Universität Leipzig
Institut für Germanistik
Raumgestaltung im Exilroman
Magisterarbeit
zur Erlangung des Titels Magister/Magister Artium
angefertigt von
Doreen Czekalla
Abgabedatum: 03.05.2004
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 3
2. Innenräume im Exilroman ... 4
3. Hans Sahl: Die Wenigen und die Vielen. ... 9
3.1 Der Fragmentcharakter des Romans ... 10
3.2 Zusammenhalt durch Wiederholungen ... 13
3.3 Überlagerung der Zeiten: Die Möbel in Katharinas Wohnung ... 16
3.4 Einsamkeit und Gemeinschaft ... 23
3.4.1 Neue Warte ... 25
3.4.2 Haus am Riverside Drive und seine Bewohner ... 28
4. Heinrich Mann: Die Jugend des Königs Henri Quatre. ... 32
4.1 Licht und Schatten ... 33
4.1.1 Der Louvre ... 36
4.1.2 Madame Catherine de Medicis Zimmer ... 43
5. Irmgard Keun: Nach Mitternacht. ... 47
5.1 Einsamkeit und Gemeinschaft ... 48
5.2 Die Menschen und die öffentlichen Räume ... 49
5.3 Die Menschen und ihre privaten Räume ... 52
5.3.1 Tante Adelheids Wohnung ... 53
5.3.2 Algins Wohnung ... 55
5.3.3 Heinis Hintertreppenzimmer ... 56
5.3.4 Sannas Mansarde ... 58
5.4 Das missglückte Fest ... 59
6. Hilde Spiel: Lisas Zimmer. ... 65
6.1 Die alte Welt: Lisas Zimmer ... 66
6.2 Die neue Welt: Lele und Jeff ... 72
6.3 Katastrophale Europapartys ... 73
7. Schlusswort ... 79
8. Literaturverzeichnis ... 82
1. Einleitung
Zu dem Thema der Innenraumgestaltung im Exilroman liegen zur Zeit keine Arbeiten vor. Ich habe dieses Thema gewählt, da es eine Herausforderung ist, mich selbstständig mit dem Forschungsgegenstand auseinander zusetzen und eine geeignete Herangehensweise zu finden.
Diese Untersuchung beschränkt sich auf die Exilromane Hans Sahl ‚Die Wenigen und die Vielen’, Heinrich Mann ‚Die Jugend des Königs Henri Quatre’, Irmgard Keun ‚Nach Mitternacht’ und Hilde Spiel ‚Lisas Zimmer’. Die genannten Romane sind schwer zu vergleichen, da sie inhaltlich und formal sehr verschieden sind. Das tertium comparationis ist die Exilliteratur und speziell der Exilroman. Guy Stern bezeichnet Exilliteratur als eine „selbständige Literaturbewegung“, die sich „durch einen gemeinsamen Nenner in der Sprache, Symbolik, Rhetorik, der Topoi, Bilder, manchmal sogar der Syntax und des Gesamtstils“ auszeichnet.1
In der Raumgestaltung tauchen immer wieder exiltypologische Gleichheiten auf, die mehr oder weniger stark in den einzelnen Romanen ausgeprägt sind.
Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit wird ein geeigneter Raumbegriff definiert und danach werden die exiltypischen Topoi vorgestellt. Beides ist der Maßstab für die darauf folgende Betrachtung der vier Romane und den einzelnen Innenräumen. Ziel ist es, anhand den Räumlichkeiten, zum einem Bezüge auf die Interpretation der Romane und die Charakteristik der handelnden Personen herzustellen. Das Zimmer spiegelt die Persönlichkeit wieder, die in ihm verweilt. Mit Gaston Bachelards Worten ist es die „Topographie unseres intimen Seins“2. Zum anderen werden exilspezifische Topoi und Motive herausgearbeitet, die in den Räumen chiffriert verarbeitet wurden. Das Zimmer dient somit als ein Schlüssel zur Interpretation und weist gleichzeitig auf die Exilproblematik.
2. Innenräume im Exilroman
Den Begriff ‚Raum’ kann man als „episches Strukturelement [...], als Landschaft, als Lebensbereich und Milieu“3 oder als „mathematische Kategorie“4 betrachten. Der Raumbegriff dieser Untersuchung ist weder „identisch mit dem sinnlichen Wahrnehmungsraum der Psychologie, [...] noch [...] mit dem theoretischen Denkraum der Philosophie und der Mathematik“5. Außen vorgelassen wird der literarische Raumbegriff, den Gerhard Hoffmann beschrieben hat.6 Er versteht ihn als „narratives Element [...] des Werks, das sowohl von den Strukturen des gelebten Raums der Empirie wie von den Gestaltungsbedingungen des literarischen Textes abhängig ist.“7 Ebenso ist nicht der Begriff Ilse Grieningers zentraler Punkt der Betrachtung. Sie sieht den Raum als „Formteil“, der das Geschehen ansiedelt und mit der Komponente Zeit, die das Geschehen zuordnet, die „Gesamtstruktur des Werkes bestimmt“.8
Wesentlich ist, dass ein Roman aus zahlreichen erzählten Räumen besteht. Herman Meyer unterscheidet zwischen „faktischen ‚Lokal’ und sinnbezogenem ‚Raum’.“9 Das Lokal ist im Roman durch faktisch-empirische Angaben, wie geografische Namen, bestimmt. „Der Raum hat geistigeren Charakter, er ist gestalthafter Ausdruck menschlichem Empfindens, und er kann auf Faktizität verzichten“.10 Weiterhin führt Meyer den Begriff des ‚gesamten Raumes’ ein.11 Dieser umfasst alle Orte der erzählten Welt im Roman, die zusammen das „Raumbild“ konstituieren und somit alle faktischen Lokale des Romans bilden. Darunter fällt, neben dem konkreten Ort in einem Land und der landschaftlichen Region, auch das Zimmer in einem Gebäude, in dem sich ein Teil der Handlung abspielt.
Der Raumbegriff dieser Untersuchung behandelt nur die faktische Seite. Gegenstand der Betrachtung sind die Räumlichkeiten in einem Gebäude. Das fiktionale Zimmer in einer vom Menschen geschaffene Behausung, das relativ abgeschlossen ist und Zugang zum Außenraum durch Türen und Fenster bietet. Dieser Innenraum, nach Ilse Grieninger eine „lokale Szenerie“ 12, ist an einem Ort gebunden und vom Außenraum abgegrenzt. Der Außenraum ist der Raum, der den Innenraum entweder durch Wände oder angrenzende Zimmer umschließt. Im weiteren Text meint der Begriff ‚Raum’ diese inneren Räumlichkeiten im Roman.
Ein Ansatz zur Innenraumanalyse findet sich in der Raumsemantik Jurij M. Lotmanns. Nach seiner Auffassung sind Räume durch komplementäre Gegensätze charakterisiert. Der Kontrast entfaltet sich auf verschiedenen Ebenen. So ist der Raum topologisch durch Oppositionen, wie ‚innen und außen’ oder ‚hoch und tief’ gekennzeichnet, diese „werden im literarischen Text mit ursprünglich nicht-topologischen semantischen Gegensatzpaaren verbunden, die häufig wertend sind oder zumindest mit Wertungen einhergehen“13. Dieses Modell kann auf die Raumgestaltung der ‚Jugend des Königs Henri Quatre’ angewendet werden.
Gaston Bachelard nähert sich durch die psychoanalytische Methode einer phänomenologischen Studie den Innenräumen in der Literatur.14 Für ihn ist der Raum, beziehungsweise das gesamte Haus, eine „Topographie unseres intimen Seins“15, das die menschliche Seele wiederspiegelt. Von Bedeutung ist hier die Psyche des Exilschriftstellers.16 Die Erfahrung der Exilsituation, die „sich auf gleiche Weise, wenn auch in abgestuftem Ausmaß niederschlug“17, findet bewusst oder unbewusst in Form von wiederkehrenden Topoi und Motiven Eingang in den Roman. Die Exiltopoi sind in der Raumgestaltung gestaltgebend. „Man ‚liest ein Zimmer’, denn Zimmer [...] sind Diagramme der Psychologie, welche die Schriftsteller und Dichter in der Analyse der Innerlichkeit leiten.“18
[...]
1 Zit. nach Durzak, Manfred: S. 18.
2 Bachelard, Gaston: S. 26.
3 Vgl. Hoffmann, Gerhard: S. 33.
4 Vgl. Grieninger, Ilse: S. 48.
5 Meyer, Herman: S. 33.
6 Vgl. Hoffmann, Gerhard: Raum, Situation, erzählte Wirklichkeit. Poetologische und historische Studien zum englischen und amerikanischen Roman. Stuttgart: Metzler 1978.
7 Vgl. ebd. S. 2.
8 Vgl. Grieninger, Ilse: S.14.
9 Meyer, Herman: S. 35.
10 Ebd. S. 35.
11 Ebd. S. 42.
12 Vgl. Grieninger, Ilse: S. 49.
13 Martinez, Matias/Scheffel, Michel: S. 140.
14 Bachelard, Gaston: Poetik des Raumes. Fischer: Frankfurt am Main 1987.
15 Ebd. S. 26.
16 Zur Psyche des Lesers und den Raum im Roman meint Bachelard, dass das Zimmer nur eine Imagination des Lesers darstellt, der es überliest und sich ein Zimmer aus seinen Erinnerungen schafft. (Vgl. Bachelard, Gaston: S. 40)
17 Stern, Guy: Prolegomena. S. 39.
18 Bachelard, Gaston: S. 60.
Arbeit zitieren:
Doreen Czekalla, 2004, Raumgestaltung im Exilroman, München, GRIN Verlag GmbH
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