Einleitung: Familie in Asien
Traditionellerweise bestand die Familie in Ländern Asiens aus Mitgliedern mehrerer Generationen, die unter einem Dach zusammenlebten.
Die Autorität lag beim ältesten verheirateten Mann, da ihm die Qualifikation diese Aufgabe zu bewältigen zugeschrieben wurden. Die ständige Gegenwart von Erwachsenen und Kindern/Jugendlichen der unterschiedlichsten Altersstufen bedeutete, dass die Kinder von mehreren Personen erzogen und sozialisiert wurden.
Das politische System in Asien war von Autorität geprägt; das spiegelt sich auch heute noch im Umgang von Erwachsenen mit Kindern wider. Die Werte der Gesellschaft werden dem Kind unbewusst bereits in den ersten Lebensjahren aufgedrückt: dazu gehört unter anderem der - zu Europa - völlig kontrastierende Umgang mit Zeit.
Die Flexibilität steht im Vordergrund und somit kann sich das Kind frei, nach seinem eigenen Rhythmus, entwickeln.
Die Kontrolle der Erwachsenen über den Jugendlichen zeigt sich in der langjährigen Tradition der Ehestiftung in der traditionellen Familie in Asien, vor allem natürlich in Indien.
Bereits in jungen Jahren wird der Mensch in den Prozess der Familienbildung involviert, Wertschätzung erhielt man für eigene Kinder, die Garant für künftige wirtschaftliche Ressourcen und die Kontinuität der Familie waren.
In einigen Ländern Asiens, allen voran natürlich Japan, sind sowohl Geburts- wie auch Todesraten niedrig; in den meisten Ländern Asiens sinkt jedoch nur die Todesrate.
Im allgemeinen weicht jedoch die „Mehr Generationen Familie“ einer Form der Familie, die man „westlich“ nennen könnte.
Durch die Verkleinerung des Familienkreises verändern sich folglich die Beziehungen untereinander; vor allem wird die Mutter-Kind-Beziehung intensiviert.
3
Die Veränderungen basieren im urbanen Bereich (und hier vor allem in China und Japan) auch auf einer Steigerung des Einkommens und staatlicher Leistungen. Jugendliche gewinnen innerhalb der Familie an „Macht“ und Eigenständigkeit, da die Anzahl der Erwachsenen sinkt und sie selbst frei genug sind, Kontakt zu anderen Jugendlichen zu pflegen.
Es steht nun nicht mehr so sehr die Sorge um die Sicherheit der Familie, sondern die individuelle Sicherheit im Zentrum.
Trotz der Veränderungen bleiben dennoch viele Traditionen erhalten, wodurch es vor allem bei der jungen Generation oft zu einem Zwiespalt kommen kann, einem Schwanken zwischen Traditionen, den sogenannten „alten“ Werten und der Modernität.
Der Grund für den scheinbaren Erfolg dieses „Nebeneinanders“ ist die Modifikation von traditionellen Werten und Strukturen, die an die neuen Gegebenheiten angepasst werden beziehungsweise die Integration bestimmter Dinge, während andere, die nicht umgesetzt werden können außer acht gelassen werden.
Die Familie als zentrales Thema ist in Produktionen aus den USA oder Europa gleich bedeutend wie in Asien - es existieren jedoch grundlegende Unterschiede darin, wie mit dem Thema umgegangen wird.
Diese Unterschiede sind naturgemäß im Zusammenhang mit der jeweiligen Kultur und dem entsprechenden Wertesystem zu sehen.
Die asiatischen Familienstrukturen unterscheiden sich grundlegend von denen in Europa und den USA und da Filme ein Spiegelbild - wenn auch ein modifiziertesder Realität sind, findet dies auch Eingang in die Produktionen. Im Westen steht das Individuum im Zentrum des Interesses: das Individuum wird in Relation zur Familie gesetzt, die Position, die es vertritt, wird beleuchtet. Im Gegensatz dazu liegt in asiatischen Produktionen der Schwerpunkt auf der Familie als Einheit, eine Einheit, die nie wirklich gebrochen, sondern höchstens temporär gestört ist leicht brüchig dargestellt wird - im Endeffekt aber wieder gekittet wird.
4
In Filmen, die sich mit Familie als Thema auseinandersetzen, ist der Generationenkonflikt naturgemäß eine zentrale Problematik. Eine Problematik, die in der asiatischen Gesellschaft noch verstärkt ist durch eine Existenz zwischen Osten und Westen, also Tradition und Moderne beziehungsweise Vergangenheit und Gegenwart.
Ein Spagat also zwischen diesen Positionen, der oftmals gelingt und manchmal scheitern muss spiegelt sich in den Beispielfilmen wider und löst zumeist die Konflikte und Familiendramen aus beziehungsweise intensiviert diese. Oftmals versucht der Vater seinen Kindern gegenüber die Patriarchenrolle einzunehmen, beispielsweise George Khan im Film East is East. Diese Bemühung wird noch dadurch erschwert, dass er ein in Großbritannien lebender und mit einer Britin verheirateter Pakistani ist, dessen Kinder sich selbst als waschechte Engländer sehen: Nazir, der Älteste, der sich während der eigenen Hochzeit für die Freiheit entscheidet und in Folge zu seiner homosexuellen Identität steht, für den eigenen Vater jedoch gestorben ist. Die fußballspielende Tochter Meenah, der Möchtegern-Casanova Tariq, Sajid der Jüngste, der zum Entsetzen des Vaters noch nicht einmal beschnitten ist und Saleem der heimlich Kunst studiert. Sie können mit der Intention des Vaters, der sie zu guten Muslimen erziehen will, folglich nichts anfangen. Diese Tatsache will der Vater jedoch nicht akzeptieren, er stellt sich ganz mehr oder weniger blind, indem er es nicht aufgibt, für seine keineswegs heiratswilligen Söhne geeignete Ehefrauen zu finden und sie in die Koranschule zu schicken. Daraus entwickelt sich in Folge ein subversiver Familienkrieg, der Vater driftet immer mehr ab ins beinahe Diktatorische und die Familie droht daran zerbrechen.
Doch trotz seiner scheinbaren Brutalität ist er nicht „der Böse“ - er steht im Prinzip einfach vor einem Rätsel, kann die Reaktionen seiner Kinder nicht nachvollziehen und scheitert in seiner Rolle als Vater. Oder Patriarch?
5
Indien
Die indische Familie
Die traditionelle Familienform in Indien ist die Großfamilie, die „joint family“, das bedeutet, dass mehrere Generationen miteinander leben und oftmals ein gemeinschaftlicher Besitz existiert.
Es ist zwar nicht Voraussetzung, dass die Brüder zusammen im Haus der Eltern leben, doch wird dies noch immer als die ideale Lebensform angesehen. Die Neuvermählten werden in diesen Haushalt aufgenommen, da sie noch nicht als reif genug angesehen werden, alleine und unabhängig zu leben; das Paar bekommt also Unterstützung, es herrschen Wechselwirkungen innerhalb des Familienverbundes.
In einem Haushalt mit zahlreichen Mitgliedern ist der älteste männliche Verwandte oberste Autoritätsperson, dem gegenüber sich die anderen absolut loyal verhalten müssen.
„Gehorsam und Anpassung sind die Schlüsselelemente für das Leben von mehreren Generationen unter einem Dach. Während im Westen der eigene Wille und die Individualität gefördert wird, sieht sich der Inder immer als Teil einer Gruppe, zu deren Wohl er beizutragen hat.“ 1
Generell basieren die verschiedenen Beziehungen innerhalb des Familienverbandes Kinder - Eltern auf Respekt, Untergebenheit und Ehrerbietung:
Vor allem die Beziehung zwischen Vater und Sohn ist äußerst komplex; der Sohn erlernt vom Vater die als männlich angesehenen Eigenschaften; vor allem die Unterdrückung der Emotionen steht dabei im Zentrum. Der Sohn muss dem Vater genügend Respekt entgegenbringen, um ihm das Gefühl zu geben, dass er sich seiner Autorität unterordnet.
1 Krack, Rainer: Kulturschock Indien, S. 33
6
Sympathie, Liebe und andere Emotionen werden nicht durch Worte, sondern durch Aktionen ausgedrückt, die natürlich wieder innerhalb dieses Wertekanons liegen müssen.
Die Söhne gründen jeweils ihre eigene Familie und spalten sich dadurch von der Großfamilie ab, in Folge entwickeln sich diese dann immer weiter und vergrößern sich wiederum zu „joint families“; im urbanen Bereich geht diese Entwicklung natürlich drastisch zurück.
Der Lebenszyklus des Inders ist gekennzeichnet durch eine Reihe von Zeremonien und Riten, die bereits mit der Geburt ihren Anfang nehmen und die die Rolle der Familie festigen und intensivieren sollen.
Eines der wichtigsten Ereignisse im Leben ist die Hochzeit; arrangierte Ehen sind nach wie vor gang und gäbe, der Prozess der Eheschließung zieht sich meist über zwei bis drei Jahre hin.
Es werden wirtschaftliche und soziale Komponenten berücksichtigt, Horoskope erstellt, die Kasten überprüft und noch einige Details mehr geben den Ausschlag für eine erfolgreiche Verbindung.
Die Ehe gibt Mann und Frau erst den vollen Erwachsenenstatus und die Geburt eines Kindes - vor allem eines Sohnes- ist zentral.
Die Ehe ist gekennzeichnet durch die Dominanz des Mannes und Abhängigkeit der Frau, der Ehemann als Autoritätsperson dominiert das Haus während die Frau ihm fast als ihrem „Meister“ dienen muss.
„The rigid hierarchy of a family structure calls upon the young members to live by ist rules. In this structure, women have their demarcated spaces in which they fulfil their designated tasks. The woman´s identity is constituted within and through the family.” 2
Die moderne indische Frau beansprucht jedoch zunehmend ihre Rechte und bekämpft die Passivität die ihr nach wie vor zugeschrieben wird.
2 Viswanath, Gita: Saffronizing the Silver screen. The right-winged ninieties film; in: Jain, Jasbir/Rai, Sudha
(Ed.): Films and Feminism; S. 43
7
Arbeit zitieren:
Cornelia Wurzinger, 2003, Rolle und Bild der Familie in asiatischen Filmen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Homosexualität im Zeitalter der kulturellen Globalisierung
Der Film "Brokeback Mount...
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Hausarbeit, 22 Seiten
"Kölner Schüler engagieren sich!" Kinder einer Grundschule b...
Examensarbeit, 35 Seiten
Zu William Shakespeares: "Romeo and Juliet": Zwischen elisab...
Hausarbeit, 24 Seiten
Filmrezension: Baz Luhrmann - William Shakespeares Romeo und Julia
Romanistik - Allgemeines u. Fächerübergreifendes
Rezension / Literaturbericht, 8 Seiten
Altruismus - "zwischen Natur und Kultur" - ein soziobiologis...
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Die Reflexion des Amerikanischen Bürgerkriegs im US-Film
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
"Wen kümmert's, wer spricht?" Michel Foucault und das Pr...
Hausarbeit, 19 Seiten
Versuch einer soziologischen P...
Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe
Seminararbeit, 21 Seiten
Cornelia Debnath's Text Rolle und Bild der Familie in asiatischen Filmen ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Cornelia Debnath hat den Text Rolle und Bild der Familie in asiatischen Filmen veröffentlicht
Cornelia Debnath hat einen neuen Text hochgeladen
Vocabular Wortschatz-Bilder: Familie und soziales Umfeld
Bildtafeln und Kopiervorlagen
Susanne Lehnert, Birgit Busche-Brandt
Asiatische Monster- und Science-Fiction-Filme
Das deutsche Werbematerial von...
Detlef Claus
0 Kommentare