1. Einleitung
An den Begriff des Gatekeepers, der in der Kommunikationswissenschaft bereits seit den frühen Fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein Thema ist, ist auch immer die Frage nach einer Realitätsverzerrung durch die Medien gekoppelt. „Journalismus hat in der massenmedialen Öffentlichkeit eine „Gatekeeper“-Funktion und wird oft als „Verzerrungsfaktor“ wahrgenommen.“ (Marschall 1998, S. 46) Werden dem Rezipienten eventuell Informationen, die außerhalb seiner Reichweite liegen wie zum Beispiel aus dem politischen Geschehen oder über Vorkommnisse im Ausland, nur bruchstückhaft weitergeleitet oder gar vorenthalten? Diese Befürchtungen resultieren vermutlich aus einer Abhängigkeit der Rezipienten den Medien gegenüber und zwar in Bezug auf Informationen, die ihnen ohne die Massenmedien nicht -oder nur schwer- zugänglich wären.
Den klassischen Massenmedien (Print, Hörfunk und Fernsehen) wird also unterstellt, dass sie mittels einer Selektion und Interpretation durch Journalisten eine eigene, verzerrte „Medienrealität“ schüfen.
Zu diesem Schluss kommen auch der norwegische Friedensforscher Johan Galtung und Marie Holmboe Ruge, wenn sie im Rahmen der Nachrichtenwerttheorie eine Verzerrungshypothese aufstellen, welche besagt, dass das Bild, welches die journalistische Berichterstattung liefere „in Richtung auf die Nachrichtenfaktoren verzerrt ist“ (vgl. Galtung & Ruge 1965 in: Pürer 2003, S. 131).
Im Folgenden soll ermittelt werden, inwieweit der Journalist heute, im Zeitalter des Internets, überhaupt noch in der Lage ist, diese Gatekeepingfunktion a uszuüben und ob sich hinsichtlich des Rollenbildes des Journalisten in diesem Zusammenhang ein Wandel vollzogen hat.
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2. Theorien und Ansätze der Gatekeeperforschung
2.1 Die Ursprünge der Gatekeeperforschung/ der Individualistische Ansatz
Die Ursprünge der Gatekeeperforschung in der Kommunikationswissenschaft gehen auf David Manning White zurück. White stellte die These auf, der Selektionsprozess der Journalisten hinge von persönlichkeitsbedingten, individualpsychologischen Merkmalen ab und der Gatekeeper verstünde sich als „the representative of his culture.“ (White 1950, S. 390)
Um dies zu überprüfen stellte er 1950 Beobachtungen bei einer amerikanischen Provinzzeitung an. Der dortige „wire-editor“ (die Person, die für die Aufnahme der eingegangenen Meldungen zuständig war) sollte all die jenigen Meldungen, die normalerweise im Papierkorb gelandet wären, aufheben und auf der Rückseite den Grund notieren, warum er diese Meldungen für nicht berichtenswert erachtete. Nach dieser „Input-Output Analyse“ sah sich White in seiner Annahme bestätigt, dass der Auswahlprozess im wesentlichen von subjektiven Entscheidungsgrundlagen geprägt sei.
Es hatte sich gezeigt, dass der wire-editor, den er im Kontext seiner Studie „Mr Gates“ genannt hatte, politische Themen bevorzugte und „human interest“-Meldungen vernachlässigte. (vgl. White 1950, S. 383 - 390)
Das Problem bei Whites Untersuchung und dem Individualistischen Ansatz ist, dass der Gatekeeper als weitgehend isoliertes Individuum betrachtet wird und nicht als Teil einer Organisation, wie zum Beispiel einer Zeitung, eines Radio- oder Fernsehsenders.
2.2 Der Institutionelle Ansatz
Beim Institutionellen Ansatz wird nun berücksichtigt, dass der Journalist in eine bestimmte Organisation eingebunden ist, also nicht vollständig ‚abgeschirmt‘ Entscheidungen über die Selektion von Nachrichten fällen kann. Er wird in diesem Prozess von strukturellen Zwängen, Platz- oder Zeitmangel und nicht zuletzt von der Orientierung an Kollegen- oder der redaktionellen Linie beeinflusst.
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Walter Gieber hat in diesem Zusammenhang den Versuch Whites 1956 auf breiter Basis wiederholt. Er setzte nun nicht mehr nur einen sondern sechzehn wire-editors ein, die genau wie in Whites Studie Auskunft darüber geben sollten, warum sie bestimmte Meldungen aussortierten.
Anders als White kam er zu dem Schluss, dass vorallem strukturelle Zwänge für die Nachrichtenselektion ausschlaggebend waren. Zudem konnte er feststellen, dass der Nachrichtenquelle eine besondere Rolle zukam, da die von ihr gelieferten Meldungen oftmals 1:1 übernommen wurden, also bereits an dieser Stelle eine Selektion stattgefunden hatte. (vgl. Gieber 1956, S. 427 - 429)
Warren Breed richtete ein besonderes Augenmerk auf die sozialpsychologischen Einflussfaktoren in den Medienbetrieben. Er stellte in seiner Studie „Social Control in the Newsroom“ von 1955 fest, dass die einzelnen Redakteure und Journalisten vorallem entsprechend der redaktionellen Linie handelten und dass es in den Nachrichtenorganisationen zu einer Art „osmotischem Prozess“ käme: Die Journalisten und potentiellen Mitglieder des Medienbetriebs suchten sich ihrerseits den Arbeitsplatz anhand vermuteter ‚Richtlinien‘ aus, während gleichzeitig die Verleger und Chefredakteure darauf achteten, dass die neuen Mitarbeiter nicht der Linie des Blattes entgegengesetzte Auffassungen vertraten. (vgl. Breed 1973, S. 361)
2.3 Der Kybernetische Ansatz
Für die Gatekeeperforschung im Rahmen des kybernetischen Ansatzes spielt vor allem die Betrachtung der Medienbetriebe als Teil eines dynamischen Systems, in einer ständigen Wechselbeziehung zur Umwelt, eine Rolle. Für den Selektionsprozess sind demnach also auch Faktoren wie Rezipientenerwartungen, Stimmungen in der Gesellschaft oder ökonomischer Druck entscheidend.
Gertrude Joch Robinson, die Begründerin dieser Theorie, führte 1970 eine Input-Output Analyse bei der jugoslawischen Nachrichtenagentur ‚Tanjug‘ durch und fand ihre Thesen auch in Teilnehmerbeobachtungen und Interviews mit den Mitarbeitern der ‚Tanjug‘ bestätigt. (vgl. Robinson 1970, S. 348)
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2.4 Abschließende Beobachtung
Für den Selektionsprozess sind also vielseitige Faktoren, wie die persönliche Haltung des einzelnen Gatekeepers, strukturelle Zwänge, Platz- oder Zeitmangel, das ‚Klima‘ in den Medienbetrieben (Kollegenorientierung und redaktionelle Linie) sowie bestimmte Rückkopplungsprozesse zur Umwelt, entscheidend. Die einzelnen Modelle wurden von Pamela Shoemaker, (weitere Informationen zu Pamela Shoemaker gibt es unter: http://newhouse.syr.edu/newhouse_web/faculty_focus_new/faculty_pic_bios/pamsho emaker.html), zu einem einzigen Modell mit drei Teilmodellen zusammengefasst. In
ihrem „Integrativen Modell“ trägt Shoemaker der Kritik Rechnung, die verschiedenen Forschungsansätze bezögen sich jeweils nur auf eine von vielen Durchlassstationen.
Das Integrative Modell von Pamela Shoemaker - Teilmodell 1 (aus: SH OEMAKER 1991, S. 71.)
Arbeit zitieren:
Petra Flaischlen, 2003, Gatekeeping im Online-Zeitalter, München, GRIN Verlag GmbH
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