Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland 2
Eidesstattliche Erklärung
„Hiermit erkläre ich an Eides Statt, dass ich die vorliegende Diplomarbeit selbständig und ohne Hilfe verfasst, andere als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel nicht benutzt und die den benutzten Quellen wörtlich oder inhaltlich entnommenen Stellen als solche kenntlich gemacht habe“.
Berlin, den 09. März 2004
(Unterschrift)
Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland 3
Inhaltsverzeichnis
Seite
Tabellen übersicht
Einleitung 1
Der Arbeitsmarkt in Deutschland 2 5
2.1 Begriffsdefinition: „Arbeitsmarkt“ 5
2.2 Allgemeine Situation auf dem Arbeitsmarkt 6
2.3 Geschlechtsspezifisches Ungleichgewicht auf dem Arbeits- 13
markt durch eine veraltete Rollenzuschreibung
2.4 Besonderheiten der Arbeitssituation, denen sich Erwerbstäti- 18
ge heutzutage stellen müssen
Ausgew ählte Einflussfaktoren des Arbeitsmarktes 3 25
3.1 Vereinbarkeit von Familie und Beruf 25
3.2 Arbeitszeitflexibilisierung 32
3.3 Wertewandel in der Arbeits- und Lebenswelt 37
3.4 Arbeit in der Informationsgesellschaft 42
Arbeitsmarktpolitik 4 49
4.1 Begriffsdefinition: „Arbeitsmarktpolitik“ 49
4.2 Arbeitsmarktpolitik im Umbruch 50
4.3 Arbeitsmarktpolitische Instrumente 58
4.4 Umsetzung der Hartz-Vorschläge anhand von fünf Modulen 61
Schlussbetrachtung 5 78
Literaturverzeichnis
Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland 4
Tabellenübersicht
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1 Arbeitslose und offene Stellen im Vergleich, 1991 bis 2000. 7
2 Arbeitslosigkeit in ausgewählten Berufen, Juli 2002 und Juli 2003. 8
3 Arbeitslose nach der Dauer der Arbeitslosigkeit, 1993 bis 2000. 9
5 Bruttoverdienst nach Arbeitnehmergruppen, 2000. 14
6 Bruttomonatsverdienst in Deutschland im produzierenden Gewerbe, 2000. 15
7 Wichtige Motivationsfaktoren für eine Berufstätigkeit von Frauen, 1999.. 18
8 Erwerbstätige in Deutschland nach Stellung im Beruf, 1991 und 2001. 22
10 Empfänger von Erziehungsgeld mit und ohne Erziehungsurlaub, 2000. 29
11 Veränderung der Familienstruktur, 1957 und 2000. 30
12 Was Mitarbeiter wollen, 2003. 32
14 Einsatz flexibler Arbeitszeitformen in deutschen Unternehmen, 2000. 34
16 Unterschiedliche Interessen der Arbeitszeitflexibilisierung. 37
17 Vermutungen und Thesen zum Wertewandel. 39
18 Erwerbstätigkeit nach Stellung im Beruf, 1950 und 2000. 40
20 Dreizehn Module für eine effektive Arbeitsmarktpolitik. 53
21 Arbeitsämter gehen schärfer gegen unwillige Arbeitslose vor, 2003. 57
22 Traditionelle Instrumente der Arbeitsmarktpolitik. 58
24 Teilnehmer in beschäftigungsbeschaffenden Maßnahmen, 1993 bis 2000. 59
25 Mini-Jobs im Überblick. 67
26 Kurzübersicht der Konditionen des Job-Floaters. 72
27 Existenzgründerzuschuss und Überbrückungsgeld im Vergleich. 75
Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland 5
1. Einleitung
Es ist auffallend, dass der Arbeitsmarktpolitik seit einigen Jahren die entscheidende Rolle bei der Bekämpfung der ständig wachsenden Arbeitslosigkeit und beim Aufbau von Beschäftigung zugebilligt wird. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass das Thema: „Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland“ im Laufe der letzten 30 Jahre immer mehr an Bedeutung gewonnen hat, da dieses stets mit sozialen Konflikten gekoppelt war und ist.
Seit den 70er-Jahren ist der Arbeitsmarkt in Deutschland durch einen tiefgreifenden Strukturwandel gekennzeichnet. Zum einen erhöhte sich die Arbeitslosenquote um ca. 7 Prozentpunkte, aufgrund der Folgen des Ölpreisschocks Mitte der 70er-Jahre und der beginnenden Rezession Anfang der 80er-Jahre. Dieser Trend setzte sich auch dann noch fort, als die Folgen des Preisschocks allmählich überwunden waren, so dass die Arbeitslosenquote auf hohem Niveau verharrte. Diese änderte sich kurz Anfang der 80er-Jahre, wo ein zeitweiliger Rückgang der Arbeitslosenquote verzeichnet werden konnte. Bereits 1990 setzte erneut eine Rezession ein, 1 welche die Arbeitslosenzahlen in Januar 2004 auf 4,59 Millionen ansteigen ließ.
Zum anderen strömten Mitte der 60er Jahre vermehrt Frauen auf den Arbeitsmarkt, welches sich durch einen kontinuierlichen Anstieg der Beschäftigungsrate von Frauen widerspiegelt. 2 Es entstand eine Vielzahl von neuen Beschäftigungsverhältnissen, was zu veränderten Anforderungen an die Gestaltung des Arbeitsmarktes führte. Insbesondere hat in diesen Zusammenhang die Teilzeitarbeit sowie die allgemeine Arbeitszeitflexibilisierung deutlich an Bedeutung gewonnen.
Aber nicht nur die vermehrte Erwerbstätigkeit der Frauen, sondern auch die Globalisierung sowie der technische Fortschritt und der damit verbundene Abbau von Arbeitsplätzen etc. sind als Gründe für die hohen Arbeitslosenzahlen zu sehen, von welcher nicht nur Deutschland sondern ganz Europa betroffen ist. Hinzu kommt, dass die deutsche Wiedervereinigung 1989 zu starken Beschäftigungseinbrüchen in
1 Vgl. Europäische Kommission (2002), S. 47 ff.
2 Interessant ist, dass die Erwerbsbeteiligung der Frauen trotz der widrigen Umstände, Ölschocks in den 70er-Jahren und der Wirtschafts- und Beschäftigungskrisen in den 80er- und 90er-Jahre, lang- sam aber stetig angestiegen ist - Siehe hierzu auch Albertini-Roth, H. (1998).
Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland 6
ganz Deutschland führte. Auch wenn sich die Situation mittlerweile stabilisiert hat, so handelt es sich bei der Schaffung neuer Arbeitsplätze um einen schwierigen Prozess, den es zu bewältigen gilt.
Der wirtschaftliche Aufschwung lässt auf sich warten und so sind die Prognosen für die Zukunft sehr ernüchternd. Die weltweite Wirtschaftsflaute hat dazu geführt, dass seit August 2003 die Arbeitslosenzahl wieder über dem Stand des Vorjahres liegt und das Heer der Arbeitslosen Ende 2004 auf fünf Millionen angewachsen sein wird. Somit zeichnet sich bereits jetzt schon ab, dass das Ziel von Finanzminister Hans Eichel (SPD) nicht einzuhalten ist, den Bundeszuschuss für die Bundesanstalt für Arbeit (BA) im Jahre 2004 auf Null zurück zu fahren. Im Gegenteil, aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Konjunktur und der Flaute am Arbeitsmarkt wird die Bundesanstalt für Arbeit (BA) einen Nachschlag von 4,8 Milliarden Euro benötigen, um den schlechten Prognosen entgegenzuwirken. 3
Auch stellt die anhaltende Massenarbeitslosigkeit in wirtschaftlicher Hinsicht eine grobe Verschleuderung der möglichen Ressourcen dar, weil ein erheblicher Anteil des Produktionsfaktors „Arbeit“ ungenutzt bleibt und das tatsächlich realisierte Volkseinkommen beträchtlich hinter dem eigentlich möglichen Volksaufkommen zurückbleibt.
Es ist generell festzustellen, dass der Arbeitsmarkt seit rund dreißig Jahren durch ein Ungleichgewicht der Produktionsfaktoren, von Angebot und Nachfrage, in ganz Europa gekennzeichnet ist. D.h., dass die Schere zwischen denen, die Arbeit suchen, und der Zahl der offenen Arbeitsstellen immer mehr auseinander klappt. Um diesen Verlauf zu stoppen oder gar rückgängig zu machen ist nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Politik bzw. die ganze Gesellschaft gefordert, womit wir beim Thema dieser Arbeit und einer Menge Fragen sind:
Was ist der Arbeitsmarkt und wie sieht die allgemeine Situation auf diesem - Marktaus? Besteht die veraltete Rollenverteilung zwischen Frauen und Männer noch immer? Inwieweit hängt die Arbeitszeit oder die Familienpolitik mit der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt zusammen? Kann oder muss sich die Gesell-
3 Vgl. Frese, A. (17.07.2003 Nr. 18151), S. 2.
Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland 7
schaft dem Strukturwandel anpassen? Wie sieht es mit der Arbeitsmarktpolitik aus? Ist sie zum Versagen verurteilt? Können die Reformvorschläge der Hartz-Kommission „Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ eine Veränderung auf dem Arbeitsmarkt bewirken? Versagt die Wirtschaft, die Politik oder gar die ganze Gesellschaft? etc.
Um sich diesen Fragen zu nähern wird die Arbeit wie nachfolgend aufgezeigt, bearbeitet, wobei aufgrund des vorgegebenen Rahmens und der Komplexität dieses Themas nicht alle Aspekte abschließend behandelt oder berücksichtigt werden können.
Das Thema dieser Diplomarbeit lautet: „Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland“. D.h. es werden familiäre-, wirtschaftliche- und gesellschaftspolitische Gegebenheiten, unter besondere Berücksichtigung der Frauen, aufgezeigt und im Rahmen dieser Arbeit erörtert.
Über eine kleine Einleitung zur Entwicklung des Arbeitsmarktes und zum Aufbau dieser Arbeit im ersten Kapitel, führt das zweite Kapitel zur Arbeitsmarktsituation (Bestandsaufnahme) in Deutschland mit all ihrer Problematik. Hier wird der Arbeitsmarkt definiert und die allgemeine Arbeitsmarktsituation dargestellt. Des Weiteren wird das geschlechtsspezifische Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt durch eine veraltete Rollenzuschreibung, die kulturelle Prägung der Geschlechter und die Auswirkungen auf die heutige Arbeitswelt aufgezeigt. Mit einigen Besonderheiten der Arbeitssituation, denen sich Erwerbstätige heutzutage stellen müssen endet dieses Kapitel.
Im dritten Kapitel werden ausgewählte Einflussfaktoren des Arbeitsmarktes erläutert. Bei der Vielzahl von Faktoren wird die Gewichtung auf die vier größten Bereiche gelegt. D.h. hier wird auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unter Berücksichtigung der Familienpolitik mit ihrer Verwurzelung in der geschlechtspezifischen Rollenverteilung eingegangen. Anschließend folgt die Arbeitszeitflexibilisierung, welche in unserer Gesellschaft immer mehr an Bedeutung gewinnt und uns schließlich zum Wertewandel in der Lebens- und Arbeitsweltwelt führt. Hier wird der allgemeine Wandel mit seinen technischen Errungenschaften kurz skizziert, bevor das Kapitel mit der Arbeit in der Informationsgesellschaft schließt.
Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland 8
Ein Einblick in die Arbeitsmarktpolitik vermittelt das vierte Kapitel. Zu diesem Zweck wird zuerst die Arbeitsmarktpolitik definiert, welche zu dem heutigen Umbruch, d.h. zur Reform der Bundesanstalt für Arbeit (BA) 4 führt. Anschließend werden die Steuerelemente der Arbeitsmarktpolitik, also die arbeitsmarktpolitischen Instrumente sowie ihre Einflussmöglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt aufgezeigt. Zum Abschluss werden fünf Module aus dem Reformpapier der Hartz-Kommission „Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ erläutert, welche weitreichende wirtschaftliche und gesellschaftspolitisch Folgen für unsere Gesellschaft darstellen bzw. in naher Zukunft darstellen werden. Hierbei handelt es sich um:
1. Zusammenführung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe in Job-Centers; 2 Mini-Jobs als Folge geringfügiger Beschäftigungsverhältnisse; 3 Personal-Service-Agenturen - PSA; 4 Subventionen der Unternehmen bei Einstellung eines Arbeitslosen - Job-Floater; 5 Existenzgründung durch eine Ich- bzw. Familien-AG.
Mit einer Schlussbetrachtung und einem eigenen Fazit endet diese Arbeit im fünften Kapitel.
4 Im Rahmen dieser Arbeit werden noch die „alten“ Bezeichnungen verwendet, obgleich im Zuge der Umstrukturierung sich die Bundesanstalt für Arbeit (BA) jetzt „Bundesagentur für Arbeit“ und die Arbeitsämter „Agenturen für Arbeit“ nennen.
Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland 9
2 Der Arbeitsmarkt in Deutschland
Um sich einen Überblick über den Arbeitsmarkt Deutschlands zu verschaffen, ist es unumgänglich, sich mit dem Arbeitsmarkt und der allgemeinen Situation auf diesem zu befassen. D.h. wir müssen uns die Arbeitslosen sowie die Erwerbspersonen genauer ansehen, um einen Überblick zu gewinnen. Hierbei wird unter anderem sehr schnell deutlich, dass selbst noch in unserer heutigen Zeit eine veraltete Rollenzuschreibung existiert. Um nur auf eine der vielfältigen Theorien „der geschlechtsspezifischen Entlohnung“ einzugehen, wird die Humankapitaltheorie kurz aufgezeigt, welche als Wurzel allen Übels anzusehen ist. Auf Grund der Arbeitsmarktsituation, dem Ungleichgewicht von Angebot (Arbeitsplätze) und Nachfrage (Arbeitskräfte) sind die erwerbstätigen Personen heutzutage besonderen Arbeitsbedingungen ausgesetzt, die kurz skizziert werden und das Kapitel enden lassen.
2.1 Begriffsdefinition: „Arbeitsmarkt“
Bei dem Arbeitsmarkt handelt es sich um einen Markt (Angebot und Nachfrage) für den Produktionsfaktor Arbeit, welcher durch das Verhältnis von Arbeitssuchenden und nicht besetzten Arbeitsplätzen gekennzeichnet ist. Dabei wird die Allokation der Arbeit (Mobilität) im Wesentlichen vom Lohn (Einkommen), den sozialen Faktoren und den rechtlich-institutionellen Rahmenbedingungen bestimmt.
In diesem Zusammenhang ist festzustellen, dass der deutsche Arbeitsmarkt durch nachfolgende Faktoren geprägt und bestimmt wird:
„Die Normen des Grundgesetzes, wie z.B. freie Entfaltung der Persönlichkeit, - freieArbeits- und Berufswahl, Freizügigkeit;
Die Arbeits- und Sozialgesetzgebung; - Arbeitgeberverbändeund Gewerkschaften. (Aushandeln der Tariflöhne und Ta- - rifgehälterdurch die Tarifpartner; hierzu gehören außerdem die Körperschaften öffentlichen Rechts, die Länder und der Bund);
Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland 10
Aber auch durch normsetzende öffentlich-rechtliche bzw. unabhängige Instituti- - onen,wie z.B. Industrie- und Handelskammern, Handwerkskammern und Berufsverbände“. 5
Hinzu kommt, dass die komplexen Prozesse des Arbeitsmarktes sowie die erforderlichen differenzierten Hilfeangebote für schwer vermittelbare und Langzeitarbeitslose, den sogenannten „Problemgruppen“, im Laufe der letzten Jahre ein Geflecht von unterschiedlichen Initiativen und Projekten entstehen ließen, dessen Heterogenität sich in den unterschiedlichen Maßnahmen widerspiegelt. Um diesen Ansätzen Rechnung zu tragen, wurde hierfür ein Oberbegriff „zweiter Arbeitsmarkt“ geschaffen, für den jedoch noch keine allgemein verbindliche Definition existiert. Aus diesem Grund wird zunächst eine Eingrenzung des Begriffs „zweiter Arbeitsmarkt“ vorgenommen.
„Der zweite Arbeitsmarkt ist ein Instrument für den Abbau der Massenarbeitslosigkeit. Er bildet einen Teilbereich der aktiven Arbeitsmarktpolitik, deren Ziel es ist, Beschäftigung zu schaffen, die vom ersten Arbeitsmarkt nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung gestellt wird, anstatt lediglich reine Unterstützungsleistungen für Arbeitslose zu gewähren“. 6
Nachdem ein Überblick über die Begrifflichkeit des Arbeitsmarktes dargestellt wurde, folgt nun die allgemeine Situation auf dem Arbeitsmarkt. Wir wissen, dass diese von einer hohen Arbeitslosigkeit geprägt ist, aber um welche Personen handelt es sich hierbei und wie sieht es mit den wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Konflikten aus, die sich hieraus ergeben?
2.2 Allgemeine Situation auf dem Arbeitsmarkt
Die allgemeine Situation auf dem Arbeitsmarkt ist in bezug auf ihre politischgesellschaftlichen Konsequenzen außerordentlich bedenklich, da die Lage des Arbeitsmarktes z.B. in erheblichem Ausmaße die Bürger bei ihren Entscheidungen an
5 Wissen.de (09.11.2003). Arbeitsmarkt.
6 Wissen.de (09.11.2003). Arbeitsmarkt.
Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland 11
der Wahlurne beeinflusst. Es besteht die Gefahr einer politischen Radikalisierung usw., welche mit der Zahl der vom Arbeitsmarkt ausgeschlossenen Personen deutlich ansteigt. 7
So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu einem der meist diskutierten Themen in unserer Gesellschaft geworden ist. Das An-einanderreihen von Zahlen und Statistiken über das Ausmaß der in Deutschland ständig steigenden Anzahl der Arbeitslosen sei hier bis auf ein paar wenige Daten ausgespart, da die meisten Medien mittlerweile täglich darüber berichten. Für 2000 meldet das Statistische Bundesamt als Ergebnis des Mikrozensus insgesamt 36.604.000 Millionen registrierte Erwerbspersonen, 3.888,7 erwerbslose Personen und 514,0 offene Stellen. 8
Quelle: Vgl. Statistisches Bundesamt (2002), S. 99.
Und die Zahl der erwerbslosen Personen wächst unaufhörlich an. Waren es im Dezember 2003 noch 4,37 Millionen so meldete die Bundesanstalt für Arbeit (BA) für Januar 2004 bereits 4.597.400 Millionen Arbeitslose.
Besonders für die sogenannten „Problemgruppen“ 9 des Arbeitsmarktes stellt die hohe Arbeitslosigkeit eine der größten Arbeitsmarktproblematiken dar. Zu ihnen gehören un- und angelernte Arbeitnehmer sowie Frauen, gesundheitlich eingeschränkte Personen, Behinderte, Menschen unter 25 Jahre (wegen der fehlenden Qualifikationen),
7 Vgl. Frese, A. (17.07.2003 Nr. 18151), S.17.
8 Vgl. Statistisches Bundesamt (2002), S. 85 und S. 98.
9 Diese Personengruppen sollen über die „Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ besonders gefördert werden. Hierzu wurden die Personal-Service-Agenturen (PSA) errichtet, welche ihnen helfen soll, ins bzw. wieder ins Berufsleben einzusteigen, auf welche unter Kapitel 4 - Abschnitt 4.4 genauer eingegangen wird.
Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland 12
Ausländer, ältere Arbeitnehmer (über 45 Jahre) und Langzeitarbeitslose, die, betrachtet man den Arbeitsmarkt Deutschlands, kaum noch eine Möglichkeit haben, einen neuen Arbeitsplatz zu finden und sich in das große Heer der Arbeitslosen einreihen müssen. 10 Sie haben Angst, ganz ins Abseits gedrängt zu werden, und fordern immer lautstärker ihr “Recht“ auf Teilhaben am Arbeitsleben und den durch Arbeit geschaffenen Reichtum. Sie organisieren sich z.B. in Selbsthilfegruppen, Berufsverbänden etc., machen sich sichtbar und begehren auf gegen Stigmatisierung und Individualisierung.
Dieses ist kein Wunder, da es sich bei den Erwerbslosen nur selten um arbeitsscheue Personen, sondern meist um Menschen, welche nach ihrer Erwerbstätigkeit arbeitslos geworden sind und nun mit einer völlig veränderten Lebenssituation umgehen müssen, handelt. Sie müssen lernen, sich anderweitig zu beschäftigen, d.h. sie müssen ihren Lebensmittelpunkt auf ihre Freizeit verlagern und sich mit ihrer Erwerbslosigkeit arrangieren. 11
Im Jahre 2003 beläuft sich die Zahl der Arbeitslosen bereits auf ca. 4,6 Millionen erwerbslose Personen mit steigender Tendenz, wobei die Arbeitslosigkeit nicht nur die sogenannten „Problemgruppen“ erfasst, sondern sich durch die Gesamtheit aller Berufsstrukturen zieht. D.h. die Arbeitslosigkeit hat getreu dem Motto: „Diplom in der Tasche, aber kein Job in Sicht“ selbst höherwertige Berufsgruppen erfasst, wie die nachfolgende Tabelle verdeutlicht. 12
Quelle: Vgl. Hornig, F. (18.08.2003 Nr. 34), S. 47.
10 Vgl. Bäcker, G. u.a. (2000), S. 330 ff. oder auch Glücklich, F. (1988), S. 45.
11 Vgl. Lampert, H. (1979), S. 39-40 und Hornig, F. (18.08.2003 Nr. 34), S.46-48. Auf weitere Erläuterungen wie z.B. „Arten der Arbeitslosigkeit“ wird im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter eingegangen, da dieses nicht zum Thema gehört.
12 Vgl. Matthias (07.12.2003) Stellenmarkt, S. 1.
Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland 13
Hinzu kommt, dass die Zahl der tatsächlich Arbeitssuchenden wesentlich höher ist. Es handelt sich hierbei überwiegend um Personen, die als Hausfrauen/-männer tätig sind oder sich in Umschulungs-, Weiterförderungs- bzw. in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen befinden und erst gar nicht registriert sind. Des Weiteren überbrücken viele Jugendliche die Zeit nach ihrer Schulausbildung mit einem sozialen Jahr, andere befinden sich in Rehabilitationsmaßnahmen, absolvieren ein Berufsgrundbildungsjahr oder ihren Wehrdienst, gehen in Berufsausbildungsschulen, besuchen berufsbefähigende Lehrgänge, 13 sind in Mini-Jobs tätig oder versuchen sich mit Unterstützung der Bundesanstalt für Arbeit (BA) in einer Ich- bzw. Familien-AG. 14
Aber damit ist es noch nicht genug. Zu der in Deutschland seit Anfang der 80`er Jahre bestehenden Massenarbeitslosigkeit kommt heutzutage zunehmend das Problem der Langzeitarbeitslosigkeit 15 hinzu. Die davon betroffenen Personen beziehen meist Sozialhilfe 16 und haben kein Anrecht mehr auf Arbeitslosengeld, Arbeitslosen- und/ oder Eingliederungshilfe, wodurch sich eine Vielzahl von ihnen erst gar nicht mehr beim Arbeitsamt als arbeitslos meldet. Also die „Stille Reserve“, die aus dem Raster der Arbeitslosenstatistik gefallen ist und deren Zahl nirgendwo erfasst wird. 17
Tabelle 3. Arbeitslose nach der Dauer der Arbeitslosigkeit, 1993 bis 2003.
Quelle: Vgl. Statistisches Bundesamt (2002), S. 109.
Festzuhalten ist zugleich, dass es sich bei der Erwerbslosigkeit nicht nur um ein indi- 13 Vgl.Fichtner, U. (28.06.1997), S. 3.
Hinzu kommen noch über zwei Millionen arbeitswillige Menschen, die wegen der fehlenden Vermittlungschancen oder weil sie keinerlei Ansprüche auf Unterstützung haben erst gar nicht beim Arbeitsamt als arbeitssuchend gemeldet sind.
14 Auf die Mini-Jobs sowie auf die Ich-AG wird in Kapitel 4 - Abschnitt 4.4 eingegangen, da diese laut dem Hartz-Konzept eine besondere Förderung erhalten.
15 Dieses Problem soll mit Hilfe der Personal-Service-Agenturen (PSA) abgeschwächt werden, welche in Kapitel 4 - Abschnitt 4.4 erläutert werden.
16 Laut Statistisches Bundesamt (2002), S. 208 handelte es sich 1999 um insgesamt 1.452.639 Millionen Haushalte.
17 Vgl. Geißler, R. (2002), S. 259-261.
Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland 14
viduelles, sondern vor allem um ein gesellschafts-politisches Problem mit gravierenden Folgen für unsere ganze Gesellschaft handelt. 18 Der Einkommensausfall und der damit verbundene Nachfragerückgang kann zu weiterer Arbeitslosigkeit und damit zur wirtschaftlichen Stagnation führen. Dieses führt zum einen für den Staat zu finanziellen Folgen, wie z.B. Ausfall der dringend benötigten Steuereinnahmen sowie zum Ausfall von Sozialversicherungsbeiträgen. Zum anderen führt dieses innerhalb der Gesellschaft zum sozialen Abstieg sowie zu Existenzangst, Resignation, Demoralisierung, Kriminalität, Alkoholismus bis hin zum Radikalismus etc. Diese Folgen potenzieren sich, infizieren die Gesellschaft und können politische Umwälzungen induzieren. 19 Die ökonomischen Folgen der Arbeitslosigkeit bedeuten individuell gesehen „Einkommensausfall“, welches zur Reduzierung des Lebensstandards, zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten 20 sowie zu eventuellen gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch psychische und physische Belastung führen kann. 21
Weiter ist festzustellen, dass auch das Selbstwertgefühl der Arbeitslosen mit zunehmender Dauer sinkt, da die Gesellschaft noch immer den moralischen Anspruch an jedes Mitglied der Gemeinschaft hat, seine individuellen Fähigkeiten in den Arbeitsprozess mit einzubringen. Zugleich steigt die Bereitschaft zur Kriminalität, wobei das Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft und Demokratie abnimmt. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass seit zwei Jahrzehnten die Arbeitslosigkeit in Deutschland zu einem Problem geworden ist, das den gesellschaftlichen Zusammenhalt wie kein anderes gefährdet. 22
Die negative Arbeitsmarktsituation schlägt sich nicht nur bei den Berufstätigen nieder, sondern auch bei den Ausbildungsplätzen und sorgt auch dort für eine hohe Jugendarbeitslosigkeit. Die Jugendarbeitslosenquote lag z.B. 1999 in der Bundesrepublik Deutschland durchschnittlich bei 20 Prozent, etwa doppelt so hoch wie bei den
18 Vgl. Arbeitsgruppe „Alternative Wirtschaftspolitik“ (1997), S. 55. Besonders stark stellt sich dieses für Jugendliche und ältere Altersgruppen dar.
19 Vgl. Lampert, N. (1979), S. 50-51.
Mit den Folgen der Arbeitslosigkeit haben sich eine Vielzahl von Autoren auseinandergesetzt. Besonders zu empfehlen ist hier der sozialkritische Roman von Hans Fallada „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“, wo diese Thematik sehr anschaulich dargestellt wird.
20 Mögliche wirtschaftliche Schwierigkeiten können sich z.B. bei der Kreditrückzahlung, Mietschuld oder bei der Hypothekenablösung ergeben, welche die Existenzgrundlage gefährden.
21 Vgl. Glücklich, F. (1988), S. 43.
22 Vgl. Geißler, R. (2002), S. 261-264.
Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland 15
Erwachsenen. 23 Nach den Angaben von Edelgard Bulmahn 24 führte das Bündnis für Arbeit bereits im Februar 2000 zur einer deutlichen Verbesserung der Situation auf dem Ausbildungsmarkt. Ende Januar des selben Jahres hätten z.B. knapp 99 Prozent aller jugendlichen Bewerber über einen Ausbildungsplatz verfügen können, wobei ein weiterer Anstieg der Ausbildungsplätze im Bereich der Informationstechnologie angestrebt wird, so dass die Anzahl der Ausbildungsplätze in diesem Bereich auf 40.000 steigen könnte. 25
So positiv sich auch die Zahlen von Frau Bulmahn anhören mögen, so täuscht hier doch der Schein. Es steht fest, dass wer heutzutage eine Ausbildungsstelle sucht, Kompromisse eingehen muss, einseitige Kompromisse, die der Jugend keine freie Berufswahl lassen. Entweder sie nehmen die ihnen angebotene Lehrstelle oder sie sitzen „auf der Straße“. D.h. für unsere Jugend meist, dass sie ihre Träume und Wünsche zurückstellen oder gar ganz aufgeben müssen und einen Beruf erlernen, der ihnen oftmals nicht gefällt. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass, wie die nachfolgende Tabelle zeigt, es z.B. im Jahre 2000 nur zu 503.000 Berufsabschlüssen gekommen ist obgleich 636.000 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen wurden. 26
Quelle: Statistisches Bundesamt (2002), S. 66-68.
Auch landeten bereits 2002 insgesamt 364.000 Jugendliche, die nach einer Lehrstelle
23 Vgl. Statistisches Bundesamt (2002), S. 66 ff.
Zu den arbeitslosen Jugendlichen zählen Jugendliche, die einen Ausbildungsplatz suchen, ihre Ausbildung nicht beendet haben oder die nach ihrer Ausbildung eine Arbeitsstelle suchen. Laut Hartz-Konzept „Modul 7“ sollen Jugendliche eine spezielle Förderung erhalten, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen. Vgl. Hartz, P. (2002), S. 32.
24 Bei Frau Edelgard Bulmahn handelt es sich um die Bildungsministerin der SPD.
25 Vgl. Neubert, K. (Nr.: 16972), S. 18.
Die hier genannten Prozentangaben sind sehr fraglich, da andere Statistiken weitaus weniger positive Werte angeben.
26 Vgl. Hank, R. (Nr.: 16977), S. 22.
Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland 16
suchten in berufsvorbereitende Lehrgänge oder in berufsbildende Schulen anstatt auf einen Ausbildungsplatz. Laut der Bundesanstalt für Arbeit hat sich das Lehrstellenangebot für das Jahr 2003 noch mehr verringert, da Betriebe bzw. Unternehmen für das Jahr 2003 nochmals 10 Prozent weniger freie Lehrstellen meldeten. Demzufolge wird die Warteschleife für einen freien Ausbildungsplatz immer länger. 27
Aufgrund des sich stetig verengenden Arbeitsmarktes ist damit zu rechnen, dass der Konkurrenzkampf um ein zu knappes Angebot von Arbeitsplätzen 28 zu Lohndumping bis hin zur Aufgabe der sozialen Sicherheit führt. Des Weiteren kann es durch die zu erwartenden massiven Beschäftigungseinbrüche in den einzelnen Bereichen der Männerdomänen zu einem Konkurrenzkampf zwischen den Geschlechtern kommen, wenn Männer Zug um Zug in die bislang frauendominierten Dienstleistungsbereiche vordringen und die Frauen nach und nach aus ihren qualifizierten Tätigkeitsbereichen drängen. 29
Das zuvor Beschriebene macht deutlich, dass hier der Staat gefordert ist, welcher durch seine allgemeinen Staatstätigkeiten die Arbeitsmarktpolitik stark beeinflusst. So entscheiden z.B. die Größe und Struktur eines Wohlfahrtsstaates sowie die Steuerpolitik (z.B. die Unterstützung bei der Kinderbetreuung) über die Nachfrage und das Angebot an Berufstätigkeit. Hinzu kommt noch die soziale Schichtung und Hierarchisierung unserer Gesellschaft. So haben es die sogenannten Problemgruppen ungleich schwerer am Arbeitsmarkt, da bei der sozialen Durchlässigkeit sowie bei der vertikalen Mobilität eine Vielzahl von Barrieren aufgebaut sind. Sie müssen oftmals doppelt soviel leisten um wieder „anerkannt“ zu werden, wenn sie es überhaupt schaffen, in die Gruppen der Berufstätigen hineinzukommen. 30 Besonders bei einer
27 Vgl. Netzeitung.de (13.09.2003). Jugendarbeitslosigkeit.
28 Siehe hierzu auch Sammet, S. (29/2001), S.184. Jobs. Feuern und Heuern. Die Flaue Konjunktur belastet den Arbeitsmarkt.
29 Vgl. Bäcker; G. (1994), S. 124 ff.
Große Beschäftigungseinbrüche sind bereits z.B. im Bergbau, dem Schwermaschinenbau und dem Schiffbau zu verzeichnen. Siehe hierzu auch Sauga, M. (04.08.2003 Nr. 32), S. 62-63. Auch wird durch die Arbeitslosigkeit als Massenerscheinung in der marktwirtschaftlichen Wirt-schaftsordnung die Existenzgrundlage der Besitzlosen (abhängig Beschäftigten) bedroht. Sie haben „Angst“. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass von einem Teil der Bevölkerung immer häufiger und lauter Rufe, wie z.B. Ausländer raus, zu hören sind. Sie meinen in ihrer Unwissenheit, dass diese uns die Arbeitsplätze wegnehmen. Und was würde es danach heißen, wenn unsere ausländischen Mitbürger aus unserem Land verschwunden wären. Würden wir dann aus diesen Mündern zu hören bekommen: „Behinderte gehören in Heime“ oder „Frauen gehören in den Haushalt“?
30 Vgl. Schmidt, M. (1993), S. 59 ff.
Siehe hierzu auch Maier, F. (1991). Patriarchale Arbeitsmarktstrukturen.
Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland 17
wachsenden Arbeitslosigkeit werden die Themen „Frauenbeschäftigung, 31 Langzeitarbeitslose, Sozialhilfeempfänger“ usw. wieder aktuell und an den Staat herangetragen. Er soll durch eine aktive Arbeitsmarktpolitik in die „freie Wirtschaft“ eingreifen und einen Ausgleich auf dem Arbeitsmarkt schaffen. 32
Das Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt wird jedoch nicht nur durch Angebot und Nachfrage gesteuert, sondern auch durch eine veraltete Rollenzuschreibung, die noch immer besteht und sich in der geschlechtsspezifischen Entlohnung widerspiegelt.
2.3 Geschlechtsspezifisches Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt durch eine veraltete Rollenzuschreibung
Die geschlechtsspezifische Rollenverteilung ist in der historischen Entwicklung verankert, deren Folgen noch heute ihre Auswirkungen zeigen. Zwar können Frauen den Anforderungen des Leistungsprinzips genügen, doch sind sie in der Vollbeschäftigung sowie in Führungs- und/oder in Machtpositionen weiterhin unterrepräsentiert. Die Ursache liegt möglicherweise in den diskontinuierlichen Berufsverläufen und der damit zum Ausdruck kommenden innerfamiliären Arbeitsteilung, welche die Vorbehalte der Arbeitgeber bei der Einstellung von weiblichen Mitarbeitern begründen. Das klassische Muster, dass der Mann seine Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt anbietet, wird heutzutage noch als etwas Selbstverständliches gesehen. Der Frau wurde seit jeher die häusliche Arbeit inklusive der Kindererziehung zugeschrieben. Sie z.B. in eine Machtposition zu befördern, wäre ein Aufbruch des traditionellen Denkmusters, dass Frauen mit der Reproduktionsarbeit schon voll ausgelastet sind. Schließlich sorgte bisher der Mann für die Existenzsicherung und hielt seine Hand behütend über die Familie. Da Frauen Ihre „Hausarbeit“ unentgeltlich verrichteten, wurde diese Arbeitsleistung zwangsläufig unterbewertet und als selbstverständlich erachtet. 33
31 Vgl. Engelen-Kefer, U. u.a. (1995), S. 333 oder Heise, H. (1994), S. 107 ff. Sie hat weniger Möglichkeiten eine Arbeitsstelle auf Grund ihrer fehlenden Mobilität zu finden.
32 Auf die Arbeitsmarktpolitik wird im Kapitel 4 explizit eingegangen.
33 Vgl. Benholdt-Thomsen, V. (1982), S. 143-149.
Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland 18
Seit den 60er Jahren gibt es zahlreiche ökonomische Theorieansätze zur geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, mit empirischen Belegen, die im Vergleich zur sozialwissenschaftlichen Theorie das Phänomen der Arbeitsteilung mit einer gewissen Rationalität untersucht. Diese sind namentlich die Arbeitsmarktsegregationen, die Humankapital- und die Diskriminierungstheorien, auf welche diese Arbeit auf Grund des Umfangs nur kurz eingehen wird.
Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern sowie das Diskriminierungsverbot sind bereits in Art. 3 Abs. 2 des Grundgesetzes festgeschrieben. D.h., dass dieser Gleichberechtigungsgrundsatz bereits ein gleiches Entgelt für Frauen und Männer bei gleicher oder gleichwertiger Tätigkeit vorsieht. 34 Um diesem Grundsatz Nachdruck zu verleihen, wurde dieser Abschnitt in der Neuformulierung von 1994 wie folgt erweitert. „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin“. 35 Auch im BGB finden sich im § 611 und § 612 diese Gleichberechtigungs-grundsätze. Besonders zu erwähnen ist, dass sich die Europäische Union ebenfalls dieser Problematik annimmt und Richtlinien zur Gleichstellung erlässt. So wurde z.B. durch das EG-Anpassungsgesetz 36 von 1980 der § 612 BGB um einen Abs. 3 ergänzt, welcher diesen Grundsatz explizit formuliert.
Trotz des sich in den letzten Jahren vollzogenen Wertewandels und der zahlreichen Gesetze sind Frauen im Vergleich zu Männern noch immer in vieler Hinsicht benachteiligt. So zeichnet sich das Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt auch durch das Phänomen der unterschiedlichen Entlohnung von Frauen und Männern aus. Nach dem statistischen Mittel steht fest, dass Frauen selbst heutzutage noch rund 30 Prozent weniger verdienen als männliche vollzeitbeschäftigte Arbeiter und Angestellte. 37
Quelle: Vgl. Statistisches Bundesamt (2002), S. 338.
34 Vgl. GG (2000), S. 13.
35 GG (2000), S. 14.
36 Vgl. Europäische Kommission (2002), S. 37.
37 Vgl. Appel, H. u.a. (1998), S. 22 ff.
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Quelle: Vgl. Statistisches Bundesamt (2002), S. 339.
Dieses liegt nicht zuletzt daran, dass typische Frauenberufe/-arbeitsplätze geringer bewertet werden und besondere Qualifikationen wie z.B. soziale Kompetenzen oder emotionale Fähigkeiten nicht wahrgenommen und nicht in der Arbeitsplatzbewertung mit einfließen. Hingegen werden die Anforderungen von Tätigkeiten, die vorwiegend Männer verrichten, z.B. körperliche Tätigkeiten, berücksichtigt und überdurchschnittlich bewertet. Aufgrund dieser Arbeitsplatzbewertungen 38 werden die Grundlöhne festgelegt. D.h., es werden keine personenbezogene sondern nur arbeitsplatzbezogene Merkmale/Kriterien berücksichtigt, wobei die speziellen Merkmale/ Fähigkeiten der Frauen fehlen. 39
Auf Grund dieser Ausführungen wird deutlich, dass Frauen für bestimmte Berufe besonders prädestiniert sind, zumindest in solchen, wo z.B. soziale Kompetenzen ins Humankapital miteinfliessen und sich bei der Entlohnung bemerkbar machen. Zugleich ist es durch solch ein Arbeitsplatzbewertungssystem für die Frau schwer nachzuweisen, dass sie z.B. eine gleichwertige Tätigkeit verrichtet und einen Anspruch auf gleichen Lohn hat, obgleich es ihr gesetzlich zustehen würde.
Da es eine Vielzahl von Erklärungsansätzen für die Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern gibt, beschränke ich mich in dieser Arbeit nur auf den humankapitaltheoretischen Erklärungsansatz, welcher zu den neoklassischen Ar-beitsmarkttheorien gehört. 40 Becker (1964) und Mincer (1962) entwickelten in ihren
38 Es gibt eine Vielzahl von Systemen und Verfahren, um eine Arbeitsplatzbewertung vorzunehmen. Sie haben u.a. die Aufgabe, den Schwierigkeitsgrad einer Arbeit anhand von zuvor bestimmten Merkmalen (Anforderung, Belastung etc.) festzulegen.
39 Vgl. Geissner, M. (1988), S. 135-136.
40 Sehr kritisch, da die Wahl des Ausbildungsniveaus oder des Ausbildungsganges in unserer oder auch in anderen Gesellschaften oft keine freie Entscheidung des Individuums darstellt.
Arbeit zitieren:
Sabine Reichert, 2004, Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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