2
Inhaltsverzeichnis:
Vorwort Seite 4
Einleitung Seite 6
1. Historischer Hintergrund Seite 8
1.1. Geschichte der deutsch-iranischen Beziehungen Seite 8
1.2. Deutsche Interessen in Iran vor Kriegsbeginn Seite 12
1.3. Lage Irans bei Kriegsbeginn Seite 14
1.3.1. Westliche Einflüsse Seite 14
1.3.2. Reformen Seite 15
1.3.3. Die Konstitutionelle Revolution Seite 19
2. Deutsch-iranische Beziehungen während des Ersten Weltkrieges Seite 24
2.1. Die Nachrichtenstelle für den Orient Seite 26
2.1.1. Korrespondenzblatt der Nachrichtenstelle für den Orient Seite 26
2.1.2. Der Neue Orient Seite 28
2.2. Das Persische Comité Seite 30
2.2.1. Plan zur Gründung eines Komitees Seite 30
2.2.2. Mitglieder Seite 31
2.2.3. Das Programm Seite 32
2.3. Die Zeitschrift Kaveh Seite 37
2.3.1. Entstehung einer persischsprachigen Zeitschrift Seite 37
2.3.2. Hintergründe zur Entstehung Seite 39
2.3.3. Finanzierung und Organisation von Kaveh Seite 42
2.3.4. Autoren und Inhalte der Zeitschrift Seite 44
2.4. Sayyed Hasan Taqīzādeh Seite 49
2.5. Sayyed Mohammad-Alī Ğamālzādeh Seite 55
3
3. Deutsch-iranische Beziehungen nach dem Ersten Weltkrieg Seite 59
3.1. Deutsch-iranische Beziehungen Seite 59
3.2. Die Zeitschrift Kaveh und das Persisches Comité Seite 63
4. Schlusswort Seite 66
Literaturverzeichnis NA
Anlage NA
4
Vorwort
Die deutsch-iranischen Beziehungen während des Ersten Weltkrieges waren auf der einen Seite geprägt von der politischen Situation in Europa zur damaligen Zeit sowie der expansionsgeprägten Kolonialpolitik Deutschlands als erhoffter zukünftiger Weltmacht und auf der anderen Seite von der Besatzungspolitik Großbritanniens und Russlands in Iran und dem daraus erwachten Nationalitätsdenken und Unabhängigkeitsstreben iranischer Intellektueller.
Die vorliegende Arbeit behandelt hauptsächlich die auf Iran bezogene Politik Deutschlands und den Versuch des Widerstandes seitens der Exiliraner im Ersten Weltkrieg. Dabei liegt der Schwerpunkt der Arbeit in der Untersuchung des „Persischen Comités“ und der Zeitschrift „Kaveh“. Sie ist ein Versuch, sowohl einen Überblick über deren Programme bzw. Inhalte als auch deren Hintergründe und Entstehungsgeschichte zu geben. Diese Arbeit gibt hierbei weder genaue Berichte über das eigentliche Kriegsgeschehen, noch behandelt sie die Entstehungsgeschichte oder den Ausgang des Krieges. Auf die genauen Rollen Großbritanniens, Russlands und des Osmanischen Reiches in Europa und Iran sowie Deutschlands Beziehungen zu diesen Ländern wird nur am Rande eingegangen. Vielmehr soll diese Arbeit eine Untersuchung zu den politisch-kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Iran sein.
Im Rahmen einer Magisterarbeit sind diesem Versuch natürlich gewisse Grenzen gesetzt, so dass die Arbeit keinen Anspruch auf umfassende bzw. vollständige Behandlung des Themas erhebt.
Im Literaturverzeichnis sind neben Originalliteratur der damaligen Zeit auch Titel aufgenommen, die zur Klärung der einzelnen Fragestellungen beigetragen haben oder von allgemeiner Bedeutung für die Arbeit waren.
Die Titel der Artikel von „Kaveh“ sind alle im Original – also in Persisch – übernommen worden und nur in den Fußnoten näher erläutert.
5
Ebenfalls im Original übernommen sind Zitate bzw. Notizen aus Akten des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes (AA) in Berlin, die ich persönlich dort eingesehen habe. Diese und die Artikel der Zeitschriften „Der Neue Orient“ und des „Korrespondenzblattes der Nachrichtenstelle für den Orient“ wurden ebenfalls in den Fußnoten genauer beschrieben.
Die Transkription orientiert sich an der tatsächlichen Aussprache des jeweiligen Wortes. Zu den Übersetzungen aus dem Persischen wurde das Wörterbuch „Persisch- Deutsch“ von Junker und Alavi herangezogen.
Im Deutschen eingegliederte Begriffe wie ´Schah` oder die Namen iranischer Städte wie ´Tabriz` werden in der üblichen deutschen Schreibweise aufgeführt, Zitate in der Transkription und Orthographie der jeweiligen Autoren wiedergegeben.
6
Einleitung
Die deutsch-iranischen Beziehungen während des Ersten Weltkrieges können als Grundstein der späteren Beziehungen zwischen den beiden Ländern angesehen werden.
Erst das plötzliche politische Interesse Deutschlands an Iran, das im Zusammenhang mit der politischen Situation in Europa und der Besetzung Irans durch Groß- britannien und Russland gesehen werden kann, hat die Zusammenarbeit der beiden Länder auf politischer, sozialer und kultureller Ebene entscheidend geprägt. Die beiden von Berlin aus operierenden deutschen Propagandamittel - das „Persische Comité“ und die Zeitschrift „Kaveh“ - waren dabei die Projekte, an denen die deutsch-iranischen Beziehungen der damaligen Zeit besonders deutlich zu erkennen sind, und sollen deswegen neben den intellektuellen Kreisen um diese Organisationen Gegenstand der Untersuchungen dieser Arbeit sein.
Im Laufe der Arbeit an diesen Untersuchungen haben sich mir zwei Fragen gestellt, die entscheidend für die Entstehung, den Fortbestand und die Intensität der gesamten Beziehungen der beiden Länder waren:
1. Was wollte die deutsche Regierung in Iran und warum war sie so darauf
bedacht, das Land als Mitglied der Mittelmächte zu gewinnen?
2. Welches Interesse hatten die in Europa bzw. Deutschland lebenden Exiliraner
daran, Deutschland bei ihrer Propagandapolitik im Orient zu unterstützen? Diese Arbeit soll nun versuchen, Antworten auf diese Fragen und damit auch einen Überblick über die Beziehungen zwischen Deutschland und Iran nicht nur während des Ersten Weltkrieges sondern auch kurz davor und kurz danach zu geben.
Das erste Kapitel dieser Arbeit beschäftigt sich mit den historischen Hintergründen der Beziehungen der beiden Länder, den Interessen Deutschlands, den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen in Iran unmittelbar vor Ausbruch des Ersten
7
Weltkrieges und den ersten Ansätzen einer Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern.
Im zweiten Kapitel werden neben den Hintergründen zur Entstehung, den Programmen, Inhalten und Mitgliedern des „Persischen Comités“ und der Zeitschrift „Kaveh“ auch die „Nachrichtenstelle für den Orient“ und deren Publikationen behandelt. Ebenso enthält dieses Kapitel zwei kurze Biographien der wohl bedeutendsten in Berlin tätig gewesenen Exiliraner, die maßgeblich an der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Iran beteiligt gewesen waren – Sayed Hasan Taqīzādeh und Mohammad-Alī Ğamālzādeh.
Das dritte Kapitel gibt einen kurzen Überblick über den Fortlauf der Entwicklungen unmittelbar nach Ende des Krieges und beleuchtet das Schicksal des „Persischen Comités“ und der Zeitschrift „Kaveh“.
Im Schlusswort wird die Bilanz der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Iran gezogen und untersucht, inwiefern die Ziele der beiden Länder erreicht wurden.
8
1. Historischer Hintergrund
1.1. Geschichte der deutsch-iranischen Beziehungen
Die Anfänge der Beziehungen zwischen Europäern und Orientalen reichen bis ins Mittelalter zurück. Neben anderen europäischen Reisenden sind auch Deutsche den Verlockungen des Orients gefolgt und haben in den letzten Jahrhunderten das Gebiet des heutigen Iran bereist.
Von diesen Reisen brachten sie interessante und aufschlussreiche Berichte und neue Erkenntnisse über das Abendland nach Deutschland mit.
Einer der ersten deutschen Reisenden war Hans Schildberger, der Iran bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts besuchte. 1 Ihm folgten weitere deutsche Kaufleute wie Tecander, von Poser, Olearius, Kaempfer und viele andere. 2 Ab dem 19. Jahrhundert vertieften sich die Beziehungen zwischen den beiden Ländern; über ein reges Interesse beider Seiten gingen sie aber dennoch nicht hinaus. Deutsche agierten in Iran vor allen Dingen in sozialen und medizinischen Bereichen. So arbeiteten im Regierungshospital in Teheran deutsche Ärzte, und in verschiedenen iranischen Städten eröffneten Deutsche Apotheken. Gemeinsam mit Frankreich und den USA beteiligte sich Deutschland am Auf- und Ausbau des iranischen Schul- und Bildungswesens.
Eines besonders guten Rufes erfreute sich die 1907 in Teheran gegründete deutsche Schule. Zusammen mit dem „Deutschen Schulverein für Persien“ bildete sie eine wichtige kulturelle Vereinigung in Iran. 3
1
vgl. B. Nirumand & G. Yonan (1994), S. 33
2
vgl. ebd.
3 vgl. F. Kochwasser (1961), S. 90f.
9
Im sozialen Bereich engagierte sich seit 1880 auch die „Deutsche Orientmission“, die Schulen und Waisenhäuser im Nordwesten Irans bauen ließ, und die „Deutsche Blindenmission“ in Tabriz und Esfahan. 4 Die „Deutsche Missionsgesellschaft“ war ebenfalls fast ausschließlich im Nordwesten Irans tätig. Ihr Missionszentrum lag in der Stadt Urmia. Die Gesellschaft errichtete Schulen, Druckereien und bildete Ärzte aus. Allerdings stand sie dabei im ständigen Konkurrenzkampf mit anderen Missionsgesellschaften aus Amerika und Skandinavien, denn der Nordwesten des Landes hatte sich zu einer Hochburg ausländischer Missionsgesellschaften entwickelt.
Großen Erfolg konnten sie insofern nicht verzeichnen, zumal die iranische Regierung kurz nach dem Auftreten der Missionsgesellschaften den Übertritt von Moslems zum Christentum verboten hatte. 5 Die Missionsangehörigen mussten sich deshalb auf die Belehrung der iranischen Nicht-Moslems beschränken.
Die Aufgabe der Missionare hatte aber nicht ausschließlich seelsorgerische, sondern durchaus auch politische Aspekte. So war ein Schwerpunkt der bereits erwähnten „Deutschen Orientmission“ die Arbeit mit Armeniern, nachdem auch in Deutschland das vom Osmanischen Reich verübte Massaker an Armeniern bekannt wurde. Die Zusammenarbeit Deutschlands und Irans auf politischer und wirtschaftlicher Ebene hingegen war schwieriger. Deutschland war als Nachzügler unter den europäischen Kolonialisten bekannt und betrieb aktive Kolonialpolitik erst ab 1878 mit der Neuordnung des zusammenbrechenden Osmanischen Reiches. 6 Zwar gab es eine erste Reise der „Königlich Preußischen Gesandtschaft“ nach Iran, jedoch blieb diese ohne diplomatische bzw. politische Folgen.
Erst 1873 wurde der deutsch-persische Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsvertrag abgeschlossen, der die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern vorantreiben sollte. Im Jahre 1884 vertieften sich auch die
4
F. Kochwasser (1961), S. 92f.
5 vgl. B. Nirumand & G. Yonan (1994), S. 56 6 ebd. S. 59
10
diplomatischen Beziehungen Deutschlands und Irans durch die erste ständige deutsche Gesandtschaft in Teheran. 7 Durch den Einfluss Russlands und Großbritanniens wurde es für deutsche Investitionen in Iran nicht einfach, denn als Deutschland in Europa zum wirtschaftlichen Faktor wurde, waren schon alle Schlüsselpositionen in Iran von Russen und Engländern besetzt. Obwohl alle finanziellen und organisatorischen Vorraussetzungen für deutsche Projekte in Iran (Banken, Straßenbau, etc.) gegeben waren und auch die iranische Regierung in die Pläne eingewilligt hatte, mussten alle Versuche Deutschlands, auch wirtschaftlich in Iran Fuß zu fassen, unter russischem und englischem Druck aufgegeben bzw. verschoben werden.
Die Besatzer Irans sahen in Deutschland nicht nur einen wirtschaftlichen Konkurrenten sondern auch einen Eindringling in eine privilegierte Wirtschaftszone. So konnte beispielsweise der Bau der Bagdad-Bahn, die eine Verbindung zwischen dem Osmanischen Reich und dem Persischen Golf herstellen sollte, erst im Jahr 1940 fertig gestellt werden, obwohl die Deutsche Bank schon 1899 die Konzession zum Bau von der iranischen Regierung erhalten hatte. 8 „Bezeichnend für die Situation der Deutschen in Iran war die Einstellung der Reichsregierung, die alle Deutschen, die Rechte oder Konzessionen in Persien erworben hatten, um des lieben Friedens mit England und Rußland willen immer wieder zu veranlassen gewußt hatte, sich lieber nicht in Persien zu betätigen.“ 9 Nur zwei große deutsche Unternehmen schafften es, sich gegen die russische und englische Kolonialpolitik durchzusetzen und trotz Zwischenfällen mit Vertretern beider Länder ihre Position in der iranischen Wirtschaft zu behaupten. Das erste Unternehmen war die „Persische Teppichgesellschaft AG“ mit Sitz in Tabriz und anderen großen Städten und das zweite war die Spedition „Robert Woenkhaus & Co.,
7
vgl. F. Kochwasser (1961), S. 96
8
vgl. F. Kochwasser (1961), S. 94
9
ebd. S. 93
11
Hamburg“, die am Persischen Golf saß und von dort den Schiffsverkehr zwischen Deutschland und Iran koordinierte.
Einfacher als die wirtschaftliche Zusammenarbeit stellte sich die wissenschaftliche dar. Ab dem 19. Jahrhundert gab es in Deutschland ständige wissenschaftliche Untersuchungen zu Iran, und den Grundstein dazu legte 1805 G.F. Grotefend mit der Entzifferung der Keilschrift. 10 Ebenfalls zu diesem Zeitpunkt kam auch die klassische persische Dichtung mit Werken wie „Leila und Mağnun“ (Leipzig, 1807) nach Deutschland. Aber erst Goethe machte durch seinen „West-östlichen Diwan“ (Weimar, 1814) die Poesie Persiens zur Weltliteratur in Europa. Friedrich Rückert übernahm sogar die Besonderheiten der persischen Dichtkunst und schrieb eigene Werke in persischen Metren.
Ebenfalls zu dieser Zeit reiste eine kaiserliche Expedition zur Erforschung der wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen nach Iran, und deutsche Archäologen wie F. Sarre und E. Herzfeld begannen mit ersten Ausgrabungen unter anderem in Persepolis.
Mitte des 19. Jahrhunderts waren die ersten Anfänge der persischen Linguistik in Deutschland und besonders in Berlin zu beobachten. Dort eröffnete auch 1887 das „Seminar für orientalische Sprachen“, wo Studenten, deutsche Diplomaten, Kolonialbeamte und Militärs im Neupersischen ausgebildet wurden. Im ersten Weltkrieg gaben die Mitarbeiter des Instituts genau dieses Wissen an das Auswärtige Amt für Militärmissionen weiter.
12
1.2. Deutsche Interessen in Iran vor Kriegsbeginn
Im 18. Jahrhundert empfahl Friedrich der Große seinem Nachfolger nachdrücklich die Abstinenz auf dem Gebiet des Kolonialerwerbs: „Deutschland ist eine Kontinentalmacht; es braucht eine gute Armee und keine Flotte […], wenn wir keine Kolonien in Afrika und Amerika haben […].“ 11 Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich Deutschland jedoch zu einer europäischen Großmacht entwickelt und eine außereuropäische Expansion war nun nicht nur sinnvoll, sondern sogar nötig geworden, um im Vergleich mit den anderen europäischen Großmächten konkurrenzfähig bleiben zu können. Nicht nur Weltmächte wie Großbritannien und Frankreich sondern auch kleinere Staaten wie Belgien und die Niederlande besaßen im Gegensatz zu Deutschland Kolonien. 12 Dieses plötzliche deutsche Interesse an etwaigen Kolonien hatte hauptsächlich wirtschaftliche Gründe. Zukünftige Kolonien sollten nicht nur die steigende Nachfrage nach Rohstoffen befriedigen, sondern auch Absatzmärkte für die Produkte der eigenen Industrie werden. Daneben erhoffte man sich, in Übersee potentielle Siedlungsgebiete für das zu erwartende und kaum zu bewältigende Bevölkerungswachstum zu finden.
Die Verbreitung der eigenen Kultur und die Missionierung spielten dabei nur eine untergeordnete Rolle.
Jedoch auch Jahre später konnte die deutsche Kolonialpolitik nur bescheidene Erfolge aufweisen. Zum Ende des 19. Jahrhunderts besaß Deutschland einige Kolonien bzw. so genannte Schutzgebiete in Afrika und in der Südsee. Dazu gehörten in Afrika das Witu-Schutzgebiet (heutiges südliches Kenia), Deutsch-Südwestafrika (Namibia), Deutsch-Ostafrika (auf dem Gebiet Tansanias, Ruandas und Burundis), Togoland (Togo) und Kamerun und Deutsch-Neugiunea (das Gebiet verteilt sich heute auf folgende Staaten: Mikronesien, Marshallinseln, Nord-Papua-Neugiunea, Nauru,
11
G. Schöllgen (1992), S. 54f.
12 vgl. ebd. S. 55
13
Salomonen, Palau und Marianen) und Samoa in der Südsee. Außerdem gehörte das Kiautschou-Gebiet (heutige chinesische Provinz Shandong) und das Kaiser Wilhelm II.-Land in der Antarktis zu den deutschen Schutzgebieten. 13 Erfolg versprechender hingegen war der wirtschaftliche Imperialismus Deutschlands. Besonders im Osmanischen Reich und im Nahen Osten war zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Einfluss deutscher Ökonomen groß.
Auch in Iran besaß man – wenn überhaupt - zunächst nur wirtschaftliche Interessen, wie eine Äußerung Kaiser Wilhelms II. im Jahre 1902 bestätigte: „Persien ist mir gleichgültig. Mit Persien haben wir absolut nichts zu schaffen.“ 14 Die Interessen änderten sich grundlegend mit der Zuspitzung der Lage in Europa. Die innereuropäische Konkurrenz mit Frankreich, Russland und Großbritannien dehnte sich nun auch auf die Kolonien bzw. die wirtschaftlichen Einflusszonen aus. Hatte die deutsche Regierung zunächst noch deutsche Investoren davor gewarnt, mit Projekten in Iran den Unwillen der dortigen Besatzer Russland und Großbritannien auf sich zu ziehen und so eventuellen Repressionen zu entgehen, so plante sie nun selbst eine aktive deutsche Persienpolitik.
Iran hatte für deutsche Interessen eine entscheidende Bedeutung angenommen, nämlich eine wichtige Brückenfunktion auf dem Weg nach Afghanistan bzw. Indien, den Schwachpunkt des Feindes Großbritannien. (vgl. 2.) Die deutschen Interessen an Iran hatten sich schließlich von fast ausschließlich wirtschaftlichen zu überwiegend politischen gewandelt.
13
vgl. www.deutsche-schutzgebiete.de
14
vgl. F. Kochwasser (1961), S. 96
14
1.3. Lage Irans bei Kriegsbeginn
1.3.1. Westliche Einflüsse
Ab dem 19. Jahrhundert wurden Iran und der gesamte Orient durch die europäische Expansionspolitik mit neuen Einflüssen aus dem Westen konfrontiert. Hatten sich die Beziehungen Irans zu Europa bislang auf spärliche Handels- und Diplomatenbeziehungen beschränkt, so sollten die kommenden Einflüsse eine völlig neue Epoche in Iran einleiten und starke Veränderungen im Land herbeiführen. Die neuen iranisch-europäischen Beziehungen leiteten „den sozialen Wandel in Iran ein und bewirkten die Politisierung der Bevölkerung und Einschränkung der Macht des Königs durch die Konstitutionelle Revolution in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts“. 15 Die Konfrontation mit Europa war ganz entscheidend für die weitere Entwicklung des Landes, denn in dieser Zeit begannen kleine Gruppen von Intellektuellen, die militärische und wirtschaftliche Überlegenheit Europas gegenüber Iran zu analysieren und Fragen über die Ursachen der Unterlegenheit Irans zu stellen.
Iran war im 19. Jahrhundert durch seine strategisch günstige Lage nicht nur immer wieder Ziel von militärischen Angriffen Russlands und Großbritanniens, sondern verhalf durch Konsular- und Handelsverträge diesen Ländern auch zum Eindringen in die Wirtschaft Irans.
Nach kurzer Zeit schon verdrängten billige ausländische Importe traditionelle heimische Produkte von den iranischen Märkten. Im Laufe des 19. Jahrhundets verachtfachte sich der ausländische Handel in Iran. 16 Durch die Privilegien, die ausländische Kaufleute in den Basaren genossen, war die Existenz vieler handwerklicher Betriebe – besonders in der Textilherstellung und - verarbeitung – bedroht.
15
K. Ghahari (2001), S. 18
16
vgl. C. Issawi (1971), S. 131
15
Durch diese Benachteiligung und die Verluste waren die Händler gezwungen, neue Wege zu finden, um konkurrenzfähig zu bleiben. So bildete sich eine überregionale Mittelschicht heraus, die gemeinsam gegen diese Ungerechtigkeiten vorging und sich für eine Änderung der bestehenden Machtverhältnisse einsetzte. Der Stein für den sozialen Wandel in Iran war ins Rollen geraten. 17
1.3.2. Reformen
Von nun an stand Iran im ständigen Konkurrenzkampf mit den Europäern im Orient, die unter Kronprinz Abbās Mīrzā (1789-1833) zu ersten Reformen führten. Die Niederlage im ersten iranisch-russischen Krieg (1804-1813) machte ihm deutlich, dass der iranischen Armee jegliche Ordnung und Leitung fehlte und ihre Größe und Effektivität von der finanziellen Lage der jeweiligen Regierung abhängig war. Abbās Mīrzā Šāh reorganisierte die Armee mit Hilfe ausländischer Ausbilder und Methoden, baute Waffenfabriken, um die Soldaten mit modernen Waffen ausrüsten zu können, und ließ das Ganze vom Staat finanzieren. 18 Um den Erhalt dieser neuen Armee zu gewährleisten schickte er erstmals iranische Studenten auf Staatskosten nach Europa, damit diese in Militärkunde, Ingenieurwissenschaften, Waffenherstellung, Medizin und modernen Sprachen ausgebildet wurden.
Diese Studenten berichteten nach ihrer Rückkehr über ihre Erfahrungen und die Ereignisse in Europa und brachten damit politische und soziale Veränderung aus anderen Ländern nach Iran.
Der Tod Abbās Mīrzās war ein schwerer Schlag für diese Reformbewegungen, aber sein Sohn Mohammad Šāh (1834-1848) versuchte die Ansätze seines Vaters fortzusetzen, indem er die ersten Druckereien in Teheran bauen ließ und damit den Weg für die Herausgabe von Zeitungen in Iran ebnete. Die Entsendung von
17
vgl. K. Ghahari (2001), S. 19f.
18 ebd. S. 20
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Julia Müller, 2003, Die deutsch-iranischen Beziehungen während des Ersten Weltkrieges - Ein Untersuchung über die intellektuellen Kreise um das "Persische Comité" und die Zeitschrift "Kaveh", Munich, GRIN Publishing GmbH
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