Inhalt
Seite NA
Einleitung 1
Hauptteil 2
1. Parallelen zwischen Rennewart und Parzival 2
2. Rennewart Schuld Schulerkenntnis und Happy End 5
3. Rennewarts Unschuld Möglichkeit der Entrückung oder Figur
der Integration und Versöhnung 8
4. Die Gattungsfrage 10
Schluss 12
Literatur 13
II NA
Einleitung
Bei der Lektüre von WOLFRAM von Eschenbachs Willehalm fühlen sich Leser, denen auch der Parzival bekannt ist, bei der Beschreibung der Figur des Rennewarts an die des Parzivals erinnert. Diese Parallele zwischen Rennewart und Parzival wird vo n WOLFRAM im Willehalm auch explizit hergestellt. 1 In der Forschung wird diese Ähnlichkeit zwischen Rennewart und Parzival und der direkte Vergleich WOLFRAMS genutzt, um Hypothesen über das offene Ende der Willehalm-Handlung aufstellen zu können. Argumentiert wird etwa derart, dass so wie Parzival zur Erkenntnis seiner Schuld und damit zurück zum Glauben gelangt, auch Rennewart seine Fehler erkennen und damit bereit zur Annahme der Taufe werden wird.
Die vorliegende Hausarbeit mit dem Titel Außenseiter bei Wolfram – Parzival und Rennewart beschäftigt sich mit der Frage, ob derartige Analogieschlüsse legitim sind. Es wird hinterfragt, ob bei diesem Vorgehen der jeweilige Kontext, in dem die Figuren sich bewegen, und die unterschiedlichen Gattungen der beiden Werke nicht zu stark unberücksichtigt bleiben.
Das erste Kapitel zeigt die Parallelen zwischen Rennewart und Parzival auf. Im zweiten Teil werden Forschungspositionen vorgestellt, die ausgehend von der Parzival- Handlung bei Rennewart von Schuld, Schulderkenntnis und Übertritt zum christlichen Glauben ausgehen. Im dritten Kapitel werden konträre Positionen erörtert, die die Legitimität von Analogieschlüssen von der Parzival- auf die Rennewartfigur verneinen, von der Unschuld Rennewarts ausgehen und zu anderen Hypothesen über den möglichen Ausgang des Willehalm gelangen. Abschließend wird die Gattungszugehörigkeit des Willehalm diskutiert und gefragt, ob bei Rückschlüssen vom Parzival auf dieses Werk nicht Gattungsunterschiede zwischen den beiden Texten zu stark außer Acht gelassen werden.
1 Vgl. WOLFRAM von Eschenbach, Willehalm. Text der Ausgabe von Werner Schröder. Völlig neu bearb. Übersetzung, Vorwort und Register von Dieter Kartoschke. Berlin, New York 1989, 271, 17ff. Im Folgenden wird das Werk mit der Sigle „W“ im fortlaufenden Text zitiert.
1
1. Parallelen zwischen Rennewart und Parzival
Vergleicht man die Figur des Rennewart in WOLFRAM von Eschenbachs Willehalm mit der des Parzivals in seinem Werk Parzival fallen deutliche Parallelen auf. 2 Sowohl Rennewart als auch Parzival sind von edler Herkunft, haben aber keine standesgemäße Erziehung genossen. Rennewart hätte diese als Sohn des Heidenkönigs Terramer zugestanden, aber er wird als Kind entführt und wächst fernab seiner Familie auf (W 282, 19ff). Parzivals Mutter Herzeloyde zieht sich nach dem Tod ihres Mannes Gahmuret mit ihrem Sohn in die Einsamkeit von Soltane zurück und lässt ihm bewusst keine höfische Erziehung zukommen, um zu verhindern, dass ihn ein ähnliches Schicksal wie das des Vaters treffen könnte. 3 So ist das bestimmende Merkmal von Rennewart und Parzival zu Beginn des jeweiligen Textes das der tumpheit. Rennewarts tumpheit wird unter anderem deutlich in seiner Ablehnung ritterlicher Waffen (W 196, 17ff.) und im übermäßigen Essen und Trinken am Ho f von Orange (W 275, 1ff.), Parzivals tumpheit in seinem Verhalten gegenüber Jeschute (P 129, 18ff.), seiner Vorstellung vom Rittertum und ebenfalls in übermäßigem Essen am Hof von Gurnemanz (P 165, 27ff.). Allerdings besitzt Rennwart, anders als Parzival, der höfisches Benehmen erst durch Gurnemanz vermittelt bekommt, von Beginn an relativ gute Sitten, da er bis zu seiner Weigerung, die christliche Taufe zu empfangen, gemeinsam mit der Königstochter Alyze am Hof aufgewachsen ist (W 190, 29f.). Auch weiß Re nnewart, anders als Parzival, über seine hohe Herkunft Bescheid. Bedingt durch diese Unterschiede ist sich Rennewart seiner unstandesgemäßen Stellung bewusst und schämt sich beispielsweise vor Willehalm seiner Kleidung (W 192, 31ff.), während Parzival erst von Gurnemanz überredet werden muss, sein Narrenkostüm abzulegen. Trotz aller tumpheit scheint der Adel von Rennewart und Parzival, der sich vor allem in ihrer Schönheit manifestiert, durch. So wird Rennewart mit einem Goldstück und einem Edelstein verglichen, deren Glanz auch noch zu erkennen ist, wenn sie beschmutzt sind: 2 Schon im Prolog des Willehalm stellt sich WOLFRAM als der Dichter des Parzival-Romans vor. Neben den Parallelen zwischen Parzival und Rennewart findet man im Willehalm wiederholt Anspielungen auf Personen oder Begebenheiten des Parzival. Die meisten dieser Anspielungen beziehen sich auf den leidenden Anfortas und Feirefiz. Eine detaillierte Aufzählung dieser Textstellen findet sich bei KIENING, Christian, Reflexion – Narration. Wege zum „Willehalm“ Wolfram von Eschenbachs. Tübingen 1991, 95ff. KIENING vertritt allerdings die Auffassung, dass „der Bezug auf das frühere Werk [...] kaum zwingenden Charakter beanspruchen [kann]; in seiner Marginalität scheint eher Differenz denn Kontinuität auf.“ (KIENING, 101f.).
3 Vgl. WOLFRAM von Eschenbach, Parzival. Mittelhochdeutscher Text nach der 6. Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung von Peter Knecht. Einführung zum Text von Bernd Schirok. Berlin, New York 1998, 117, 7ff. Im Folgenden wird das Werk mit der Sigle „P“ im fortlaufenden Text zitiert.
2
etswa man des wol innen wart unt viel daz golt in den phuol, daz ez nie rost übermuol:
der ez schouwen wollte dicke, ez erzeigete etswa die blicke daz man sin edelke it bevant.
swer noch den granat jechant wirfet in den swarzen ruoz, als im des da nach wirdet buoz, er erzeiget aber sine roete.
verdacter tugent in noete phlac Rennewart der küchenvar.
(W 188, 20ff.)
Auch Parzivals Schönheit wird gerühmt, als er äußerlich noch nicht als Ritter zu
erkennen ist; so heißt es von ihm, als er im Wald die Ritter trifft: „dô lac diu gotes kunst
an im. [...] nie mannes varwe baz geriet vor im sît Adâmes zît“ (P 123, 13ff.).
Wolfram stellt diese Parallele zwischen Rennewart und Parzival, die sich auf den durch
unstandesgemäße Erziehung verdeckten, aber dennoch durchscheinenden Adel bezieht,
im Willehalm explizit her:
sin blic durh rost gap sölhiu mal
als do den jungen Parzival [...] jeht Rennewart al balde Als guoter schoene, als guoter kraft, und der tumpheit geselleschaft.
Ir neweder was nach arde erzogen:
des was ir edelkeit betrogen.
(W 271, 17ff.)
Sowohl Rennewart als auch Parzival vollziehen im Laufe der Erzählhandlung einen
gesellscha ftlichen Aufstieg: Rennewart wird vom Küchenjungen zum
Truppenkommandanten, der die Schlacht zwischen Christen und Heiden entscheidet,
Parzival wird Mitglied der Artusrunde und letztendlich Gralskönig. Allerdings ist für
beide mit dem Weg zu Ehre und Ruhm verbunden, dass sie – wenn auch unbewusst –
Schuld auf sich laden: Rennewart tötet seinen Bruder (W 442, 19ff.), Parzival ist
verantwortlich für den Tod seiner Mutter (P 128, 20ff.) und den Ithers, der ebenfalls ein
Verwandter von ihm ist (P 155, 4ff.). 4 Allerdings ist Rennewart in der Schlacht von
Alischanz bewusst, dass er gegen seine Verwandten in den Kampf zieht, während
Parzival wiederholt gegen Verwandte kämpft, ohne es zu wissen.
Bei beiden Figuren kommt es immer wieder zu einem Umschlagen der erlernten mâze
in maßlosen Affekt. So erregt der Hofnarr, der Parzival auf der Gralsburg auffordert,
vor Anfortas zu erscheinen und dabei so tut, als warte dieser schon ungeduldig, mit 4 Mit der Diskussion der möglichen Schuld Rennewarts beschäftigen sich detailliert das zweite und dritte Kapitel der vorliegenden Arbeit.
3
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Judith Blum, 2003, Außenseiter bei Wolfram - Parzival und Rennewart, Munich, GRIN Publishing GmbH
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