Philipps-Universität Marburg FB Geschichte und Kulturwissenschaften Fächergruppe Sinologie Seminar: China und das Abendland, WS 2000/01
Nina Richter,
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Qing-Reich
2.1 Chinesen und Mandschuren
2.2 Das Tributsystem
2.3 Kjachta - und Kanton-System
2.4 Verhältnis zu den Ausländern
3. Das britische Imperium
3.1 Interesse a n Asien
3.2 Die Chinasicht Englands
4. Die Macartney-Gesandtschaft
4.1 Ziele
4.2 Die Zusammensetzung der Gesandtschaft
4.3 Reiseverlauf
4.4 Erste Probleme
4.5 Treffen mit dem Kaiser
4.6 Das Scheitern der Mission zeichnet sich ab
4.7 Rückreise
5. Bedeutung und Analyse der Gesandtschaft
5.1 Entste hen eines neuen Chinabildes
5.2 Ursachenforschung
5.3 Ein kulturelles Mißverständnis
6. Literaturverzeichnis
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1. Einleitung
Im Jahr 1792 sandte der englische King George III eine Gesandtschaft unter der Führung von Lord George Macartney an den chinesischen Kaiserhof. Die Ziele waren die Verbesserung der gegenseitigen Handelsbedingungen, das Wecken von Konsuminteresse an britischen Produkten sowie der Erwerb von Informationen über China.
Macartneys Mission scheiterte aufgrund zahlreicher Missverständnisse, welche sich aus der unterschiedlichen Entwicklung der beiden expandierenden Imperialmächte und des verschiedenen Weltbildes der beiden Nationen im 18.Jahrhundert begründen. Deshalb ist es notwendig, sich zunächst einen Überblick über die jeweiligen Herrschaftssysteme zu verschaffen.
2. Das Qing-Reich
Die Qing-Herrschaft, welche sich zur Zeit der Ankunft
der Macartney-Gesandtschaft in China gerade in ihrer letzten Phase befand, war eine Fremdherrschaft der Mandschuren, die im Jahr 1644 in Beijing einmarschiert waren. Die erste und langwierigste Aufgabe des Kaisers bestand darin, die neue Herrschaft über Innerasien zu etablieren. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts hatte die mandschurische
Eingliederung ostmongolischer Stämme sowie Taiwan,
Xinjiang und Tibet, zu einem Großreich ausgedehnt. Um diesen Vielvölkerstaat kontrollieren zu können, übernahmen die Mandschus das traditionelle System der liu bu (sechs Ministerien) für die Verwaltung des chinesischen Kernlandes von der Ming-Dynastie, die neu eroberten Grenzgebiete wurden durch das neu etablierte Lifanyuan (Amt zur Verwaltung von Randvölkern) kontrolliert. 1
1 Johann Christian Hüttner, Nachricht von der britischen Gesandtschaftsreise durch China, Jan
Thorbecke Verlag Sigmaringen, 1996, S.9
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Die Herrschaftszeit des Qianlong -Kaisers (1711-1799) gilt als Blütezeit der Qing-Dynastie, Qianlong verhalf China zur größten territorialen Ausweitung überhaupt, die Bevölkerungszahl hatte sich seit der Ming -Zeit aufgrund der florierenden Wirtschaft verdoppelt, die nicht zuletzt der Landwirtschaft zu verdanken war. Durch die Einfuhr von neuen Anbauprodukten, wie z.B. Erdnüssen, konnten nun Teile des Landes bebaut werden, die vorher brachlagen. Die Regierung versuchte auch, das Nomadentum durch Landwirtschaft zu ersetzen. 2
2.1 Chinesen und Mandschuren
Da es im neuen mandschurischen Großreich viel mehr Chinesen als Mandschuren gab, musste n diese mit in die Bürokratie einbezogen werden. Ab 1644 teilten sich je ein Mandschu und ein Chinese die höheren Positionen. Dieser Kompromiß sollte einerseits die Dominanz der Mandschus sichern, auf der anderen Seite sollten die Chinesen befriedet werden. Außerdem war man auch auf deren Kenntnisse in der Führung von Institutionen angewiesen. Dennoch war es wichtig für die Qing-Herrscher, ihre nationale Identität zu bewahren. Deswegen wurde eine Segregationspolitik praktiziert.
Hochzeiten zwischen Chinesen und Mandschuren waren verboten. Den Frauen wurden nicht, wie den Chinesinnen, die Füße gebunden und Chinesen durften auch nicht in die Mandschurai. Diese Maßnahmen blieben aber ohne Erfolg. Im 18. Jahrhundert konnten nahezu alle Mandschus chinesisch lesen und schreiben, und hatten die Gebräuche der Chinesen adaptiert. 3 Zu dieser Zeit hatte auch die Korruption im Beamtenapparat merklich zugenommen.
2 Conrad Schirokauer, A Brief History of Chinese and Japanese Civilization, Harcourt Brace
Jovanovich College Publishers, 1989, S.331-343
3 Adam Yuen-Chung Lui, Ch´ing Institutions and Society, Centre Of Asian Studies, University Of Hong
Kong, 1990
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2.2 Das Tributsystem
Ein weiteres traditionelles Merkmal der Qing-Herrschaft war das Tributsyste m. Bereits im 1.Jahrhundert v.Chr. hatte China Tribut von anderen Ländern erhoben, im Vielvölkerstaat der Tang (618-907) hatte sich die Tributzahlung von neu unterworfenen Völkern als wichtiges Mittel bewährt, um die Beziehung zum chinesischen Reich zu zementieren. Dabei spielte das Tribut wirtschaftlich keine besonders große Rolle, da die Ausgaben, die der Staat für die Kommoditäten der Gesandten aufbringen musste, den Wert
der Tributzahlungen aufwogen. Wichtiger war die Anerkennung des chinesischen Kaisers als tianzi, Sohn des Himmels. Die universelle Bedeutung des chinesischen Kaisertums beruht auf der Vorstellung des Kaisers als Mittler zwischen Himmel und Erde, d.h. zwischen Kosmos und Menschheit.
konfuzianische Weltbild, das China als die Zivilisation schlechthin und als ein Imperium ohne gleichberechtigte Nachbarstaaten betrachtete und für das alle nicht in den Reichsverband eingeschlossenen Völker geringgeachtete Barbaren waren.(..) Für Fremdherrscher wie die mandschurische Qing-Dynastie legitimierte die Universalität dieses Herrscherbildes auch Nicht-Chinesen als Kaiser über China. Eine Aura des „über allem Erhabenen“ umgab daher die Qing-Monarchen.“ 4
Über das Tributsystem war auch der innerasiatische Handel organisiert, Tributmissionen führten immer Kaufleute mit sich, die die Gelegenheit nutzten um in China Handel zu betreiben und Beziehungen aufzubauen. Die Entrichtung des Tributs selbst hatte streng rituellen Charakter und richtete sich nach den Wuli, den fünf traditionellen Ritualen, zu denen auch das Gastritual gehörte, mit welchem Macartney 1793 vom Qianlong-Kaiser Hongli begrüßt wurde.
4 Mark Mancall, The Ch´ing Tribute System. An Interpretative Essay, in: John K. Fairbank (Hg.), The
Chinese World Order. Traditional China´s Foreign relations, Cambridge, mass. 1968, S.63, zitiert
nach Johann Christian Hüttner, Nachricht von der britischen Gesandtschaftsreise durch China und
einen Teil der Tartarei, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen, 1996
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2.3 Kjachta- und Kanton-System
Im starken Gegensatz zu diesem Verfahren stand das „Kjachta-System“, das den kontinentalen Grenzhandel mit Russland kontrollierte, und das in der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts entwickelte „Kanton-System“. Dabei wurden die Hafenstädte Kanton, Zhangzhou, Ningbo und Yuntaishan für den privaten Monopolhandel mit Europa geöffnet. Eine lokale Bürokratie überwachte die hangs (Firmen), die von der Regierung gegen eine Lizenzgebühr mit dem maritimen Außenhandel betraut waren. Diese hangs hatten sich 1720 zum gonghang (in Europa „Co-Hong“ genannt) zusammengeschlossen, dem maximal dreizehn hangs angehören sollten, wobei er in der Wirklichkeit nur aus sechs oder sieben bestand. Sie unterstanden einem kaiserlichen Zollbeamten, einem hoppo, der dem Kaiser regelmäßige Zolleinkünfte überweisen musste, und auch selber noch an den Kaufleuten verdiente, indem er sie erpresste. Das führte zum Bankrott und zur Verschuldung der hangs, die sich Geld von ihren ausländischen Handelspartnern leihen mussten, und 1759 auch dazu, dass der Qianlong-Kaiser das Kanton-System kodifizieren ließ, wodurch die Willkür des hoppo aber eher noch zunahm.
2.4 Verhältnis zu den Ausländern
Nach der Reform des Handelssystems war der Überseehandel auf Kanton beschränkt. Ausländer bekamen zwar am Perlfluß ein kleines Territorium zugewiesen wo sie in der Handelssaison Geschäfte abwickeln durften, es war ihnen aber nicht erlaubt, Land zu erwerben. Sie durften auch weder die chinesische Sprache erlernen, noch chinesische Werke lesen. Der Kontakt war nur auf die hang-Kaufleute beschränkt. Diese wurden auch als Bürgen für das Verhalten der Ausländer angesehen. 5
Diese Isolation der Ausländer lässt sich auf das Misstrauen der Mandschu-Herrschaft bezüglich Kontakten der chinesischen Untertanen mit anderen Völkern zurückführen. Man befürchtete, dass Chinesen in Kooperation und mit der Finanzierung von westlicher Seite, eine mandschufeindliche Fraktion bilden könnten. Zwar gab es Ausländer, die in Peking am kaiserlichen Hof einen Dienst innehatten, aber diese durften nie wieder in ihre Heimat zurückkehren.
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Arbeit zitieren:
Nina Richter, 2001, Die Macartney-Gesandtschaft 1792-1794, München, GRIN Verlag GmbH
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Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung
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