roten“ Wellenlängen). Die Lichtwellen beinhalten also eine physikalische Information in Form der Wellenlänge, die im optischen Apparat des menschlichen Auges ankommt. 17 Es durchquert den so genannten Dioptrischen Apparat (Netzhaut, Kammerwasser, Linse, Glaskörper des Auges), wird in diesem gebrochen und konzentriert und trifft auf die Rezeptoren der Netzhautoberfläche. In diesen Netzhautrezeptoren, hochentwickelte Sinneszellen, werden die physikalischen Trägerinformationen in ein bioelektrisches Signal umgewandelt, welches dann als Aktionspotential über Nervenfasern in entsprechende Hirnregionen gelangt und dort als Abbild der Wirklichkeit konstruiert wird.
Die Sinneszellen in der Netzhaut sind auf Lichtabsorption spezialisiert. Stäbchenförmige Zellen sind für Helligkeitsunterschiede zuständig, zapfenförmige Zellen für die Farbwahrnehmung. Damit Licht einer bestimmten Wellenlänge eine Zelle erregen kann, muss es im Sehfarbstoff der Zelle absorbiert werden können. Die Absorptione eines Lichtquants, also eines
Teilchens verändern die Struktur der Sehfarbstoffmoleküle, woraufhin in komplizierten Reaktionen eine Enzymkaskade angestoßen wird, die letzt- endlich in Form von Transmitterbildung einen primären elektrischen Impuls an einem ersten Neuron produziert. Dieser bioelektrische Impuls wird dann auf die in Kapitel 2.1 beschriebene Weise fortgeführt. Im Sehzent- rum des Gehirns, dem visuellen Cortex in der Hinterkopfregion 18 , werden die bioelektrischen Signale dann weiter verarbeitet und zu einer Wahr- nehmung konstruiert. Die Vorgänge der Enzymkaskade sind bis heute
noch nicht detailliert erforscht worden, daher soll auch in diesem Fall die recht kursorische Darstellung genügen.
17 Zur Visualisierung vgl. die Übersichtstafeln im Anhang.
18 Die Repräsentation der verschiedenen Sinne in den entsprechenden Wahrnehmungszentren wird im späte- Verlauf dieser Arbeit vorgestellt. © Marius Stelzer
Erster Teil Kopflandschaften Seite 14
2.2.2 Akustische Wahrnehmung - Hören
Neben der visuelle Wahrnehmung kennzeichnet die auditive Wahrnehmung, die Fähigkeit des Hörens, das Leben und Verhalten des Menschen. Das Sehen vermittelt dem Menschen Informationen über Größe, Form und Farbe von Gegenständen und Personen, die sich im Blickfeld bewegen. Die Hörinformationen bieten ergänzend bzw. darüber hinaus ganz andere Sinneseindrücke. Ergänzend in dem Sinne, als dass beispielsweise das Hören einen ganzheitlicheren Eindruck eines Ereignisses bereitet, wie beispielsweise einen Rettungswagen im Einsatz, bei dem neben dem eingeschalteten Blaulicht als visuelles Einsatzmerkmal auch das Martinshorn als akustisches Einsatzmerkmal die Notsituation verdeutlicht. Darüber hinaus ist sprachliche Kommunikation oder Musik nahezu ausschließlich an die Fähigkeit des Hörens gebunden. Für die pädagogischen Anliegen dieser Arbeit spielt die sprachliche Kommunikation eine besonderer Rolle, daher soll dem Hören als Wahrnehmung besonderer Raum zukommen.
Auch beim Hören haben wir es mit einer Verarbeitung einer physikalischen Trägerinformation in bioelektrische Impulse zu tun: Schwankungen des Luftdrucks werden vom Ohr aufgenommen, gelangen über das verstärkende Tunnelsystem von Ohrmuschel und Gehörgang in die Mittel- und Innenohrakustik, werden zu bioelektrischen Impulsen verarbeitet und im auditiven Cortex des Gehirns verarbeitet. Im Detail sieht das wie folgt aus:
Geräusche der Umwelt sind die Folge der Schwingung von Objekten, die sich auf Luftmoleküle überträgt. 19 Die entstehenden Bereiche von komprimierter und dekomprimierter Luft breiten sich wellenförmig aus und besitzen in Frequenz (Wellenlänge = Tonhöhe) und Amplitude (Lautstärke) ein spezifisches, charakteristisches „Soundschema“. Das Außenohr, das aus der äußerlich sichtbaren Ohrmuschel und äußerem Gehörgang besteht, nimmt die Schallwellen wie ein Trichter auf und leitet diese durch den äußeren Gehörgang bis zum Trommelfell.
19 Vgl. hierzu und im folgenden: SCHANDRY, R., Biologische Psychologie, Weinheim (u.a.) 2003, S. 273ff. © Marius Stelzer
Erster Teil Kopflandschaften Seite 15
Das Trommelfell trennt Mittelohr von Außenohr. Hinter dieser ca. 9mm durchmessenden Membran beginnt die mit Luft gefüllte Paukenhöhle, in der Hammer, Amboss und Steigbügel als gelenkartig verbundenes Knöchelchensystem für die mechanische Übermittlung der Schallinformationen zuständig sind. Der Hammer, befestigt am Trommelfell, nimmt die Membranschwingungen auf. Diese Schwingungen werden über Amboss und Steigbügel zur Fußplatte an der Membran des ovalen Fensters zur Schnecke (Cochlea) des Innenohrs weitergeleitet. Die anatomischen Strukturen hinter diesem ovalen Fenster sind mit einer Flüssigkeit gefüllt. Daher rührt die Genese eines Knöchelchensystems im Mittelohr, denn für eine adäquate Informationsübermittlung vom Luftbereich (Mittelohr) zum Flüssigkeitsbereich (im Innenohr) muss der Schalldruck verstärkt wer-
den. 20
Die gerade erwähnte Cochlea ist eine schneckenartig aufgedrehte Röhrenstruktur aus drei Kammern: Der Scala vestibuli, in der die Schallwellen über das ovale Fenster zuerst ankommen und der Scala tympani, die gewissermaßen den „Rückweg“ der erstgenannten Röhre darstellt und im runden Fenster wieder am Mittelohr anschließt. Die dritte Röhre, Scala media, beherbergt das für die Transduktion der physikalischen Informationen in bioelektrische Impulse wesentlich zuständige Corti-Organ. „Sensorzellen bilden die Haarzellen, die Synapsen mit dem Hörnerv bilden. Die Haarzellen werden aktiviert, wenn die Flüssigkeit im Innenohr in Folge einer Schalleinwirkung in Bewegung, d.h. in Schwingung gerät. Durch das Abbiegen der Haarzellen kommt es zu Potentialschwankungen im Zellinnern.“ 21 Dabei gilt, dass verschiedenartige Frequenzen der Schallinformation bestimmten Orten und damit bestimmten Sinneszellen zugeordnet sind. „ Damit wird die Tonfrequenz umkodiert in die räumliche Position der durch sie maximal erregten Sinneszelle.“ 22 In den Sinneszellen wird ein Aktionspotenzial ausgelöst und über den Hörnerv zum auditiven Cortex, dem Hörzentrum des Gehirns weitergeleitet. Die Hörbahn, der Weg der neuronalen Informationsverarbeitung von Sinneszelle bis zum auditiven
20 Zum schematischen Aufbau des Ohres und der Chochlea vgl. die Grafiken im Anhang.
21 SCHANDRY, Biologische Psychologie, S. 278.
22 SCHANDRY, Biologische Psychologie, S. 280. © Marius Stelzer
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Cortex des Gehirns, ist in verschiedenen Abschnitte gegliedert. Bei der Weiterleitung der nun bioelektrischen Impulse bis hin zum auditiven Cortex bleiben die vorhin erwähnten Tonspezifika erhalten, d.h., ausgehend von der spezifischen Verortung der Frequenzen in den Sinneszellen verarbeiten „benachbarte Fasern und Zellkerne (...) Tonhöhen, die ebenfalls
aneinander angrenzend sind.“ 23
2.2.3 Haptische Wahrnehmung - Fühlen
Die haptische Wahrnehmung durch das Tastempfinden des Menschen ist ein Teilbereich der Somatosensorik, die ebenfalls die Sensorik des Bewegungsapparates und die Sensorik aus den Inneren Organen umfasst. Im Kontext dieser Arbeit sind Aspekte des Prozesses der aktiven Informationsaufnahme haptischer Wahrnehmung von Interesse: 24 Aktives Berühren, Ergreifen und damit auch Begreifen sind primäre Funktionen der haptischen Wahrnehmung, des Tastsinns. Form, Oberflächenbeschaffenheit, Härte, Temperatureigenschaften, Gewicht und Größe werden mit dem Tastsinn der Hände erfasst und wahrgenommen. „In Verbund mit der aktiv gesteuerten Bewegung lässt die Tastwahrnehmung ein
Bild des Gegenstandes entstehen.“ 25
Es geht zweitens um die haptische Wahrnehmung beim Ergreifen, Halten und Bewegen eines Gegenstandes - einem Interaktionsprozess von Motorik, Hautsinn, Stellungssinn und visuellem Sinn. Ferner trägt die haptische Wahrnehmung in Bezug auf den Aufbau des Körperschemas „zum Körpererleben und der fortlaufenden Kalibrierung des ihm zugrunde liegenden Schemas bei.“ 26 Haptische Wahrnehmung hat viertens eine soziale Funktion. Schon während der Schwangerschaft, vor allem aber nach der Geburt und im Verlauf des menschlichen Lebens „spielen soziale Berührungen und deren Wahrnehmung eine wichtige Funktion für den emotionalen sozialen Zusammenhalt“. 27
23 SCHANDRY, Biologische Psychologie, S. 281.
24 Vgl. hierzu und im folgenden: GOLDSTEIN, Wahrnehmungspsychologie, 528ff.
25 GOLDSTEIN, Wahrnehmungspsychologie, S. 528.
26 GOLDSTEIN, Wahrnehmungspsychologie, S. 529.
27 GOLDSTEIN, Wahrnehmungspsychologie, S. 529. © Marius Stelzer
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Der Weg der Wahrnehmung ist auch hier ein Komplex aus physikalischen und elektrobiologischen Trägerprozessen. Die physikalische Eigenschaft, die wahrgenommen wird, besteht in Form eines Drucks auf der Haut, also auf Deformation der Hautoberfläche. Diese Deformation wird von verschiedenen, jeweils funktional spezialisierten Sinneszellen wahrgenommen. Diese Sinneszellen scheinen schon Teil eines Nervenzellen-Systems zu sein, die Fachleute sprechen auch von mechanorezeptiven Nervenzellen. 28
Die Nervenzellen sind sowohl auf behaarten als auch auf unbehaarten Hautoberflächen (und auch tiefer liegende Hautschichten) vorhanden, jedoch nicht in der Hornhaut, oder Epidermis, sondern erst in den darunter liegenden Schichten Korium und Subkutis.
Charakteristisch für die haptische Wahrnehmung sind die Felder auf der Großhirnrinde, in denen die gesamte Hautoberfläche repräsentiert ist; der so genannte primär sensorische Kortex. 29 Grob gesehen zieht sich
dieses Feld in einer Linie auf der Hirnrinde von Ohr zu Ohr. Je nach Sensibilität der Hautoberfläche sind die Repräsentationsareale unterschiedlich
28 Vgl. BIRBAUMER, N., SCHMIDT, R.F., Biologische Psychologie, S. 332f.
29 Abbildungsnachweis: http://www.ims.uni-stuttgart.de/phonetik/joerg/sgtutorial/graphic/areas2.gif
© Marius Stelzer
Erster Teil Kopflandschaften Seite 18
groß ausgebildet: Für Fingerkuppen, Hände, Lippen entwickelt sich in der Regel eine große Repräsentationsfläche, für die Rückenpartie des Körpers beispielsweise eine relativ kleine Fläche auf/im sensorischen Cortex.
2.3 Die Einheit der Wahrnehmung - Kohärenz
Es gab einmal eine Stadt in der fünf blinde Gelehrte wohnten.
Eines Tages kam der König in diese Stadt und zu seinem Gefolge gehörte
auch ein Elefant. Als die Gelehrten davon hörten, waren sie natürlich be- darauf, dieses Tier kennen zu lernen, denn noch nie zuvor hatte es
in ihrer Stadt einen Elefanten gegeben. Drei von ihnen strömten auf den
Platz vor der Stadt, wo der König sein Lager aufgeschlagen hatte. Und da
sie keine Vorstellung hatten, was denn nun ein Elefant war, versuchten sie
seine Gestalt zu ertasten, denn sie waren ja blind. Sie umringten ihn also,
und jeder betastete den Teil des Tieres, der in seiner Reichweite lag.
Als sie dann zu ihren Mitbrüdern zurückkehrten, wollten diese von ih- wissen, um was für ein wunderliches Geschöpf es sich dabei handelte
und welcher Art von Gestalt es denn nun sei. Danach befragt, berichtete
ein Gelehrter, der nur das Ohr des Elefanten befühlt hatte: "Es ist ein gro- lappiges Etwas von rauher Oberfläche, breit und hoch wie eine De- Doch der, der am Rüssel gestanden hatte, widersprach ihm: "Nein,
nein, ich weiß, was es ist, nämlich eine lange hohle Röhre, furchterregend
und gefährlich." Nun lachte der Mann, der Fuß und Beine abgetastet hatte:
"Nichts an ihm ist lang und hohl! Er ist mächtig und fest wie eine Säule!"
So hatte ein jeder nur einen Teil des Ganzen erfasst und daraus sei- nen Rückschluß auf die wahre Gestalt und Größe dieses Elefanten ge- schlossen. Alles war richtig und zugleich doch völlig falsch. 30
Der Begriff Kohärenz spielt in der Wahrnehmungspsychologie eine bedeutende Rolle - geht es doch darum, dass kohärente Wahrnehmung in ganzheitlicher Perspektive (also die Summe aller raumzeitlichen Impulse und deren synchrone neuronale Verarbeitung im Gehirn) auf das Leben und Überleben des Menschen in der Umwelt betrifft. 31 Dass Wahrnehmung darauf abzielt, wurde in den Eingangsworten schon erklärt. Dass die Kohärenz der Wahrnehmung sowohl von der Begrifflichkeit als auch
in der Sache von pädagogischer Relevanz ist, zeigt Gerhard ROTH (Bremen) auf:
„Sinnesorgane und Zentralnervensystem bilden die Umwelt nicht ein
30 Diese Geschichte wird dem indischen Philosophen und Politiker Sarvepalli RADHAKRISHNAN zugeschrieben
und existiert in mehreren Versionen. Diese Text ist angelehnt an die Überlieferung unter http://www.zitate- (Zugriff am 18. März 2003).
31 Ab dieser Stelle sollen einige Begriffe, die als solche nicht konkret zu umschreiben sind, sondern grundsätz- als ganzheitlicher Summenbegriff verstanden werden können, mit zwei Senkrechten Linien eingeschlossen
werden. Diese besondere Zeichensetzung soll verdeutlichen, dass in entsprechenden Fällen vielfältige Möglich- Konnotationen und Bedeutungskontexte beachtet werden können und sollen. © Marius Stelzer
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fach ab“, sondern Wahrnehmung ist ein konstruktiver und interpretativer Vorgang. 32 Die sensorische Transduktion von physischen Umweltreizen (Wellenlängen, Frequenzen) in bioelektrische Impulse bezeichnet eine Umkodierung dieser komplexen Informationen in Elementarereignisse. „Alle Wahrnehmungsinhalte, so einfach oder komplex sie subjektiv erscheinen mögen, werden vom Gehirn aus diesen Elementarereignissen durch Kombination und Ergänzung erzeugt“, also konstruiert und aufgrund „hirn-interner Prinzipien interpretiert, stabilisiert und zu einer kohärenten Wahrnehmung so zusammengefügt werden, dass ein überlebensförderliches Verhalten möglich ist“. Diese Verarbeitung der sinnlichen Eindrücke zu einer Gesamtwahrnehmung beruht auf einem komplexen Zusammenspiel verschiedenster Neuronenensembles in den verschiedenen repräsentativen Arealen des Gehirns (Visueller Cortex oder Auditiver Cortex). Alle Neurone, die verschiedene Aspekte des selben Gegenstandes kodieren, arbeiten synchron, damit dieser Gegenstand als solcher wahrgenommen wird.
Der Elefant aus der obigen Geschichte zeichnet sich als Ele- fantdurch Merkmale aus, die als Informationen in bestimmten repräsentativen Arealen des Gehirns ankommen („großes lappiges Etwas“, „lange, hohle Röhre, furchterregend und gefährlich“). Dieser Elefant wird als solcher wahrgenommen, wenn das Gehirn die Sinneseindrücke der Einzelmerkmale, „die innerhalb einer gewissen Schwankungsbreite ein gemeinsames raumzeitliches Schicksal haben“ verarbeitet. „Es ergibt sich auf diese Weise ein enger Zusammenhang zwischen Wahrnehmung, Verhalten, Bewertung Gedächtnis. Teilinformationen der Wahrnehmung werden vom Gehirn versuchsweise zu einer Einheit zusammengesetzt und im Verhalten getestet. Das Bewertungssystem des Gehirns stellt den Erfolg oder Misserfolg dieser Hypothese fest. Im Erfolgsfall wird die als „richtig“ bewertete Wahrnehmung im Gedächtnis verankert und dient als Grundlage für neue Wahrnehmungen und neues Verhalten.“ 33
32 Vgl. hierzu und im folgenden: ROTH, G., MENZEL, R., Neuronale Grundlagen kognitiver Leistungen, in: DUDEL,
Neurowissenschaft, S. 543-563, hier S. 546.
33 ROTH, G. MENZEL, R. Neuronale Grundlagen kognitiver Leistungen, S. 549. © Marius Stelzer
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Der Ausfall der visuellen Wahrnehmungswege in unserer Beispielgeschichte zeigt die Notwendigkeit dieses Sinnes, kohärente Wahrnehmungen zu machen, auf. Zum einen postulieren ROTH und MENZEL, dass Wirklichkeiten im Gehirn konstruiert werden. Dies wird meines Erachtens in der Geschichte sehr deutlich, denn im Erzählen ihrer Erfahrungen konstruieren die blinden Gelehrten den Elefanten in ihren Köpfen jeweils so, wie sie ihn wahrgenommen haben: als lappiges Etwas oder als furchterregende Röhre. Zweifelsfrei haben alle drei recht und in ihren individuellen Möglichkeiten und Erfahrungen kohärente Wahrnehmungskonstruktionen entworfen. Die Möglichkeit, ihre Umwelt auch auf visuellen Wegen zu erschließen bleibt ihnen verwehrt, jedoch ist diese Kompetenz sehr bedeutend für die ganzheitliche Konstruktion des Lebewesens Elefant. Her- ist an dieser Stelle die soziale Komponente menschlicher Wahrnehmung, denn wenn auch die äußere Realität im Kopf „nur“ konstruiert wird, lässt sich doch Wirklichkeit näherungsweise im kommunikativen Diskurs bestimmen qua Abgleichen der indiviudellen Wahrnehmungen.
2.4 Pädagogische Perspektiven
2.4.1 Lerntypen
Die Vielfalt der oben dargestellten Wahrnehmungs- und Sinnessysteme erlaubt den Menschen, seine Umwelt mit unterschiedlich akzentuierten Sinnen wahrzunehmen. Biografizität und Gewohnheit spielen eine besonderer Rolle, wenn es um so genannte „Lerntypen“ geht. Je nach sinnlicher Fasson lernen Menschen auf unterschiedlicher Weise. Will man pädagogisch tätig werden kommt man nicht umhin, eigene pädagogische Arrangements auf entsprechende Lerntypen zuzuschneidern; unter Umständen auf mehrere Lernkanäle zu lenken. K. DÖRING und N. RITTER-MAMCZEK haben in ihrem erwachsenenpädagogischen Standardwerk „Die Praxis der Weiterbildung“ die menschlichen Lerntypen bestimmt, die im folgenden aufgeführt und näher charakterisiert werden:
Der visuelle Lerntyp ist bei Wissensaufnahme und -verarbeitung stark auf Veranschaulichungen eingestellt. Er legt Wert auf Präsentationen, in de-
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nen mittels Schaubilder Sachverhalte verdeutlicht werden. Im selbstständigen Lernprozess versucht dieser Lerntyp, sich gleichfalls anhand von Strukturskizzen die Lerninhalte zu verinnerlichen (um sie ggf. in einer Prüfungssituation aus der Skizze im Gedächtnis wieder abzurufen). Der auditive Lerntyp lernt am effektivsten durch Zuhören, also durch akustische Aufnahme von Informationen. Sein idealer Lernort ist ein Hörsaal oder aber der heimische Küchentisch, an dem er einer Funkkolleg-Sendung oder einem CD-Hörbuch lauscht.
Der haptische Typ lernt effektiv durch Begreifen, Berühren oder Fühlen. Er muss die Sachverhalte „in die Hand“ nehmen. „Learning by doing“ ist sein Lernmotto. So scheut er sich nicht, Gegenstände auseinander zu bauen, um zu schauen, wie sie funktionieren.
Der verbal-abstrakte Typ geht den Lernweg über abstrakte Gedankenspiele mittels Begriffe, Formeln und Theorien. Der gesprächsorientierte Typ versteht Sachverhalte am besten in einem erörternden Gespräch. In einem (wissenschaftlichen) Kolloquium fühlt er sich am wohlsten. Er festigt Ideen und lernt auf dem Wege, dass er im wissenschaftlichen Disput mit anderen Gleichgesinnten Probleme aufdeckt und Lösungsstrategien durchdenkt. 34
2.4.2 Lernbiografien und Lebenslanges Lernen
Im Kontext des „Sehen“-Kapitels haben stand das Farbensehen im Mittelpunkt - genauer: mit der Wahrnehmung der roten Farbinformationen aus dem Bild Manfred FISCHERs. Man könnte nun verschiedene Personen fragen, was für eine Farbe dieser bestimmte Farbklecks darstellt. Alle würden zustimmen, dass es sich um Rot handelt. Fragt man nach einer
genaueren Definition des Rot-Tons, also ob der Klecks Altrot, Abendrot, Abendrosenrot, Blutrot, Blassrot, Blaurot, Cyclamrot, Dahlienrot, Dunkelrot, Erdbeerrot, Feuerrot, Flammenrot, Lackrot, Fuchsrot, Gelbrot, Glutrot, Goldrot, Granatrot, Hahnenkammrot, Hellrot, Hellpurpur, Himbeerrot, Hochrot, Indianerrot, Kardinalrot, Kadmiumrot, Karminrot, Kirschrot, Knallrot, Korallenrot, Krebsrot, Kupferrot, Lachsrot, Lippenrot, Magentarot,
34 Vgl. DÖRING, K., RITTER-MAMCZEK, N., Didaktische Perspektiven in der Weiterbildung, in: Die Praxis der
Weiterbildung, Weinheim 2 1999, S. 62-77, hier S. 71f.. © Marius Stelzer
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Messingrot, Mohnrot, Morgenrot, Ochsenblutrot, Orangerot, Paprikarot, Pfefferrot, Purpurrot, Rosenrot, Rostrot, Rötlich, Rotorange, Rotblau, Rotviolett, Rubinfarben, Scharlachrot, Tizianrot, Tomatenrot, Venezianischrot,
Verkehrsrot, Weinrot, Wangenrot, Ziegelrot, Zinnoberrot oder gar Zornrot 35 ist, würden sicherlich so verschiedene Antworten genannt werden wie hier Rot-Töne aufgelistet sind. Denn Rot ist nicht gleich Rot. Da gehen die Er- fahrungswerte stark auseinander. Oder ein anderes Beispiel: Vor einigen Jahren erregte ein heftiger Streit der Verantwortlichen der Städtischen Bühnen Münster mit einem Hersteller für Theatervorhänge die Gemüter. Die Bestellung war klar: es sollten schwarze Vorhänge geliefert werden.
Dass die gelieferten Vorhänge zweifelsohne Schwarz waren war eindeutig zu sehen. Jedoch waren sie nicht aus dem schwarzen Stoff gewebt wie die übrigen Vorhänge im Bühnenraum und passten folglich auch nicht zu diesen. Es folgen Schadensersatzansprüche und andere rechtliche Schritte.
Der Umgang mit Farbbezeichnungen steht also symptomatisch für den Umgang mit allen Wahrnehmungsinformationen: Sie sind individuelle Erfahrungswerte. Denn die Wahrnehmungen sind höchst individuell, denn es ist davon auszugehen, dass die Architektur der Retina mit ihren Wahrnehmungsrezeptoren individuell wie ein Fingerabdruck ist. Dasselbe gilt für die schon beschriebenen neurologischen Verarbeitungswege. Auch diese Wege dürften - im Sinne der neuronalen und synaptischen Plastizität, also im Sinne von „Gelernt“ - von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein. Ebenso dürften die retinalen Repräsentationsebenen im visuellen Cortex, in denen die Farbinformationen ausgewertet und verknüpft werden, von individueller Architektur sein. Diese Gegebenheiten sind die erste Grundlage für die Stichworte dieses Kapitels „Lernbiografien“ und „lebenslanges Lernen“. Lernen ist ein individueller Vorgang, da die Art und Weise der Umweltwahrnehmung und die Verarbeitung dieser Wahrnehmungen ein individuelles Unterfangen ist. Die Konstruktion von Wahrnehmungen im Gehirn, also das raumzeitlich parallele Verarbeiten der Wahr-
35 Diese
http://www.bildungsservice.at/faecher/be/diab_rot.htm (Zugriff am 30. 9. 2003). (Auszüge aus " Rot, Gelb, Blau
und alle Farben" von Marielle und Rudolf SEITZ, Verlag Don Bosco, München)
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nehmungsimpulse im Sinne von Abgleichen, Verknüpfen mit schon vorhandenen Erfahrungen, Interpretieren und Assoziieren ist gleichfalls individuell. Bezieht man die zeitliche Dimension im Sinne des individuellen Lebenslaufes mit ein, heißt das, dass eine Lernbiografie ein zirkulärer Prozess ist, da von Geburt an täglich neue Erfahrungen gemacht und verarbeitet werden, vor allem unter Rückbezug auf alte Erfahrungen. Es soll noch einen Schritt weiter gehen, um diese pädagogsiche Perspektive zu vertiefen: Es gibt so genannte Kipp-Bilder, also Grafiken, die zwei völlig verschiedene Gegenstände darstellen, obwohl die Zeichenlinine genau diesselben sind. Rein physikalisch gesehen bestehen die Zeichenlininen des nachfolgenden Kippbildes aus fest mit dem Papier verschmolzenen Tonerpartikeln des Druckers. Die exakt gleichen Partikel
zeigen zum einen Hasen, aber auch eine Ente. Entweder das eine Tier oder das andere. Der Betrachter, der beide erkennen kann, kann sie nicht gleichzeitig als solche erkennen. Das Bild kippt: zwischen der Wahrnehmung/Konstruktion Ente und der Wahrnehmung/Konstruktion Hase.
Die individuelle Wahrnehmung hängt davon ab, welche Erfahrungswerte der Betrachter hat, mit welchen Gedächtniskonstruktionen im Gehirn er die visuelle Wahrnehmung verknüpft und interpretiert. Wenn er noch nie eine Ente gesehen hat, aber einen Hasen kennt, erkennt er garantiert einen Hasen aus den Tonerspuren. Aber es ist auch eine Frage des Kontext. Ich bin davon überzeugt, dass, wenn man den gedanklichen Kontext „Tiere am See“ vorgibt, der Betrachter eher eine Ente konstruiert als einen Hasen.
Dieses vielleicht etwas simple Modell veranschaulicht deutlich, dass der Lernende mit dem gelehrten und gelernten Stoff eigenständig umgeht und sich in Lernsituationen immer auf bisher gelernte Sachverhalte bezieht. In der Literaturwissenschaft gibt es den Begriff der „Intertextualität“,
© Marius Stelzer
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Marius Stelzer, 2004, Kopflandschaften - Informelles Lernen Erwachsener und Neurowissenschaften - Ein Dialog, München, GRIN Verlag GmbH
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