Inhaltsverzeichnis
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1. Einleitung 1
2. Gewandelte Herrschaftsstruktur 1
2.1. Neues Konfliktpotential 2
2.2. Die Krisen der Herrschaft 3
2.3. Die Ursachen der Aufstände 4
2.3.1. Der Machtanspruch Ottos 4
2.3.2. Das Problem der Einzelthronfolge 6
2.3.3. Die Mitsprache im Reich 7
3. Lösungsversuche 9
3.1. Die Familienpolitik 9
3.2. Ein Reichskirchensystem 10
3.2.1. Zum Verhältnis von Reichskirche und König 10
3.2.2. Auswirkungen auf die Herrschaftspraxis 13
4. Die Herrschaftspraxis Ottos und die Organisation seiner Gegner 13
4.1. Die horizontale Organisation des Adels 14
4.2. Herrschaftspraxis und kirchliche Feste 14
4.3. Herrschaftspraxis 954 bis 956 -
Die Wege des Königs unter dem Eindruck der Krise 16
5. Schluss 19
I
1. Einleitung
Die Katastrophe schien perfekt: Im Juli 955 erreichten Boten Herzog Heinrichs von Bayern König Otto den Großen in Sachsen mit einer schlimmen Nachricht. Die Ungarn, so berichteten sie, drängen in das Reich ein und suchten die Schlacht mit dem Herrscher. 1 Dabei hatte Otto ganz andere Sorgen. Gerade erst hatte er mit letzter Kraft den Aufstand seines Sohnes Liudolf und seines Schwiegersohnes Konrads des Roten niedergeschlagen, und die Sachsen in seiner Heimat mussten sich der Slawen erwehren, fielen also zur Ungarnabwehr aus. Was tun?
Nach 19 Jahren als König über Sachsen, Franken, Bayern, Schwaben und Lothringen schien das Ende Ottos nah. Ein ruhiges Dasein war dem Sohn Heinrichs I. auch bis dahin nicht beschieden gewesen. Die eben verrau- chende Empörung seines eigenen Sohnes hatte Otto zum zweiten Mal in Bedrängnis gebracht. Schon ganz zu Beginn seiner Herrschaft hatte er sich gegen seinen Bruder Heinrich zur Wehr setzen müssen, und sächsi- scher Adel war ohnehin immer mit von der Partie.
Wie nun hatte Otto überhaupt den Thron verteidigen können? Und was trieb die Aufständischen? Die Strukturen der Herrschaft Ottos und die Hintergründe der Empörungen sollen im folgenden erhellt werden. Einer Skizze der Ausgangslage und der Aufstände folgt eine Analyse der Moti- vationen der Rebellierenden. Nach Vorstellung der Lösungsversuche Ottos fällt schließlich der Blick auf die konkrete Herrschaftspraxis vor dem Hintergrund der Schlacht gegen die Ungarn, die auf dem Lechfeld stattfinden sollte.
2. Gewandelte Herrschaftsstruktur
23 Jahre war Otto I. alt, als er am 7. August 936 in Aachen den Thron
Karls des Großen 2 bestieg. Erzbischof Hildebert von Mainz überreichte dem jungen Herrscher die Insignien, die vier Herzöge übernahmen beim
1 Widukind III, 44.
2 Vgl. Josef Fleckenstein, Das Reich der Ottonen im 10. Jahrhundert, in: Herbert Grundmann (Hg.), Gebhardt
Handbuch der deutschen Geschichte, Stuttgart 9 1970, 2. Neudruck 1981, 217-83, 235; Zur Echtheit des Karls-
throns vgl. „Zurück bis Salomon”, Norbayerischer Kurier v. 6. Juni 2000.
1
folgenden Krönungsmahl die Hofämter. Doch die von Widukind geschil- derte Eintracht 3 war nicht von langer Dauer.
Was Otto und die Herzöge auseinanderbrachte, war in der Krönungszere- monie schon symbolisch vorweggenommen. 4 Der Sohn wollte die Politik seines Vaters Heinrich nicht unverändert fortsetzen. Zum einen deutete die Wahl Aachens vielmehr auf ein Anknüpfen an karolingische Tradi- tionen hin. 5 Zum anderen betonte die Weihe, auf die Heinrich I. noch verzichtet hatte, das Gottesgnadentum Ottos 6 - an das „Reichskirchensy- stem” allerdings kann hier erst der moderne Leser denken 7 . Dennoch: Es zeigen sich bereits zwei politische Grundlinien des neuen ostfränkischen Königs, ohne die weder die bald aufkommenden Konflikte noch ihre Lösungen zu verstehen wären.
2.1. Neues Konfliktpotential
Anknüpfen an karolingische Tradition - das bedeutete vor allem einen erhöhten Machtanspruch Ottos. 8 Dass sein Vater nicht auf einer unbe- dingten Verfügungsgewalt über die Fürsten des Reichs bestand, hatte sich schon darin ausgedrückt, dass er als Ungesalbter der Sakralität ent- behrte, die ihn über die Herzöge prinzipiell erhoben hätte. 9 Mit seiner amicitia-Politik war es Heinrich gelungen, eine Kräftebalance zwischen Fürsten und Königtum herzustellen. 10 Seine Stellung konnte der König behaupten, indem er den Herzögen weitgehende Machtbefugnisse
3 Widukind II, 1-2.
4 Vgl. Gerd Althoff, Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat (Urban-Taschenbücher Bd.473), Stuttgart et al. 2000, 75.
5 Vgl. etwa Helmut Beumann, Die Ottonen (Urban-Taschenbücher Bd.384), Stuttgart et al. 2 1991, 53 f.; Josef Fleckenstein, Grundlagen und Beginn der deutschen Geschichte (Deutsche Geschichte Bd.1, hg. v. Joachim Leuschner), Göttingen 1974, 142 f.
6 In deutlicher Verbindung mit den resultierenden Pflichten, hebt Althoff, Ottonen (wie Fn.4), 72 f., hervor. 7 Hier deute sich „aber doch auch eine veränderte Einstellung zur Kirche an”, formuliert Kurt Reindel, König- tum und Kaisertum der Liudolfinger und frühen Salier in Deutschland und Italien (919-1056), in: Theodor Schieder (Hg.), Handbuch der europäischen Geschichte Bd.1, Stuttgart 3 1992, 665-730, 680, vorsichtig. 8 Vgl. Fleckenstein, Reich der Ottonen (wie Fn.2), 236.
9 Beumann, Ottonen (wie Fn.5), 61.
10 Vgl. Gerd Althoff, Königsherrschaft und Konfliktbewältigung im 10. und 11. Jahrhundert, in: FMSt 23 (1989), 265-90, 289 m.w.N.
2
zugestand 11 , was ihn vor dem Schicksal seines Vorgängers Konrad I. bewahrte.
Wie anders nun faßte Otto seine Herrschaft auf: Schon dass die Herzöge beim Krönungsmahl als Amtsträger auftraten, zeigt die untergeordnete Rolle, die Otto ihnen zudachte. 12 Weiteres Konfliktpotential lag in der neuen Thronfolgeregelung, die mit Otto I. begann. Mit der Individual- sukzession wurde die Unteilbarkeit des Reiches begründet 13 . Weil aber die Krone alles andere Erbe überragte, erwies es sich als zentrales Pro- blem, die leer ausgehenden Königssöhne zu ihrer Zufriedenheit zu entschädigen. 14
2.2. Die Krisen der Herrschaft
Erhöhter Herrschaftsanspruch und Einzelthronfolge führten das Reich in zwei tiefe Krisen. Bereits im Jahr nach Ottos Krönung wurde offenbar, dass der Adel sich durch den neuen Führungsstil beleidigt und ins Unrecht gesetzt fühlte. Der Griff zu den Waffen nach dem Vorbild der Fehde war für die Adligen eine legitime Antwort. 15 Ausgerechnet in der Ottonen Stammland Sachsen entzündete sich der erste Aufstand. 16 Hier machte Otto Hermann Billung zum Markgrafen und überging dessen älteren Bruder Wichmann. Weiter südlich erhob er ebenfalls zum Mark- grafen den Grafen Gero, nachdem dessen Vorgänger und Bruder 17 Sieg- fried gestorben war. Dabei fühlte sich Thankmar, Halbbruder des Königs, übergangen. Schließlich strafte Otto den Franken-Herzog Eber- hard für das Vorgehen gegen einen renitenten sächsischen Lehnsmann.
11 Ausführlich Johannes Laudage, Hausrecht und Thronfolge. Überlegungen zur Königserhebung Ottos des Gro - ßen und zu den Aufständen Thankmars, Heinrichs und Liudolfs, in: HJb 112 (1992), 23-71, 45 f., 52 ff. 12 Althoff, Ottonen (wie Fn.4), 74.
13 Dass sich damit aber „die Unteilbarkeit endgültig durchgesetzt” hatte, wie Reindel, Königtum und Kaisertum (wie Fn.7), 680, meint, bezweifelt nachdrücklich Laudage, Hausrecht (wie Fn.11), 55; Jedenfalls war die Unteilbarkeit eine Notlösung, so Karl J. Leyser, Herrschaft und Konflikt. König und Adel im ottonischen Sach- sen (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte Bd.76), Göttingen 1984, 30 f. 14 Vgl. Friedrich Prinz, Grundlagen und Anfänge. Deutschland bis 1056 (Neue deutsche Geschichte Bd.1), München 2 1993, 137.
15 Althoff, Ottonen (wie Fn.4), 105.
16 Die Verweigerung der Söhne des Bayern-Herzogs Arnulf im selben Jahr soll hier außer Betracht bleiben. 17 Vgl. Beumann, Ottonen (wie Fn.5), 59.
3
So kam es Anfang 938 zur Erhebung Eberhards, Thankmars und Wich- manns, die Otto jedoch niederschlagen konnte. 18 Weitaus knapper ging der Aufstand seines Bruders Heinrich im folgen- den Jahr aus. Dem Empörer schlossen sich nach und nach Eberhard von Franken, Giselbert von Lothringen und schließlich Erzbischof Friedrich von Mainz an. Herzog Hermann von Schwaben aber gelang es, Eberhard und Giselbert zu schlagen, der Aufstand war beendet. 941 plante Hein- rich noch mal einen Mordanschlag auf den Bruder, der jedoch vereitelt wurde. 19 Die zweite schwere Krise läutete Ottos Sohn Liudolf ein. 953 erhob sich der Herzog von Schwaben 20 im Verbund mit Lothringen-Herzog Konrad dem Roten, und wieder trat Friedrich von Mainz den Aufständischen zur Seite. In Sachsen fanden sie außerdem die Unterstützung der Brüder Wichmann und Ekbert, den Söhnen des älteren Wichmann. Als 954 die Ungarn in die südlichen Herzogtümer einfielen, fand auch die zweite große Erhebung ihr Ende. 21
2.3. Ursachen der Aufstände
Diese Skizze der Aufstandshandlungen vor Augen, lohnt der Versuch, die Beteiligten nach ihren Motiven voneinander zu unterscheiden. Grundlage dafür sollen die oben vorgestellten Probleme des Machtan- spruchs und der Individualsukzession sein. Es wird sich jedoch zeigen, dass hinter den Konflikten vor allem ein Anspruch steht: Das Recht auf Mitsprache im Rat des Königs, dem ein dritter Abschnitt gewidmet ist.
2.3.1. Der Machtanspruch Ottos
Seinen Einfluss suchte Otto I. vor allem in der Personalpolitik zu neh- men. Ganz deutlich wird dies in den Fällen Hermann Billungs und Geros. Dass der König die Markgrafen in seinem Stammland Sachsen selbst einsetzte, war nicht Grund der Empörung. Die entstand über die
18 Widukind II, 4-13.
19 Widukind II, 15-26; Zur Ereignisgeschichte vgl. auch Fleckenstein, Reich der Ottonen (wie Fn.2), 236-39.
20 Widukind III, 6.
21 Widukind III, 9-37; Vgl. Fleckenstein, Reich der Ottonen (wie Fn.2), 244 f.
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Hans-Joachim Frölich, 2000, Strukturen der Herrschaft Ottos des Großen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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