Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Das Vorwort 2
3. Umgang mit Zeitgenossen 3
3.1. Die Romantik 4
3.2. Die Tendenzpoesie 5
4. Der Kosmopolit Heine 7
5. Die Bildsprache Heines 8
5.1. Wort und Tat 8
5.2. Positionierung im aktuellen Literaturgeschehen 10
5.3. Die Konsequenz des Konsequenten 11
6. Das Wintermärchen als das neue Literaturkonzept 12
7. Schlussüberlegungen 13
Bibliografie 15
1. Einleitung
Heinrich Heine erschließt sich dem Interpreten nicht beim ersten Lesen, im Gegenteil, um die Vielfalt und den Tiefgang der Lyrik und Prosa im Ganzen zu erfassen, bedarf es nicht nur einer Menge an Kontextwissen, sondern auch einer wiederholten gründlichen Lektüre. Der Bezug auf aktuelle Ereignisse, Situationen und Persönlichkeiten, der hohe Anteil an Witz und Ironie und die Vielzahl an literarischen Zitaten gestaltet manchen Text derart vielschichtig, dass er sich einer Interpretation gar zu entziehen scheint. Aber es ist nicht nur die vielfältige Verwendung von Stilmitteln, die Probleme macht, auch der Autor an sich entzieht sich oft einer genauen Positionierung und Bestimmung. Heine gibt seine Haltung nicht einfach preis, sondern versteckt sie in der Diskussion populärer Strömungen, Meinungen und Ansichten. Seine Intention, neben der politischen und künstlerischen Gestaltung, war es immer auch, den Leser zum kritischen Reflektieren und einer eigenen Meinung zu bewegen.
Um die Position Heines überhaupt annähernd bestimmen zu können, um seine Meinung aus dem Text zu extrahieren, muss man sich deshalb zwangsläufig auf das Feld der Interpretation begeben.
Durch diese Form der Parteilosigkeit wird das Problem der Literaturwissenschaft, dass sie keine genaue Wissenschaft ist, dass Interpretation immer von dem subjektiven Standpunkt und dem gewählten Kontext abhängt, verschärft. Es ist nicht verwunderlich, dass verschiedene Interpreten immer wieder zu teils verblüffend unterschiedlichen Auslegungen ein und derselben Textstelle kommen und man objektiv nur unter Vorbehalt von falsch oder richtig sprechen kann.
Das Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“ ist ein Paradebeispiel für die Heinesche Polyvalenz und Vielschichtigkeit. Immer wieder wird der Leser mit ironischen oder fantastischen Episoden voller Witz und Pathos konfrontiert, und es hängt von seiner Perspektive ab, welche Bedeutung sie entfalten. Es gibt kaum einen Zusammenhang, der von Heine einseitig behandelt wird, weder die großen Themenkomplexe Preußen, Deutschland oder das Bürgertum, noch die kleinen Anspielungen auf Freunde, Kollegen, Orte und Ereignisse, die sogar in der Kürze vielschichtig bleiben. Im Jahr 1840 wurde Heine diese Vielschichtigkeit zum Verhängnis, als er das Buch über den jüngst verstorbenen Ludwig Börne veröffentlichte. Nicht nur aufgrund der persönlichen Angriffe auf Börne, sondern auch Heines Parteilosigkeit, sein scheinbar frivoler Ton und seine vordergründig ambivalenten Aussagen ließen die zeitgenössi-
sche Rezeption größtenteils negativ verlaufen. Die Rezipienten, durch das moralische Fehlverhalten aufgebracht, fanden in seinem Stil jede Möglichkeit, ihn bewusst oder unbewusst falsch zu verstehen. So wurde im Verlauf der Rezeption dann auch meist nicht mehr beachtet, dass Börne für Heine auch Repräsentant der oppositionellen politischen Dichtung und die politische Positionierung von Dichtung wichtiger Aspekt des Werkes war.
Umso interessanter erscheint es, was Heine in seiner ersten Buchveröffentlichung nach diesem persönlichen Fiasko gerade in Bezug auf politische Funktion und Verantwortung zu sagen hat. Das Wintermärchen, welches zunächst in den „Neuen Gedichten“, kurz darauf aber auch als Separatdruck, erschien, beinhaltet tatsächlich eine Fülle an direkten Aussagen und versteckten Anspielungen auf sein Selbstverständnis als Dichter in Bezug zur Politik. Auch wenn der politische Dichter sicher nur ein Teilaspekt der Heineschen Persönlichkeit ist, gerade im Wintermärchen ist es der herausragende As-pekt. 1
Heine positioniert sich im Verhältnis zu den bestehenden Formen und bietet ein Literaturkonzept an, das erst im Kontrast zu der damals aktuellen Literatur Kontur gewinnt. Dieses Konzept bezieht sich vorrangig auf die politische Funktion, die gesellschaftliche Verantwortung, auf das Selbstverständnis des Dichters und wird mit verschiedenen Methoden behandelt.
2. Das Vorwort
Nach der ausgeprägten Kritik, die Heine für seine letzte Veröffentlichung, das Börne-Buch, einstecken musste, äußert sich Heine schon im Vorwort dazu, wie er das Wintermärchen verstanden wissen möchte. Vor allem darauf bedacht, sich nicht wieder ins literarische und politische Abseits zu manövrieren, erläutert er wichtige Aspekte seiner politischen Haltung als Dichter und muss daher zwangsläufig seine Auffassung von schriftstellerischer Verantwortung zur Sprache bringen. Zwei wesentliche Aspekte werden angesprochen; die politische Verantwortung des Dichters und die Verpflichtung gegenüber der Kunst.
1 Um einen Eindruck von Heines Meinung zu der künstlerischen, religiösen, oder einfach menschlichen Funktion des Dichters zu erhalten, bietet sich z. B „Die romantische Schule“ oder das Gedicht „Jehuda ben Halevi“ an.
Indem er einen Blick auf die letzte Phase der Entstehungsgeschichte gewährt, über die Probleme spricht, mir denen er sich in dieser Zeit konfrontiert sah, zeigt sich sein Anspruch. Sein Hauptproblem liegt darin, eine Balance zwischen dem ästhetischen und dem politischen Anspruch zu finden, während er zusätzlich mit der Aufgabe der Selbstzensur belastet ist. Weil er zudem eine schnelle Drucklegung und Veröffentlichung anstrebt, muss er dann aber eingestehen, dass er unter dem Druck nur einen Teil der gestellten Anforderungen erfüllen kann.
„ … und da mag es wohl geschehen sein, dass die ernsten Töne mehr als nötig abgedämpft oder von den Schellen des Humors gar zu heiter überklingelt wurden. Einigen nackten Gedanken habe ich im hastigen Unmut ihre Feigenblätter wieder abgerissen
und zimperlich spröde Ohren habe ich vielleicht verletzt.“ 2 Weil er aufgrund der Zensur Kompromisse eingehen muss, wird sowohl der künstlerische als auch der politische Anspruch offenbar.
3. Umgang mit Zeitgenossen
Innerhalb des Wintermärchens vermittelt Heine seine Ansichten und Überlegungen mit verschieden Methoden, wie der ironischen Satire, dem scharfen Witz, aber auch dem Pathos der Tendenzpoesie und der Bildsprache der Romantik.
Häufig greift er sich einen seiner Zeitgenossen, schlägt einen „persönlich treffenden,
destruktiven“ 3 Ton an und übt so scharfe Kritik an der Person. Es ist genau diese Strategie, die den Blick auf die eigentliche Aussage schwer machte. Die angesprochenen Persönlichkeiten waren meist öffentliche Personen, die nicht nur von Heine mit bestimmten Parteien oder Strömungen in Verbindung gebracht wurden und deshalb stellvertretend die Kritik einstecken mussten. Dass Heine dazu neigte, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und oft wirkliche Differenzen zwischen ihm und dem Genannten bestanden, verhindert oft die Einsicht, dass die Kritik an der Person vieles über seinen Standpunkt in Bezug auf unterschiedliche Aspekte des literarischen Lebens offenbart.
2 Heine, Heinrich: Sämtliche Schriften. Hrsg. v. Klaus Briegleb. München 1997, S. 573.
3 Fingerhut, Karlheinz: Grundlagen und Gedanken zum Verständnis erzählender Literatur. Heinrich Heine. Deutschland. Ein Wintermärchen. Frankfurt/Main 1992, S.94. (Im folgenden angegeben als: Finger- hut).
Arbeit zitieren:
Jan Lechner, 2004, Das Selbstverständnis des Dichters. Über die politische Funktion und Verantwortung der Literatur in Heinrich Heines Wintermärchen, München, GRIN Verlag GmbH
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