5 wurde allmählich wärmer und blauer . Ein Autor läßt immer dann erzählte
Zeit aus, wenn in dieser kein Ereignis stattfindet, welches für den Fortgang 6 der Handlung notwendig ist . Im Lateinschüler steht die Beziehung
zwischen Karl und Tine sowie die Jungferngesellschaft im Mittelpunk t. Daher erfährt der Leser eher wenig, was Karl Bauer im schulischen Alltag 7 widerfährt. Auch die Szenen, in denen Karl Tine nur drei- oder viermal begegnet und nicht mit ihr spricht, werden zeitlich verkürzt. 8 Die Darstellung des Raumes erfolgt vorwiegend aperspektivisch . Dies
bedeutet, daß nicht ein bloßes Zeigen der Räume im Vordergrund steht, sondern vielmehr bereits ein Kommentar oder eine Wertung einfließt. Dies geschieht durch den auktorialen Erzähler. So ist z.B. die Schule nicht 9 fünfzehn Meter hoch, sondern ein phantastisch großes Haus . Auch die
Hauptschauplätze, wie Karls Kammer oder der Hinterhof werden auf diese Art und Weise beschrieben.
Als zweiten Punkt möchte ich mich der auktorialen Erzählweise im Lateinschüler widmen. Schon in den ersten Szenen wird deutlich, daß der Erzähler nicht neutral über Karl Bauer berichtet. Vielmehr greift er kommentierend ein. So z.B. als er Karls Diebstähle versucht zu 10 rechtfertigen, da er diese ja nicht aus Habsucht , sondern aus der Not 11 eines Hungernden heraus begeht.
Des weiteren weiß der Erzähler genau über Karls innere Gefühlswelt Bescheid. Eine Szene, die dies sehr deutlich zeigt, ist das erste Zusammentreffen von Karl und Tine. Ein personaler Erzähler würde wie folgt berichten: Karl stand einem hübschen Mädchen gegenüber. Doch 12 hier ist die Rede davon, daß sie ihm sehr schön und lieb erschien. Das
5 ebd., S. 124
6 Vgl.: Vogt, Jochen: Aspekte erzählender Prosa. Eine Einführung in Erzähltechnik und
Romantheorie, 7., neubearbeitete und erweiterte Auflage, Opladen: Westdeutscher
Verlag 1990, S. 105
7 Hesse, Hermann: Der Lateinschüler. In: Hermann Hesse. Erzählungen. Band 1, 2.
Auflage, Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1979, S. 125
8 Vgl.: Stanzel, Franz: Theorie des Erzählens, 6., unveränderte Auflage, Göttingen:
Vandenhoeck und Ruprecht 1995, S. 155-164
9 Hesse, Hermann: Der Lateinschüler. In: Hermann Hesse. Erzählungen. Band 1, 2.
Auflage, Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1979, S. 107
10 ebd., S. 108
11 ebd., S. 108
12 ebd., S. 119
3
zeigt eindeutig den Ausdruck von Karls subjektiver Empfindung. Doch die Verbindung zwischen Karl Bauer und dem Erzähler wird im Laufe des Textes noch intensiver. Ihren Höhepunkt erreicht sie kurz nachdem Tine Karl gestanden hat, daß sie einen anderen Mann heiraten wird. Die 13 Enttäuschung äußert sich in dem Ausruf O Tine! Dieser Ausruf stammt
jedoch nicht von Karl, sondern vom Erzähler. Der Berichterstatter beschreibt also nicht mehr nur die Gefühle Karls, sondern er leidet mit ihm. Damit wird die Distanz zwischen Erzähler und Hauptfigur komplett aufgehoben. 14 Dorrit Cohn bezeichnet diese Technik als Psycho -Narration . Laut Cohn
gibt es hauptsächlich drei Fälle, in denen diese zur Anwendung kommen 15 kann : Erstens, um die Gedanken und Gefühle von Kindern zu beschreiben; zweitens, zum ironisieren der Emotionen einer Figur, falls diese sich lächerlich verhält (wie z.B. bei Verliebtheit); drittens, um Rauschzustände, Halluzinationen und Visionen darzustellen. Die dritte Möglichkeit entfällt für den Fall Karl Bauers. Die ersten beiden Möglichkeiten treffen jedoch zu, wie ich gleich zeigen möchte. Cohn meint, daß es durch Psycho -Narration möglich ist die Gedanken der Kinder auszudrücken, die sie selber aufgrund ihres geistigen und sprachlichen Entwicklungsstandes nicht artikulieren können. Karl wird dem 16 Leser als sechzehnjähriger Schüler vorgestellt, dessen sprachliche
Fähigkeiten mit Sicherheit sehr gut ausgeprägt sind. Jedoch macht er mit seiner Liebe zu Tine eine komplett neue Erfahrung, die sich für ihn nur schwer in Worte fassen läßt. Also übernimmt diese Funktion der auktoriale Erzähler. Auch versucht der Erzähler dem Leser belehrend mitzuteilen, 17 daß Mädchen in diesen Jahren schon fertiger als Knaben sind, was noch einmal den Entwicklungsstand Karls deutlich macht.
13 ebd., S. 138
14 Vgl.: Vogt, Jochen: Aspekte erzählender Prosa. Eine Einführung in Erzähltechnik und
Romantheorie, 7., neubearbeitete und erweiterte Auflage, Opladen: Westdeutscher
Verlag 1990, S. 157f
15 Vgl.: ebd., S. 158-159
16 Hesse, Hermann: Der Lateinschüler. In: Hermann Hesse. Erzählungen. Band 1, 2.
Auflage, Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1979, S. 107
17 ebd., S. 128
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Arbeit zitieren:
Michael Münch, 2002, Erzählstrategien bei Hermann Hesse am Beispiel "Der Lateinschüler", München, GRIN Verlag GmbH
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