Inhaltsverzeichnis
Einführung 1
1.) Definitionen 4
a) Skizze einer problematischen Begriffsbestimmung: Pauschal-
Individual- Alternativ- oder Massentourismus 4
b) Spaß- und Erlebnisgesellschaft 6
2.) Alternativ- Individual- und Abenteuertouristen und die Urlaubsmotive 8
a) Die Alternativ- Individual- und Abenteuertouristen 8
b) Urlaubsmotive 10
c) Exkurs: Das moderne Abenteuer 12
3.) Formen des Individual- und Alternativtourismus (Beispiele) 15
a) Exotik- und Ethnotourismus 15
b) Trekking- und Ökotourismus 18
c) Survivaltourismus 20
d) Partytourismus Hedonismus und Rucksack-Relaxer 21
4.) Folgen des alternativen Massentourismus der Spaßgesellschaft 23
a) Klischees Stereotypen 23
b) Durcheinanderbringen des sozialen Gefüges im Gastland 25
c) Ökologische Probleme 26
5.) Fazit und Ausblick 27
Jenseits von „TUI“ und „Neckermann“? „Alternativer“ Massentourismus in der Spaßgesellschaft Einführung
„Spaßgesellschaft“ und „Alternativtourismus“: Ein Thema, über das zu schreiben sich letztlich schwieriger gestaltete, als ich vorher angenommen hatte.
Mein Grundgedanke war, dass der sogenannte „Alternativtourismus“, den ich im allgemeinen durch die Abkehr vom organisierten Pauschaltourismus definiert und mit Individualtourismus weitgehend gleich gesetzt hatte, auch eine Abkehr von der Spaßgesellschaft bedeuten würde. Die gedanklichen Verbindungen, die ich dabei zog, gehen auf unsere Seminarinhalte zurück: Die im Kontext der „Spaßgesellschaft“ besprochenen Tourismusformen charakterisierten sich durch Künstlichkeit (der Umgebung) und totale Organisiertheit des „Spaßes“: Dabei wird dem Einzelnen jede Entscheidung abgenommen und in gewissem Sinne Gleichmacherei betrieben: All- Inclusive- Erlebnisparks, Eventtourismus à la „Abi-Tours“, Pauschalreisen à la TUI und Neckermann und, in einem etwas weiteren Kontext, die Erlebnis-Einkaufszentren als 100% künstliche Gebilde, in denen man mittlerweile auch seinen Urlaub verbringen kann.
Hieraus folgerte ich, dass Alternativ-, und Individualtouristen, deren größter Feind ja in der landläufigen Meinung die „Neckermänner“ sind, sich in Haltung und Reisedurchführung vom oben beschriebenen, „typischen Spaßgesellschaftstourismus“ abwenden würden.
Die bestimmenden Faktoren des Alternativtourismus, so dachte ich, seien zum einen Individualität und Unabhängigkeit im Sinne eines selbstbestimmten Reisens, das an keinen Plan gebunden ist, sowie ein tiefergehendes Interesse an Kultur und Natur des besuchten Landes, was zu einem sanfteren, rücksichtsvolleren Reisen und insgesamt zu einer intensiveren Begegnung mit dem jeweiligen Land führen müsste, als dies in den „All - Inclusive- Touristenghettos“ der Fall ist.
Meine Recherchen in der Fachliteratur sowie die Rezeption des Films „The Beach“ 1 , der diese Arbeit angeregt hat, ließen jedoch zwei Überraschungen zu Tage treten:
1 „The Beach“, USA 2000, Regie Danny Boyle: Es geht darin um einen jungen Rucksacktouristen, Richard, (Leonardo Di Caprio), der zusammen mit einem französischen Pärchen auf der Suche nach der Trauminsel ist. Durch einen Verrückten erhält er eine mysteriöse Karte zu einer angeblich unvorstellbar schönen Insel. Tatsächlich gelangen die drei auch dorthin und finden dort bereits eine Gruppe von Aussteigern vor. Diese hat sich, auf Kosten der einheimischen Bevölkerung, die dies unter der Bedingung toleriert, dass keine weiteren Leute nachkommen, dort eingenistet und frönt unbeschwert dem Party- und Mußeleben. Die Gemeinschaft,
Erstens wurde die Argumentation und die Strukturierung der Arbeit dadurch erschwert, dass die Unterscheidungen, die ich zog, nicht so klar sind, wie ich dachte.
Zweitens war ich leider in aller Naivität einem Mythos aufgesessen, der heutzutage kaum noch auf Touristen zutrifft: Der Mythos des naturverbundenen, unabhängigen Abenteurers als „gesellschaftlichem Aussteiger“.
In den meisten Fällen findet keine Abkehr von der Spaßgesellschaft statt. Im Gegenteil ist es sogar so, dass die Spaßgesellschaft starken Einfluss auf die Motivationen der Reisenden ausübt: Die Sehnsucht des Einzelnen nach Spaß im Sinne einer Erlebnisintensität bzw. intensiven Glücksgefühlen, die wiederum letztlich in einer Suche nach sich selbst begründet liegen, trug dazu bei, dass sich im Alternativ- und Individualtourismus Strukturen entwickelten, die ganz gezielt den „Erlebnisfaktor“ der Reise zu potenzieren suchen. Alternativ-, und Individualtouristen unterscheiden sich von den „Neckermännern“ lediglich durch einen höheren Anspruch an das Reisen: Die Suche nach Spaß, die in den „Pauschalhotelburgen“ und den „All- Inclusive- Centers“ eine oberflächliche Erfüllung bildet, wird im Alternativ- und Individualtourismus stark mit der Suche nach dem eigenen Ich verknüpft. Die Erlebnis- und Spaßgesellschaft bildet den ideologischen Boden für diese Entwicklung.
Die Formen und Entwicklungen des Alternativ-, und Individualtourismus in Zusammenhang mit der Spaßgesellschaft darzustellen, ist das Ziel dieser Arbeit. Aufgrund der Schwammigkeit der Begriffe widme ich das erste Kapitel dem speziellen Problem, exakte Definitionen zu liefern und erkläre, warum ich die Begriffe Individual- und Alternativtourismus sowie gelegentlich auch Abenteuertourismus fast immer zusammen verwende. Außerdem wird in den Kontext der Erlebnis- und Spaßgesellschaft eingeführt. Daran anschließend soll näher auf Alter, soziale Herkunft, Bildung und Urlaubsmotive der modernen Alternativtouristen eingegangen werden.
Im nächsten Kapitel stelle ich verschiedene Formen des Alternativ- und Individualtourismus vor. Dabei wird schnell deutlich werden, wie fließend die Grenzen zum Pauschaltourismus sind und welch breites Spektrum an Rollen und Handlungsmöglichkeiten im Begriff „Alternativtourismus“ enthalten ist. Eine Arbeit über den „alternativen Massentourismus“ der Spaßgesellschaft kommt leider nicht umhin, auch kurz seine Folgen anzusprechen. Die von
durch strenge Regeln von einer Frau geleitet, versucht unter allen Umständen zu verhindern, dass der Spaß ein
Ende findet. Die bei einem Haiangriff verletzten Gemeinschaftsmitglieder werden deshalb einfach in der Wildnis
ausgesetzt. Als immer mehr Rucksacktouristen durch eine von Richard sicherheitshalber auf dem Festland
zurückgelassene Karte den Weg ins Paradies finden, kommt es zur Eskalation.
2
ihrer Suche nach Glück, Spaß und Selbstverwirklichung getriebenen Alternativreisenden
nämlich, kennen keine Rücksicht auf Verluste.
In einem Fazit versuche ich letztendlich, Ausblicke auf zukünftige Entwicklungen zu geben.
3
1.) Definitionen
Bei einem Blick in die Literatur wird schnell offensichtlich, dass eine klare Begriffsdefinition scheitern muss, wenn sie die einzelnen Begriffe zu stark voneinander abgrenzen will: Nicht nur, wer pauschal verreist, befindet sich heute im Begriffsfeld des Massentourismus.
Eine Pauschalreise ist normalerweise eine komplett buchbare (Flug, Hotel, evtl. Ausflüge und Animation) Reise, auf der der Reisende lediglich sein „Kreditkärtchen“ abzugeben, den Koffer zu packen und ins Flugzeug zu steigen braucht. Meist findet der Urlaub weitestgehend ohne Kontakt zur einheimischen Bevölkerung statt, es sei denn, um etwas zu kaufen. Jedoch weist Rotpart darauf hin, dass auch im Pauschaltourismus mittlerweile ein Trend zu immer individuelleren Urlaubslösungen vorhanden ist: „wenn etwa Pauschaltouristen mit zunehmender Reiseerfahrung ihre Urlaube individualistischer gestalten und Reisebüros nur noch für die Organisation des Transports in die Zielregionen benötigen“. 2 Die Entstehung der Alternativbewegung im Tourismus hingegen, war noch in den 60er und 70er Jahren eng mit der Kritik am Massentourismus verbunden. 3 Dementsprechend definiert z.B. Renschler 1978, dass der Alternativtourismus Reisen fördert, „die eine Begegnung mit der einheimischen Bevölkerung in ihrem eigenen Lebensraum suchen. Ziel des Reisenden ist es, ein besseres Verständnis für die Lebensumstände der Menschen zu gewinnen, so dass man hinsichtlich Transport, Unterkunft und Verpflegung die landeseigenen Angebote berücksichtigt.(...) Man versucht daher, nicht konsumorientiert zu sein sondern riskiert ein eigenes Erleben und eine eigene Betroffenheit“. 4 Diese Definition von Alternativtourismus bezieht sich hauptsächlich auf den sich damals im Entstehen befindlichen Rucksacktourismus. Spätestens seit den 80er Jahren aber setzte eine Vermassung desselben ein und sorgte für neue Mischformen von Reisetypen und Reiseverhalten.
2 Rotpart 1995, S.66
3 Rotpart 1995, S.22
4 Rotpart 1995, S.24
4
Der Graben zwischen Alternativ-, Individual- und Pauschaltourismus wird kleiner, wie auch Horst W. Opaschowski bemerkt:
„Die Unterscheidung zwischen Individualreisenden und Massentouristen nach dem Motto ‚wer ist am Einheimischsten’ hat manchmal mehr mit Einbildung, als mit Bildung zu tun. Wer sich auf Reisen als Individualist dem Massenbetrieb entzieht, erweitert in Wirklichkeit nur das Spektrum des Massentourismus“. 5 Diese Auffassung teilt auch Rotpart und spezifiziert den Alternativtourismus als eine „subkulturelle Variante des Massentourismus“. 6 Beide Formen nehmen die touristische Infrastruktur in Anspruch (z.B. Flughäfen, Wechselstuben, Straßen, Hotels), sowie die Billigflug-Angebote der Tourismusindustrie: „Allein die andere Organisationsform der Reise reicht noch nicht zur Abgrenzung“. Interessant ist auch, dass die Einheimischen seiner Aussage nach gar nicht zwischen Pauschal- und Alternativtouristen unterscheiden. Ein Unterscheidungskriterium zwischen Alternativ- und Pauschaltourismus benennt er z.B. in der touristischen Entwicklungsstrategie eines Gebietes, dass also bestimmte Gebiete für den Pauschaltourismus nicht mehr in Frage kommen. 7
Individualtourismus als letzter Begriff ist am schwersten zu definieren, da er sich nicht, wie der Alternativtourismus „durch eigene Wesensmerkmale und Zielvorstellungen definiert“ 8 , also durch eine bestimmte Ideologie, sondern sich hauptsächlich auf den „Organisationsgrad der Reise“ bezieht. Rotpart stellt verschiedene Definitionsversuche vor, wobei „Reisen, die ohne Reiseveranstalter durchgeführt werden“ 9 die einfachste ist. Die selbständige Organisation des Reisens impliziert, dass man „gezwungenermaßen mit profanen Alltagsschwierigkeiten in einem anderen Kulturkreis beschäftigt“ ist, „die sich nicht nur auf das erstrebte kennenlernen der farbigen Facetten der Exotik beziehen, sondern auch auf das Organisieren von Unterkünften, (...). Gewohnte Zeit- und Raumkonzeptionen aus dem Alltag verschwimmen im fremden Habitus. Diese ‚Alltagsarbeit’ in der Fremde ermöglicht es,
5 Opaschowski 2001, S.16 6 Rotpart 1995, S.50 7 Rotpart 1995, S.51 8 Rotpart 1995, S.27 9 Rotpart 1995, S.28
5
fragmentarische Einblicke in das ‚normale Leben’ im Gastland zu nehmen, stellt aber auch eine Gratwanderung zwischen Erkenntnis und der Verfestigung bereits mitgebrachter Bilder und Stereotypen dar“. 10 Durch diese „Arbeit“ des Reisens entstanden sogenannte „Freak Zentren“ und „Traveller Ghettos“, wo sich von den Anstrengungen der Reise erholt und in eine relativ geschlossene touristische Sphäre eingetaucht werden kann. Die Implikationen des selbständigen Reisens rücken den Begriff einerseits in die Nähe des Alternativtourismus, andererseits erinnern die „Traveller Ghettos“ wiederum an die geschlossenen Hotels der Pauschaltouristen.
Außerdem wird in der Forschung darüber gestritten, ob sich auch Leute, die teilweise die Dienste eines Reisebüros (z.B. für die Flugbuchung) in Anspruch nehmen nun Pauschal- oder noch Individualtouristen sind.
Individualtourismus leitet sich als Wort nach Rotpart von der „Hervorhebung der persönlichen Eigenart, des Besonderen (...) im Sinne eines individualistischen Denkens“ ab: Eine Verbindung ergibt sich dadurch zu „Konstrukten wie Reisen als Suche nach Glück und Freiheit“. 11 Dies zeigt sich zum Beispiel darin, dass bestimmte Attraktionen besucht werden müssen, ebenso wie der Konsum von Exotik und Unorganisiertheit zur Norm wird. 12 Diese Eigenart der hedonistischen Ich-Suche hebt den Individualtourismus von Renschlers Alternativtourismusdefinition ab. Heute jedoch gehen Individual- und Alternativtourismus sehr ineinander über und überlappen sogar mit dem Pauschaltourismus. Um dem Begriffschaos Herr zu werden, erfindet Rotpart das Konstrukt des „Hybridtourismus“, der dieses In- und Nebeneinander von Tourismusstilen umfassend beschreiben soll. Den Hintergrund der neueren Formen von Individual- und Alternativtourismus, wie auch immer sie aussehen, bildet die Spaß- und Erlebnisgesellschaft.
b) Spaß- und Erlebnisgesellschaft
Der Begriff „Spaßgesellschaft“ ist eng mit Gerhard Schulzes Begriff der „Erlebnisgesellschaft“ verbunden.
10 Rotpart 1995, S. 28
11 Rotpart 1995, S.29
12 Ein Katalog der zu besuchenden Attraktionen auf Koh Samui findet sich z.B. auf
http://www.thaisite.com/d/holidaysite/map/south/kohsamui/info/attractions.shtml
6
Diese wird in den Aspekten, die für meine Arbeit wichtig sind, kurz skizziert: Voraussetzung für das Entstehen einer Erlebnisgesellschaft ist der Übergang von einer Knappheitsgesellschaft zur Überflussgesellschaft. Dem Einzelnen stehen neue Möglichkeiten durch den Zuwachs von Zeit, Geld und Bildung zur Verfügung. Er steht vor dem Zwang, wählen zu müssen. Für Schulze leben wir heute in einer Gesellschaft, in der es im Vergleich zu anderen Zeiten und anderen Gesellschaften nicht mehr ums Überleben, sondern ums Erleben geht. Die Erlebnisgesellschaft ist eine solche, in der die Grundbedürfnisse, die Mittel zum Überleben, gesichert sind und sich nun andere Bedürfnisse in den Vordergrund schieben.
Mit diesem gesellschaftlichen Wandel geht eine Veränderung der Lebensauffassungen einher: „Innenorientierte Lebensauffassungen, die das Subjekt selbst ins Zentrum des Denkens und Handelns stellen, haben außenorientierte Lebensauffassungen verdrängt“. 13 In der außenorientierten Lebensauffassung ist das Ziel ist erreicht, wenn die Handlung im Außen ausgeführt wurde. Bei der innenorientierten Lebensauffassung dagegen nimmt sich der Mensch vor, Prozesse auszulösen, die sich in ihm selbst vollziehen. Durch Erlebnisrationalität versucht er gezielt gewünschte subjektive Prozesse auszulösen.
Zentraler Punkt der Handlungstheorie von Schulze ist also die Erlebnisorientierung des Handelns im Zusammenhang mit dem eigenen Ich.
Schulze führt vier Aspekte der Erlebnisorientierung auf: 14 Erstens sei eine soziale Expansion der Erlebnisorientierung von wenigen privilegierten Schichten auf immer größere Bevölkerungsteile festzustellen, zweitens beanspruche erlebnisorientiertes Handeln einen immer größeren Anteil am individuellen Zeitbudget, drittens dringe Erlebnisorientierung in immer mehr Bereiche des Alltagslebens ein und viertens habe der Aufstieg der Erlebnisorientierung eine psychische Dimension. Das heißt, dass Erlebnisansprüche ins Zentrum der Werte rücken, zum Maßstab des Lebenswerten werden, den Sinn des Lebens definieren. In der
13 Schulze 1996, S.36
14 Schulze 1996, S.59
7
Quote paper:
Petra Leitmeir, 2003, Jenseits von „TUI“ und „Neckermann“? Alternativer Massentourismus in der Spaßgesellschaft, Munich, GRIN Publishing GmbH
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